AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2004

Film Trieb zur Moral

"Spider-Man 2" von Sam Raimi ist die aufwendigste Produktion dieses Kinosommers - und eine der besten.


Tobey Maguire als "Spider-Man": Der Anzug kneift im Schritt
Columbia Tristar

Tobey Maguire als "Spider-Man": Der Anzug kneift im Schritt

Die meisten Männer vergessen beim Anblick eines hübschen Mädchens bisweilen die Moral. Doch bei Peter Parker alias Spider-Man ist das anders: Auch wenn er seiner Flamme Mary Jane tief in die Augen schaut, kann der Drang, die Welt zu verbessern, jederzeit in ihm geweckt werden - von Hilfeschreien oder Polizeisirenen. Dann schaut er prompt weg von der Liebsten, hin zum Verbrechen.

"Spider-Man 2" ist die Fortsetzung des vor zwei Jahren entstandenen Blockbusters. Regisseur Sam Raimi, der auch diesmal Regie führt, lässt den von Tobey Maguire gespielten Titelhelden schwer leiden: Weil es ihn triebhaft danach verlangt, das Böse zu bekämpfen, bleibt ihm die amouröse Erfüllung versagt.

Über 200 Millionen Dollar standen Raimi angeblich für "Spider-Man 2" zur Verfügung - ein Rekordbudget und dennoch nur ein Viertel dessen, was der erste Teil eingespielt hatte. Doch die Fortsetzung protzt nicht mit Verschwendungssucht, sie besticht durch Einfallsreichtum.

Da steht Peter Parker im Waschsalon und zieht sein Spider-Man-Kostüm aus der Trommel - leider ist es ausgeblichen und hat die weiße Wäsche verfärbt. Da saust er vom Dach eines Hochhauses mit einem Aufzug nach unten und stellt dabei fest, dass sein Anzug im Schritt etwas kneift. "Spider-Man 2" erzählt von einem Helden, der sich in seiner zweiten Haut nicht mehr wohl fühlt.

Wenn Peter Parker seiner Tante seine Gewissensqualen schildert, dann ringt er mühsam um jedes Wort, zieht den Zuschauer aber unwiderstehlich in den inneren Konflikt seiner Figur hinein: Der Film nimmt sich viel Zeit, damit sich die Räume mit Emotionen füllen können.

Natürlich bietet "Spider-Man 2" auch furiose Action-Sequenzen, die vor allem von dem schillernden Bösewicht Doktor Octavius (Alfred Molina) leben, einer Mischung aus Mensch und Maschine und wie der Held ein tragisches Zwitterwesen.

Doch in den schönsten Szenen konzentriert Raimi den Blick der Kamera auf seine beiden Hauptfiguren, Peter Parker und Mary Jane (Kirsten Dunst), und lässt den Hintergrund in der Unschärfe verschwimmen. Es kann eben auch spannend wirken, wenn auf der Leinwand die Welt stillzustehen scheint.

LARS-OLAV BEIER


Spider-Man 2

USA 2004. Regie: Sam Raimi. Drehbuch: Alvin Sargent, Michael Chabon, Miles Millar, Stan Lee & Steve Ditko (Comic). Darsteller: Tobey Maguire, Kirsten Dunst, Alfred Molina, James Franco, Rosemary Harris, J.K. Simmons. Produktion: Marvel Enterprises, Laura Ziskin Productions, Sony Pictures Entertainment, Columbia Pictures Corporation. Verleih: Columbia TrisStar. Länge: 127 Minuten. Start: 8. Juli 2004



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