AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/1993

SPIEGEL-Gespräch "Es geht um unser Überleben"

Der Dalai Lama über Chinas Repression in Tibet und die Bedingungen seiner Rückkehr aus dem Exil.


SPIEGEL

: Eure Heiligkeit, China hat Ihnen die Heimkehr aus dem indischen Exil in das besetzte Tibet angeboten. Warum nehmen Sie diese Offerte nicht an?

Dalai Lama: Weil dies keineswegs das Hauptproblem ist. Es geht nicht um die Rückkehr des Dalai Lama, sondern um das Ende der Heimsuchung Tibets durch China, um das Ende von Elend und Barbarei dort. Solange nicht über das Schicksal der sechs Millionen drangsalierten Tibeter gesprochen wird, brauchen wir auch über mich nicht zu reden. Peking versucht, die Welt irrezuführen.

SPIEGEL: Der große Drahtzieher in Peking, Deng Xiaoping, hatte Ihnen doch schon vor 14 Jahren angeboten, über alles zu sprechen "außer über die vollständige Unabhängigkeit Tibets". Weshalb wurde nichts daraus?

Dalai Lama: Die vollständige Unabhängigkeit habe ich niemals gefordert. Aber ich verlange von der chinesischen Regierung, daß Tibet mit seiner eigenständigen Kultur überleben kann und nicht im kulturellen Genozid untergeht. Darüber wollen die Chinesen nicht sprechen.

SPIEGEL: Sie meinen Pekings Politik, mit der systematischen Zuwanderung von Chinesen das demographische Profil Tibets zu verändern?

Dalai Lama: Genau das passiert mit einer erbarmungslosen Repression. Gleichzeitig versucht China der Welt vorzugaukeln, in Tibet sei alles in Ordnung. Pekings Hoffnung ist wohl, daß sich in fünf bis zehn Jahren auch der Dalai Lama den neuen Fakten fügen muß. Aber Macht, die sich nur auf die Gewehrläufe stützt, ist nicht von Dauer.

SPIEGEL: Tibet ergeht es offenbar wie seinerzeit der Mandschurei, in der die Ansiedlung von Millionen Han-Chinesen die Einheimischen zur Minderheit machte.

Dalai Lama: Das gleiche geschah in der Inneren Mongolei. Und auch meine Heimat wird bereits überflutet. Auf sechs Millionen Tibeter kommen inzwischen mindestens sieben Millionen Chinesen. Das ist die Realität. Wir stehen in einer entscheidenden Phase, es geht um unser Überleben.

SPIEGEL: Noch aber wehren sich Ihre Landsleute, es kommt immer häufiger zu gewalttätigen Protesten. Anscheinend wird Ihr pazifistischer Kurs von vielen Jüngeren nicht mehr akzeptiert.

Dalai Lama: Das ist wahr, und es bereitet mir Sorgen. Ich muß zugeben, daß alle meine Versuche, in den vergangenen 14 Jahren zu einem friedlichen Ausgleich mit Peking zu gelangen, gescheitert sind.

SPIEGEL: Was sagen Sie denn jenen radikalen Tibetern, die zu den Waffen greifen wollen, weil sie Ihren Kurs als Verrat an den Unabhängigkeitsidealen empfinden?

Dalai Lama: Griffen hunderttausend Tibeter zu den Waffen, würde das schon für einige Unruhe sorgen. Obwohl ich als Buddhist Gewalt nie gutheißen kann und Töten verabscheue, ließe sich sagen: Hunderttausend Tibeter könnten eine Million Chinesen eliminieren.

SPIEGEL: Und was geschähe danach?

Dalai Lama: Genau das halte ich auch den Heißspornen vor: Wenn eine Million Chinesen verschwinden, kommen dafür zwei Millionen andere, und ganz Tibet wird verwüstet. Wenn es will, kann China die tibetische Rasse vom Gesicht der Erde tilgen. Ich setze weiter auf ahimsa, auf die Politik der Gewaltlosigkeit. Es gibt für uns gar keine andere Option. Zu vergeben lernen ist sinnvoller, als jemanden umzubringen - gerade wenn die Provokation extrem ist.

SPIEGEL: Wie lange können Sie Ihre frustrierten Patrioten noch zügeln?

Dalai Lama: Ich hoffe, bis zum Ende, aber die Zukunft ist unberechenbar.

SPIEGEL: Würden Sie Touristen und Politikern vom Besuch Lhasas abraten, um nicht die chinesischen Realitäten anzuerkennen?

Dalai Lama: Wenn es nicht gerade zu Festen und Funktionen ist, mit denen die Chinesen die Okkupation Tibets feiern, sollten Touristen schon nach Lhasa fahren. Sie zeigen damit Solidarität mit der tibetischen Kultur, das ist wichtig.

SPIEGEL: Weltweit werden Sie als spiritueller Repräsentant Tibets geachtet. Doch vor offiziellen Kontakten mit dem Friedensnobelpreisträger als politischem Exilanten scheuen die meisten Politiker aus Angst vor einer Brüskierung Chinas zurück. Das muß weh tun.

Dalai Lama: Tut es auch, sehr sogar. Aber das ist Realpolitik.

SPIEGEL: Fehlt dem Westen der Mut, entschiedener für die Sache der Tibeter einzutreten?

Dalai Lama: Wahrheit und wahrhaftiger Frieden bleiben auf der Strecke, niemand nimmt diese Werte mehr ernst.

SPIEGEL: Da gehören Sie wohl auch kaum zu jenen, die dem IOC empfehlen, die Olympischen Spiele des Jahres 2000 jetzt an Peking zu vergeben?

Dalai Lama: Als praktizierender Buddhist habe ich keine Ressentiments gegenüber den Chinesen. Die größte Nation der Erde mit ihrer alten Zivilisation und Kultur ist durchaus berechtigt, solch ein internationales Sportereignis auszurichten.

SPIEGEL: Unter welchem Regime auch immer?

Dalai Lama: Nein, der volkreichste Staat der Erde muß in den Hauptstrom der Weltdemokratie geleitet werden. Die gegenwärtige kommunistische Regierung Chinas ist ein autoritäres Regime, mit dem das chinesische Volk selbst nichts mehr zu tun haben will. Die Weltgemeinschaft ist verpflichtet, hier das richtige Signal zu geben und jene in China zu ermutigen, die unter Einsatz ihres Lebens für Demokratie und Freiheit kämpfen. Das aber kann nur bedeuten: Solange in Peking ein totalitäres Regime an der Macht ist, dürfen Olympische Spiele dort nicht stattfinden.

SPIEGEL: Könnte China als olympischer Gastgeber nicht zur Liberalisierung seines Systems gezwungen sein?

Dalai Lama: Vielleicht für ein paar Wochen in Peking. Bekommt China die Spiele jetzt zugesprochen, dann zeigt die Welt, daß es ihr gleichgültig ist, welches Regime dort herrscht.

SPIEGEL: Sie kennen China, haben neben dem Großen Steuermann Mao auch die meisten anderen Führer getroffen - was wird aus dem Riesenreich nach dem Abtreten der kommunistischen Veteranen?

Dalai Lama: Da bin ich optimistisch. Es wird mehr Pluralismus, mehr Demokratie geben bei wirtschaftlicher Prosperität. Sie werden auf das Modell Taiwan oder Südkorea umschalten, die über die gleichen konfuzianischen Wurzeln verfügen. Den Kommunisten aber bleibt nur noch der baldige Abgang.

SPIEGEL: Und Sie hoffen, daß ein demokratisches China dann Tibet mehr Eigenständigkeit einräumen wird?

Dalai Lama: Wir könnten dann wohl einen Weg finden. Käme es zu einer einvernehmlichen Lösung, würden die Tibeter vielleicht gerne Bestandteil Chinas bleiben, das dann weiterhin für unsere Außen- und Verteidigungspolitik zuständig sein könnte - ein Land mit zwei Systemen. Das wichtigste ist, erst einmal Demokratie in China zu schaffen. Auf diesen Wandel warte ich. Wir setzen auf die Macht der Wahrheit und Entschlossenheit.

SPIEGEL: Sie haben sich einmal um die philosophische Synthese von Buddhismus und Marxismus bemüht. Was blieb davon übrig nach dem Kollaps des Sowjetkommunismus?

Dalai Lama: In Moskau ist ein marxistisches totalitäres Regime zusammengebrochen, nicht die marxistische Ideologie. Für deren Ideale des Internationalismus und sozialer Gerechtigkeit habe ich immer noch viel übrig. Die buddhistische Religion steht diesen Prinzipien sehr nahe. Und vergessen wir nicht: Das westliche kapitalistische System hat seine Schattenseiten, etwa die immer tiefere Kluft zwischen Reich und Arm.

SPIEGEL: Wo würden Sie selbst sich heute politisch einordnen?

Dalai Lama: Auf dem Feld der Wirtschaft bin ich nach wie vor Sozialist. Ansonsten fühle ich mich bei der Umweltbewegung zu Hause, solange die an ihren Grundprinzipien festhält. Unsere gemeinsame Mutter Natur zeigt ihren Kindern immer deutlicher, daß ihr der Geduldsfaden gerissen ist.

SPIEGEL: Petra Kelly gehörte zu Ihren Bewunderern. Was bedeutete sie für Sie?

Dalai Lama: Ihr Schicksal schmerzt mich. Petra Kelly war zwar manchmal zu emotional, aber sie stand unbeirrt zu ihren Prinzipien, und sie stand zu Tibet. Zum Schluß hat sie über ihre Parteigefährten viel geklagt.

SPIEGEL: Was sind für Sie mit dem Blick auf die Jahrtausendwende die größten Herausforderungen für die Menschheit - die Bevölkerungsexplosion, Armutswanderungen, ökologische Fährnisse oder vagabundierende Atomwaffen?

Dalai Lama: Bevölkerungsexplosion und Abrüstung, das sind die Schlüssel zu allem.

SPIEGEL: 95 Prozent des Bevölkerungszuwachses bis zum Jahre 2025 wird auf die Entwicklungsländer entfallen.

Dalai Lama: Ja, und das Dilemma ist, daß die Entwicklungsländer nie den Anschluß an den Lebensstandard der Industrienationen schaffen werden, da die Ressourcen für alle nicht ausreichen. Deshalb müssen wir unter allen Umständen die Bevölkerungsbombe entschärfen.

Nicht minder bedrohlich ist die nukleare Proliferation. Am liebsten würde ich den Rest meines Lebens der weltweiten Abrüstung widmen. Das ist die wahre Herausforderung. Ein Mann wie Saddam Hussein, für den ich fast schon ein wenig Sympathie empfinde, hätte es doch nie zu so einem mächtigen Diktator ohne hochgerüstete Armee gebracht, und dafür hat vornehmlich der Westen gesorgt.

SPIEGEL: Sehen Sie denn Politiker, welche die globalen Herausforderungen erkennen und auch bewältigen wollen?

Dalai Lama: Da gibt es leider nicht viele. Beeindruckt hat mich der Ernst, mit dem der Tscheche Vaclav Havel sich diesen Fragen widmet. Und im Umweltbereich scheint der amerikanische Vizepräsident Al Gore, den ich unlängst traf, ein kompetenter und aufrichtiger Mann zu sein.

SPIEGEL: Vielleicht sind demokratische Gesellschaftsordnungen überhaupt nicht in der Lage, mit Problemen derartiger Dimensionen fertig zu werden. Der Politiker, der die Vervierfachung des Benzinpreises durchsetzen wollte, würde in der nächsten Wahl abserviert.

Dalai Lama: Totalitäre Regime jedweder Couleur sind schlecht. Nichts kann Demokratien trotz mancher Schwächen ersetzen. Aber die globalen Herausforderungen unserer Zeit können wohl nur mit mehr globaler Verantwortung, mit einer Stärkung internationaler Entscheidungsgremien bewältigt werden. Deshalb müßte über die Vereinten Nationen, in denen die Mitgliedsstaaten ihre Interessen vertreten, noch ein Weltgremium gesetzt werden, dem Denker, Ökonomen und Wissenschaftler angehören, die sich nicht ihrer eigenen Nation verpflichtet fühlen, sondern allein der gesamten Menschheit.

SPIEGEL: Sie denken an eine Art Rat der Weisen?

Dalai Lama: Ja, diesem Rat müßte die höchste Autorität auf diesem Globus zuwachsen, eine Position gleichsam unter Gott.

SPIEGEL: Sie sind jetzt 34 Jahre im Exil. Wie werden Sie einmal nach Tibet zurückkehren - als Gottkönig oder einfacher Mönch?

Dalai Lama: Wenn ich zurückkehre, werde ich vielleicht ein paar Wochen noch der sogenannte Gottkönig sein. Dann werde ich eine Interimsregierung bilden, dieser meine religiöse und politische Autorität überantworten und mich als einfacher Mönch zurückziehen.

SPIEGEL: Mit dem Tibet, in das Sie geboren wurden, hat dieser neue Staat dann wohl kaum noch etwas gemein?

Dalai Lama: Dies wird nicht mehr das feudale Tibet sein, sondern eine parlamentarische Demokratie. Es gibt keinen Grund, das zu bewahren, was nicht mehr in unsere Zeit paßt. Jene tibetische Kultur aber, die mehr inneren Frieden und mehr Lächeln schafft, harmonische Beziehungen zur Umwelt, zu Tier und Mensch, die müssen wir erhalten.

SPIEGEL: Wird es noch einen 15. Dalai Lama geben?

Dalai Lama: Mit der bisherigen politischen Macht gewiß nicht. Aber als Institution für den Buddhismus kann der Dalai Lama, dann womöglich gewählt von einem Konklave wie der Papst, durchaus von Nutzen sein.

SPIEGEL: Eure Heiligkeit, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Olaf Ihlau und S. P. Sinha in der Residenz des Dalai Lama im nordindischen Dharamsala.



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