AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2005

Eine Meldung und ihre Geschichte Schneller, höher, weiblicher

Wie ein Mann Simbabwes beste Nachwuchssportlerin wurde.

Von Ansbert Kneip


Aus dem "Hamburger Abendblatt

Aus dem "Hamburger Abendblatt

Es gab zwei Gründe für den Sportjournalisten Fanuel Viriri, sich mit der Leichtathletin Samukeliso Sithole zum Interview zu verabreden: Die 18-Jährige zählte zu den besten Sportlerinnen Simbabwes, ein Multitalent, wie es lange keines gegeben hatte: 13,91 Meter im Dreisprung, nicht mal 70 Zentimeter vom Jugendweltrekord entfernt. Die 100 Meter war sie vergangenes Jahr in elf Sekunden gelaufen, handgestoppt, bei elektronischer Zeitnahme wäre das in ihrer Altersklasse Weltbestleistung.

2004 schickte der Sportverband von Simbabwe Samukeliso zu den südafrikanischen Jugendspielen nach Mauritius, als eine von nur drei Vertreterinnen des Landes. Dreisprung, Kugelstoßen, Speerwurf, 100-Meter-Lauf, 200-Meter-Lauf - Samukeliso gewann fünf Goldmedaillen, ihr Bild wurde in den Zeitungen abgedruckt. Simbabwes große Hoffnung für Olympia.

Der Sportjournalist Viriri aber, der bei Samukeliso auftauchte, wollte die Athletin noch aus einen ganz anderen Grund sprechen. Teamkameradinnen hatten Samukeliso angezeigt: Sie sei in Wahrheit ein Mann - und der Kerl habe sie beim Duschen begafft.

Die beste Sportlerin des Landes - in Wahrheit ein Spanner? Samukeliso musste vor einer Ermittlungsrichterin aussagen, zur Klärung trug das allerdings nur wenig bei: Natürlich sei sie eine Frau, beteuerte Samukeliso. Bei ihrer Geburt habe sie noch ein männliches und ein weibliches Organ besessen, die Männlichkeit sei in den vergangenen Jahren mehr und mehr geschrumpft. Während der Jugendspiele von Mauritius jedenfalls sei sie eindeutig weiblich gewesen.

Viriri, der Journalist, wollte diese Geschichte gern genauer hören, trotzdem hatte er ein bisschen Angst vor dem Interview. Samukeliso sei leicht reizbar und aggressiv, hieß es. Viriri fürchtete, von einer aufgebrachten Kugelstoßerin verprügelt zu werden - und zudem noch von einer, die womöglich ein Mann ist. Er ließ sich von seinem Schwager begleiten, der hat ein Kreuz wie ein Boxer.

Samukeliso trug ein langes geblümtes Kleid, sie war stark geschminkt, ihr Busen klein, ihre Stimme dunkel. Viriri glaubte, einen Bartansatz zu erkennen. Doch Samukeliso wies alle Vorwürfe zurück: Übles Gerede sei das, in die Welt gesetzt von Neidern, die ihr die Preisgelder nicht gönnten und nicht das Telefon, den Farbfernseher und die zwei Kühlschränke. Sie sei geboren mit zwei Geschlechtsteilen, nun aber eine Frau. Ihre Familie, so erklärte Samukeliso, habe einen N'anga angeheuert, einen traditionellen Heiler, der ihr das Glied klein hexen sollte.

Gut, seit einiger Zeit sei sie mit der Ratenzahlung für den Medizinmann in Rückstand geraten. Und wohl aus Rache dafür habe der N'anga das Organ wieder anschwellen lassen, leider, sagte Samukeliso. Trotzdem sei sie eine Frau, sie sei nämlich schwanger und habe außerdem ihre Periode.

Viriri war nicht überzeugt.

Samukelisos ehemaligen Teamkameradinnen berichteten dem Journalisten, Samukeliso habe ihnen beim Duschen interessiert zugesehen, habe viel gekichert, aber nie mitgeduscht. Selbst im Bett habe Samukeliso sich nicht ausgezogen, ihr Oberteil war stets blickdicht. Ach ja, und einen Freund habe sie auch gehabt, aber das sei schnell wieder vorbei gewesen, weil Samukeliso sich nicht anfassen lassen wollte.

Nur die Trainer merkten nie etwas - oder sie wollten nichts merken. "Mir wurde gesagt, es sei doch normal, dass Leichtathletinnen kaum sichtbare Brüste hätten", behauptete der Nationaltrainer. Und der Delegationsleiter des Jugendteams vertraute seiner besten Sportlerin so sehr, dass er sie zur Kapitänin der Frauenmannschaft ernannte.

Viriri, der Journalist, fuhr nach Silobela, das ist der Ort, an dem Samukelisos ehemalige Schule steht. Dort war ihr Talent zuerst aufgefallen, ihr Sportlehrer dort brachte sie zum Nationalteam.

An der Schule machte Viriri eine Entdeckung: Es gab noch eine Samukeliso Sithole, eine vergleichsweise unsportliche Schülerin, zwei Jahre jünger als die Samukeliso, die der Journalist interviewt hatte.

Vor knapp zwei Jahren hatte der Sportlehrer die echte, die unsportliche Samukeliso angesprochen: Er brauche mal ihre Geburtsurkunde, um damit einen Reisepass zu beantragen - sie sei gut genug für einen internationalen Wettbewerb. Die Eltern des Mädchens waren ziemlich überrascht, aber auch geschmeichelt. Bereitwillig gaben sie die Geburtspapiere her, doch danach hörten sie nichts mehr von dem Lehrer.

Erst im Februar dieses Jahres fiel der Schwindel auf, zufällig. Das Damenteam von Simbabwe war gerade im Bahnhof von Kwekwe angekommen, als ein Polizist die Top-Sportlerin sah und sie erkannte - als Fadzai Fuzani, einen Jungen aus seinem Heimatdorf.

Für das Hauptverfahren vor Gericht musste Fadzai/Samukeliso sich von zwei Ärzten untersuchen lassen. Sie fanden nur ein einziges Organ, und das war eindeutig männlich. Der Busen entpuppte sich als baumwollgefüllter BH. Simbabwes Medaillenhoffnung muss nun für dreieinhalb Jahre hinter Gitter. Ins Männergefängnis.



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