AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2005

Literatur Giganten unter sich


Der eine fährt über Ozeane, um die Welt zu vermessen, der andere setzt sich dazu an seinen Schreibtisch. Der eine ist der schöngelockte Abenteurer und Königsberater, der andere ein Griesgram und Bordellbesucher, der von Menschen nichts hält. Der eine ist Alexander von Humboldt, der Götterliebling der deutschen Klassik, der andere der vergrübelte Mathematiker Carl Friedrich Gauß, zu dessen Deduktionen die gehört, dass der Raum gekrümmt ist. "Der Satz, dass zwei gegebene Parallelen einander niemals berührten, sei nie beweisbar gewesen." Sie berühren sich womöglich doch, eine "unheimliche Wahrheit".

Der Forscher und das Zahlengenie, sie treffen sich, berühmt und im reifen Mannesalter, 1828 gelegentlich eines Naturforscherkongresses in Berlin.

Welche prunkvollen biografischen Anläufe für diesen Gipfel, welche Epen, die Daniel Kehlmann, 30, in seinem Roman "Die Vermessung der Welt" verknoten kann!

Das Verblüffende dabei ist, dass sie der Autor, sicher einer der versiertesten der jungen deutschsprachigen Literatur, völlig prunklos erzählt. Er zeigt die beiden Weltvermesser als Virtuosen der Nüchternheit und des zähen Aushaltens, unwiderstehlich deutsch und unwiderstehlich komisch.

Kehlmann, dessen Roman in der Shortlist des Deutschen Buchpreises rangiert, will keine Hierarchien, keine großen Spannungsbögen, keine raffinierten Plots. Alles ist gleich, das Banalste und das Höchste, und es ergibt Sinn.

Soeben entdeckt der Mathematiker Gauß eine Methode, mit der sich das regelmäßige Siebzehneck konstruieren lässt. Und gleich im nächsten Satz begibt er sich zum Barbier, um sich einen entzündeten Zahn ziehen zu lassen. "Dieser band ihm die Hände fest, versprach, es werde gewiss nicht schlimm sein." Er zieht übrigens den falschen.

Humboldts Doppelgenie als Künstler und Forscher wird mit schwebender Ironie entzaubert: "Als sie oben waren, brachte Humboldt mit einer Konzentration, die bloß nachließ, wenn er wieder nach Moskitos schlagen musste, ein Stück perfekter Prosa ... zu Papier."

Über die haarsträubenden Begebnisse im Dschungel wird in legendenhafter Schlichtheit erzählt. Er trifft Wilde. Er besteht Strapazen. Er probiert Gift. Seine Prüfungen verwandeln sich in einfache Fabeln. Kehlmann ist Geschichtenerzähler, und dass sein Roman gleich auch als Hörbuch mit Ulrich Matthes (Deutsche Grammophon) auf den Markt kommt, ist ein Glücksfall - das Buch wirkt, als sei es für den mündlichen Vortrag geschrieben.

Auf üppig gepinselte Panoramen verzichtet der Autor. Immer wieder enttäuscht er die Erwartungen auf große historische Pointen - und setzt kleine poetische.

Doch Kehlmanns kunstvoll beiläufiger Roman birgt ein Problem: Er bleibt in der Beiläufigkeit auch dort stecken, wo es das Crescendo braucht. Das große Treffen, auf das doch alles hinausläuft und das doch alles übergipfeln sollte, versandet in einem mäßigen vorrevolutionären Schabernack um Gaußens Sohn. Die beiden Geistesgiganten haben sich nicht viel zu sagen. Die Parallelen des Romans, sie überschneiden sich doch nicht. Unterhaltsam ist er aber allemal.



Daniel Kehlmann: "Die Vermessung der Welt". Rowohlt Verlag, Reinbek; 304 Seiten; 19,90 Euro.



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