AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2005

Wohlfahrtssysteme Die Untertanen von Kannapolis

"Amerikanische Verhältnisse" sind in der Sozialdebatte so etwas wie ein Schreckgespenst. Wie es ist, als Amerikaner arbeitslos zu sein, erzählt das Beispiel von Arbeitern einer Spinnerei in North Carolina.

Von Alexander Osang


Randall Keller hat eine Menge Dinge im Kopf, die er erzählen könnte, aber wenig davon passt in eine Hochzeitsrede. Sein Vater liegt im Sterben, sein Sohn ist im Krieg, und die Fabrik, für die er sein Leben lang arbeitete, wird gerade abgerissen. Er hat sich seit zwei Jahren kein neues Hemd gekauft. Niemand würde so etwas hören wollen auf einer Hochzeit, nicht mal auf dieser.

Krumm gearbeitet für die Firma: Nach 35 Jahren bei Pinnotex war Marshall Pinnix einer von 5000 Entlassenen
AP

Krumm gearbeitet für die Firma: Nach 35 Jahren bei Pinnotex war Marshall Pinnix einer von 5000 Entlassenen

Auf den Bänken stehen ein paar Teller mit Schokoladenplätzchen, weiße Schleifen, Kunstblumensträuße und Hochzeitskarten, auf dem Tisch vorn vor der Klasse hat die Lehrerin ein Brautpaar aus Keramik hingestellt, eine dieser kleinen Figuren, die ganz oben auf Hochzeitstorten thronen. Randall Kellers Aufgabe ist es, einen Toast auf den Bräutigam zu sprechen. Er ist der Trauzeuge, "the best man", wie sie das in Amerika nennen. Er hat ein kariertes, kurzärmliges Hemd an, aus dem zwei behaarte Arme wachsen, er trägt Jeans und schwere Arbeitsstiefel, seine Hände sind groß und erinnern an Werkzeuge, die bereit sind, irgendwo zuzupacken, irgendetwas anzuflanschen, abzuschrauben, zusammenzunieten. Aber alles, was sie greifen können, sind die beiden weißen Blätter mit der Rede. Es ist die erste Hochzeitsrede seines Lebens. Randall Keller war noch nie jemandes bester Mann, und er ist es auch heute nicht. Er steht im Rhetorikkurs des Community College von Kannapolis, North Carolina, wie das Opfer einer Verwechslung.

Randall Keller hat den imaginären Bräutigam Andy genannt. Ein Name, der ihm so eingefallen ist.

"Dies ist ein besonderer Tag für dich, Andy", liest er vom Blatt, "ein freudiger Tag."

Seine Mitstudenten schauen müde. Sie sind 20 Jahre jünger als er, und Keller wirkt älter als 43. Der Bauch hängt über der Hose, der Bart ist schmutzig grau, der Kopf kahl, die Brillengläser dick. Randall Keller ahnt sicher, dass ihn nie wieder jemand bitten wird, einen Toast zu sprechen, aber darum geht es nicht. Der Rhetorikkurs zählt wie die Kurse in Religion, Geschichte, Mathematik und Englisch zum Programm, das ihn reif machen soll für das Leben, das wirkliche Leben dort draußen. So steht es im Projekt, dem Pillowtex-Projekt. Randall Keller ist Bestandteil dieses Projekts, genau wie Helen, seine Frau, die im Foyer des College auf ihre nächste Englischstunde wartet, und 5000 andere Textilarbeiter aus Kannapolis, die ihre Arbeit verloren, als die Spinnerei zumachte.

Randall Keller hat mit 16 Jahren angefangen, für die Baumwollspinnerei von Kannapolis zu arbeiten, erst nebenbei, nach der Schule und in den Ferien, und als er 18 wurde, haben sie ihn eingestellt. Die Spinnerei hieß damals noch Cannon Mill, nach James William Cannon, der die Fabrik im Jahre 1906 gründete. Sie machten Laken, Handtücher, Bettbezüge und Kissen. Baumwollspinnereien waren eine schnell wachsende Industrie in North Carolina, vor hundert Jahren. Arbeiter aus ganz Amerika zogen damals in den Süden, wo es keine Gewerkschaften gab, die dem Aufschwung im Wege standen. An der Straße zwischen Charlotte und Greensboro, die heute die Interstate 85 bildet, entstanden Dutzende Textilbetriebe, die Cannon Mill war der größte. Randalls Freunde arbeiteten hier, sein Vater, seine Mutter, seine Geschwister, Onkel und Tanten, alle. Die Arbeiter wohnten in kleinen, weißen Häusern, die sich kreisförmig um das Werk ausbreiteten. Die hohen, roten Backsteinhallen der Spinnerei standen im Zentrum der Stadt wie ein Schloss. James Cannon war der König von Kannapolis. Ein guter König, wenn man den Leuten glaubt, die unter ihm arbeiteten. Er ließ seine Angestellten für winzige Mieten in seinen Häusern wohnen, er bezahlte die Krankenkosten, die Rentenversicherung, Schulgeld, er ließ den Müll abholen, Schäden reparieren, er bezahlte für Strom, Gas und Wasser, und einmal im Jahr kamen die werkeigenen Maler und strichen die hübschen, kleinen Holzhäuser weiß.

Zum Dank schickten die Arbeiter ihre Kinder in die Fabrik und gründeten keine Gewerkschaft. In den achtziger Jahren gab es immer wieder mal Bemühungen, aber bei den Abstimmungen im Werk scheiterten sie regelmäßig. Randall Keller trug ein damals sehr populäres T-Shirt, auf dem stand: "Ich brauche keine Gewerkschaft."

Vielleicht waren sie auch deshalb so unvorbereitet. Im Sommer 2003 machte das Werk von einem Tag auf den anderen zu. 5000 Leute wurden über Nacht arbeitslos, und niemand hatte damit gerechnet.

Die Fabrik war ja immer da gewesen, wie ein Berg.



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