AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2005

SPIEGEL-Gespräch: "Muskeln brauche ich nicht"

Die zweifache Oscar-Preisträgerin Jodie Foster, 42, über ihren neuen Film "Flight Plan", Altern in Hollywood und das Faszinierende an Leni Riefenstahl.

SPIEGEL:

Ms Foster, Ihr neuer Film "Flight Plan", der am 20. Oktober ins Kino kommt, spielt am Anfang in Berlin, Sie sprechen darin sogar Deutsch, der Regisseur Robert Schwentke stammt aus Stuttgart, und zudem planen Sie seit Jahren einen Film über Leni Riefenstahl. Beginnt nun die deutsche Phase Ihrer Karriere?

Hollywood-Star Foster: "Ich freue mich auf das Alter"
DPA

Hollywood-Star Foster: "Ich freue mich auf das Alter"

Foster: Ich habe mein Deutsch jedenfalls intensiv trainiert. Ein paar Brocken waren noch aus meiner Kindheit übrig, denn meine Mutter hat mich damals oft mit in deutsche Filme genommen. "Flight Plan" habe ich nicht zuletzt deshalb gemacht, weil mir Schwentke als Typ gefallen hat. Ich glaube, er besitzt jede Punk-Platte auf Vinyl. Er kann Szenen aus obskuren Filmen der zwanziger Jahre zitieren, sammelt Kochbücher und kennt sich sogar mit amerikanischen Weinen aus: ein richtiger Renaissance-Mann. Wenn jemand zuvor erst zwei Kinofilme gemacht hat wie er, ist es natürlich immer ein Risiko. Manchmal funktioniert es überhaupt nicht. Diesmal hat es geklappt: "Flight Plan" ist im Moment der erfolgreichste Film in den USA.

SPIEGEL: Sie spielen darin eine Mutter, Kyle Pratt, die auf einem Transatlantikflug verzweifelt nach ihrer verschwundenen Tochter sucht. Crew und Mitreisende behaupten, das Mädchen sei nie an Bord gewesen. Hat es Sie gereizt, eine Frau zu spielen, die allein gegen alle kämpfen muss?

Foster: Ja, man sieht fast in Echtzeit zu, wie Kyle in sich zusammenfällt. Das fand ich spannend. Aber natürlich waren auch persönliche Gründe ausschlaggebend. Als Mutter fragt man sich ständig, was man tun würde, wenn das eigene Kind plötzlich weg wäre.

SPIEGEL: Mutterschaft, Familie - sind das für Sie zentrale Begriffe?

Foster: In meinen Filmen geht es immer um Psychologie, und Psychologie hat mit Familie zu tun. Auf den zweiten Blick schauen Sie in meiner Arbeit deshalb immer in Familienstrukturen.

SPIEGEL: Hat "Flight Plan" Sie zur Expertin für Verlustängste gemacht?

Foster: Ich habe bei den Dreharbeiten einiges durchlitten. Tagelang musste ich so viel Kummer, Leid und Verzweiflung spielen. Das war anstrengend. Kyle hat ja nur am Anfang einen nüchtern-rationalen Blick auf die Welt. Sie ist Ingenieurin, entwirft Flugzeugdüsen, ist es gewohnt, dass sich alles nach ihren Vorgaben entwickelt.

SPIEGEL: Doch dann stirbt ihr Mann in Berlin ...

Foster: ... und sie behält trotzdem die Kontrolle und lässt keine Gefühle zu. Aber was soll sie auch machen? Wenn es einen Unfall gibt, wenn dein Leben auseinander bricht und du Kinder hast, kannst du nicht einfach auf dem Boden liegen bleiben. Du musst aufstehen, Kleider zusammensuchen, etwas zu essen finden. Doch dann passiert wieder etwas Furchtbares: Kyles Kind ist weg, vielleicht wurde es verletzt, vergewaltigt oder umgebracht. Und sie kann es nicht finden. Niemand hilft ihr, niemand glaubt ihr. Jeder an Bord kann der Entführer sein. Jetzt stellt sie alles in Frage, auch ihren eigenen Geisteszustand.

SPIEGEL: Familienwerte spielen in der politischen Debatte Amerikas eine große Rolle. Feiert jetzt auch Hollywood wieder die klassische Lebensgemeinschaft?

Foster: Diese Begriffe sind so aufgeladen, von der politischen Rechten derart in Beschlag genommen worden, dass ich sie lieber gar nicht diskutieren möchte.

SPIEGEL: Die Mutter in "Flight Plan" hat eine einfache Philosophie: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Das klingt ein bisschen ...

Darstellerin Foster in "Flight Plan": "Die Räder im Hirn drehen sich schneller"
DPA

Darstellerin Foster in "Flight Plan": "Die Räder im Hirn drehen sich schneller"

Foster: ... wie die alte Rede von George W. Bush. Ich würde das aber nicht politisch deuten. In diesem Fall wird eine Mutter zur Löwin und reißt ohne Ansehen der Person alles nieder, um ihre Tochter zu retten. Meine Figuren sind nie weiße Ritter. Sie fallen ihren eigenen Fehlern zum Opfer - auch ihren rassistischen Vorurteilen.

SPIEGEL: Im Film gibt es einen Konflikt zwischen weißen Passagieren und Arabern, die als Entführer verdächtigt werden.

Foster: Es geht hier um Amerika nach dem 11. September 2001. Zwar ist unsere Lebenswelt sehr international geworden, aber wenn solche Anschläge passieren, fallen die Leute automatisch auf ihre Instinkte zurück. Dann suchen sie ihr Umfeld nach Rassenzugehörigkeit ab, dann schauen sie auf arabische Gesichter und beschuldigen sie.

SPIEGEL: Ist es legitim, solche Gefühle zu entwickeln? Haben Sie Angst, wenn Sie eine Gruppe von Arabern beim Check-in sehen?

Foster: Es liegt in der menschlichen Natur. Ich habe keine Lust, weichgespülte Personen zu spielen. Man kann nicht nur die angenehme und nette Seite der Leute zeigen, man muss auch ihre tiefverwurzelten schrecklichen Charakterzüge darstellen.

SPIEGEL: Flugzeug-Thriller ohne Bezug auf die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon sind wahrscheinlich nicht mehr denkbar?

Foster: Der 11. September hat alles verändert. In Situationen wie in meinem Film würde jeder Passagier das ähnlich empfinden - vor allem, wenn er Amerikaner ist.

SPIEGEL: Ihr letzter Thriller "Panic Room" hat vor drei Jahren weltweit knapp 200 Millionen Dollar eingespielt. Ihre Darstellung in "Das Schweigen der Lämmer" hat Ihnen einen Oscar gebracht, den zweiten Ihrer Karriere. Angst spielt in diesen Filmen offensichtlich die Hauptrolle. Liegen Ihnen Komödien nicht?

Foster: Ich mag Thriller, ich liebe die Spannung, und ich spiele gern die Figur, die über zwei Stunden für Spannung sorgt.

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  • 2. Teil
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