AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2005

Türkei "Das Gefühl, ein guter Junge zu sein"

Der türkische Schriftsteller und diesjährige Friedenspreisträger Orhan Pamuk, 53, über sein Leben in Istanbul, die Bedrohung seiner Person, den Drang, sich politisch zu äußern, die Identität der Türkei, die europäische Romankultur und seinen eigenen Roman "Schnee"


SPIEGEL:

Herr Pamuk, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zeichnet sowohl Ihr literarisches Werk als auch Ihr politisches Wirken aus. Was von beidem freut Sie mehr?

Autor Pamuk: "Man kann dem nicht entkommen"
AP

Autor Pamuk: "Man kann dem nicht entkommen"

Pamuk: Ich empfinde es schon als eine gewisse Ironie, dass sowohl Türken wie Deutsche die politische Seite dieses Preises so sehr betonen. Fast so, als dürfte man nicht stolz darauf sein, dass auch die literarische Qualität meiner Romane gewürdigt wird. Wie gut, dass ich zuletzt ganz bewusst einen politischen Roman geschrieben habe*.

SPIEGEL: Und wieso ist "Schnee" ein ausgesprochen politischer Roman geworden?

Pamuk: Ich äußere mich ja schon seit längerem zur Politik, nur eben bisher nicht im Roman, sondern in Zeitungen und Zeitschriften. Derlei macht einen daheim berüchtigt. Man fängt an zurückzuschlagen, und so schaukelt sich das immer weiter hoch. Irgendwann fragte ich mich: Warum packe ich meine politischen Visionen nicht einfach in ein Buch, um es von der Seele zu haben?

SPIEGEL: Anders als sonst bei Ihnen spielt dieser Roman nicht in Istanbul, sondern in der türkischen Provinz, in der Stadt Kars. Warum die Provinz als Schauplatz?

Pamuk: Mit Anfang zwanzig wollte ich das Land kennen lernen und reiste zusammen mit einem Freund quer durch die Türkei. Als wir nach Kars kamen, war ich von der Weite der Landschaft, ihrer Schönheit fasziniert, auch von der Fremdheit, denn die Stadt wurde zum Teil von Russen erbaut und unterscheidet sich erheblich vom Rest der Türkei. Das ist mir unvergesslich geblieben. Als ich schon an "Schnee" schrieb, wurde mir klar, dass Kars der ideale Schauplatz wäre, auch deswegen, weil es dort im Winter viel Schnee gibt.

SPIEGEL: Ka ist der eigentliche Held des Romans, aber es gibt auch einen Erzähler namens Orhan, der Kas Geschichte nach dessen Tod recherchiert. Wie viel von Orhan Pamuk steckt in diesem Orhan?

Pamuk: Auch das ist eine Romanfigur, das bin nicht ich, obwohl meine Bücher viel autobiografischer sind, als der Leser ahnt. Freunde von mir, die meine Familie und mich kennen, amüsieren sich darüber. Das Private wird im Roman zu etwas anderem, etwas Allgemeinem.

SPIEGEL: Istanbul ist bis heute Ihre Stadt geblieben. Von Ihrem Büro aus, wo Sie schreiben, haben Sie einen großartigen Blick. Zu Ihren Füßen liegt die große Brücke, die den Bosporus überspannt, die Europa mit Asien verbindet. Mit welchem Gefühl arbeiten Sie hier?

Pamuk-Stadt Istanbul: Alle Themen direkt vor dem Fenster
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Pamuk-Stadt Istanbul: Alle Themen direkt vor dem Fenster

Pamuk: Ich bin glücklich. Ich habe manchmal im Spaß gesagt, ich sei der erste Verfasser historischer Romane, der vom Fenster aus mit dem Finger auf seine Gegenstände zeigen kann. Ich habe den Eingang zum Bosporus, die Altstadt, die Hagia Sophia, die Blaue Moschee, überhaupt alle Moscheen im Blick. Das ist eine sehr privilegierte Aussicht, wie ich weiß, und ich sage gern, als Geschichtenerzähler von Istanbul habe ich so etwas verdient.

SPIEGEL: Für viele sind Sie heute der Vorzeige-Intellektuelle der Türkei. Ist es nicht paradox, dass Sie nie zum Kultur-Establishment gehören wollten und nun doch dessen wichtigster Vertreter sind?

Pamuk: Ich sage Ihnen ganz offen, dass ich das nicht bereue. Nachdem mein Land von der Politik so gepeinigt wurde und ich international berühmt geworden war, haben Journalisten aus aller Welt diese Probleme meines Landes an mich herangetragen. Das war unausweichlich, man kann dem nicht entkommen.

SPIEGEL: Sie sind ein erklärter Anhänger eines EU-Beitritts der Türkei. Haben Sie diesem Vorhaben eigentlich mit Ihrem sehr kritischen Roman "Schnee" einen guten Dienst erwiesen?

Pamuk: Ich weiß genau, was Sie sagen wollen. In Holland kam ein Freund zu mir: "Weißt du, bisher war ich auch für den Beitritt der Türkei, nun habe ich den Roman gelesen und bin entsetzt. So finster sieht es bei euch aus?" Ich habe ihm geantwortet, es sei ein historischer Roman.

SPIEGEL: Aber er spielt in den neunziger Jahren!

Pamuk: Eben. Seither ist viel passiert. Allein die Hoffnung, irgendwann einmal der EU beitreten zu können, hat die Rechtssituation bei uns verändert. In meiner Vorstellung haben die Ereignisse im Roman sich Anfang der neunziger Jahre zugetragen, als es große Befürchtungen gab, dass fundamentalistische Islamisten die Macht übernehmen könnten. Deswegen sagte ich, es sei ein historischer Roman.

SPIEGEL: Sie zeichnen eine Horrorwelt aus Intoleranz, ethnischen und religiösen Feindschaften, Mord und Totschlag.

Pamuk: Davor sollte man nicht zurückschrecken. Es stimmt, in "Schnee" ist die ganze provinzielle, intolerante politische Kultur der Türkei vorhanden, es finden sich Fundamentalisten, politische Islamisten, türkische und kurdische Nationalisten, andere ethnische Gruppen, die Armee, es gibt die Laizisten und gnadenloses Töten. Das alles mag abschreckend sein für einen Europäer, der in sehr viel liberaleren Umständen zu Hause ist - aber muss ein Romancier nicht auch die menschliche Seite dieser Leute zu zeigen versuchen, ihre Ähnlichkeit mit uns aufzeigen?

SPIEGEL: Glauben Sie denn wirklich, dass sich die Türkei in den letzten acht bis zehn Jahren so wesentlich verändert hat?

Pamuk: Ich finde, ja. Vieles ist noch im Fluss. Die EU-Hoffnung hat das Land entspannt. Und wenn man immer fragt, ob die Türkei reif für Europa ist, dann sage ich: Es ist ein Einstieg, die Verhandlungen haben gerade erst begonnen, die Türken kommen ja nicht schon morgen dazu. Sie hoffen, in zehn Jahren dabei sein zu können, wenn sich das Land ökonomisch, politisch und kulturell entwickelt hat.

SPIEGEL: Aber immer noch gibt es, wie in Ihrem Roman, militante Islamisten, sture Kemalisten, religiöse Fanatiker ...

Junge Frau in Istanbul: "Die Hoffnung hat unser Land entspannt"
AFP

Junge Frau in Istanbul: "Die Hoffnung hat unser Land entspannt"

Pamuk: ... das meiste davon finden Sie im übrigen Europa auch. Die Geschichte der Türkei ist auch die Geschichte Europas, vielleicht mit einer Differenz von 20, 30 Jahren. Der Unterschied wird geringer.

SPIEGEL: Was ist der entscheidende Unterschied zwischen Europa und der Türkei?

Pamuk: Die blutigen Zeiten des Krieges, all die Grausamkeiten in der europäischen Geschichte haben die Europäer gelehrt, dass eine säkulare Politik frei von religiösem Hass vor allem eine Frage des Friedens ist. Das ist im Bewusstsein der Türken noch nicht gleichermaßen verankert, was damit zu tun hat, dass das Säkulare bei uns von der Armee erzwungen worden ist. Aber die Einstellung hat sich schon geändert.

SPIEGEL: Ihr Romanheld Ka bezeichnet sich als Atheisten. Würden Sie das von sich auch sagen?

Pamuk: Das Problem, das ich mit diesem Begriff habe, liegt darin, dass viele prominente Intellektuelle in der Vergangenheit so ein Drama daraus gemacht haben. Meine Religion ist verworren. Literatur ist meine eigentliche Religion, ich komme aus einer völlig unreligiösen Familie.

SPIEGEL: Würden Sie sich als Muslim sehen?

Pamuk: Ich bezeichne mich selbst als jemanden, der aus einer muslimischen Kultur stammt. Ich würde jedenfalls nicht sagen, dass ich ein Atheist bin. Also, ich bin ein Muslim, den mit dieser Religion vor allem historische und kulturelle Identifikation verbindet. Für mich gibt es keine persönliche Verbindung zu Gott, da wird es transzendent. Ich identifiziere mich mit meiner Kultur, freue mich aber, auf einer toleranten geistigen Insel zu leben, wo ich mich mit Dostojewski und Sartre beschäftigen kann, die beide einen großen Einfluss auf mich hatten.

  • 1. Teil: "Das Gefühl, ein guter Junge zu sein"
  • 2. Teil


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