AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2005

Autoren Himmlische Versöhnung

Mit der unwiderstehlich komischen Lebensgeschichte ihrer Großmutter ragt die Deutsch-Amerikanerin Irene Dische aus den vielen Familienromanen des Buchjahres heraus.

Von Matthias Matussek


Irene Dische sitzt im Wald, in Rhinebeck, New York, und brüllt ihren PC an.

"Nein, k..ne Jud.n, Großm.tter w.. Kathol..in."

Silben fallen weg, halbe Wörter werden verschluckt. Die Schriftstellerin telefoniert über einen dieser Internet-Anbieter, die die transatlantischen Gespräche so billig machen, dass sie wahrscheinlich Geld ausspucken, wenn man lange genug spricht.

Dass die Verbindung miserabel ist, macht dann auch wieder Sinn, denn wir sprechen über ihre jüdisch-katholische Familie und über den Holocaust und die Deutschen, und es wäre absurd, darüber ein störungsfreies Gespräch führen zu wollen, absurd ganz sicher für Irene Dische.

Wir sprechen über ihren Roman "Großmama packt aus"*.

Es ist die Lebensgeschichte einer wundervoll Störrischen, eine Biografie voller Falltüren, ein draller Familienroman. Diese Großmutter, Elisabeth Rother, hat eine breite Papierspur aus Briefen und Dokumenten und Fotos hinterlassen, durchs gesamte vergangene Jahrhundert hindurch. Das alles hat die Dische gesichtet.

"Ich bin nur ihr Ghostwriter gewesen", sagt sie. Eigentlich habe sie das Buch unter dem Namen der Großmutter veröffentlichen wollen, aber der Verlag sei dagegen gewesen. Zunächst sollte es in Hans

Magnus Enzensbergers neuer Buchreihe "Frankfurter Allgemeine Bücherei" erscheinen, doch nachdem das Projekt von Juristen und Geldleuten abgemurkst worden war, sicherte sich der alerte Günter Berg, neuer Chef des Verlags Hoffmann und Campe, die Rechte.

Dass er auf dem Namen Dische insistierte, kann man verstehen. Den Namen der Großmutter kennt keiner, doch die meisten kennen den Witz und die Provokationslust und die Zärtlichkeiten der Autorin Dische, 53, seit sie 1989 mit den "Frommen Lügen" die literarische Bühne betreten hat.

All das ist hier erneut enthalten. Schon in den "Frommen Lügen" war die "durch und durch verrückte Familie" Gegenstand gewesen, und nun, nach einem Roman im Rhythmus der "Diabelli-Variationen" von Beethoven, nach einem Krimi, nach Opernlibretti sowie jeder Menge meisterhafter Erzählungen, kehrt sie zu dieser Familie zurück.

Es gibt eine ganze Reihe von Familienromanen in diesem Buchjahr. Nicht erst mit dem frischgekürten Buchpreis-Träger Arno Geiger und seinem Roman "Es geht uns gut" unternehmen Autoren diese Beschwörungsversuche, als wollten sie mit dem Pendelschwingen in die Vergangenheit Schwung für eine gefährdete Zukunft holen. Familien, Großfamilien gar, wird es in den Single-Gesellschaften des Westens bald nicht mehr geben. Da ist es schön zu mustern, wie das einmal war.

Gleichzeitig aber ist es ein Abgesang, vielleicht sogar eine Aussöhnung mit deutscher Geschichte. Die Generation der Täter und der Opfer stirbt aus. Viele der Familienromane verlaufen über Abgründen, es sind jüdische Familiengeschichten, die da erzählt werden, von Gila Lustiger etwa, von Jakob Hessing oder Eva Menasse. Geschichten, die die dunkelsten Nächte durchmessen.

Wie gehen wir heute mit der Tatsache um, dass ein Teil des deutschen Volkes im Wahn den anderen ermordet hatte? Maxim Biller, der seit seinen frühen Tiraden die Planstelle "Skandal" in der Literatur behauptet, führt mit seinen wundervoll lesbaren, überraschend leisen "Moralischen Geschichten" eine Fülle von Stadtneurotikern ein, als läge Manhattans Upper West Side in Frankfurt. Sie reden über Liebeskummer so oft wie über den Holocaust.

Auch in Irene Disches Roman ist viel von Liebeskummer die Rede, doch der Holocaust kommt nur in den Augenwinkeln vor. Er ist auf jeder Seite präsent - als verschwiegene Demütigung.

Disches Roman ist kein Tableau, sondern eine ganz subjektive Lebensbilanz, ein Blättern im Fotoalbum der Erinnerungen, ein Episodenreigen. Großmama packt aus. Aber eben doch nicht alles.

Sie ist "Arierin" und Katholikin, eine rabiate dazu. Im Grunde spricht sich hier über mehr als 200 Seiten ein absolut falsches Bewusstsein aus. Im Kopf hat diese Großmutter jede Menge Vorurteile, doch das Herz sitzt auf dem rechten Fleck. Ihre Geschichte ist alles, nur nicht politisch korrekt

- Junggermanisten mit Jagdfieber, denen dieses Buch in die Hand fällt, könnten der Dische mit Leichtigkeit Antisemitismus nachweisen, dauernd ist da zum Beispiel von großen Nasen die Rede.

Was für ein frivoler Auftakt, und gleich geht es um Irene: "Dass meine Enkeltochter so schwierig ist, hängt vor allem mit Carls geringer Spermiendichte zusammen", seufzt sie. "Darüber später mehr."

Wie katholisch sie ist? So katholisch: Wenn sie mit ihrem Carl schlief, um ein Kind zu kriegen, streckte sie anschließend "die Beine in die Luft, legte die Sohlen aneinander und betete mit den Füßen".

Der Akt selbst machte ihr nie besonderen Spaß, und Carl musste ihn sich öfter mit frommen Hinweisen ergaunern. Gott habe den Juden geboten, sich am Sabbat zueinander zu legen, behauptet er.

"Juden!", schnaubte Großmama.

"Nicht alles an den Juden ist schlecht", entgegnete er.

Ach ja: Großmama liebt ihren Carl über alles. Und das sind gerade mal die ersten fünf Absätze des Romans.

Großmama, die aussieht wie eine germanische Göttin, hat Brüder, die später begeisterte Nazis sind. Carl hat Brüder, die in den Gaskammern enden. Elisabeth und Carl, ein schönes Paar auf ihrem Hochzeitsfoto. Unter ihnen verläuft der deutsche Geschichtsabgrund. Großmama wird mit ihrer Kernfamilie darüber hinwegschreiten, beherzt und mutig.

Als der braune Mob an der Macht ist, darf Carl noch eine Weile als "Ehrenarier" im Krankenhaus arbeiten, doch als er sich weigert, Sterilisationen an Juden vorzunehmen, ist er in Lebensgefahr. Elisabeth organisiert die Flucht, gegen seine Widerstände, und folgt ihm nach New Jersey.

Das neue Leben drüben ist eines ohne jede Vergangenheit. Es ist ein katholisches Familienleben ad hoc, ein völliger Neuanfang, Großmama organisiert den Neuaufstieg der Familie und sorgt sich über die notorisch schlechte Hand, die ihre Tochter Renate bei der Wahl ihrer Liebhaber und Ehemänner beweist.

Da ist zuerst Dische, der zerstreut-geniale Wissenschaftler, der sein Bett in der Küche aufstellt und Renate malträtiert. Dann der verschwenderische Sig, auch er ein Jude, und ein weiterer, der Juden nicht mag. Er nennt sie "kikes".

Viele kleinere Kapitel in diesem Schicksalsroman enden mit tollen letzten Sätzen wie: "Wir waren wieder unter uns - eine Familie von drei Frauen."

Als Kind hält Irene immer wieder die Luft an und läuft blau an, nur um die Umwelt zu erschrecken. Keine Schule hält es lang mit ihr aus. Als 17-jähriges Hippie-Mädchen verschwindet sie nach Afrika, um beim Paläontologen Louis Leakey zu assistieren. Großmama findet all das nicht komisch.

Aber der Leser: Es ist die Geschichte zwischen Patriarchin und Enkelin, ein Kampf über die Generationen hinweg,

gegenseitige Spiegelung und Ablehnung, kurz: die ferne Liebe füreinander.

"Großmama packt aus" ist die menschliche Komödie, die menschliche Tragödie mit ihren Wundern und Verbrechen. Und alle, die Katholiken und die Juden, die Alten und die Jungen, die starken Frauen und die schwachen Liebhaber, erleben ein wahrhaft himmlisches Ende, das nur die Liebe schreiben kann.

"Bei u.s wurde nie üb.. den Holocaust g..edet", ruft Irene Dische in ihren Computer im Wald in Rhinebeck.

Heute ist ihr klar, warum. Weil es die schlimmste Niederlage war für den Großvater, die er sich nur vorstellen konnte. Sie sprachen zu Hause nicht darüber, aus Scham.

Sie erzählt von ihrer streng katholischen Erziehung, von ihrem Glauben, dass Juden in die Hölle kämen. Ihr Lieblingsspielzeug war eine Marienstatue mit blauem Mantel. Nach den Nazi-Rassebegriffen wäre sie Dreiviertel-Jüdin, sagt sie, hätte also kaum überlebt.

Dann ist da eine längere Pause.

Schließlich meldet sie sich wieder. Vor ihrem Fenster sieht sie den Herbstwald, rot und gelb, leuchtend unter einem blassen Himmel. Sie lebt in den USA und in Berlin, doch in Rhinebeck sind die Träume freundlicher.

Clou ihres Märchenbesitzes dort drüben, den sie sich vor Jahrzehnten für einen lächerlichen Betrag auf einer Auktion schnappte, ist ein veritables kleines Theater mit roten Samtsitzen. Hier musiziert sie mit Freunden, hier denkt sie sich Opern-Inszenierungen aus, und manchmal werden sie aufgeführt.

Die Lust an Spielen, an den Maskeraden und den frommen Lügen der Kunst, denkt man sich plötzlich, ist womöglich ein freundliches Zaubermittel gegen jene schrecklichen Lügen und Alpträume, die das ideologische Jahrhundert dieser Familie aufgezwungen hat.

Als Kind, erzählte sie, wusste sie nicht, warum sie überhaupt in Amerika lebte. Sie rätselte, denn zu Hause sprach man Deutsch. Eine Zeit lang hatte sie den Großvater, den sie nie sonderlich mochte, im Verdacht, ein untergetauchter Nazi zu sein. "Kurze Zeit dachte ich sogar, er sei Hitler, wegen seines Oberlippenbärtchens."

Und nun ist auch diese Familie auf wundersame Weise erlöst worden, im Figurenkabinett eines großartigen Romans.

Wir reden noch über Berlin und das Holocaust-Mahnmal, das sie für einen "misslungenen Plattenbau" hält, und über die "gefährliche amerikanische Politik", über ihre Kinder, die studieren, und dann stellt man die Frage der Fragen. Wie, glaubt sie, gehen die Deutschen mit ihrer Vergangenheit um?

"Sie be.ühen s.ch sehr", sagt Irene Dische.

Das ist wohl das Beste, was sich sagen lässt.


* Irene Dische: "Großmama packt aus". Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 368 Seiten; 23 Euro.



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