AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2005

Terrorbekämpfung Der vergessene Gefangene

Seit vier Jahren sitzt der deutsche Islamist Mohammed Haydar Zammar in einem Verlies in Damaskus. Von der CIA verschleppt, wird der Freund der Todespiloten hier von den Syrern gefoltert. Einen Geheimdeal mit dem Kanzleramt ließ die syrische Regierung platzen.

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Mit dem Far-Filastin-Gefängnis ist es wie mit einem Eisberg. Der gefährliche Teil liegt verborgen unter der Oberfläche.

Sichtbar ist ein Flachbau im Stil sozialistischer Plattensiedlungen, zweistöckig, weiß, so bieder wie einst die Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Es ist der Sitz des syrischen Militärgeheimdienstes, Damaskus, Stadtteil Massa, fünf Autominuten westlich vom Stadtzentrum gelegen.

Syrische Hauptstadt Damaskus: Zur Vernehmung im Foltergefängnis flogen deutsche Beamte ein
AFP

Syrische Hauptstadt Damaskus: Zur Vernehmung im Foltergefängnis flogen deutsche Beamte ein

Aus dem Erdgeschoss aber windet sich eine Treppe hinab in das dunkle Kellergewölbe, den Foltertrakt. Hier werden die Zellen von zwei Metalltüren gesichert. Dieser unterirdische Teil macht Far-Filastin zu einem der berüchtigtsten Gefängnisse der Welt, einer Mischung aus Alcatraz und Abu Ghureib.

Die Angst hat sich auch oben ausgebreitet. No photography, military zone, Taxis fahren einen kleinen Bogen.

Kurz vor 17 Uhr strömen durch das gusseiserne, fünf Meter hohe Gatter Dutzende Mitarbeiter des Armeegeheimdienstes nach draußen. Aufseher wie Ahmed, der vor fünf Jahren suspendiert wurde, weil er Gefangene zu Tode verhört hatte, und der trotzdem wieder Dienst tun darf. An der Ecke räkeln sich zwei Nachrichtendienstler in einem klapprigen weißen Peugeot. Sie beobachten und warten. Gleich wird die Sonne den Stadtteil in mildes Abendgold tauchen und der Ruf des Muezzin das Fastenbrechen einläuten. Die Gefangenen können es nur hören, in die Zellen dringt kein Tageslicht.

Früher wurden im Kerker des Far-Filastin ("Palästina-Abteilung") palästinensische Fedajin festgehalten. Heute ist der Platz reserviert für Gefolgsleute Bin Ladens oder solche, die die Syrer dafür halten, Männer wie Mohammed Haydar Zammar, 44.

Zu Zammar geht es am Ende eines langen Flurs nach links, es ist die dritte Tür, kurz nach dem Waschraum, Zelle 13. Fast vier Jahre halten sie ihn hier schon fest.

Immerhin: Er lebt. Das gilt als sicher, seit das Rote Kreuz einen Anruf von Walid al-Muallim bekam, dem stellvertretenden Außenminister. Für syrische Verhältnisse war die Botschaft ein kleines Wunder: Ihr könnt ihm schreiben.

Das Rote Kreuz leitete eine kurze Notiz von Zammars Frau aus Hamburg weiter, und Zammar brachte ein paar Sätze zu Papier. Mit Anrede ("Liebe Frau, liebe Kinder") sind es 7 Zeilen, 43 Wörter nur. Die Schrift ist ungelenk wie bei einem Zweitklässler, die Zeilen sind windschief, er ist das Schreiben nicht mehr gewohnt: "Ich bin gesund und bitte euch, für mich zu beten und mir zu verzeihen. Euer Haydar", al-Salam aleikum.

Es war das erste offizielle Lebenszeichen des deutschen Staatsbürgers Mohammed Haydar Zammar seit seiner Entführung Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001, datiert auf den 8. Juni 2005, Palästina-Abteilung, Damaskus.

Es ist eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich. Zammar lebt. Aber ob ihn seine Familie jemals wiedersehen wird, ist offener denn je.

Der Briefwechsel bringt Licht in einen Fall, der wie kaum ein zweiter für eine Welt steht, in der sich seit dem 11. September 2001 manchmal kaum noch unterscheiden lässt, wer ein Schurke ist und wer nicht - und wenn, wie viel Schurke er ist. Der Fall Zammar ist ein Exempel des "Kriegs gegen den Terror", in dem den USA fast jedes Mittel recht scheint, auch Folter in einem Land wie Syrien, das die Amerikaner offiziell als "Schurkenstaat" bekämpfen. Er steht für die Frage, wie weit ein Rechtsstaat gehen darf, vor allem dann, wenn die Trennung zwischen Recht und Unrecht so unscharf ist.

Und die Entführung wirft Fragen auf nach der Rolle der Bundesregierung, die offiziell nichts Genaues weiß über das Schicksal ihres Staatsbürgers, aber ebenfalls profitieren wollte von den Geständnissen Zammars, und die deshalb eine Delegation deutscher Beamter nach Damaskus schickte. Zu wichtig schienen die Informationen, die der Häftling womöglich besaß, damals, kurz nach Nine Eleven.

Zammar, so glaubten die Ermittler, sei eine Schlüsselfigur für die Aufklärung des schlimmsten Verbrechens der modernen Terrorgeschichte. In der Islamistenszene war er bekannt, in Italien nannten sie ihn "Fratello Mohammed", in Deutschland "Bruder Haydar". Er war ein Hüne von einem Mann, 145 Kilogramm schwer, Oberarme wie Baumstämme. Wer ihn sah, mit dichtem Bart, wallendem blauem Kaftan und Palästinensertuch, ahnte, dass er ein überzeugter Jünger Allahs war.

Terrorführer Bin Laden: Wer ist Schurke und wer nicht?
AP

Terrorführer Bin Laden: Wer ist Schurke und wer nicht?

Gelegentlich übernachtete er in der berühmten Terror-WG in der Hamburger Marienstraße, er war eine Art Ziehvater der Todespiloten um Mohammed Atta. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung fand die Polizei 94 Kopien eines Aufrufs von Osama Bin Laden. Mohammed Haydar Zammar wohnte damals mit seiner Familie bei seinem Bruder in der Bilser Straße im Norden Hamburgs, kaminroter Klinkersteinbau, Siedlungsgebiet, zwei Zimmer für neun Personen, Erdgeschoss links.

"Das ist eine Kriegserklärung an die USA", dozierte er, als ihm die Beamten die Pamphlete vorhielten. "Ich habe das kopiert, um die Schrift an die Muslime zu verteilen." Freunde sagen, Bruder Haydar sei schon immer ein bisschen naiv gewesen, aber er war alles andere als nur ein großes Kind.

Vor allem war er uneinsichtig. Als ihn Wachtmeister sechs Tage nach den Anschlägen vor das Hamburger Amtsgericht zerrten, erklärte Zammar dem Richter, als Muslim gelte für ihn nur das Wort Gottes: "Das Gesetz, das mich hier zur Aussage verpflichtet, ist kein islamisches Gesetz.

New Yorker Anschlag 2001
CARMEN TAYLOR/AP

New Yorker Anschlag 2001

Deswegen fühle ich mich daran nicht gebunden." Der Generalbundesanwalt eröffnete kurz darauf ein Ermittlungsverfahren gegen ihn, Aktenzeichen 2 BJs 81/01-5, Verdacht der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, der Todespiloten. Das Verfahren läuft bis heute.

Zammar kam 1971 aus Aleppo nach Hamburg, aber angekommen ist er in der Bundesrepublik nie richtig. Er brach die Realschule ab, lernte Kfz-Schlosser bei Daimler, fand keine Arbeit. Am 17. März 1982 verzichtete er auf die syrische Staatsbürgerschaft und wurde Deutscher. Er lebte von Sozialhilfe und Kindergeld, rund 1400 Euro im Monat, aber dennoch fand er seinen Vorwurf berechtigt, als Muslim sei man in Deutschland "schon immer schlecht behandelt" worden.

Nach 30 Jahren Deutschland wollte Zammar schließlich weg aus dem Land der Ungläubigen in ein muslimisches Land, nach Marokko vielleicht oder Mauretanien. Er beantragte einen neuen Reisepass beim Bezirksamt Hamburg-Nord und buchte einen Flug über Amsterdam nach Casablanca. Es war der 27. Oktober 2001.

Mohammed Haydar Zammar
Knut Müller

Mohammed Haydar Zammar

Seine Frau und seine sechs Kinder haben ihn seitdem nicht wieder gesehen.

In Casablanca regelte Zammar die Scheidung von einer jungen Marokkanerin, die er ein Jahr zuvor während des Ramadans zur Zweitfrau genommen hatte. Danach besuchte er die Eltern von Mounir al-Motassadeq, jenem Hamburger Islamisten, der das Testament von Mohammed Atta handsigniert hatte und unter anderem deshalb in Deutschland im Gefängnis saß. Zammar kam mit einer seelsorgerischen Botschaft: Die Familie solle sich keine großen Sorgen machen. Der Staatsschutz habe nicht viel in der Hand.

Als hätten ihm die deutschen Behörden einen Peilsender angeheftet, wurde jeder Schritt von Bruder Haydar im Maghreb registriert, er wurde auf Schritt und Tritt überwacht, in Marokko, auch in Mauretanien. Zammar wollte wissen, wie es wäre, dort zu leben, vielleicht in der Wüste, davon hatte ein Freund aus der Quds-Moschee geschwärmt. Zwölf Tage blieb er, dann kehrte er um nach Casablanca.

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Am Morgen des Rückflugs nach Hamburg fing ihn der marokkanische Geheimdienst ab. Die Marokkaner vernahmen ihn, auch die Amerikaner, fast zwei Wochen lang. Dann setzte ihn die CIA in ein Flugzeug nach Damaskus. Es war kurz vor Weihnachten 2001. Zammar war zu einem der ersten Opfer jenes Geheimdienstfeldzugs der Amerikaner geworden, den die US-Regierung seit dem 11. September führt und der derzeit die amerikanische Öffentlichkeit entzweit.

Das Programm mit dem Titel "Extraordinary Renditions" (außergewöhnliche Überstellungen) hat US-Präsident George W. Bush persönlich angeordnet. Es sieht vor, verdächtige Bin-Laden-Anhänger wie Zammar weltweit zu jagen. Die vorläufigen Endstationen dieser Jagd liegen im afghanischen Bagram, auf der Insel Diego Garcia oder in Guantanamo Bay und vermutlich auch in Osteuropa. Es sind die Geheimgefängnisse in aller Welt, in denen Terror-Verdächtige wie Chalid Scheich Mohammed oder Ramzi Binalshibh festgehalten und verhört werden.

In diesem Feldzug spielen Regime wie Syrien eine zentrale Rolle. Sie erlauben der unter Druck geratenen US-Regierung jene Doppelmoral, die Bush vorvergangene Woche erneut bewies, als er pauschal versicherte: "Wir foltern nicht." Aber sie lässt foltern, Häftlinge wie Zammar beispielsweise, an denen sich die Regierung in Washington nicht die Finger schmutzig machen will. Das dürfen die Syrer tun.

Syrien ist im Feldzug gegen al-Qaida das, was Saudi-Arabien für die Ölindustrie ist: eine stetig sprudelnde Quelle. Sie fördert Informationen aus dem Innenleben des Bin-Laden-Netzwerks zutage. Die Frage ist nur, wer Zugang hat zu diesem Rohstoff für die Terrorismusbekämpfung.

Ein Geben und Nehmen wie auf einem Basar.

Die reichhaltigen Details liefert die radikale Muslimbruderschaft, die von der Regierung in Syrien seit mehr als 20 Jahren brutal unterjocht wird und aus der sich viele Leute dem Terror-Kampf Bin Ladens zugewandt haben. Aus dem feinverwobenen Netz, mit dem das Dutzend syrischer Geheimdienste die islamische Opposition überzogen hat, tropfen die Nachrichten über al-Qaida, eine Art Abfallprodukt des Machterhalts. Mindestens dreimal haben Informationen aus Damaskus geplante Terroraktionen gegen US-Einrichtungen verhindert, zwei davon gegen Marine-Basen im Mittleren Osten.

Es ist, wie ein hochrangiger deutscher Regierungsbeamter sagt, "die Gretchenfrage". Was wiegt schwerer: die Bedenken gegen ein Regime, das seine Opposition unterdrückt und foltert? Oder die Möglichkeit, von dem Wissen zu profitieren und damit effizient vorzugehen gegen al-Qaida?

Im Juli 2002 beantwortete das Bundeskanzleramt diese Frage eindeutig, als eine hochrangige Delegation aus Damaskus in Berlin empfangen wurde.

Der Mann, der die Abordnung anführte, war ein syrischer General, der derzeit im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit steht: Assif Schaukat, 55. Der Syrer wird vom Uno-Sonderermittler Detlev Mehlis verdächtigt, einer der Drahtzieher des Mordanschlags auf den libanesischen Ex-Premier Rafik al-Hariri zu sein. Damals, im Sommer 2002, kam Schaukat als Partner der Deutschen und als Vertrauter von Staatspräsident Baschar al-Assad, mit dessen Schwester er verheiratet ist.

Schaukat, ein hochgewachsener Mann mit funkelnden Augen, dichtem Schnurrbart und einer markanten Stirn, gilt als ebenso charismatisch wie gefährlich. Er traf im Kanzleramt auf eine erlesene Runde hochrangiger Beamter, darunter die Präsidenten von Bundesnachrichtendienst (BND) und Bundeskriminalamt (BKA). Es sollte um einen Polit-Deal gehen, es wurde ein Geben und Nehmen, wie auf einem Basar in der Altstadt von Damaskus.

Schaukat hatte zwei Wünsche: Die Bundesregierung sollte Generalbundesanwalt Kay Nehm zurückpfeifen, der gegen zwei Syrer ermittelte, einen nichtakkreditierten Kulturreferenten der Botschaft und einen syrischen Studenten aus Mainz. Die beiden Angeklagten hatten einen Exil-Syrer mit deutschem Pass bespitzelt, der später bei einem Heimatbesuch von syrischen Häschern verhaftet wurde. Nachrichtendienstliche Tätigkeit und Beihilfe zur Freiheitsberaubung lautete der Vorwurf.

Der zweite Punkt betraf eine Frage der Ehre der syrischen Präsidentenfamilie. Deutsche Ankläger beschuldigen den Onkel Assads, Feisal Sammak, der Beihilfe zum Anschlag auf das Berliner Maison de France 1983, ein junger Mann starb dabei. Sammak, damals syrischer Botschafter in Ost-Berlin, hatte wohl den Sprengstoff für die Attentäter in der diplomatischen Residenz zwischenlagern lassen. Er wird noch heute mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Die Deutschen hatten ebenfalls zwei Forderungen. Sie wollten, dass die Syrer ihr Agentennetz in Deutschland auflösen. Und sie wollten Zugang zu Zammar.

Im Sommer der deutschsyrischen Freundschaft versprachen beide Seiten, ihren Teil des Deals zu erfüllen.

Am Tag vor Eröffnung der Hauptverhandlung in Koblenz gegen die beiden mutmaßlichen syrischen Agenten zog die Bundesanwaltschaft ihre Anklage auf Weisung des Justizministeriums zurück. Begründung: Dem Verfahren stünden "überwiegende öffentliche Interessen, insbesondere die Bekämpfung des internationalen Terrorismus" entgegen. Und im Fall des Assad-Onkels versprachen die Deutschen eine gründliche Prüfung.

Die Syrer sagten ihrerseits eine Mäßigung der Spionageaktivitäten zu, sie zogen sogar einen Residenten aus der Botschaft ab, wie es Berlin verlangt hatte. Und sie offerierten Zugang zu Zammar, versehen mit der Drohung, jegliche diplomatischen Beziehungen abzubrechen, sollte dieses Entgegenkommen zu einer öffentlichen Erörterung des Schicksals des Gefangenen führen.



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