AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2005

Kino Gruß aus dem Jenseits

Vor fast 30 Jahren starb in Bayern eine junge Frau nach einer Teufelsaustreibung. Sektierer verehren sie bis heute, nun greifen zwei Filme den legendären Fall auf.

Von und


Es ist sehr still auf dem Friedhof in Klingenberg am Main, Besucher richten in der Nachmittagssonne Gräber für den Winter. Doch der Schrecken ist nah: Gegenüber dem Gottesacker, an der Wand eines hellgelben Wohnhauses, prangt eine große Jesusfigur - blutverschmiert, grausamst verletzt.

Hinter die Mauern des Gebäudes schauen dürfen nur Eingeweihte, strenge Katholiken, die an Marienerscheinungen und Stimmen aus dem Jenseits glauben. Das Haus birgt eine Privatkapelle, errichtet zu Ehren der elend gestorbenen Anneliese Michel. Die junge Frau sei, so glaubt ihre Fangemeinde, vom Teufel besessen gewesen, habe aber den Kampf aufgenommen - und schließlich kurz vor ihrem Tod 1976 eine Botschaft von Jesus Christus persönlich empfangen. Michel starb nach einem Exorzismus.

Bis heute schlägt das Drama mit der mittelalterlichen Aura Menschen aus aller Welt in seinen Bann. Bücher wurden geschrieben, Michel-Fans pilgern zuhauf an die vermeintliche Stätte des Kampfes zwischen Gott und Satan.

In den nächsten Wochen dürfte der fromme Kult neue Nahrung bekommen. Denn der tödliche Exorzismus dient als Vorlage für gleich zwei Filme, die nun in die Kinos kommen: In dieser Woche läuft der Psycho-Schocker "Der Exorzismus von Emily Rose" aus Hollywood an, im März folgt das sensible Familiendrama "Requiem" des deutschen Regisseurs Hans-Christian Schmid ("Crazy", "Lichter").

Der Stoff taugt gut für beide Varianten: Anfang der siebziger Jahre kamen seltsame Gerüchte über Annelieses Krankheit in Umlauf. Die Studentin könne keine Heiligenbilder mehr ansehen, Bilder von Jesus würde sie sofort zerstören. Sie könne in der Kirche die Knie nicht beugen und habe panische Furcht vor Weihwasser. Betsüchtige Mitbürger der Familie deuteten all das als Zeichen, dass hier Luzifer Besitz ergriffen haben müsse von der jungen Seele.

Daran konnten auch die Diagnosen von mehreren Ärzten nicht rütteln, die der jungen Frau eine schwere Psychose testierten. 1975 waren die strenggläubigen Eltern der Frau, die unter epileptischen Anfällen litt, dann offenbar endgültig überzeugt: Ihre Tochter ist vom Teufel besessen.

Das Mädchen, erzählte ihre Familie damals, soll sich ins Gesicht geschlagen haben, bis es voller Hämatome war, soll den Kopf gegen die Wand geschlagen haben, bis Zähne splitterten. Zuletzt, schildern Zeugen, sei Anneliese deswegen nachts festgebunden worden, ihre Schreie sollen unerträglich gewesen sein.

Der Würzburger Bischof beauftragte zwei Geistliche mit dem Exorzismus. Die Austreibung wurde fotografiert, unbeirrbar traktierten die Priester die Frau mit Gesängen, Verhören, Gebeten und Kruzifixen. Man hörte angeblich die Dämonen schreien mit tiefen Stimmen, und manch ein Teufel habe nach dramatischem Ringen ausfahren müssen aus dem Körper der Gepeinigten. Doch am Ende seien es zu viele gewesen.

Ärzte bekamen Anneliese in diesen Wochen nicht mehr zu Gesicht. Nach monatelangem Kampf starb die junge Frau, sie war verhungert und verdurstet.

Ihre Eltern wurden wegen unterlassener Hilfeleistung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, doch auch das brachte religiöse Fanatiker nicht zur Vernunft. Der vom Vater initiierte "Freundeskreis Anneliese Michel" erreichte zwei Jahre nach der Bestattung der jungen Frau sogar eine Exhumierung. Ungläubigen wollte man beweisen, dass ihr Körper nicht verwest sei, was natürlich misslang.

Mehrmals im Jahr halten Busse vor der Privatkapelle und bringen Pilger aus ganz Europa. Die meinen allen Ernstes, der Teufel sei einst in dieser Idylle niedergefahren. Die Besucher halten Andacht im Gebetsraum; wenn die Sonne durchs Fenster scheint und helle Streifen auf ein Foto der Gequälten wirft, sei das, glauben einige, ein Gruß aus dem Jenseits.

Der US-Horrorfilm "Der Exorzismus von Emily Rose", der allein in den USA bereits rund 75 Millionen Dollar eingespielt hat und damit zu den erfolgreichsten Produktionen der vergangenen Monate zählt, verlegt die Ereignisse des Jahres 1976 ins Amerika von heute. Er erzählt die Geschichte in einer für das Genre einzigartig komplexen Struktur, mit vielen verschachtelten Rückblenden.

Dabei lässt "Emily Rose"-Autor und -Regisseur Scott Derrickson den Dämonen jedoch freien Lauf. Das Böse, vermittelt der Film, könne jederzeit mitten unter uns zuschlagen. Gerade diese These zieht Kinobesucher in den USA in Bann.

Die Titelheldin, gespielt von Jennifer Carpenter, ist eine Studentin, die eines Nachts die Gegenwart einer unbekannten Macht zu spüren meint, die ihr die Kehle zudrückt - fortan ringen Ärzte und Priester um das Heil der jungen Frau. Doch ob es um die Symptome einer schweren Psychose geht oder um eine Besessenheit, lässt der amerikanische Film letztlich offen.

Regisseur Hans-Christian Schmid hingegen hat mit "Requiem" alles andere als einen blutigen Schocker geschaffen. Der Stoff aus Unterfranken, dieser Teufelskreis aus Gläubigkeit, einflussreichen Nachbarn und Gehorsam gegenüber der Kirche, beschäftigt Schmid seit vielen Jahren. Das Familiendrama wird schon jetzt als deutscher Beitrag für die Berliner Filmfestspiele gehandelt.

Es habe ihn gereizt, etwas über eine fatale Familienkonstellation, über die Ängste und die nicht geglückte Ablösung einer schwerkranken jungen Frau von ihren Eltern zu erzählen, sagt Schmid.

Dass die Klingenberg-Pilger durch solche Aufklärungsversuche nachdenklich werden, bezweifelt man in der Weinstadt am Main. Zu verlockend scheint für manche Katholiken die Vorstellung, das Böse lauere täglich auf Opfer, und nur ständiges Gebet halte es in Schach. Wie eine frohe Botschaft leuchtet ihnen ein weißes Holzkreuz auf Annelieses Grab entgegen und lockt die Fans mit der Inschrift: "Es ist vollbracht."



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