AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2006

Literatur Der Leser als Komplize


Alphonse hat wirklich die Ruhe weg. Natürlich könne er helfen, versichert er dem misstrauischen Baron, der seine Frau beschatten lassen will. Dass ebendiese Dame ihn längst in der Gegenrichtung recherchieren lässt, braucht sein neuer Klient ja nicht zu erfahren. Doch kaum hat er angefangen, beide Eheleute gewinnbringend hinzuhalten, wird der Plan gleich mehrfach durchkreuzt: Italienische Ganoven möchten Alphonse seine stattlichen Honorare und dem kunstsammelnden Sohn des Barons ein teures Gemälde abjagen; dafür tritt das Kunststudenten-Pärchen Natascha und Charlie in Aktion - bis schließlich nahezu jeder den anderen belauert und auf einen schrecklichen, erlösenden Knall wartet.

Virtuos schürzt Gabriel Josipovici, 65, sein Knäuel komisch-krimineller Machenschaften. Fast ausschließlich in Dialogen treibt er die Geschichte voran; unweigerlich wird der neugierige Leser vom Zuschauer zum Komplizen - auf die Gefahr hin, selbst der Düpierte zu sein. Wie einst der Dadaist Walter Serner (1889 bis 1942) in Gaunerstückchen auf knappstem Raum taktische Dialoggefechte als Feuerwerk inszenieren konnte, so entfacht auch Josipovici, Brite mit jüdisch-levantinisch-russischem Hintergrund, ein Intrigenspiel aller gegen alle, dessen Sog sich niemand entziehen kann - und das sein Freund Gerd Haffmans nun in kongenial lakonisches Deutsch übertragen hat. Selbst der Showdown bewegt sich auf der Höhe des großen Vorbilds: Während in normalen Krimis die Rache des Gesetzes walten muss, reicht hier die fatale Nähe der Ganoven zueinander aus, so dass am Ende klar ist, wer wen ausmanövriert hat. Spätestens wenn auf der Vernissage einer Videokunst-Ausstellung urplötzlich die Beweisszene über den Bildschirm flimmert, hat dann auch der Leser begriffen, wie trickreich ihn Josipovici auf Abwege geführt hat - und wünscht sich, dass ein paar mehr deutsche Erzähler solch federleichte, wunderbar präzise Unterhaltungsprosa zustande brächten.


Gabriel Josipovici: "Nur ein Scherz". Aus dem Englischen von Gerd Haffmans. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main; 216 Seiten; 12,90 Euro.



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