AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2006

Autoren Strapazen der Rückkehr

Mehr als zehn Jahre nach dem Millionenseller "Der Vorleser" lässt Bernhard Schlink einen neuen Roman mit deutscher Thematik folgen: "Die Heimkehr".

Von Volker Hage


Er ist einer der erfolgreichsten und einer der vielseitigsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart: Bernhard Schlink, Autor mehrerer Krimis, eines Erzählungsbands und des in 37 Sprachen übersetzten Longsellers "Der Vorleser" (1995). Er ist zugleich Jurist und Universitätsprofessor und hat sich immer wieder zu höchst komplizierten Problemen von Recht und Gesellschaft geäußert.

Wie aktuell und vorausblickend seine Analysen sein können, davon kann sich überzeugen, wer dieser Tage die im vergangenen Jahr publizierte Sammlung von Vorträgen und Zeitungsbeiträgen zur Hand nimmt: "Vergewisserungen" - mit klugen Einlassungen zu Themen wie Blasphemie und Kunstfreiheit, Terrorismus und Luftsicherheit oder Heimat und Fremde*.

Wohl nicht zufällig dürfte am Anfang dieser Sammlung eine Rede über "Heimat als Utopie" stehen: über das verworrene Heimatgefühl eines Deutschen dieser Generation. Schlink, Jahrgang 1944 und Sohn aus protestantischem Pfarrhaus, zieht das Fazit: "Als Kinder der diskreditierten Nation waren wir mit besonderem Engagement Europäer oder Atlantiker und wollten am liebsten Weltbürger sein."

Was ist da von einem neuen Roman des Autors zu halten, der den Titel "Die Heimkehr" trägt**? Die Erwartung ist groß: Schlink ließ nach seinem "Vorleser" mehr als zehn Jahre auf ein Nachfolgewerk warten, publizierte zwischendrin Erzählungen ("Liebesfluchten", 2000) und schloss einen 1987 begonnenen Krimi-Zyklus um den Privatdetektiv Gerhard Selb mit dem Band "Selbs Mord" (2001) ab.

Nun also "Die Heimkehr". Die erste Variante des Themas findet sich gleich zu Beginn. Eine Rückkehr in die Kindheit: In der für Schlink typischen unaufgeregten, sachlichen Erzählweise erinnert sich sein Ich-Erzähler Peter Debauer, Jurist und Verlagslektor, an die Ferien in der Schweiz. Allein reiste der Knabe, der in der Nachkriegszeit ohne Vater aufwuchs, von Deutschland aus zu den Großeltern.

Viele Jahre später stößt Debauer nach einem Umzug auf die fragmentarische Druckvorlage eines Heftchenromans, die ihm einst die mittlerweile verstorbenen Großeltern (Herausgeber der Romanreihe) als Schmierpapier überlassen hatten: Darin fabuliert ein Unbekannter von der Heimkehr eines deutschen Soldaten.

Die Bruchstücke dieses Heftchenromans werden in Kursivschrift gleich mitgeliefert, was als Stilwechsel seinen Reiz hat - und Schlink erweist sich als leserfreundlicher Autor, indem er seinen Erzähler entdecken und aussprechen lässt, was schnell offenbar ist: Es handelt sich um eine reißerische Neufassung des berühmtesten Heimkehrer-Mythos, der "Odyssee" des Homer.

Debauer ist bald besessen von der Idee, den Autor ausfindig zu machen. Er begibt sich auf Recherche. Dabei lernt er eine Frau kennen und lieben, deren lange abwesender Mann dann aber doch unerwartet wieder auftaucht (noch eine Heimkehr). So verliert er vorerst seine Barbara und auch das Interesse an der weiteren Suche.

Eine andere Form von Heimkehr schiebt sich dazwischen: Die Mauer fällt, und Debauer streift 1989 fasziniert durch das verfallene graue Ost-Berlin, er spürt das verlorene Aroma der eigenen Kindheit wieder und hat das Gefühl, "dass ich durch Straßen meiner Vergangenheit ging". Nicht nur die spontane Bereitschaft des Juristen aus dem Westen, an der Humboldt-Universität Lehrveranstaltungen auszurichten, lassen die starke autobiografische Färbung vieler Romanelemente ahnen (Schlink hat heute dort einen Lehrstuhl inne).

Doch worauf soll das alles hinaus? Über die Hälfte des Romans ist auf diese mäandernde Weise durchaus unterhaltsam dahingeplätschert, als plötzlich aus der wieder aufgenommenen Suche nach einem Heftchenautor die nach dem eigenen Vater wird.

Alles findet eine Lösung: Der Vater, Johann Debauer, ist nicht nur mit dem gesuchten Heftchenschreiber identisch, er lebt in den USA und hat - als Schweizer, der Anhänger der Nazis war - einen neuen Namen angenommen: Als John de Baur ist er ein Vertreter des Dekonstruktivismus (Parallelen zur Vita des Belgiers Paul de Man sind offenkundig). Er versucht, sich seiner persönlichen Schuld zu entziehen.

Schlink schätzt gewagte Romankonstruktionen (schon "Der Vorleser" hatte einiges aufzubieten), hier aber überstrapaziert er das Konzept. Und es kommt noch doller: Als Debauer junior in die USA reist und sich inkognito in Vaters Seminar einschleicht, wird er Zeuge eines Menschenexperiments, das der Alte mit seinen Studenten veranstaltet, um ihre Verführbarkeit zu Gewalt und Verrat zu zeigen.

Mag sein, dass Schlink sich hier selbst einen Spaß erlauben und die eigene Geschichte ein wenig dekonstruieren wollte - wogegen freilich spricht, dass er seinem Helden ein veritables Happy End gönnt: eine letzte Heimkehr in diesem Roman, der sich zwar leicht und gut liest, aber am Ende doch zunehmend auseinanderfällt. Eine überzeugende Rückkehr des Romanciers Bernhard Schlink ist es nicht.


* Bernhard Schlink: "Vergewisserungen. Über Politik, Recht, Schreiben und Glauben". Diogenes Verlag, Zürich; 368 Seiten; 22,90 Euro.
** Bernhard Schlink: "Die Heimkehr". Diogenes Verlag, Zürich; 384 Seiten; 19,90 Euro.



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