AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2006

Literaturkritik Lichtjahre auseinander

Eine originelle Sammlung von Dichterporträts löst in der Zunft einen heftigen Positionsstreit über die Vermittlung von Literatur aus.

Von Volker Hage


Ein Buch macht Furore, sorgt für hektisches Für und Wider. Eine Seltenheit, ein Skandal: kein Enthüllungsroman, keine politische Streitschrift, sondern ein Buch über Literatur, über die deutschsprachige Literatur der vergangenen 60 Jahre. Die Debatten darüber spielen sich vornehmlich auf den Kulturseiten der Zeitungen ab, aber immerhin hat sich auch das Fernsehen schon eingemischt.

Literatur-Kritiker Weidermann: Alles eine Frage des Tons

Literatur-Kritiker Weidermann: Alles eine Frage des Tons

"Lichtjahre" heißt (ohne dass der Titel begründet würde) das Fleißwerk von mehr als 320 Seiten, in dem Volker Weidermann, Literaturredakteur und Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS"), behauptet, so der Untertitel, "Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute" vorzulegen*.

Weidermann, 36, wagt Meinungen, klare, kräftige Urteile. Nicht immer überraschend, nicht immer originell, oft genug anmaßend. Auf jeden Fall: Das Buch liest sich gut, was ihm selbst seine Gegner grummelnd bestätigen. Natürlich: Alles ist eine Frage des Tons, auch der Auswahl, der Vorlieben. Ohne Mut zur Lücke lässt sich so ein Buch nicht schreiben, der Begriff "Literaturgeschichte" freilich ist reiner Etikettenschwindel. Und jeder professionelle Leser wird "Lichtjahre" auch danach einschätzen, ob eigene Urteile eher bestätigt oder verworfen werden, ob die eigenen Lieblingsautoren vorkommen oder nicht.

Der Streit begann in Berlin. Mitte März hatte der Literaturkritiker Hubert Winkels als Redakteur des Deutschlandfunks Weidermann zu einer Diskussionsrunde eingeladen, die öffentlich im Literarischen Colloquium stattfand. Auf dem Podium saßen außerdem die Kritiker Christoph Bartmann und Ulrich Greiner.

An diese Veranstaltung, von der es einen Mitschnitt gibt, erinnert sich heute jeder der Beteiligten anders, vor allem an die Stimmung vorher und hinterher. Der Schriftsteller Maxim Biller, der bei Weidermann ausführlich und sehr freundlich vorkommt, ist immer noch der Meinung, dass hier drei ältere Kritiker sich komplottartig vorgenommen hatten, einen jüngeren Kollegen und sein Buch niederzumachen: "Es waren drei gegen einen. Das hat mir nicht gefallen." Er fand es "unhöflich" und nannte daher ("kühl überlegt") den Moderator Winkels nach der Veranstaltung ein "Arschloch" - einen etablierten Kritiker, den er im Übrigen, wie Biller betont, für einen "integeren Mann" hält, "der an das glaubt, was er macht".

Winkels bestreitet jede Absprache, jede Vorverurteilungsabsicht. Ausgangspunkt der Veranstaltung seien Neugier und Sympathie gewesen, die Kritik habe sich im Laufe des Gesprächs entwickelt. "Die Grundfrage war: Wie kriegen wir das charmant und höflich über die Runden?"

Dann nutzten, zwei Wochen später, zwei der in Berlin beteiligten Journalisten, die selbst vergangenes Jahr Bücher über Literatur publiziert haben, das Forum der "Zeit" zu einem Doppelauftritt: "Zeit"-Redakteur Greiner, 60 ("Leseverführer"), und Winkels, 50 ("Gute Zeichen"), legten noch einmal nach und bezogen Schulter an Schulter Stellung gegen Weidermanns Umgang mit der Dichtung.

Das Buch "Lichtjahre" verfehle das "Wesen der Literatur", da der Autor dem Biografismus verfalle, "indem er die Absonderlichkeiten der Lebensläufe abpflückt" (Greiner); es bemühe sich um "Stadionberichte aus dem literarischen Leben" (Winkels). Es wurde sogar eine grundsätzliche "Zweiteilung" der Literaturkritik ausgerufen: auf der einen Seite die "Emphatiker", die Literatur mit "Hunger nach Leben und Liebe" durchforsten, auf der anderen die "Gnostiker", die nur Lust (auf Literatur) bekommen, wenn sie begreifen, "was sie ergreift". Doch wer eigentlich möchte zu den Gnostikern zählen? Das ist ein unglücklich gewählter, eher abschreckender Begriff, der nach religiösem Furor und spätantikem Sektierertum riecht.

Stolz verkündete daraufhin das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen", Weidermanns Buch habe eine Kontroverse darüber ausgelöst, "wie biografisch, wie leidenschaftlich Literaturkritik heute sein darf" - und ließ den Kollegen von der Sonntags-Dependance gleich in eigener Sache Stellung nehmen.

Vergangene Woche wurde Weidermanns Buch ("das alle so aufregt") von Elke Heidenreich in ihrer ZDF-Sendung "Lesen!" denn auch als "subjektiver Spaziergang" mit Emphase gelobt: "so temperamentvoll, witzig und gescheit geschrieben, dass man nicht aufhört bis zur letzten Seite". Und der Gast der Sendung, kein Geringerer als Hellmuth Karasek, stimmte ein, lobte das Buch als "gutes Panorama der Nachkriegsliteratur".

Der Doyen der deutschen Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, 85, von Winkels zum Vater der Emphatiker ausgerufen, bestätigt gern und mit Nachdruck, auf dieser Seite zu stehen: "Es gab und gibt keinen Kritiker von einiger Qualität, der nicht Emphatiker wäre."

Oder ist mit Weidermanns Buch tatsächlich das Ende der seriösen Kritik eingeläutet? Schon vor 20 Jahren warnte Hans Magnus Enzensberger grundsätzlich: "Der literarische Journalist lebt von der Substanz, die der Kritiker ihm hinterlassen hat; wenn sie aufgezehrt ist, bleibt nur Gequassel übrig." Und der Schriftsteller Wolfgang Hilbig schrieb 1995 in einem Essay mit dem doppeldeutigen Titel "Abriss der Kritik" über den Literaturbetrieb: "Das einzige Engagement des Betriebs besteht darin, sich die letzten Reste an Aufmerksamkeit zu ergattern; die Mittel zu diesem Zweck werden immer beliebiger."

  • 1. Teil: Lichtjahre auseinander
  • 2. Teil


© DER SPIEGEL 15/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.