AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2006

Literatur Der Fall Jensen


Wie viel Nichtstun kann ein Mensch ertragen? Wie viel Außenwelt zerstört sein Innenleben? Und wer sind die Helden, wer die Versager unserer Gesellschaft? Fragen, die sich Herr Jensen stellt, nachdem er nach mehr als zehn Jahren seinen Aushilfsjob als Briefträger bei der Post verloren hat. Dabei hatte der junge Mann mehr als diese solide Arbeit gar nicht gewollt. Zwar ging er seinen ewig nörgelnden Eltern zuliebe kurzzeitig an die Uni, aber verwirrende Kursangebote und selbständige Belegung von Vorlesungen erschienen dem wenig kontaktfreudigen Herrn Jensen schnell als zu schwierig. Da warf er lieber fremden Leuten ihre Post in den Kasten und verbrachte seine freie Zeit mit Zeitunglesen, Fernsehen oder ziellosen Spaziergängen. Doch als Herr Jensen ohne gewohnten Lebensrahmen in seiner mit alten Kinderzimmermöbeln bestückten Bude hockt, beginnt er an sich und der Welt zu zweifeln. Vom Arbeitsamt wird er zu Kursen geschickt, die ihn "Fit for Gastro" machen sollen, doch weshalb soll er da hingehen? ("Warum wollen sie unbedingt mir eine Arbeit geben, obwohl es angeblich so wenig Arbeit gibt? Ich habe nicht darum gebeten.") Der in Leipzig geborene Schriftsteller Jakob Hein, 34 ("Formen menschlichen Zusammenlebens"), zeichnet in seinem jüngsten Roman "Herr Jensen steigt aus" das tragische, aber humorvoll verpackte Porträt eines Sonderlings. Eines Vereinsamenden, den Arbeitslosigkeit, Sozialpläne und die damit verbundenen Demütigungen beinahe um den Verstand bringen. Doch dann wird Jensen zum Widerständler. Er wirft seinen Fernseher aus dem Fenster, demonstriert allein auf der Straße, den Briefkasten schraubt er von der Wand, und zuletzt entfernt er auch sein Namensschild an der Wohnungstür. Herr Jensen torpediert eine Umgebung, in der er weder leben noch etwas leisten will. Und was macht der Leser? Der fragt sich, wer eigentlich die Helden, wer die Versager unserer Gesellschaft sind.



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