AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2006

Klima Fieberkurve der Nation

Detailliert wie nie zuvor hat ein Hamburger Supercomputer das künftige Klima Deutschlands errechnet. Fazit: Die Profiteure der Erwärmung leben im Norden.


Der Mai verspricht für Berlin wenig Gutes. Es wird viel regnen, über 20 Prozent mehr als normal. "Die Sonne macht sich rar", prophezeit die Meteorologin Daniela Jacob. Doch immerhin: Milde Westwinde bescheren den Hauptstädtern Temperaturen, die um 1,2 Grad Celsius über denen von heute liegen.

Tröstlich an diesen durchwachsenen Aussichten ist lediglich, dass viele Berliner sie gar nicht mehr erleben werden. Denn die Daten hat ein Superrechner am Deutschen Klimarechenzentrum in Hamburg ausgespuckt, und zwar für das Jahr 2050.

Mit einigen Handgriffen an Maus und Tastatur kann sich Daniela Jacob vom Max-Planck-Institut (MPI) für Meteorologie in Hamburg Temperatur-, Wind-, Niederschlags- oder Sonneneinstrahlungswerte aus der ganzen Republik auf den Bildschirm holen. "Und das für jede künftige Stunde bis ins Jahr 2100", wie die Forscherin ergänzt. Dafür hat der Supercomputer des Instituts in den vergangenen Monaten 432 Billiarden Rechenoperationen ausgeführt. "Ein normaler PC hätte dafür 70 Jahre gebraucht", sagt Jacob. Auf 42.000 Gigabyte Speicherplatz lagert nun in einem Uni-Gebäude im 15. Stock die klimatische Fieberkurve der Nation, und das in einer räumlichen Auflösung, die weltweit einzigartig ist.

Der Computer hat Deutschland dabei in zehn mal zehn Kilometer kleine Kästchen eingeteilt und für jedes dieser Quadrate das Klima berechnet. Der Datenschatz wird diesen Dienstag auf einer Konferenz des Umweltbundesamts in Dessau vorgestellt. Die Begehrlichkeiten, die das Konvolut aus Bits weckt, sind groß in der Forschergemeinde. Scharen von Hydrologen, Biologen, Energietechnikern, Medizinmeteorologen, Bauphysikern und Katastrophenschützern werden sich nun darüber beugen, um abzuschätzen, was der Klimawandel für Land und Leute bedeutet.

Ob es um die Frage geht, wo sich künftig Rotwein anbauen lässt, welche Häuser im Starkregen absaufen oder welche Chemiewerke aus Wassermangel vorübergehend schließen müssen. "Die Daten helfen uns, das Land möglichst gut auf das sich wandelnde Klima einzustellen", sagt Petra Mahrenholz vom Umweltbundesamt.

Der Trend des Computermodells namens Remo deckt sich mit früheren, weniger detailreichen Simulationen: Die Durchschnittstemperatur wird je nach Region, je nach Menge der ausgestoßenen Treibhausgase um bis zu vier oder sogar fünf Grad ansteigen. Im Sommer liegt das vor allem daran, dass sich das für warme Winde zuständige Azorenhoch weiter nach Nordosten ausdehnen wird.

Die Gesamtmenge des Niederschlags ändert sich kaum, doch fällt er künftig verstärkt im Winter. Die Sommer dagegen fallen deutlich trockener aus. "Das Wetter wird einfach extremer", so Jacob. Auch ist häufiger mit Hochwasser zu rechnen. Die jährliche Schadenssumme dieser Wetterkapriolen veranschlagen die Experten ab 2050 auf 27 Milliarden Euro.

DER SPIEGEL

"Überrascht hat uns aber besonders, wie unterschiedlich sich die globale Erwärmung in einzelnen Regionen auswirkt", sagt Jacob. So stünden dem Großteil des Ostens mediterrane Sommer bevor. Die ohnehin recht flache Elbe könne häufig unbeschiffbar sein. In der Region um Leipzig dagegen werde es deutlich feuchter.

Die Ursache vermuten die Klimaexperten darin, dass die Luftmassen aus einer etwas veränderten Richtung auf das Erzgebirge zuströmen. Hinzu kommen Aufwinde, die sich über verschiedenartigem Untergrund bilden - je nachdem, ob es sich um Wald- oder Ackerflächen handelt. "Eine Verkettung verschiedener Phänomene führt dazu, dass sich dann die Feuchtigkeit rund um Leipzig stärker abregnet als heute", so Jacob.

Erstaunt hat die Forscher auch die Region um Freiburg. Schon heute ist sie das Treibhaus der Nation, künftig wird sie sogar noch um mehr als drei Grad Celsius zulegen. Gleichzeitig wird es entgegen dem generellen Trend in der kalten Jahreszeit eher trockener. Dafür gehen die Niederschläge verstärkt an den Vogesen und an der Ostflanke des Schwarzwalds herunter.

Größter Verlierer des Klimawandels aber ist die Wintersportindustrie. Denn in den Alpen klettern die Temperaturen deutlich überproportional, teilweise um über fünf Grad bis ins Jahr 2100. Zwar wird es vielerorts, vor allem in den Ostalpen, mehr Niederschlag geben. Dem Skitourismus kommt das jedoch nicht zugute. Denn das Remo-Modell hat den Anteil des Niederschlags berechnet, der in Form von Schnee fallen wird, und der ist äußerst gering. "Für die Skilifte in Garmisch-Partenkirchen wird es eng", so Jacob.

Doch es gibt auch Profiteure des Wandels - hauptsächlich im Norden Deutschlands. Hamburger, Holsteiner und Mecklenburger dürfen sich auf deutlich mehr Schönwetterlagen im Sommer und auf steigende Temperaturen freuen. Gut sind die Aussichten besonders für die Hoteliers an der Ostsee: "Da wird es im Sommer drei Grad wärmer", so MPI-Forscherin Jacob.



© DER SPIEGEL 17/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.