AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2006

WM-Gespräch "Klinsmann sucht die Konfrontation"

Kapitän Michael Ballack, 29, über Stil und Ziel der deutschen Nationalmannschaft, seinen Wechsel nach London und einen bitteren Abschied vom FC Bayern


SPIEGEL: Herr Ballack, werden wir bei der Weltmeisterschaft eine Steigerung der EM 2004 erleben, ein Fest des schnellen Fußballs?

Nationalspieler Ballack: "Angriffe einleiten, nachrücken, Tore machen"
Wolfgang M. Weber

Nationalspieler Ballack: "Angriffe einleiten, nachrücken, Tore machen"

Ballack: Ich hoffe es, zumal die Südamerikaner dazukommen, in deren Temperament die ständige Bewegung liegt, die Dynamik. Dazu das Ungezwungene der Afrikaner, die einen anderen Bewegungsablauf haben und wendiger laufen. Aber bei Turnieren entstehen immer Trends, die vorher keiner ahnt, weil sich alle belauern und Neues sofort kopieren. Wichtig wird für jede Mannschaft sein, sich selbst richtig einzuschätzen und den Stil zu suchen, mit dem man die eigenen Möglichkeiten am besten ausschöpft.

SPIEGEL: Und wie sieht der Stil der Deutschen aus?

Ballack: Wir müssen jetzt, in der Vorbereitung, zusehen, dass wir schnell wieder dahin kommen, wo wir am Anfang waren.

SPIEGEL: Am Anfang der Ära Klinsmann?

Ballack: Ja, zu Beginn hat man gespürt, wie offensiv unsere Trainer denken. Das Spiel schnell in die gegnerische Hälfte verlagern, den Gegner schon an der Mittellinie attackieren - an dieser Art haben auch die Zuschauer gesehen, dass die Mannschaft ihren Stil verändern wollte.

SPIEGEL: War das nicht reiner Populismus in Spielen, in denen es um nichts ging - und wenn es wichtig wird, lässt auch Jürgen Klinsmann nicht anders spielen als Rudi Völler?

Ballack: Nein, Jürgen Klinsmann geht seinen Weg, er sucht die Konfrontation, auch mit der Mannschaft, ganz egal, was all die Experten sagen. Aber diese Entwicklung ist nicht leicht, das ist auch eine Frage von Klasse: Sehe ich immer sofort den freien Mitspieler? Brauche ich nach der Annahme zwei Sekunden, bevor ich den Ball weiterspiele? Viele in der Mannschaft haben Fortschritte gemacht, aber dann bekamen einige Probleme in ihren Clubs und spielten weniger oder gar nicht. Wir müssen zumindest von der Ausrichtung her wieder an die Anfänge anknüpfen. Mit dieser Aggressivität.

SPIEGEL: Schon die Verkündung des Spielerkaders wirkte wie ein Staatsakt, alles an dieser Weltmeisterschaft wird ungeheuer schwer und wichtig genommen. Kann das Turnier Ihnen eigentlich Spaß machen?

Ballack: Ich will guten und erfolgreichen Fußball spielen, und für das andere sind wir nicht zuständig. Andererseits hat man bald nur noch Situationen, in denen man kurz vor dem Ausscheiden steht. Von der zweiten Partie an kann das nächste Spiel immer das letzte sein. Es gibt einige wenige Mannschaften - Barcelona oder Chelsea, bei den Nationalteams Brasilien -, die sind so von sich überzeugt, dass sie wissen: Wenn der Einzelne mal nicht so gut spielt, hat er Nebenleute, die das schon irgendwie hinkriegen, ins Halbfinale zu kommen. Wir Deutschen haben dieses Gefühl im Moment nicht. Mit dieser Drucksituation geht jeder anders um.

SPIEGEL: Und Sie machen das, indem Sie abtauchen, wie Ihnen die Funktionäre von Bayern München vorwerfen?

Ballack: Nein, indem ich wichtige Tore schieße. Mein Vater hat mir immer den Tipp gegeben: Wenn du aufgeregt bist, dann lauf dich richtig warm, dann geht die Aufregung zurück. Ich will mich generell immer so gut vorbereiten, dass ich mir später keine Vorwürfe machen muss. Natürlich spürt man diese Wichtigkeit der Veranstaltung, diese riesige Verantwortung, die wir angeblich haben. Aber damit werden wir fertig, denn Spieler, die damit Probleme haben, die kommen auf dem Level der Nationalelf gar nicht erst an. In der Jugend habe ich mit vielen sehr guten Fußballern zusammengespielt. Als dann aber der Sprung in die Männermannschaft kam, hat ihnen etwas gefehlt.

SPIEGEL: Bayern-Manager Uli Hoeneß sagt, Sie fielen in der Nationalelf mehr auf, weil Sie dort schlechtere Mitspieler um sich hätten als in Ihren vier Jahren beim Deutschen Meister. Richtig?

Ballack: Nicht richtig. Mit der Aussage macht er ja all die Nationalspieler des FC Bayern schlecht. Richtig ist: Bayern hat eine gewachsene Mannschaft, in der es etwa für einen Bastian Schweinsteiger schwer ist, vorwärtszukommen, weil Alteingesessene wie Hasan Salihamidzic oder Mehmet Scholl ebenfalls sehr ambitioniert sind. Mit Bayern hatte ich außerdem wenige große Spiele, die etwas Bleibendes haben. Leider. Dazu muss man ins Halbfinale oder Finale der Champions League kommen, möglichst sogar gewinnen. Und richtig ist auch: Bei der Nationalmannschaft habe ich einen größeren Stellenwert, vielleicht aber auch mehr Vertrauen.

SPIEGEL: Sie haben für zunächst drei Jahre beim FC Chelsea unterschrieben. Nur wegen der Millionen des Eigners Roman Abramowitsch, sagen die Münchner. Auch falsch?

Ballack: Auch falsch. Mein Ziel ist es, die Champions League zu gewinnen. Es geht eben nicht immer nur ums Finanzielle. Bei anderen Stammspielern wurde diese Frage überhaupt nicht diskutiert. Zum Beispiel hat Willy Sagnol vor ein paar Monaten bei den Verhandlungen um eine Vertragsverlängerung öffentlich gesagt: "Willy will nicht mehr Geld, Willy will viel mehr Geld." Und keinen hat's gestört.

SPIEGEL: Sie sollen in London über zehn Millionen Euro brutto im Jahr verdienen.

Ballack: Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Information haben, aber ich wurde bisher gut bezahlt und werde künftig gut bezahlt werden. Der Punkt ist: Jeder Fußballer sehnt sich nach einer großartigen Mannschaft, nach Perspektiven, danach, sich mit den Besten zu messen.

SPIEGEL: Es gibt schon Ballack-Witze, kennen Sie den? Früher gab es das Fritz-Walter-Wetter, Nieselregen - was ist ein Ballack-Wetter?

Ballack: Weiß nicht.

SPIEGEL: Geldregen.

Ballack: Sehr lustig.

SPIEGEL: Hat Ihr neuer Trainer José Mourinho sich beim FC Bayern nach Ihnen erkundigt?

Ballack: Weiß ich nicht. Dann hätte er wahrscheinlich gehört: Der Ballack ist eigentlich völlig talentfrei, aber ein ganz guter Kopfballspieler.

SPIEGEL: Wie können Sie sich denn in London als Fußballer weiterentwickeln?

Ballack: In der Premier League wird völlig anders gespielt. Härter. Schneller. Und außerdem entwickelt man sich doch schon durch das neue Umfeld. Genau das wollte ich ja. Bei Bayern hätte ich gewusst, was ich habe. Andere sind vielleicht zu bequem und suchen die Herausforderung nicht. Mich reizt das.

  • 1. Teil: "Klinsmann sucht die Konfrontation"
  • 2. Teil


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