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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2006

Eine Meldung und ihre Geschichte: Der perfekte Experte

Von Ralf Hoppe

In 78 Sekunden zum TV-Star.

Beifall rauscht, Gelächter, Jubel, sie erkennen ihn, sein Foto war ja in allen Zeitungen, "talk of the town", schrägste Story Londons, und winkend stapft er bis zu der roten Bühnenmarkierung, genau wie der Regisseur es ihm erklärt hat, blinzelt in die Scheinwerfer, grient, ein schwerer schwarzer Mann, Schweißtröpfchen auf der stumpfen Nase, zwischen den Schneidezähnen eine Lücke.

Wenn seine Eltern ihn jetzt sehen könnten. Guy, we love you, rufen sie. In den vorderen Stuhlreihen sitzen hübsche Mädchen. Er wirft eine Kusshand, rum-bum-bum-bum, jetzt trampeln sie sogar mit den Füßen, kreischen.

Guy, we love you! Rum-bum-bum.

Gestern noch ein Arbeitsloser, und jetzt der Eröffnungsauftritt in "Friday Night", der beliebtesten Fernsehshow. Sie lieben ihn, ein Star ist er, Guy Goma, 36 Jahre alt, aus Brazzaville im Kongo, doch wie es dazu kam?

Er hat keine Ahnung.

Der Aufstieg des Guy Goma beginnt elf Tage zuvor, am 8. Mai, um 10.27 Uhr, beginnt im Erdgeschoss eines gläsernen Turms, im Westen von London, im Foyer der BBC. Guy hat sich als Buchhalter beworben. Er trägt sein bestes Hemd, hellblau, das graue Sakko hat er reinigen lassen. Er hat dem Pförtner seinen Namen genannt, Zettel ausgefüllt, jetzt wartet er.

Hier ist viel los, Guy staunt. Ständig schlägt die Schwingtür, schöne Frauen klackern durchs Foyer, eilige Männer mit Plastikausweisen um den Hals, Regisseure, Schauspieler - und übrigens steht zur selben Zeit ein unauffälliger Mann an der Rezeption, rotblonder Bart, der ebenfalls Guy heißt, Guy Kewney, Fachmann für Rechtsfragen im Internet. Es gab ein Gerichtsurteil an diesem Morgen, ein Streit in der Computer- und Musikindustrie; eine recht öde Sache, aber ein Thema fürs BBC-Frühstücksfernsehen, und Guy mit dem Bart ist jedenfalls als Experte geladen.

Um 10.28 Uhr kommt ein junger, atemloser Typ und fragt nach "Guy".

Aus der "tageszeitung"

Aus der "tageszeitung"

Das bin ich, sagt Guy Goma, der Guy ohne Bart.

Okay! Cool! Der junge Mann redet sehr schnell. Hey, toll. Nett, Sie kennenzulernen, bitte mitkommen - der Typ verfällt in Laufschritt. Es geht um Sekunden, okay?

Um Sekunden? Die Bewerbung liegt doch Monate zurück, aber Guy ist kein Spielverderber, er rennt mit. Mal ehrlich, die Briten sind doch alle irre.

Ein Fahrstuhl, ein Flur, ein kleiner Raum. Schnell pudern, sagt der junge Mann.

Pudern? Damit du nicht glänzt, Süßer, die Maskenbildnerin hat eine rauchige Stimme und ein Schminktäschchen am Gürtel und wutscht mit dem Pinsel über sein Gesicht.

Nicht glänzt?

Okay, und das Mikro stecke ich ans Revers, rasch bitte, okay? Der junge Mann fummelt an ihm, schon sitzt Guy im Sessel, schon stellt ihn eine blonde Karen Sowieso vor als Herausgeber der Technology-Website "Newswireless".

Wie? Moment. Guy erschrickt. Er zuckt, lächelt verzerrt. Seine Augenlider flattern. Er möchte was klarstellen, hier liegt ein Irrtum vor, aber anscheinend sind sie schon auf Sendung.

"Hallo und guten Morgen!"

Kamera. Auf ihn gerichtet. Rotes Licht. Blonde Frau starrt ihn an.

"Hat dieses heutige Urteil Sie erstaunt?"

Guy ist erstaunt, und wie. Aber er antwortet - er antwortet ausweichend, nichtssagend und irgendwie tapfer.

Die Moderatorin reagiert, als hätte sie gerade die faszinierendste Antwort der Welt bekommen. Nächste Frage: "Werden, mit Blick auf die Kosten, Ihrer Meinung nach mehr Leute online downloaden?"

Blick auf Kosten? Welche Kosten? Welche Leute?

Äh, hm, eigentlich, antwortet Guy, sieht man doch überall Leute, die irgendwas aus dem Internet downloaden. Aber ich denke, äh ... Es ist besser für die Entwicklung und, äh ... Und um Leute zu informieren, was sie wollen, und damit sie schneller kriegen, was sie wollen ...

Guy wird von Antwort zu Antwort sicherer. Nächste Frage: "Es scheint, die Musikindustrie macht Fortschritte, weil immer mehr Leute downloaden?"

Guy will gerade ansetzen, jetzt allerdings erfährt Karen, dass sie den Falschen erwischt haben. Der richtige Guy wartet noch im Foyer, und was er da auf den Fernsehern sieht, vor allem sein eingeblendeter Name, missfällt ihm. Im Studio sieht Karen plötzlich aus, als hätte sie was Verfaultes im Mund. "Vielen Dank, wir schalten um."

An den Rest kann sich Guy kaum erinnern. Derselbe junge Typ, jetzt betreten, geleitet ihn ins Foyer. Nach einer halben Stunde holt man ihn wieder ab, diesmal zum Vorstellungsgespräch, leider herrscht in seinem Kopf nur Leere.

Weil es anfangs hieß, er sei ein Taxifahrer, dauerte es ganze acht Tage, bis ihn die Rechercheure der "Sun" endlich fanden. Guy erzählte ihnen treulich seine Geschichte, erzählte sie auch "Daily Mail", "Daily Telegraph", den Radio- und Fernsehleuten von GMTV, ITN, Channel 4, CNN, Capital Radio, den Teams aus Japan und Neuseeland, er war der perfekte Experte, der ein für alle Mal bewies, worum es im Fernsehen geht: Jemand fragt, jemand antwortet, und das reicht. Die Krönung für Guy war die Einladung zu "Friday Night". Das Honorar betrug 100 Pfund.

Und so steht er jetzt auf der Bühne von Studio vier und wirft Kusshände und genießt den Applaus, genau 30 Sekunden lang. Guy, we love you. Sein Auftritt als Experte hatte allerdings 48 Sekunden länger gedauert. Vielleicht ist dies der Anfang des Vergessenwerdens.

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