AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2006

Polemik Brutstätten des Bekloppten

Weshalb sich das kleine Traktat "Bullshit" trotz vieler inhaltlicher Schwächen zum Welterfolg entwickelt.


Globaler Ruhm kommt gelegentlich auf eher deprimierende Weise daher. Harry G. Frankfurt, 77, verdankt die noch frischen Früchte seiner späten Bekanntheit purer ... ja, so isses nun mal: Scheiße.

Als emeritierter Philosophieprofessor an der US-Elite-Universität Princeton lebte und lehrte er bislang weitgehend verhaltensunauffällig vor sich hin - bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als sein Lektor auf die Idee kam, einen 20 Jahre alten Aufsatz von ihm hervorzukramen und als eigenständiges Buch neu zu veröffentlichen.

Eine Frechheit? Nein, "Bullshit". So heißt das Traktat das sich allein in den USA bereits mehr als 400.000-mal verkauft hat*. Es wurde in 15 Sprachen übersetzt und erscheint nun auch in China und Japan, Tschechien, Korea und Deutschland. Suhrkamp stößt mit aktuell über 70.000 verkauften Exemplaren bald in jene Sachbuchregionen vor, die sonst eher von Moppel-Ichs beziehungsweise Methusalem-Komplotten regiert werden.

So viel Bestseller dank analytischer Philosophie? Um es vorwegzunehmen: "Bullshit" hat mit Philosophie so viel zu tun wie jene Großdrucklektüre, die zu Muttertag stapelweise neben der Buchhandelskasse liegt. Das Bändchen wirkt in manchen Passagen, als hätte Frankfurt sich an einer Parodie probiert auf den eigenen Uni-Betrieb und dessen oft quarkigen Wissenschaftssprech, auch wenn der Professor selbst den Verdacht weit von sich weist.

Vielmehr habe er für einen Debattierzirkel seiner damaligen Fakultät in Yale einen Aufsatz verfassen sollen. "Ich entschied mich, über 'Bullshit' zu schreiben, weil ich merkte, dass ich und viele andere den Terminus regelmäßig benutzten, ohne genau zu wissen, was er eigentlich bedeutete", erinnert er sich heute.

Bullshit (zu Deutsch in etwa: Scheißdreck) ist bei Frankfurt mal Humbug, mal Angeberei, Manipulationsversuch und Effekthascherei, heiße Luft, viel Lärm um wenig bis nichts - kurz: ebenso unnötig wie omnipräsent. Bullshitter sind Dummschwätzer, Phrasenmäher, Wortdrechsler, Wichtigtuer, aber auch Hochstapler - Menschen eben, die etwas zu verkaufen haben: egal, ob Gemüseraspler oder Buch, dumme Idee, Krieg oder auch nur sich selbst.

Dem Bullshitter sei letztlich sogar die Wahrheit egal, glaubt Frankfurt - anders als dem Lügner, der sie doch wenigstens als Gegenentwurf braucht, also kennen muss. Deshalb auch sei Bullshit gefährlicher als die Lüge. Weil er so harmlos daherkommt. Weil er einlullt. Und weil er sich dabei global ausbreitet wie eine Epidemie.

Wenn einem im Homeshopping-Kanal irgendwelche Shogun-Messersets, Schönheitskapseln oder Autopolituren aus der Weltraumforschung angeboten werden - klar, Bullshit. Wenn "Bild" sich tagelang gemeinsam mit Hape Kerkeling in Reinkarnationsphantasien deliriert - Bullshit.

Und wenn bei ChristiansenIllnerMaischberger wieder ein halbes Dutzend Spitzenverdiener aus Politik und Wirtschaft rigoroses Gürtel-enger-schnallen fordert? Oder US-Präsident George W. Bush nach Gründen für einen Einmarsch im Irak sucht?

Bullshit ist überall, wo Menschen jemanden manipulieren, eine Wahl gewinnen oder ein Produkt verkaufen wollen. Insofern sind Regierungszentralen und PR-Firmen, Werbeagenturen, Talkshow-Studios und wohl auch Redaktionen wahre Brutstätten des Bekloppten geworden.

Geradezu unvermeidbar sei Bullshit dort, wo Menschen gezwungen würden, über Dinge zu sprechen, von denen sie keine Ahnung haben. A priori verdächtig: Politiker, Reklameprofis und Leitartikler.

Beliebte deutsche Bullshit-Floskeln: Synergieeffekte, Sozialverträglichkeit, Paradigmenwechsel, Lean Management. Am besten in Kombinationen wie: Wir fokussieren unseren Paradigmenwechsel jetzt auf den sozialverträglichen Personalabbau hin zu mehr Lean Management.

Der hiesige Bullshit-Bogen ist weit gespannt und reicht mittlerweile bis zu Integrationsfragebögen, neuem Nationalstolz oder der Beschimpfung gebärunlustiger Akademikerinnen. Bullshitter können über alles reden, nur selten über fünf Minuten. Denn dann drohen sie einzubrechen auf dem dünnen Eis ihrer mangelnden Sachkenntnis.

Dafür können sie gleichzeitig Bücher und Kolumnen schreiben, Talkshows besuchen oder moderieren und präpotent aus dem Erfahrungsschatz ihres ersten Lebens als Manager/Politiker/Journalist schöpfen. Es gibt viel zu viele jener von eigener Eitelkeit, einer hungrigen Medienmaschine oder beidem gejagten Nervensägen.

Wir sind von geltungssüchtigen, kamerageilen, größenwahnsinnigen Pointenprofis umzingelt. Von populistischen Abrissbirnen. Und wenn alles gesagt ist, nur womöglich noch nicht von allen, dann kommen aus der Tiefe des Raums ganz sicher Guido Westerwelle oder Lothar Späth angeschossen, Claudia Roth oder Dieter Wedel, Peter Sloterdijk oder wenigstens Hahne.

Neu ist das nicht wirklich. Und so lesen sich weite Strecken von "Bullshit" banal bis trivial. Frankfurt gab dem Phänomen aber ein Etikett.

Auch deshalb feierten die meisten Feuilletons das Werk einträchtig. Zum einen ist auf den Selbstgeißelungsmechanismus hiesiger Medien auch in diesem Fall Verlass. Zum anderen sind Steinewerfer im Glashaus Deutschland als Unterhaltungsfaktor dann erst recht willkommen, wenn die Große Koalition doch nur sämige Harmoniesauce über alles schüttet.

"Bullshit" aber ist weder eine "rabiate Ermahnung zur Sachlichkeit" ("Süddeutsche Zeitung"), noch ein "mustergültig klares Stück Begriffsexplikation" ("Tagesspiegel") oder gar "eine Art Gebrauchsanweisung für unsere geschwätzige Gegenwart" ("Die Zeit"). Geht's nicht mal eine Nummer kleiner? Das Buch ist selbst geschwätzig mit seinen bisweilen obskuren Querverweisen auf Augustinus, Wittgenstein und Eric Ambler.

Jean-Jacques Rousseau brauchte in seinem "Gesellschaftsvertrag" eine Buchseite für den Beweis, dass es kein Recht des Stärkeren geben kann. Frankfurt schafft es auf 80 Seiten nicht einmal im Ansatz, wenigstens eine Bullshit-Theorie zu entwickeln. Er gesteht sogar ein, dass Bullshit "manchmal sehr schwer" zu identifizieren sei. Und ist denn jeder Interessenvertreter automatisch ein Dummschwätzer? Müsste man gutes Benehmen oder Diplomatie in Frankfurts Welt nicht auch zum Bullshit zählen? Wäre das gerecht? Gibt es womöglich guten und bösen Scheiß?

Er habe "keine generell zuverlässigen Regeln der Erkenntnis" parat, sagt Frankfurt. Er ahnt, dass Bullshit auch gute Seiten haben muss, klärt das aber alles nicht auf. Und wenn man ihn jetzt fragt, wie der Gefahr wohl Einhalt geboten werden kann, dass die Welt von immer mehr Sprachmüll ... ja, hm ... zugeschissen wird, dann empfiehlt er: "Lacht sie aus, die Bullshitter, um sie zu blamieren! Antwortet ihnen mit schlichter Wahrheit, um ein besseres Beispiel zu geben!"

Äh, klar, okay. Das ist natürlich eine tolle Strategie. Und was ist jetzt gleich noch mal Wahrheit? Das wird in Frankfurts nächstem Buch geklärt, das "On truth" heißen soll. Er muss sich beeilen. Die ersten Trittbrettfahrer springen schon auf: Für Herbst hat der Hanser-Verlag das Buch eines Stanford-Professors angedroht mit dem Titel "Der Arschloch-Faktor".

Frankfurt hält nun Reden und tritt in Talkshows auf. Er ist, ob er will oder nicht, selbst im Bullshit-Business angekommen. Oder profaner: Er hat aus Scheiße Gold gemacht.

Dennoch: Gerade der Erfolg von "Bullshit" belegt, dass Bullshit kein Bullshit ist. Dass mit dem Minutenlektürchen ein Nerv getroffen wurde. Dass immer mehr Leuten das Dauerfeuer der allgegenwärtigen Desinformation auf die Nerven geht. Dass man sich mal einen Tag erhofft, an dem viele Dummschwätzer und Palaverprofis einfach mal den Rand halten.

Dass dann mal der eine oder andere murmelt: Sorry, aber davon hab ich keine Ahnung, dazu sag ich jetzt auch nichts. Und dass man damit vielleicht bei sich selbst anfangen sollte und kurzerhand mal mitten im Satz.



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