AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2006

Sekten Verdächtige Anregung

Scientologen nutzen die deutsche Bildungsmisere für ihre Zwecke: Sie locken lernschwache Schüler in eigene Nachhilfeschulen.

Von Guido Kleinhubbert


Der Werbezettel hing am Schwarzen Brett eines Essener Supermarkts und richtete sich an alle Eltern aus der Nachbarschaft. Ganz in der Nähe gebe es nun die "Alternative Schule", in der Lernen noch Spaß mache. "Genau richtig", dachte sich ein Vater, der nun aus schierer Angst seinen Namen nicht genannt wissen möchte. Er notierte sich die Telefonnummer der Schule und vereinbarte am gleichen Abend Nachhilfe für seine Tochter.

Scientology-Zentrale (in Hamburg): Intime Fragen (Archivbild)
Matthias Krug / DER SPIEGEL

Scientology-Zentrale (in Hamburg): Intime Fragen (Archivbild)

Anfangs schien es, als hätte er einen guten Fang gemacht mit der neuen Lehrerin. Doch dann stellte die mütterlich wirkende Frau intime Fragen nach Freunden und Familie, riet seiner gerade volljährigen Tochter zur "Lebensberatung" bei einem Kollegen und regte trotz guter Lernerfolge an, zukünftig nicht nur einmal, sondern dreimal pro Woche zu kommen. Dem Vater kam die Sache verdächtig vor. Ging es wirklich nur darum, Lese- und Rechtschreibschwächen auszubügeln?

Getrieben von aufkeimendem Misstrauen, rief er bei Sabine Riede von der Essener Beratungsstelle "Sekten-Info" an. Dort waren die Lehrerin und ihr Kollege schon bestens bekannt: als hochrangige Scientologen.

Sektenexperten in ganz Deutschland warnen derzeit davor, dass sich die weltumspannende Organisation verstärkt auf dem heimischen Bildungsmarkt versuche. Auch den Verfassungsschützern ist das Engagement aufgefallen: "Auffällig stark" baue Scientology auf die "Jugendarbeit", hieß es jüngst bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts 2005. Pädagogin Riede hat in den vergangenen Monaten von über 20 neuen Nachhilfeschulen erfahren, die von Scientologen betrieben werden, in Frankfurt, Hamburg, Stuttgart und anderswo.

Die Kunden solcher Nachhilfeschulen ahnen meist nicht, wem sie ihre Kinder anvertrauen. In Werbebroschüren sucht man das Wort "Scientology" in der Regel vergebens, allenfalls der Name L. Ron Hubbard taucht ab und zu auf: Für den Scientology-Gründer waren Kinder nichts anderes als "Erwachsene in kleinen Körpern".

Der Brief, der Mitte Januar den Lehrern der hessischen Stadt Butzbach ins Haus flatterte, wirkte unverfänglich. Darin wurde "recht herzlich" zur Eröffnung des "Lernhäuschens" eingeladen - einer Einrichtung, die von einem Scientologen-Ehepaar betrieben wird. Bei Kaffee und Kuchen könnten sich die Pädagogen ein Bild machen, wie im "Lernhäuschen" gearbeitet werde. Auf dem Schulhof des Gymnasiums verteilte das Paar Flyer: Wer sich schnell anmelde, bekomme zwei kostenlose Nachhilfestunden.

Aufgeschreckt von ähnlicher Werbung, verschickte das bayerische Kultusministerium Anfang April eine eilige Mitteilung an alle Schulleiter: Künftig sollten Eltern und Lehrer noch sorgfältiger prüfen, wer hinter Bildungsangeboten stecke. Wer seine Kinder in die Hände von Scientologen gebe, riskiere, dass ihnen "maschinenähnliche Verhaltensweisen" anerzogen würden.

Scientology-Sprecherin Sabine Weber reagiert empfindlich auf derlei Sätze: Seit Jahren werde "eine Unwahrheit nach der anderen" über Scientology verbreitet. Dabei sei es doch gut, dass Mitglieder der Organisation etwas für den Pisa-geplagten Bildungsstandort Deutschland täten. Die Argumentation zieht. Webers Gesinnungsbruder Dominique Bouyer, der das Butzbacher Lernhäuschen berät, spricht von "guter Resonanz": "Die Zahl der Schüler, die wir unterrichten, steigt an."

Tatsächlich produziert der harte Wettbewerb in der Wissensgesellschaft einen Run auf Lehrangebote. Schon jetzt büffelt jedes dritte deutsche Kind bei einem Nachhilfelehrer oder bei einer der etwa 3000 Nachhilfeschulen. Doch wer kontrolliert deren Qualität? Weil die Anbieter nicht der Schulaufsicht unterliegen, könne jeder eine gründen, klagt Werner Kinzinger, Geschäftsführer der Aktion Bildungsinformation mit Sitz in Stuttgart. Seit Jahren fordert er, eine Art Zertifikat einzuführen - bisher vergebens.



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