AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2006

Tagebücher "Auf den Zähnen gelaufen"

Der Fernsehkomiker Hape Kerkeling über seine Wanderung auf dem Jakobsweg, deutsche Mühen mit dem Humor und die neue Sehnsucht nach Form


SPIEGEL: Herr Kerkeling, was ist plötzlich in Sie gefahren? Hätte Ihnen als Herausforderung nicht auch die Strecke Düsseldorf-Köln genügt?

Kerkeling: Am Ende vielleicht schon - eigentlich ist es fast gleichgültig, wo man läuft. Aber dieser Jakobsweg existiert eben seit über tausend Jahren, und ich bilde mir ein, das hinterlässt Spuren, auch unsichtbare: Legenden und vieles mehr. Vor allem trifft man erstaunlich viele, die ebenso auf der Suche sind.

SPIEGEL: Wollten Sie auch körperlich in Bewegung kommen, wie Joschka Fischer das als "langen Lauf zu sich selbst" beschrieben hat?

Kerkeling: Nein, es ging mir wirklich um - ja: um die spirituelle Herausforderung. Nach dem Göttlichen bin ich schon lange auf der Suche. Als mir dann nach einer Gallenoperation und einem Hörsturz klar wurde, dass ich in so etwas wie einer Lebenskrise stecke, wollte ich meine Zweifel in einer Auszeit ins Reine bringen, um ganz banal zu mir und zu Gott zu finden.

SPIEGEL: Große Worte. War nicht auch Überdruss am Fernsehalltag und Ihrem Image als fröhlichem Spinner mit im Spiel?

Kerkeling: Nein. So oberflächlich es dort zugeht, so sehr mich mein Beruf häufig anödet, dafür liebe ich ihn doch zu sehr.

SPIEGEL: Schon vor über 13 Jahren haben Sie im SPIEGEL die Verflachung auf dem Bildschirm verflucht. Sehen Sie Ihre Schreckensvisionen von damals bestätigt?

Kerkeling: Allerdings. Im Fernsehen, ganz gleich, ob öffentlich-rechtlich oder privat, geht es um Quote und nur um Quote, da soll sich niemand was vormachen.

SPIEGEL: Will einer wie Sie da vielleicht endlich einmal Buße tun?

Kerkeling: Das nicht. Die Pilgerei sollte kein Gegenprogramm werden. Aber Abstand gewinnen wollte ich.

SPIEGEL: Reichlich spät und plötzlich, Ihr kurzzeitiger Ausstieg, oder?

Kerkeling: Keineswegs. Ich rede bloß erst jetzt über etwas, das ich schon seit etlichen Jahren tue. Zum Beispiel bin ich einmal zehn Tage Gast in einem umbrischen Franziskanerkloster gewesen, habe mit den Mönchen gebetet ...

SPIEGEL: ... und kein deutscher Sandalenbruder erinnerte sich an Ihren Bahn-Sketch "Klingelingeling, hier kommt der Eiermann"?

Kerkeling: (lacht) Nein! Ich habe ganz anonym meine Ruhe gehabt, und das ist sehr wichtig. Wenn ich in Deutschland erkannt werde, bereite ich Leuten unwillkürlich einen besonderen Moment; das stört mich auf die Dauer. Auch wenn die allermeisten sehr höflich und diskret sind: Ich kann die Begeisterung einfach nicht immer so teilen und will schon gar nicht dauernd der Knaller sein.

SPIEGEL: Stattdessen sind Sie nun mehrere hundert Kilometer in sengender Hitze marschiert ...

Kerkeling: ... und habe mich dabei am Anfang komplett übernommen. Die erste Etappe war gleich die schwierigste, es regnete in Strömen, und ich war völlig untrainiert. Klar, dass ich bald auf den Zähnen gelaufen bin. Um so mehr habe ich gestaunt, was der Wille oder der Geist zuwege bringt. Kondition ist nicht entscheidend, auf das Zielbewusstsein kommt es an. Ich habe jedenfalls tatsächlich keine Blase an den Füßen bekommen - erst hinterher, als ich mir am Ziel, in Santiago de Compostela, neue Schuhe leistete.

SPIEGEL: Ein Wunder, oder was?

Kerkeling: Ach, was Sie wollen. Ich habe jedenfalls schnell gemerkt, dass ich nicht nach irgendeiner göttlichen Instanz, sondern nach mir suchen muss. Historische Vorbilder waren mir egal. Mehr als das Jakobspilgerbuch der Schauspielerin Shirley MacLaine hatte ich nicht gelesen, mehr als ankommen wollte ich nicht.

SPIEGEL: Das ist Ihnen gelungen - auch weil Sie zuweilen den Bus nahmen und fast nie in den spartanischen Gratis-Herbergen nächtigten. Sind Sie ein Luxuspilger?

Kerkeling: Natürlich. Sechs Wochen wegfahren, schon das kann nicht jeder. Muffige Mannschaftsschlafsäle und Gemeinschaftsduschen finde ich seit früher Kindheit grauenvoll und erniedrigend, also habe ich mir, so oft es ging, ein Pensionszimmer genommen. Und nach wochenlangem Schwitzen in denselben, abends notdürftig gewaschenen Klamotten war ein neues Hemd schon wunderbar. Die komplette Askese ist mir nicht geglückt, zugegeben.

SPIEGEL: Hat das Pilgerdasein nicht auch etwas Urkomisches?

Kerkeling: Und wie! Ich betrachte sowieso alles mit neugierigem Humor, aber hier genügte es oft, einfach den Leuten am Nebentisch zuzuhören. Ich habe für das Buch wirklich nur ein paar Namen verfremdet.

SPIEGEL: Die anstrengendsten Typen, denen Sie unterwegs begegneten, waren Deutsche. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Kerkeling: Ich glaube, wir Deutschen können uns nicht ertragen, und das strahlen wir auch aus. Ich habe das mal ein paar Stunden lang an der Spanischen Treppe in Rom erlebt, wo alle ihr Erinnerungsfoto machen. Die Amerikaner stellen sich für alle sichtbar und rücksichtslos fröhlich hin. Die Franzosen sind locker, Japaner akkurat. Nur die Deutschen wollen eigentlich nicht gesehen werden - und werden gerade dadurch um so sichtbarer. Da nörgelt der Ehemann: "Hilde, nee, geh du weiter ... nee, so is nich schön. Nu komm, Hilde, stell dich jetzt bitte da ..." "Aber so seh ich doch die Kirche nich!" "Ja, aber komm, jetzt mach, die Leute kucken schon ..." und so weiter.

SPIEGEL: Und Ihre Erklärung?

Kerkeling: Der Perfektionismus erschlägt uns, und außerdem wirken wir sowieso kantig und tumb. Romanen finden uns schon deshalb zum Brüllen komisch, weil wir keine Körpersprache haben.

SPIEGEL: Aber eine Pilgertour ist doch etwas Besonderes. Gilt sie nicht wenigstens für die Gläubigen als witzfreier Raum?

Kerkeling: Im Gegenteil. Fast alle, die ich getroffen habe, waren sehr humorvoll. Man begegnet ja auch skurrilen Typen: Eine hört Stimmen, ein anderer provoziert grundlos. Eine Brasilianerin wollte mich insgeheim vom ersten Moment an heiraten und war erbittert, als sie endlich erfuhr, dass ich andere Neigungen habe.

SPIEGEL: Trotzdem: Als gigantischen Gag schildern Sie Ihre Auszeit nun wirklich nicht. Manchmal klingt Ihre Tagesbilanz richtig fromm. Ein Signal für das Ende der Spaßgesellschaft, die alles begrinst?

Kerkeling: Schwer zu sagen. Ich finde ja, die sogenannte Spaßgesellschaft war für Deutschland ein Segen. Die Humorkultur krampfte herum, seit man in der NS-Zeit alle kreativen, witzigen Köpfe vertrieben oder umgebracht hatte. Inzwischen herrscht einigermaßen Normalität und Offenheit.

SPIEGEL: Soll das heißen, Ihre RTL-Tanzshow "Let's Dance", bei der sich die ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide Simonis, so blamierte, stärkt die geistige Volksgesundheit?

Kerkeling: Unsinn. Aber vielleicht mal abgesehen von dieser Situation, wo ein Mensch durch die Berichterstattung nahezu beschädigt wurde, hat es mir Freude gemacht. Ich konnte Dinge in eine Form bringen. Das ist, finde ich, mein Beruf.

SPIEGEL: Wie bitte? Wenn Sie in der Bundespressekonferenz nach Plätzchen fragen oder als Reporter Horst Schlämmer vor laufender Kamera Politiker veralbern, brechen Sie da nicht alle gewohnten Formen?

Kerkeling: Sicher, ich hinterfrage sie, aber ich freue mich doch, dass sie da sind. Seit einiger Zeit scheint mir, dass wir nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt in der westlichen Welt wieder auf der Suche nach Form sind. Es ist alles aus den Fugen geraten. Wir mussten uns zum Beispiel als Kinder auf dem Schulhof noch in Reih und Glied aufstellen. Natürlich hassten wir diesen Zwang. Aber inzwischen weiß ich, er gab dem Schultag eine Form. Wenn so etwas freiwillig geht, wäre ich dafür. In meiner Tanzshow passierte genau das: Schrittmuster ohne Worte, Eleganz, die nur gelingt, wenn einer von beiden sich führen lässt. Gemeinsam bekommen wir es auf die Reihe, gemeinsam finden wir den Rhythmus: Das ist doch eine positive Botschaft, sicher unterhaltsam, aber eben nicht nur unterhaltsam.

SPIEGEL: Ist das Ihr Ernst - die Tanzshow als Schule des Lebens?

Kerkeling: Es klingt hochtrabend und banal zugleich, ich weiß. Aber so ist es mit vielen Sachen, nicht wahr?

Das Interview führten Johannes Saltzwedel und Martin Wolf

Hape Kerkeling: "Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg". Malik Verlag, München; 344 Seiten; 19,90 Euro. Erscheint am 22. Mai.



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