AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2006

Computer Glück aus Berechnung

Poker, das alte Zockerspiel, kommt zu neuem Ansehen - Computerforscher, Schachgroßmeister und Mathematiker entdecken seine strategischen Reize.

Von und


Chris "Jesus" Ferguson pflegt zu schweigen, wenn er am Pokertisch sitzt. Seine Gegner beachtet er nicht. Sie sehen von ihm nur den Cowboyhut, die langen Haare und die verspiegelte Brille. Der grimmige Kalifornier sieht ganz aus wie einer, der Falschspieler ungesäumt über den Haufen schießt.

Im Zivilleben ist Ferguson, 43, nicht so gefährlich. Er kann zwar eine Möhre spalten, heißt es, indem er eine Spielkarte nach ihr schleudert. Ansonsten aber schätzen ihn die Mitspieler als umgänglichen Mann, der nur leider meistens gewinnt.

Ferguson wurde nicht als Pokerprofi geboren. Vor ein paar Jahren noch war er Computerforscher. Sein Spezialgebiet: die Spieltheorie, ein aufstrebender Seitenzweig der Mathematik, der fast alles im Leben als ein Spiel um begehrte Güter erklärt. Nebenbei geht es da auch um die besten Strategien fürs Pokern.

Ferguson profitiert von seiner Vorbildung bis heute. Mehr als fünf Millionen Dollar hat er inzwischen an Gewinnen eingestrichen. Im Jahr 2000 wurde er in Las Vegas Pokerweltmeister.

Seither nimmt man den Sonderling ernst trotz seines Gebarens. Andere Spieler lauern unentwegt darauf, dass der Gegner sich verrät - ein Zittern der Hand, ein Zögern beim Erhöhen des Einsatzes. Ferguson aber interessiert sich nicht für Psychologie. Er beschäftigt sich wortlos mit seinen Karten, berechnet ihren Spielwert, kalkuliert die Chancen. Mit einem Wort: "Jesus" Ferguson pokert wie eine Maschine.

Wo die alten Zocker sich genüsslich in Nervenkriegen aufreiben, setzt der Mann der Wissenschaft auf Wahrscheinlichkeitstabellen und die Mathematik des optimalen Spiels. Damit wurde Ferguson zum bekanntesten Vertreter einer neuen Art des Pokerns: Moderne Kartenhaie spielen auffallend analytisch und effizient.

Kein Zufall, dass auch die Computer neuerdings immer besser mithalten am Kartentisch. Etliche Pokerprogramme versuchen, Fergusons rechenhafte Spielweise zu perfektionieren. Menschlichen Testgegnern haben sie bereits eine Menge Spielgeld abgeknöpft. Nur gegen Spitzenspieler kommen sie noch nicht an - eine Frage der Zeit, meinen ihre Schöpfer.

Hinter den Programmen stecken häufig Forscher, die dem Computer eine Art "Künstlicher Intelligenz" (KI) einhauchen wollen. Seit das Schach auf diesem Feld seinen Zauber verloren hat, ist das Pokern die neue Paradedisziplin. Heute regt es keinen mehr auf, dass der Großrechner Deep Blue einst den Schachweltmeister Kasparow schlagen konnte: Für Zahlenfresser ist Schach eben ein simples Spiel. Der Computer weiß von jeder Figur, wo sie steht und wohin sie ziehen kann. Der Rest ist Rechenarbeit.

Beim Pokern dagegen sieht der Computer nur die eigenen paar Karten. Und niemand sagt ihm, ob der Gegner gerade blufft oder wirklich ein gutes Blatt hat. Nicht umsonst begeisterte sich schon vor Jahrzehnten der Mathematiker John von Neumann, ein Pionier der Spieltheorie, für das Pokern. Es erschien ihm geradezu als ein Modell des Lebens: Ist nicht dieses wie jenes ein Spiel mit vielen Unbekannten? Der Mensch taktiert sich so durch seine Tage, wagt hie und da einen Bluff, und ständig muss er sich fragen, was der andere wohl denkt, das er selbst gerade denkt.

Die Spieltheorie will nun das Unwägbare kalkulierbar machen. Alles ist für sie ein Spiel: der Wettstreit zweier Firmen um Kunden, die Evolution der Feuerameisen oder auch die Versteigerung einer alten Pfeffermühle bei Ebay. Für alle Beteiligten gibt es eine optimale Strategie, die sich, so weit eben möglich, errechnen lässt.

Vor allem aber wirft die Spieltheorie ihre Resultate in Gestalt von Formeln aus, die auch Computer anwenden können. Daher die Hoffnung vieler Forscher, die Maschinen könnten vom Kartenspielen ein bisschen lebenstüchtiger werden.

In dieser Woche treten erstmals die besten Pokerprogramme im offenen Wettstreit gegeneinander an. Der Schauplatz ist die Jahreskonferenz der amerikanischen KI-Forscher in Boston. Als Favorit gilt eine Zockmaschine namens GS2. In den ersten Probepartien trumpfte sie schon vehement auf: Zwei der stärksten Computergegner mussten sich ihr geschlagen geben.

Das Programm kommt von der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh. Es beruht komplett auf der Spieltheorie. Bislang bekamen die Computer meist von Hand das Wissen der Meisterzocker eingetrichtert: für jede Art von Problem die beste bekannte Lösung. Das Verfahren ist mühselig und stößt bald an Grenzen. GS2 dagegen hat von den geläufigen Tricks keine Ahnung. "Unser Programm kennt nur die schlichten Pokerregeln", sagt Tuomas Sandholm, einer der Entwickler. Die Höhen und Tiefen der realen Partien bestreitet GS2 mit reiner Mathematik.

Wie aber kommt eine Maschine auf die Idee, zu bluffen?

Auch das ergibt sich aus dem Kalkül der Spieltheorie. Wie Täuschung wirkt, lässt sich in Zahlen ausdrücken: Wer fleißig blufft, zwingt den Gegner, häufiger mitzuhalten. Das aber erhöht wiederum den Gewinn des Bluffers, sobald er richtig gute Karten hat.

  • 1. Teil: Glück aus Berechnung
  • 2. Teil


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