Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2006

Zeitgeist: Das Ende einer Welt

Von

Die letzte Sendung von "Top of the Pops" markiert das Ende des Musikfernsehens. Auch die Spartenkanäle MTV und Viva haben ihre großen Zeiten hinter sich. Die Avantgarde der Jugendkultur ist weitergezogen, ins Internet, und erzieht dort völlig neue Konsumenten.

Das Finale war lieblos, aber angemessen. Nach über 42 Jahren lief am vorvergangenen Sonntag die letzte Ausgabe von "Top of the Pops" auf BBC. Nicht als glanzvoller Schlussreigen, sondern als Zombie-Parade abgetakelter Moderatoren. Silberhaarige Jupp-Derwall-Figuren standen in Reihe, zwischen Trockeneisnebel und bonbonfarbenen Luftballons, und rissen Witzchen über früher.

MTV-Moderatorin Anastasia Zampounidis, Gast Marilyn Manson: Das Leben - ein Clip
MTV

MTV-Moderatorin Anastasia Zampounidis, Gast Marilyn Manson: Das Leben - ein Clip

Ein Gruftie-Alptraum: Sie trugen Raumschiffanzüge aus Gold, die wohl die "wilde Zeit" der Sechziger und Siebziger repräsentieren sollten. Pop der Methusalem-Gesellschaft.

Die Verantwortlichen hatten sich nichts einfallen lassen, ganz so, als ob sie sich gar nicht anstrengen wollten, irgendetwas zu beschönigen. Die Sendung plätscherte dahin, sogar die im Studio anwesenden Zuschauer verließen den Raum vorzeitig, so dass am Ende der zum "Sir" erhobene erste Ansager, Jimmy Savile, den Spuk im fast leeren Haus beendete.

Eine Waterkant-Parade wie "Lachen & Stimmung aus 'Lüders Krug'" hätte sicher mehr Glamour aufgeboten. Hier aber war das Ende einer Welt zu besichtigen, und keiner schaute hin. "Top of the Pops" war mehr als ein britischer Klassiker.

Es war einst der Gold-Standard der globalen TV-Pop-Kultur, und die letzte ausgestrahlte Episode darf auch als Ende des Musikfernsehens alter Schule gelten. Es war eine im Kern unschuldige Welt.

Ab sofort gibt es, was die Glotze angeht, nur noch Revival-Shows für verblödete Alt-Hippies, den ganzen Weißt-du-noch-Jammer hoch und runter.

Ansonsten: Myriaden von interessanten, kreativen, jugendlichen Guerilla-Musikern im World Wide Web. Eine lebenslange Liebesgeschichte ist an ihr Ende gekommen: die zwischen Fernsehen und Popkultur.

Die Rüstigeren unter den Babyboomer-Rentnern können sich noch erinnern, wie cool das einst begonnen hatte, am Neujahrstag 1964 in einer ehemaligen Kirche in Salford, einem Stadtteil von Manchester. Den Anfang machten die Rolling Stones mit "I Wanna Be Your Man", es folgten Dusty Springfield, die Hollies und zum Ausklang ein Einspieler der Beatles. Alles in einer einzigen Episode. Alles in Schwarzweiß.

Heute ist alles Pop, alles Trash. Damals dagegen waren "Top of the Pops" oder der in Deutschland bald nachfolgende "Beat-Club" mit der unvergleichlichen Uschi Nerke Inseln im ernsten Alltag, waren ironisches Spiel in unironischen Zeiten.

Sie waren Ereignisse, zu denen man sich im globalen Dorf um ein einziges Lagerfeuer verabredete, um Elvis zu bestaunen oder Mick Jagger.

Keine zehn Jahre später, mit der Ankunft von David Bowie als glitzerndem "Starman", hatte Pop gesellschaftlich gesiegt.

Neil Tennant, Sänger der Pet Shop Boys, damals nicht mal 20, erinnert sich: "Nach Bowies Auftritt bei 'Top of the Pops' war im Land die Hölle los. So eine wilde Kreativität hatte man noch nie gesehen."

Damals in den Siebzigern sahen sich jeden Donnerstag bis zu 15 Millionen Menschen "Top of the Pops" an, und Moderator John Peel sagte Dinge wie: "Wenn dieser Song nicht Nummer eins wird, komme ich persönlich vorbei und lasse in Ihrer Küche einen fahren."

Parallel entwickelten sich die ersten kleinen Musikfilme. Da war bereits 1967 der Surrealismus der Beatles im legendären "Strawberry Fields Forever"-Clip oder das sarkastische Knast-Filmchen der Rolling Stones für "We Love You". Doch zur großen Kunstform, zum Massenphänomen wurde dies erst mit MTV, dem 1981 gestarteten Spartenkanal, der Videos Nonstop zeigte.

Im Prinzip waren "Top of the Pops" und andere Chart-Shows schon damals stehend k. o. Mit den visuellen Reizen von Clips konnten TV-Auftritte nicht mithalten. Selbst als Authentizitätszitate waren sie kaum noch brauchbar, denn überwiegend wurde Playback benutzt.

Mit MTV hatte Pop als Industrie gesiegt, weltweit. MTV war der erste eigene TV-Kanal der Jugendkultur, und er funktionierte. Die Einführung der Compact Disc (CD) hatte mehrere Generationen von Musikfans veranlasst, ihre schwarzen Vinyl-Plattensammlungen auf den Dachboden zu tragen und sich das gleiche Set noch einmal in CD-Form zuzulegen.

Videos waren ein neues Marketing-Instrument - und eine zeitgemäße Art, Geld zu verschwenden. Der Musiksender wurde zum Mediator globaler Pop-Phantasien.

Das Leben - ein Clip. So wie Madonnas Video zu "Material Girl", in dem sie als Monroe-Kopie eine Showtreppe heruntertanzt, oder "Take on Me", in dem Morten Harket, Sänger von a-ha, zur Zeichentrickfigur wird. Lauter triviale Eskapismen, lauter große Träume.

Der erste Video-Blockbuster, ein Ereignis von Tokio bis Teufelsbrück, war Michael Jacksons "Thriller", ein 13 Minuten langes, etwa eine Million Dollar teures Werk eines offensichtlich Größenwahnsinnigen, das der Hollywood-Regisseur John Landis inszenierte.

Es gab sogar amerikanische TV-Serien, die wie ein einziger langer Clip aussahen, so wie "Miami Vice" mit all den gutgebräunten schönen Menschen in Sportwagen, vor cremefarbenen Häusern.

Zu den jungen Pionieren der Bildkunst im Video-Universum zählte der Brite Peter Gabriel. Die überschäumenden Spielereien seines legendären "Sledgehammer"-Clips laufen noch heute. Und der Markt wuchs, Pop war Mainstream, Pop kannte nur Zuwächse. Die Erwachsenen blieben ihm treu, die Kinder stießen hinzu.

MySpace-Site (mit Robbie Williams): Das Warten verlernt

MySpace-Site (mit Robbie Williams): Das Warten verlernt

In Deutschland erlebte die Musik-TV-Branche besonders durch den Start des MTV-Konkurrenzsenders Viva Ende 1993 ihre größte Blüte, und innerhalb des Senders schien es fast anarchisch zuzugehen. Der Stab der Moderationsschreiber bestand aus Haudegen der untergegangenen Hard-Rock-Szene, jungen Stubenhockern und pickligen Jungs, die gerade das Abitur geknickt hatten. Was geschrieben wurde, wurde auch gesendet. Die Texte liefen über den Teleprompter, und junge Wilde wie Nils Bokelberg, Stefan Raab oder Heike Makatsch lasen sie ab.

Das eigentliche Ereignis blieb jedoch immer der Musikclip, auch in den neunziger Jahren, und je mehr Wirbel der Clip verursachte, um so gefragter wurden seine Regisseure. Phantasievolle Clip-Macher wie Spike Jonze oder Chris Cunningham waren berühmter als manche ihrer Klienten. Selbst die Zuarbeiter führten sich nun auf wie Superstars. Regisseur Nigel Dick, der für Guns N' Roses und Britney Spears tätig war, erinnert sich: "Eines Tages schickte mir jemand, der nur für das Makeup zuständig war, eine Liste der Flugzeugtypen, mit denen er nicht fliegen würde, die Sorte von Mietwagen, die zur Verfügung zu stehen hätten, sowie die akzeptable Größe von Hotelzimmern."

Das Ende kam dann jäh: Mit den Umsatzeinbrüchen der Musikindustrie im neuen Jahrtausend war für teure Video-Produktionen kein Geld mehr vorhanden, doch MTV hatte längst diversifiziert und war zum ganz normalen Programmkanal geworden.

Heute erreicht der Sender knapp 500 Millionen Haushalte, ist also längst ein sogenannter Global Player mit Filialen in nahezu allen nichtfundamentalistischen Ländern. Die einstigen Spartensender der Popkultur haben mittlerweile die Celebrity- und Klatschprogramme der Eltern kopiert. Die Kids sind ihren kindisch gebliebenen Eltern ähnlich geworden. Es wimmelt vor Frauke Ludowigs in den Kinderzimmern, ob sie nun Sarah Kuttner heißen oder Roger Willemsen, die letzte Woche auf MTV aufgeregt miteinander über Penisschmuck plapperten.

Die Kreativen der Musikbranche? Sie sind in der Zwischenzeit nicht ausgestorben, sondern einfach weitergezogen. Wer heute nach den neuen Videos von Franz Ferdinand, Prince oder 50 Cent sucht, findet sie zuverlässig im Internet, bei YouTube.com, Yahoo, AOL oder den Webseiten der Künstler. "Video Killed the Radio Star" hieß die erste Nummer, die vor 25 Jahren bei MTV lief. Das ist Geschichte. Ab sofort gilt: "Internet Killed the Video Star."

Die Musik spielt im Internet, während MTV überwiegend auf Klatsch setzt und auf musikfremde Formate wie "Pimp My Ride", in denen schrottreife Autos zu fahrenden Entertainment-Units aufgemöbelt werden.

Statt sündhaft teurer Videos präsentieren Mariah Carey oder Robbie Williams in Shows wie "Cribs" lieber ganz exklusiv ihre Zweit- und Drittwohnsitze. Also unbenutzte Edelstahlküchen, mit goldenen Platten tapezierte Fitnesskeller, gewaltige Wohnzimmer mit ebenso überdimensionalen Flachbildfernsehern und die Geländewagensammlung in den lagerhallengroßen Garagen. Dafür geht es in Dauerbrenner-Kuppel-Shows wie "DisMissed" wieder um Grundsätzliches: Junge sucht Mädchen oder umgekehrt. Die Essenz aller großen Popsongs eben - nur ohne Musik.

Das klassische Musikfernsehen ist am Ende. Die neuen technischen Möglichkeiten haben den neuen Konsumenten geformt. Der harrt nicht vor dem Fernseher aus, sondern klickt sich sein Lieblings-Video im Internet an und lädt es auf seinen iPod. Der neue Konsument ist ein Mensch, der das Warten verlernt hat. Er stellt sich seine eigenen "Top of the Pops" zusammen.

Auch die grassierende Celebrity-Sucht lässt sich im Internet besser befriedigen als irgendwo sonst. Bei MySpace.com, diesem wilden Mix aus virtuellem schwarzem Brett und Kontakthof, kann sich jeder als Star inszenieren, kann Gedichte, Lieder, Fotos, Clips und Grübeleien zum Lauf der Welt oder zu Orgasmusproblemen zum Besten geben.

Nicht Sex oder Reichtum ist schließlich Sehnsuchtsziel in der Teenagerkultur, sondern Ruhm. Der Wunsch, wahrgenommen zu werden. Wer nicht berühmt wird, hat in dieser hysterisierten Mediengesellschaft sein Leben verfehlt.

Und auch andersherum stimmt es: Berühmtheit kann noch das verpfuschteste Leben adeln. Über zwei Jahre hinweg hat das globale Teenagerpublikum auf MTV einst das bizarre Treiben der skurrilen Sippe des betagten Hard-Rock-Stars Ozzy Osbourne verfolgt, vom Toilettengang bis zu den Drogenproblemen des Juniors.

Der Impuls ist geblieben, doch die technische Revolution hat eine neue Stufe gezündet und die Chancen vervielfältigt. Mit einer am Computer angeschlossenen Web-Cam hat jeder die Chance auf Popularität, auf die eigene "Reality-Show".

Bei MySpace sammelt man "Freunde" wie Bonuspunkte an der Tankstelle. Mit 5000 Freunden ist man schon ziemlich weit, also relativ berühmt. Ein Filmchen, die Biografie, die Vorlieben, die eigenen Freunde, die eigenen "Stars" - schon ist man eingerichtet im Netz. Das kann jeder schaffen.

Jeder ist Produzent seiner eigenen Show, und das hat Auswirkungen auf die Musikbranche. Und was für welche.

Die junge Britin Lily Allen, Lieferantin des lässigen UK-Sommerhits "Smile", hat ihren Ruhm einem kecken MySpace-Auftritt zu verdanken. Dort philosophierte sie in ihrem Online-Tagebuch über Jungs, Sex und London.

Eigene Songs verschenkte sie. Geschadet hat das nicht: Ihr Debütalbum "Alright, Still" landete in Großbritannien direkt auf dem zweiten Platz der Charts.

Musikvideo mit Paris Hilton bei Google Video: Globaler Talentschuppen

Musikvideo mit Paris Hilton bei Google Video: Globaler Talentschuppen

Wie ein PR-Märchen klingt auch die Erfolgsgeschichte der 24-jährigen Londoner Singer/Songwriterin Sandi Thom. Weil sie sich angeblich eine Konzertreise durchs Land nicht leisten konnte, installierte sie stattdessen eine Web-Cam im Keller ihrer Wohnung, spielte als Ersatz drei Wochen lang für Online-Zuschauer.

Der Legende nach wuchs die Zahl ihrer Zuschauer von 70 bis zu angeblich 70 000.

Fest steht, dass sie am Ende mit einem Plattenvertrag dastand und ihre erste Single "I Wish I Was a Punk Rocker (with Flowers in My Hair)" an die Spitze der britischen Hitparade schoss.Erstaunliche Erfolgsgeschichten einer lädierten Industrie. Das Internet wird zunehmend zum globalen Talentschuppen. Dank preiswerter Technik können heute Amateure aus Hildesheim Platten aufnehmen, die so gewaltig wie die von Pink Floyd klingen, sogar Video-Clips lassen sich preiswert selbst produzieren.

Und so können auch zwei Internet-verliebte Popspinner wie Gnarls Barkley mit ihrer Nummer "Crazy" für mehr Furore sorgen als eine neue Single von Madonna oder Janet Jackson.So ist die Popmusik wieder dort angelangt, wo sie traditionell hingehört: in den Schlafzimmern und Garagen von aufgekratzten Teenagern. So aufregend muss es sich in den frühen Tagen von "Top of the Pops" angefühlt haben.

Auch die Veteranen haben die Zeichen der Zeit begriffen. Kim Wilde, die blonde Sirene der Achtziger, die in der letzten "Top of the Pops"-Show noch einmal zu sehen war, veröffentlicht demnächst eine neue Single. Das Video hatte letzte Woche Weltpremiere. Nicht auf MTV, sondern auf Yahoo.

Musikfernsehen ist tot. Es lebe das Netz. Und die Wiedergeburt des Pop, in Computerprogrammen und Garagen und Chatrooms und Nischen. Eine Welt ist untergegangen. Eine neue entsteht.

Diesen Artikel...

© DER SPIEGEL 32/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: