AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2006

Erziehung "Disziplin ist das Tor zum Glück"

Der Pädagoge Bernhard Bueb, ehemaliger Schulleiter des Elite-Internats Schloss Salem, über Furcht als Mittel der Erziehung, die Rechtfertigung von Haschisch-Urinkontrollen und seine Rezepte für Deutschlands Zukunft.

Von und Katja Thimm


SPIEGEL: Herr Bueb, Sie haben zum Ende Ihres Berufslebens eine Streitschrift voller Provokationen verfasst*: "Der Bildungsnotstand in Deutschland ist die Folge eines Erziehungsnotstandes", schreiben Sie. Meinen Sie, Deutschland hätte beim Pisa-Test besser abgeschnitten, wenn die Kinder besser erzogen wären?

Bernhard Bueb: "Kultur setzt Sekundärtugenden voraus"
DPA

Bernhard Bueb: "Kultur setzt Sekundärtugenden voraus"

Bueb: Ja. Wir sprechen in Deutschland zu viel von Bildung und viel zu wenig von Erziehung. Was führt einen Menschen denn zu schulischem oder akademischem Erfolg? Es ist sein Selbstwertgefühl: dass er an sich glaubt, dass er wer ist. Und das ist eine Folge von richtiger Erziehung.

SPIEGEL: Was müssten die Inhalte dieser Erziehung sein?

Bueb: Die großen Werte unserer Gesellschaft: Gerechtigkeit, Freiheit, Wahrheit. Aber auch die Sekundärtugenden wie Gehorsam, Pünktlichkeit und Ordnungssinn. Für sich genommen sind sie keine Werte, aber sie helfen uns, Gerechtigkeit, Freiheit und Wahrheit zu erlangen. Trotzdem werden sie in unserem Land abgelehnt oder sogar diffamiert.

SPIEGEL: In Erinnerung geblieben ist vor allem Oskar Lafontaine. Weil der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt zum Nato-Doppelbeschluss stand, verurteilte Lafontaine dessen "Pflichtgefühl, Berechenbarkeit und Standhaftigkeit" als Tugenden, mit denen man auch ein KZ betreiben könne.

Bueb: Eine unselige Äußerung! Natürlich setzt unsere Kultur Sekundärtugenden voraus. Sie sind nicht per se gut oder schlecht; sie werden erst salonfähig durch den Zweck, dem sie dienen. Wenn diszipliniertes Üben dazu führt, dass jemand gut Klavier spielen lernt, ist Disziplin sehr wertvoll. Dennoch würden viele Deutsche auch heute Oskar Lafontaine recht geben.

SPIEGEL: Wäre das in anderen Ländern anders?

Bueb: Durchaus. Wir sind seit dem Nationalsozialismus eine beschädigte Nation. Die Sekundärtugenden standen damals im Dienst einer unmenschlichen Idee. Die Studentenbewegung 1968 hat diesen Missbrauch angeklagt und mit ihrer Kritik gleich alles in Frage gestellt: Die Sekundärtugenden kamen grundsätzlich in Verruf. Erstaunlicherweise hat das Bürgertum die linke Abwertung dieser Tugenden übernommen.

SPIEGEL: Ist das wirklich von Schaden?

Bueb: Der Schaden ist immens, wenn Sekundärtugenden nichts mehr gelten. Wir haben uns aufgrund unserer Geschichte in der Pädagogik mehr und mehr zu Gärtnern entwickelt: Wir lassen unsere Kinder behutsam aufwachsen und korrigieren ihren Wuchs allenfalls sachte. Doch die Methode des Gärtners birgt immer die Gefahr, dass er gar nicht mehr erzieht. Dieser Zustand ist eingetreten. Wir brauchen deshalb eine Pädagogik anderen Zuschnitts. Wir müssen uns am Bild des Töpfers orientieren: Wir brauchen Pädagogen, die formen und klare Konturen vorgeben.

SPIEGEL: Auch das Töpfern birgt Gefahren: In der NS-Zeit waren, um in Ihrem Bild zu bleiben, vor allem die Töpfer am Werk.

Bueb: Deshalb ist der Stil des Töpfers trotzdem legitim. Erziehung ist zu allen Zeiten eine Gratwanderung. Jeder Vater, jede Mutter, jeder Lehrer muss stets von neuem die Mitte suchen. Abhängig vom Zeitgeist überwiegt mal der autoritäre Erziehungsstil, mal das Laisser-faire.

SPIEGEL: In Ihrem Buch argumentieren Sie mit einem sprachlichen Bild von Thomas Mann: Wie der Schiffer, der sich nach rechts beugt, wenn das Boot nach links driftet, müsse die Pädagogik immer wieder gegensteuern, um Kurs zu halten. Warum fährt sie nicht einfach geradeaus?

Bueb: Das ist zwar eine schöne Vorstellung, doch wir Menschen finden die Mitte oft nur mit Mühe und durch Erproben der Extreme. Sigmund Freud musste die Sexualität überbetonen, um ihre totale Verdrängung zu korrigieren. In der Pädagogik haben wir uns in Deutschland auf der Gratwanderung zwischen Disziplin und Liebe fast 40 Jahre lang zu sehr der Liebe zugeneigt. Wir mussten einsehen, dass Liebe allein nicht genügt. Nun müssen wir uns wieder der Disziplin zuwenden.

SPIEGEL: Und wo bleibt dann, was Sie Liebe nennen?

Bueb: Das Hauptmotiv eines Pädagogen muss Liebe zu Kindern sein. Sie verwandelt seine Macht in legitime Autorität.

SPIEGEL: Bei zu viel Disziplin bleibt die Liebe unweigerlich auf der Strecke.

Bueb: Das habe ich auch lange geglaubt. Und ich habe Liebe in der Erziehung lange für wichtiger gehalten als Disziplin. Mein Buch speist sich ja auch aus dem Leid des immer wieder gescheiterten Vaters und Pädagogen: Ich war ein Gläubiger der Idee, dass man Kindern das Höchstmaß an Selbstbestimmung zutrauen sollte - in einer möglichst demokratischen Umgebung ohne Hierarchie. Die Erfahrung hat mich eines Besseren belehrt, und ich musste mich mühsam von diesen Träumen befreien. In meinen Salemer Jahren habe ich dann mehr und mehr die Disziplin als Rückgrat der Erziehung entdeckt.

SPIEGEL: Werden Kinder durch Disziplin denn zu glücklichen Menschen?

Rütli-Hauptschule (in Berlin-Neukölln): "Der lange Arm Hitlers hindert uns daran, Disziplin einzufordern"
AP

Rütli-Hauptschule (in Berlin-Neukölln): "Der lange Arm Hitlers hindert uns daran, Disziplin einzufordern"

Bueb: Disziplin ist das Tor zum Glück der Anstrengung und des Gelingens. Jeder, der etwa ein Fußballspiel gewinnt, eine Sonate fehlerfrei spielt oder einen Berg besteigt, kennt dieses Gefühl. Zudem kann Disziplin bei orientierungslosen Kindern, von denen es heute so viele gibt, heilend wirken. Denn oft finden sie nicht durch Einsicht zum richtigen Weg. Ich selbst habe einen Schüler einmal vor die Wahl gestellt: Entweder du fliegst, oder du gehst ein Jahr lang in ein sehr strenges englisches Internat. Er hat sich für England entschieden; heute studiert er erfolgreich und lebensfroh. Er brauchte Krücken und Geländer zum Festhalten: Regeln und Verbote. Er war ein verlorenes Kind und wurde durch strenge Disziplin geheilt.

SPIEGEL: Warum haben Sie ihm in Salem nicht die Krücken und Geländer geboten, die er brauchte?

Bueb: Weil auch Salem an unserer beschädigten Erziehungskultur leidet. Wir konnten dem Jungen nicht die strenge Umgebung geben, die er brauchte. Leider würde niemand in Deutschland eine Schule akzeptieren, die so rigide geführt ist wie ein britisches Internat. Der lange Arm Hitlers hindert uns noch immer daran, Disziplin selbstverständlich einzufordern. Doch die Zukunft Deutschlands hängt von der Rückkehr zur Disziplin ab.

SPIEGEL: Sie reden einer erzkonservativen Programmatik das Wort. Man könnte auch sagen: Die Zukunft Deutschlands hängt von Kreativität oder Solidarität ab.

Bueb: Kreativität und Solidarität setzen Disziplin voraus. Um im Unterricht kreativ arbeiten zu können, müssen Schüler Ordnungssinn mitbringen, sich konzentrieren können und sorgfältig arbeiten. Und sie müssen Gehorsam und Autorität anerkennen. Daran mangelt es in Deutschland: Lehrer und Eltern sind viel zu sehr damit beschäftigt, Ruhe und Ordnung herzustellen, ihre Würde zu bewahren und für einen respektvollen Ton zu sorgen. Die kreative Arbeit mit Kindern kommt viel zu kurz, weil die meisten Kinder ihre Lehrer und Eltern als Animateure sehen, die vor allem eines liefern sollen: Spaß.

SPIEGEL: Dennoch passt Ihr Ruf nach den alten Werten offenbar in die Zeit: Jugendliche besuchen Knigge-Kurse; Feuilletonisten beschwören Patriotismus; die Zahl der Hochzeiten nimmt zu; in einigen Bundesländern bekommen Schüler wieder Kopfnoten für Betragen. Reicht Ihnen das nicht?

Bueb: Nein. Uns Erwachsenen fehlt ein Konsens darüber, wie man Kinder erzieht. Jeder macht es so, wie er persönlich es für richtig hält. Die meisten erziehen möglichst konfliktfrei. In den fünfziger Jahren hieß der Konsens: Erwachsene üben Kindern gegenüber Macht aus. Heute werden Eltern schief angeguckt, die ihre Autorität geltend machen. Also erfüllt man vor lauter Peinlichkeit dem Kind seine Wünsche, wenn es sich schreiend im Supermarkt wälzt. Für meine Eltern wäre das der Anfang der Anarchie gewesen.

SPIEGEL: Dieser Fünfziger-Jahre-Konsens ist uns doch heute sehr fremd.

Bueb: Mir ist er in gewisser Weise sehr fremd und doch vertraut. Natürlich hat er fragwürdige Seiten: Nicht mehr zulässig erscheint mir das schematische Erziehen. In meiner Jugend haben Eltern und Lehrer das Kind selten als Individuum gesehen. Einige haben niemals ein Auge zugedrückt oder eine Ausnahme gemacht. Sie glaubten, nur dann ihre Autorität wahren zu können. Doch heute ist das Gegenteil der Fall: Wir werden beliebig, weil wir immerzu Ausnahmen machen.

  • 1. Teil: "Disziplin ist das Tor zum Glück"
  • 2. Teil


Forum - Schulerziehung - zurück zur harten Disziplin?
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Seite 1
Noodles, 13.09.2006
1. Na klar doch....
Wenn die Zeiten härter werden, braucht es mehr Gehorsam. Der Plebs hat schließlich zu funktionieren, ansonsten funktioniert bald gar nichts mehr. ---Zitat von sysop--- Der ehemalige Leiter des Elite-Internats Schloss Salem fordert von der Pädagogik eine Rückkehr zur Disziplin-orientierten Erziehung. ......... ---Zitatende--- Wenn die Haifische Menschen wären "Wenn die Haifische Menschen wären, fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, "wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?" "Sicher", sagte er. "Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische gewaltige Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch Tierzeug. Sie würden dafür sorgen, dass die Kästen immer frisches Wasser hätten, und sie würden überhaupt allerhand sanitärische Maßnahmen treffen, wenn z.B. ein Fischlein sich die Flosse verletzten würde, dann würde ihm sogleich ein Verband gemacht, damit es den Haifischen nicht wegstürbe vor der Zeit. Damit die Fischlein nicht trübsinnig würde, gäbe es ab und zu große Wasserfeste; denn lustige Fischlein schmecken besser als trübsinnige. Es gäbe natürlich auch Schulen in den großen Kästen. In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der Haifische schwimmt. Sie würden z.B. Geographie brauchen, damit sie die großen Haifische, die faul irgendwo rumliegen, finden könnten. Die Hauptsache wäre natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein. Sie würden unterrichtet werden, dass es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freiwillig aufopfert, und sie alle an die Haifische glauben müßten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen. Man würde den Fischlein beibringen, dass diese Zukunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten. Vor allen niedrigen, materialistischen, egoistischen und marxistischen Neigungen müßten sich die Fischlein hüten, und es sofort melden, wenn eines von ihnen solche Neigungen verriete. Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie natürlich auch untereinander Kriege führen, um fremde Fischkästen und fremde Fischlein zu erobern. Die Kriege würden sie von ihren eigenen Fischlein führen lassen. Sie würden die Fischlein lehren, dass zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein riesiger Unterschied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, sich bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und könnten einander daher unmöglich verstehen.Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in anderer Sprache schweigende Fischlein, tötete, würde sie Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen. Wenn die Haifische Menschen wären, gäbe es bei ihnen natürlich auch eine Kunst. Es gäbe schöne Bilder, auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre Rachen als reine Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln läßt, dargestellt wären. Die Theater auf dem Meeresgrund würden zeigen, wie heldenmütige Fischlein begeistert in die Haifischrachen schwimmen, und die Musik wäre so schön, dass die Fischlein unter ihren Klängen, die Kapelle voran, träumerisch, und in der allerangenehmste Gedanken eingelullt, in die Haifischrachen strömten. Auch eine Religion gäbe es ja, wenn die Haifische Menschen wären. Sie würde lehren, dass die Fischlein erst im Bauche der Haifische richtig zu leben begännen. Übrigens würde es auch aufhören, dass alle Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind. Einige von ihnen würden Ämter bekommen und über die anderen gesetzt werden. Die ein wenig größeren dürften sogar die kleineren fressen. Dies wäre für die Haifische nur angenehm, da sie dann selber öfter größere Brocken zu fressen bekämen. Und die größeren, Posten innehabenden Fischlein würden für die Ordnung unter denn Fischlein sorgen, Lehrer, Offiziere, Ingenieure im Kastenbau werden. Kurz, es gäbe erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären." Bertolt Brecht
Arnd Hinze, 13.09.2006
2. Ja natürlich.
Ja, wir brauchen mehr Strenge. Mehr Strenge ist mir allemal lieber als daß meine Kinder auf dem Schulhof zusammengeschlagen (oder Schlimmeres) werden. Diese Forderung nach mehr "Strenge" ist allerdings reichlich wage, vielleicht weil sich der Autor nicht traut, die Konsequenzen beim Namen zu nennen? Grüsse, Arnd Hinze
SIBO, 13.09.2006
3.
Und als nächstes führen wir die Prügelstrafe wieder ein, damit auch ja keiner auf die Idee kommt sich eine eigene Meinung zu bilden, bzw. noch schlimmer, diese auch kundzutun. Armes Deutschland! LG Silke
dayo, 13.09.2006
4. ohje
"..deutschland hätte beim pisa-test besser abgeschnitten,wenn die kinder besser erzogen wären?" quatsch-deutschland hätte beim pisa-test besser abgeschnitten,wenn es keine privatfernsehsender gäbe!
waitzschrat, 13.09.2006
5.
---Zitat von sysop--- Der ehemalige Leiter des Elite-Internats Schloss Salem fordert von der Pädagogik eine Rückkehr zur Disziplin-orientierten Erziehung. Scharfe Leistungskontrollen, Wertevermittlung, Hierarchie und Strenge propagiert er als Weg aus der Pisa-Krise. Der richtige Weg? ---Zitatende--- JA. Er hat auf der ganzen Linie Recht.
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