AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2006

Zeitgeschichte: Ins rechte Licht gerückt

Von Georg Bönisch

Walter Frentz war der Leibfotograf Adolf Hitlers. Eine neue Biografie zeigt auch unbekannte Fotos des Diktators.

An seinem 34. Geburtstag durfte Kameramann Walter Frentz an der Festtafel direkt neben ihm sitzen, seinem Idol "A. H.", dem Diktator. Und stolz hielt er 1941 fest, in welcher Reihenfolge die Spitzen des Staates ihm gratulierten: "1. Der Führer - 2. Feldmarschall Keitel - 3. Reichsminister Dr. Todt - 4. General Jodl ...".

Dabei war Walter Frentz eigentlich - und offiziell - nur ein kleines Licht, den allermeisten Menschen unbekannt, quasi "eine Leerstelle in den Personenregistern des Dritten Reiches", wie der Potsdamer Filmhistoriker Matthias Struch urteilt.

Mal führten ihn die Akten als Oberleutnant der Luftwaffe, mal als Untersturmführer der SS, Dienstränge, die gewöhnlich wenig zu suchen hatten im Zentrum der Macht.

Doch Frentz spielte eine besondere Rolle in der Entourage Hitlers. Über Jahre hinweg galt er als begnadeter Kameramann, der den "Führer" in der "Wochenschau" vor Millionen ins rechte Licht rückte und deshalb "an der Inszenierung nationalsozialistischer Ideologie maßgeblich beteiligt" war (Struch). Oder der mit der damaligen Starregisseurin Leni Riefenstahl schwülstige Propagandafilme drehte, etwa "Olympia" und "Triumph des Willens".

Der gebürtige Heilbronner, Jahrgang 1907, arbeitete aber auch im engsten Sinne als Leibfotograf Hitlers, im Hauptquartier, auf Reisen, auf dem Berghof.

Wo der Führer war, war Frentz, doch die meisten Fotos, die er schoss, Tausende und vor allem in Farbe, waren nicht für eine Veröffentlichung gedacht. Viele blieben deshalb bis heute unbekannt; in dieser Woche werden etliche von ihnen, im Rahmen einer Frentz-Biografie, erstmals publiziert*.

Der enge Freund von Rüstungsminister Albert Speer fotografierte auch "Wunderwaffen" wie die "V2" und jene, die sie produzieren mussten - Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.

Aber nirgendwo auf den Bildern tauchte ein gebrechlicher, geschundener Mensch auf. Mit SS-Chef Heinrich Himmler war Frentz im weißrussischen Minsk - und wurde dort Zeuge eines Massakers an Juden und vermeintlichen Partisanen.

Ob er die Gräueltaten filmte, ist umstritten. Beweismaterial gibt es jedenfalls nicht. Nur ein Farbdia will er gemacht haben, das auf Weisung des Hitler-Adjutanten Rudolf Schmundt vernichtet worden sei, so Frentz; an Schmundts Befehl, darüber nie zu reden, hielt er sich bis in die siebziger Jahre.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Walter Frentz unbehelligt als Filmer, auch mal für das Bonner Bundeslandwirtschaftsministerium. Er trat als Zeitzeuge auf, hielt Vorträge und verkaufte in der Hitler-Ära entstandene Farbporträts, etwa an den Bildhauer Arno Breker oder den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny, einen treuen Gefolgsmann Hitlers, der es sich in der Obhut des spanischen Franco-Regimes gutgehen ließ.

Frentz, der im Juli 2004 starb, war zwar kein Mitglied der Hitler-Partei, aber bis zum Schluss wollte er, wie viele seiner Generation, kaum das eigene Tun reflektieren.

"Mein Vater", sagt sein Sohn Hanns-Peter Frentz, habe "seine NS-Vergangenheit wie in einen Kokon eingesponnen". Er sei wohl nicht klargekommen damit, in der Zeit "größter beruflicher Erfolge einem Massenmörder gedient zu haben".

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