AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2006

Sexualität: "Es ist einfach Schicksal"

Von Bruno Schrep

Bilder mit sexuellen Phantasien überschwemmen zwanghaft sein Hirn: Ralf P. ist pädophil, kämpft gegen seine verhängnisvolle Neigung. Für Männer wie ihn gibt es jetzt Hilfe.

Als sich das Mädchen, sommerlich leicht bekleidet, auf den Platz direkt ihm gegenüber setzt, ihn auch noch freundlich anlächelt, reagiert Ralf P. hektisch. Sein Herz beginnt zu rasen, sein Atem geht schnell und stoßweise. Schweiß bricht ihm aus.

Er versucht wegzugucken, schafft es aber nicht. Starrt das Mädchen an, minutenlang. Steht abrupt auf. Steigt an der nächsten Haltestelle aus dem Bus - obwohl er sein Ziel längst noch nicht erreicht hat. Eine Stunde läuft P. ziellos durch die Stadt, er ist ein Mann auf der Flucht vor sich selbst.

Situationen wie diese erlebt Ralf P. immer wieder. Im Restaurant. Auf einer Kaufhausrolltreppe. Im Aufzug. Mitten im Supermarkt. Und jedes Mal fragt er sich hinterher: "Warum ich? Verdammt noch mal, warum gerade ich?"

Die Mädchen, die ihn in heillose Aufregung versetzen, ihn alles um sich herum vergessen lassen, sind jung, viel zu jung: zehn, elf, höchstens zwölf Jahre alt.

Ralf P. ist pädophil.

"Ich hasse meine Neigung", stößt er hervor, "ich finde sie zum Kotzen." Und, nach einer kleinen Pause: "Aber ich hab nie ein Kind missbraucht."

Der untersetzte Mittfünfziger, dunkelblond, mit grauen Schläfen, sitzt in einem Raum der Berliner Charité. Ein unauffälliger, umgänglicher Mann mit Allerweltsgesicht. Besondere Kennzeichen: keine.

Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Fragebogen. Ralf P. bemüht sich, wahrheitsgemäß auf Fragen zu antworten, die ihm lästig und peinlich sind: "Wie alt sind Ihre Sexualpartner in Ihrer Phantasie?" "Wie bezeichnen Sie sich selbst in sexueller Hinsicht? Als normal? Als pervers?" "Woran denken Sie, wenn Sie onanieren?"

"Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld" heißt das Forschungsprojekt am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin, an dem Ralf P. teilnimmt. Hinter dem komplizierten Titel verbirgt sich ein ehrgeiziges Ziel: Pädophile Männer sollen dazu gebracht werden, ihre auf kleine Jungen oder kleine Mädchen fixierten sexuellen Wünsche niemals auszuleben.

Auf Plakaten und in Werbespots ("lieben sie kinder mehr, als ihnen lieb ist?") werden betroffene Männer aufgefordert, sich zu melden: "Es gibt Hilfe. Kostenlos und unter Schweigepflicht."

Der Appell richtet sich an eine große Minderheit: Etwa ein Prozent aller Männer zwischen 18 und 70 Jahren gelten nach Hochrechnungen der Sexualwissenschaftler und Schätzungen internationaler Medizingremien als pädophil. Das sind allein in Deutschland rund 290.000 - fast ebenso viele, wie an Parkinson erkrankt sind.

Das Charité-Projekt soll Existenzen retten: Kaum ein Delikt löst mehr Abscheu aus als Kindesmissbrauch, führt für die Täter so schnell zur Vernichtung des Rufes und der Reputation. Und kaum ein Delikt hat für die Opfer so verheerende Folgen.

Längst überwunden geglaubte Kindheitserlebnisse lösen oft noch Jahre später Misstrauen und Angst gegenüber Partnern aus, können zu Impotenz, zu Frigidität führen. Häufig sind die Opfer als Erwachsene unfähig, eine sexuelle Bindung einzugehen.

Die Zahlen sind erschreckend. Jedes Jahr registriert die Polizei in Deutschland rund 14.000 Missbrauchsfälle, die Dunkelziffer liegt weit höher. 8,6 Prozent aller Mädchen und 2,8 Prozent aller Jungen werden nach repräsentativen Erhebungen zu Opfern sexueller Übergriffe.

In die Schlagzeilen geraten meist nur aufsehenerregende Morde, etwa acht im Jahr. Oder gruselige Entführungen wie die der taffen Wienerin Natascha Kampusch oder der 14-jährigen Deutschen Stephanie Rudolph. Doch das sind Ausnahmen. Die meisten Taten werden nie angezeigt.

Den Männern, die an dem Projekt in Berlin-Mitte teilnehmen, wird viel abverlangt. In dem alten Backsteinbau der Charité, in dem Robert Koch vor 124 Jahren den Tuberkulose-Erreger entdeckte, ist nämlich vor allem eines gefragt: Offenheit.

Menschen, die ein Leben lang ihre sexuellen Vorlieben geheim gehalten haben, vor den Eltern, den Geschwistern, den Kollegen, manchmal auch vor der eigenen Ehefrau, müssen sich in der Gruppentherapie erstmals vor anderen bekennen: "Ja, ich bin ein Pädophiler."

"Das ist für alle ein Alptraum", berichtet der Psychologe und Projektkoordinator Christoph Joseph Ahlers, der zwei der Therapiegruppen leitet. Der Sexualmediziner, hochgewachsen, distanziert freundlich, weiß aus vielen Gesprächen, dass betroffene Männer ihre Neigung am liebsten vor der Welt und vor sich selbst verbergen würden. Er weiß aber auch, dass ohne Selbsterkenntnis nichts geht: "Nur wenn ich akzeptiere, dass etwas zu mir gehört, kann ich es zuverlässig kontrollieren."

Und um Kontrolle geht es. Die Therapie kreist um die zentrale Frage: Was tun, wenn es mich überkommt?

Viele Antworten sind einfach, jedenfalls in der Theorie: In solchen Momenten keinen Alkohol trinken, keine Drogen nehmen, jede Enthemmung vermeiden. Sich Kindern nicht nähern, Bitten um Schulaufgabenhilfe oder Gefälligkeitsautofahrten strikt ablehnen. Keine Pornos gucken.

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