AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2006

SPIEGEL-Gespräch "Für mich gibt es keine Rückkehr"

Gerhard Schröder über seine Kanzlerschaft, seine Gegner, die Fehler der Großen Koalition und sein Leben als Privatmann


SPIEGEL: Herr Altkanzler oder Herr Schröder? Wie spricht man Sie am besten an?

Schröder: Ich sehe die Sache so: Man ist vorher Schulze, Müller oder Maier oder eben Schröder. Dann ist man Bundeskanzler. Danach ist man aber wieder Schulze, Maier oder eben Schröder. "Herr Altbundeskanzler" passt vielleicht für andere, aber nicht für mich. "Herr Bundeskanzler" ist wohl protokollarisch korrekt, aber das führt zu Verwechslungen, die ja auch nicht schön sind.

SPIEGEL: Also: Herr Schröder, wie geht es Ihnen?

Schröder: Mir geht es sehr gut. Ich nehme an, dass der Hintergrund Ihrer Frage ist, ob das seit der Amtsabgabe immer so war. Da muss ich sagen: Es war nicht immer so. Die ersten Monate sind schwierig gewesen. Man muss verarbeiten, was war.

SPIEGEL: Gab es auch so etwas wie Entzugserscheinungen nach dem Verlust der Macht?

Schröder: Ich hatte sehr schnell etwas zu tun. Hilfreich war auch, dass das, was ich getan habe, nicht außerhalb der Kritik stand, wie man weiß.

SPIEGEL: Das heißt, die Sucht besteht auch darin, kritisiert zu werden?

Schröder: Ich musste etwas richtigstellen oder richtigstellen lassen. Ich hatte also genug zu tun. Das war auch einer der Gründe, warum ich manchen Rat sehr bewusst nicht befolgt habe, mehr Distanz zwischen Aufhören und Neuanfang zu lassen.

SPIEGEL: Um das Vakuum nicht zu groß werden zu lassen?

Schröder: Das Bild, das in diesen Ratschlägen gepflegt wird, ist das Bild eines wirklich alten ehemaligen Kanzlers und nicht das Bild eines 62-Jährigen, der sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, und das nicht zu knapp. Wer ein solches Berufsleben gelebt hat, kann nicht einfach zu Hause sitzen.

SPIEGEL: Ist man dann depressionsgefährdet?

Schröder: Halt! Ob "man" depressionsgefährdet ist, kann ich nicht sagen. Ich war es zu keinem Zeitpunkt. Ich möchte aber nicht, dass der Eindruck entsteht, ich hätte nicht bedauert, die Wahl – kann man eigentlich sagen "verloren zu haben"? Nicht so ganz, würde ich sagen.

SPIEGEL: Knapp daneben ist auch vorbei.

Schröder: Das will ich ja gern akzeptieren, aber "verloren" ist etwas anderes. Auch wenn ich jetzt an das Schicksal ehemaliger Kollegen denke, würde ich sagen: Es ist doch besser, aus einer schrecklichen Defensive heraus ein achtbares Ergebnis, das immerhin meiner Partei den Verbleib in der Regierung verschafft hat, zu erreichen, als aus einer Favoritenstellung heraus – denken Sie an Schweden oder Österreich – die Macht aufgeben zu müssen. Für mich war jedenfalls dieser Wahlkampf der interessanteste, den ich erlebt habe – und ich habe ja viele erlebt.

SPIEGEL: Was hat diese für Sie letzte von anderen Tourneen unterschieden?

Schröder: Das waren zum Schluss eher gelesene Messen als gewöhnliche Wahlkampfauftritte. Es war eine schöne Erfahrung, dass da auf großen Plätzen 10 000, 15 000 häufig junge Leute standen, die einfach neugierig waren: Was sagt denn der jetzt eigentlich? Was will er uns vermitteln? Ich habe selten einen Wahlkampf erlebt, der so störungsfrei war wie die letzten Wochen im Wahlkampf 2005.

SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass der Wahlkampf das eigentliche Lebenselixier des Politikers sei. Das mache das Leben des Politikers aus, während Regieren im Grunde jeder Technokrat könne.

Schröder: Das ist jetzt sehr zugespitzt. Natürlich ist die Hauptarbeit Regieren, gar keine Frage. Aber die Dinge, die ja demokratische Legitimation erst verschaffen und die deswegen auch den Politiker ausmachen, ihn vom Technokraten unterscheiden, vollziehen sich vor allem im Wahlkampf. Das sind Zeiten direkter Kommunikation mit dem Volk.

SPIEGEL: Hätten Sie nicht diese direkte Kommunikation suchen müssen, als es um die Vermittlung Ihrer Agenda 2010 ging, die bis heute von weiten Teilen der SPD nicht verstanden wird?

Schröder: Das direkte Gespräch über die gesamte Legislaturperiode ist faktisch unmöglich, nicht aus Zeitgründen, sondern weil es einen Mangel an Aufmerksamkeit gibt. Diese besondere Sensibilität zwischen Volk und Bundeskanzler gibt es nur in Wahlkampfzeiten. Die Normalität ist medienvermittelt und damit keine direkte Kommunikation.

SPIEGEL: War es ein Fehler, die frühe, die vorgezogene Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner zu suchen, an deren Ende die Kanzlerschaft der CDU stand?

Schröder: Die These, dass Rot-Grün besser durchs Ziel gegangen wäre, wenn wir zugewartet hätten, halte ich für abwegig. Wir wären gar nicht so weit gekommen. Keine Chance!

SPIEGEL: Wenn man wie Sie künstlich die Legislaturperiode abkürzt, und dann geht es so scharf daneben, dann kann man eigentlich gar nicht anders, als zu sagen, es war richtig. Sonst muss man sich ja die Krätze ärgern.

Schröder: Der entscheidende Punkt war doch: Hätten wir eine Chance gehabt, unter Beibehaltung des Agendakurses das Jahr zu überleben? Da sage ich nein, weil nach meiner festen Überzeugung zwei Dinge nicht zu schaffen gewesen wären. Man hätte uns die Chance, etwa eine Haushaltskonsolidierung so zu machen, wie sie jetzt eingeleitet worden ist, gar nicht gegeben. Wir wären mit Reformvorhaben, etwa einer Gesundheitsreform, nicht durchgekommen, weil der Bundesrat das gestoppt hätte. Und zwar als bewussten Akt gestoppt hätte. Jetzt wird es zerredet. Das kann man reparieren, aber das andere war politischer Machtkampf. Der war durch die Mehrheiten im Bundesrat entschieden.

SPIEGEL: Und die innerparteiliche Seite der damaligen Ereignisse?

Schröder: In der SPD gab es relevante Kräfte, die nach der NRW-Wahl von mir verlangt hätten, den Kurs der Agenda 2010 aufzugeben. Was wäre die Konsequenz gewesen? Ich hätte mich anpassen und vielleicht ein Jahr Überleben sichern können, aber das hätte ich ja nicht getan. Dann hätte ich zurücktreten müssen. Das hätte für die SPD, deren Existenz für diese Demokratie von sehr, sehr großer Bedeutung ist, eine Katastrophe bedeutet. Denn dann wäre klar gewesen, dass die SPD ihren Kanzler zum Rücktritt gezwungen hätte.

SPIEGEL: Das ist auch so klargeworden. Ihre hastig herbeigeführten Neuwahlen waren doch in Wahrheit Selbstmord aus Angst vor dem Tode.

Schröder: Es ist schon etwas anderes, ob man als Kanzler selber handelt und mit der SPD in Neuwahlen geht – oder ob man von Kräften in der eigenen Partei gezwungen wird zurückzutreten und dann natürlich nicht als Spitzenkandidat zur Verfügung stehen kann.

SPIEGEL: Welche Kräfte meinen Sie genau? In Ihrem Buch tauchen in diesem Zusammenhang vor allem IG-Metall-Chef Jürgen Peters und Ver.di-Boss Frank Bsirske auf.

Schröder: Das waren zum einen die Gewerkschaften, die von mir in aggressiver, auch anmaßender Weise eine politische Korrektur verlangten. Die beiden Genannten haben schon viel kaputt gemacht – für die SPD, aber auch für den Reformprozess, und zwar, wie ich es empfunden habe, gegen die Interessen der Menschen, die ihre Mitglieder sind. Die beiden haben Funktionärsinteressen wahrgenommen bis in extenso und haben natürlich durch ihre Form der Kritik und durch ihre Form der Gegnerschaft dazu beigetragen, dass diese Wahlniederlagen nicht vermeidbar waren.

SPIEGEL: Haben Sie möglicherweise zu wenig getan, um einen wie DGB-Chef Michael Sommer auf Ihre Seite zu ziehen?

Schröder: Wenn Sie jemanden ziehen, dann muss er anschließend auch stehen und nicht ständig umfallen.

SPIEGEL: Drängte auch Franz Müntefering in Richtung Kurskorrektur?

Schröder: Ich weiß: Es gibt dieses Gerücht, er hätte meinen Sturz betrieben. Ich versichere Ihnen: zu keinem Zeitpunkt!

SPIEGEL: Den Kampf gegen Teile der Linken innerhalb der Fraktion aufzunehmen, haben Sie nicht erwogen?

Schröder: Den Kampf aufzunehmen, das ist ja geschehen – durch die Neuwahlentscheidung. Aber Sie können als Kanzler nicht dauernd mit Rücktritt drohen, ohne es dann irgendwann auch zu machen.

"Vieles war in der Theorie nicht zu analysieren."

SPIEGEL: Im Gespräch mit dem Bundespräsidenten haben Sie zur Begründung der Neuwahl von einem Erpressungspotential aus der eigenen Fraktion gesprochen.

Schröder: Ich kann Gespräche mit dem Bundespräsidenten, die ich geführt habe und die ich immer vertraulich behandelt habe, jetzt nicht im Nachhinein kommentieren. Ich kann das also weder bestätigen noch dementieren.



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