AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2006

Soziologie Die Anti-Angestellten

Jenseits von festem Arbeitsplatz und Freiberuflern suchen junge Kreative im Internet neue Geschäftsnischen - und definieren sich als "digitale Boheme".

Von Verena Araghi, Malte Herwig und Katrin Kruse


Gerade ist die heikle Lage so schön auf große Begriffe gebracht. Die neue Klasse: das Prekariat. Die neue Generation: Praktikum. In Paris gingen Berufsanfänger auf die Barrikaden, der drohenden Lockerung des Kündigungsschutzes für Einsteiger wegen. Aus Italien kam der Schutzheilige: "San Precario", der Märtyrer, der ewig unterbezahlte Dienste leistet, meist schwarz beschäftigt ist und stets einer unsicheren Zukunft entgegensieht. Doch jetzt soll das alles schon wieder vorbei sein. Denn jetzt wird etwas anderes, Schickeres ausgerufen: die "digitale Boheme".

Ihre derzeit wortmächtigsten Propagandisten wohnen, wo sonst, im Berliner In-Bezirk Prenzlauer Berg. Durch die großzügige Fensterfront einer modernisierten Altbauwohnung fällt milde Herbstsonne auf zwei junge Männer. Holm Friebe, 34, und Sascha Lobo, 31, haben ihre Laptops vor sich aufgeklappt. Auf dem runden Esstisch sind Nektarinen in mundfertigen Schnitzen angerichtet. In einer Kanne dampft frisch aufgebrühter Gesundheitstee.

Anders als viele ihrer Altersgenossen hecheln die beiden Berliner nicht einer Festanstellung hinterher, sondern lehnen diese Form moderner Fronarbeit von vornherein kategorisch ab. Der "strukturellen Verblödung der Festangestellten" stellen sie die kreative Selbstbestimmung ihrer neuen digitalen Boheme gegenüber. Es soll eine Art dritter Weg sein, nach Festanstellung und Freiberuflertum: ein Netzwerk pfiffiger Gleichgesinnter, digital verbunden und dezentral aufgestellt.

Das Manifest zur Möchtegern-Bewegung liefern die Autoren in ihrem gerade erschienenen Werk "Wir nennen es Arbeit"*. Sie raten darin, sich gar nicht erst auf das "System Festanstellung" einzulassen. Friebe und Lobo glauben, dass der Großteil der Gehälter, die heute gezahlt werden, eine Art Schmerzensgeld sind. Ein Stillhalteabkommen zwischen Firma und Arbeitssklaven. "Wir schaffen endlich den Personalchef im Kopf ab", sagt Lobo. Für die beiden Berliner hat sich das schon ausgezahlt.

Erst im Sommer erregte ihre "Zentrale Intelligenz Agentur" (ZIA) - ein virtuelles Unternehmen von Textern, Grafikern, Lektoren oder Kulturwissenschaftlern - Aufsehen, als das ZIA-Mitglied Kathrin Passig für eine Erzählung den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Die Projekte der ZIA werfen mittlerweile ordentlich Geld ab. Der Werbetexter Lobo und der Volkswirt und Journalist Friebe entwickeln gemeinsam mit ihren "Agenten" - so die ZIA-Terminologie - Kampagnen für Automobilhersteller, TV-Konzepte für den Musiksender MTV oder erstellen einen monatlichen Trendletter zu Design- und Gesellschaftstrends für eine Markenagentur. Auch ihr mit dem Grimme-Online-Preis gekrönter Literatur-Blog riesenmaschine.de schreibt durch den Verkauf von Anzeigen mittlerweile schwarze Zahlen.

"Das Internet ermöglicht neue Formen der Arbeit für 'Minipreneure', kreative Kleinstunternehmer mit witzigen Geschäfts- und Werbeideen, die in der alten Wirtschaftswelt keine Chance hätten", sagt Friebe. Die Beispiele, die beide in ihrem Buch liefern, reichen von handdekorierten Lichtschalterabdeckungen über die Website ruetli-wear.de, auf der von den Schülern der berüchtigten Berliner Hauptschule entworfene Klamotten vertrieben werden, bis hin zu dem Londoner Andrew Carton, der einen Blog über das Smartphone der Firma Palm betreibt und damit über 300.000 Leser im Monat erreicht. Das Blog ist eines der wichtigsten Marketing-Instrumente für neue Produkte um das Smartphone geworden. Die Werbung auf seiner Seite bringt Carton angeblich bis zu 30 000 Dollar im Monat ein.

Und muss Kunst unbedingt in Galerieräumen hängen? Auch für den Internet-Galeristen und Künstler Thomas Egeler ist die Lebensform der digitalen Boheme die einzig wahre. Seit zwei Jahren stellt der Hamburger junge Künstler auf seiner Seite te-finearts.com aus und verkauft die Werke mittlerweile europaweit übers Netz. Für Ausstellungen teure Räume anzumieten kommt nicht in Frage. Egeler hat sich ein Büro im Wohnzimmer eingerichtet. "Eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt es bei mir nicht."

Alles sein, nur kein Angestellter. Seit Siegfried Kracauers Studie über die Angestellten der Weimarer Republik hat man nicht mehr so scharf mit diesem Milieu abgerechnet. Kracauer untersuchte in seiner Sozialreportage "Die Angestellten" (1929) die Lebens- und Arbeitswelt der Mittelschicht und machte bei deren Angehörigen eine geistige Leere als Folge ihrer ideologischen Obdachlosigkeit aus. Eine verschollene Bürgerlichkeit spuke dieser Schicht nach, sie lebe "ohne eine Lehre, zu der sie aufblicken, ohne ein Ziel, das sie erfragen könnte".

Heute ist es die "Generation Praktikum",die nach jahrelangem Studium, Berufspraktika und Teilzeitjobs Sinn und Auskommen in der postindustriellen Gesellschaft sucht. Dieser verunsicherten Generationwollen Friebe und Lobo in Gestalt der digitalen Boheme ein neues geistiges Zuhause geben.



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