20. November 2006, 00:00 Uhr

Kulturkampf

Der Fehlbare

Von Alexander Smoltczyk

Mit seiner Regensburger Rede hat Papst Benedikt XVI. fast eine globale Krise ausgelöst. Die Geschichte des Konflikts erzählt viel über die Hilflosigkeit des Vatikans gegenüber der Gegenwart.

Im Herbst 1966 erscheint im Pariser Verlag Editions du Cerf die Doktorarbeit eines libanesischen Immigranten. Das Buch hat den Titel "Manuel II Paléologue, Entretiens avec un Musulman. 7e Controverse", und es gehört zu den Bänden, deren Seiten man früher mit dem Messer aufschneiden musste. Verfasser ist der junge Religionswissenschaftler Théodore Adel Khoury. "Mein Buch ist in Deutschland nie weit verbreitet gewesen", sagt Khoury. "Es ist in französischer und griechischer Sprache geschrieben. Ich weiß nicht, wie er zu dem Band gekommen ist."

Er, der Papst.

Papst Benedikt XVI. in Regensburg (am 12. September): Die umstrittenste theologische Vorlesung seit der Bergpredigt
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Papst Benedikt XVI. in Regensburg (am 12. September): Die umstrittenste theologische Vorlesung seit der Bergpredigt

Vierzig Jahre danach ist Khoury Professor im Ruhestand, sitzt in einem Mietshaus in Laer bei Münster und ist drei, vier Tage lang der Welt bekanntester Islamforscher. Es passiert nicht oft, dass das Oberhaupt der Christenheit einen beim Namen nennt. Noch dazu viermal in einem Festvortrag am 12. September in der Aula der Regensburger Universität. Es ist eine Ehre. Théodore Khoury hätte gern darauf verzichtet.

Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.

Das sagte im Jahr 1391 der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos zu seinem Gesprächspartner, einem persischen Gelehrten. Der Satz fand 1966 Eingang in die Doktorarbeit des Adel Khoury. Und im Jahr 2006 stand das Zitat aus dem Mittelalter plötzlich im Zentrum eines globalen Religionsstreits, des ersten ernsthaften Konflikts im Pontifikat von Benedikt XVI.

Im Westjordanland brannten Kirchen. In Indonesien riefen Demonstranten: "Kreuzigt den Papst." Im Irak wurde eine Papstpuppe angezündet, und in Kaschmir beschlagnahmte die Polizei Tageszeitungen mit dem Khoury-Zitat, um Unruhen zu verhindern. Der Festvortrag sei, so wurde geschrien, ein professoral getarnter Kreuzzugsruf, eine neue Etappe im West-Ost-Konflikt des 21. Jahrhunderts, zwischen Christentum und Islam.

So las es Théodore Khoury in seiner Zeitung in Laer im Münsterland.

In Somalia wurde die italienische Nonne Leonella Sgorbati erschossen. In der marokkanischen Hauptstadt Rabat wurden ein hoher EU-Funktionär aus Italien und seine Frau ermordet, beide praktizierende Katholiken. Die verbreitete Version, es sei ein Raubmord gewesen, wird von der EU-Kolonie in Brüssel als Notlüge verstanden: jetzt nur kein Öl ins Feuer gießen.

Vier Wochen später kam ein Brief der Vatikanpost nach Laer. Théodore Khoury sagt: "Der Heilige Vater hat mir geschrieben. Er habe mit dieser heftigen Reaktion nicht gerechnet." Khoury hat den Koran übersetzt. Er arbeitet seit Jahrzehnten mit Islamgelehrten zusammen. Er versteht immer noch nicht, was da eigentlich geschehen ist. Er weiß nur: "Benedikt hätte auf das Zitat verzichten können. Es wäre besser gewesen."

In der römischen Kurie wird über diese Tage nur noch als l'incidente, den Unfall, gesprochen. Als sei es nur eine Fehlbarkeit des Papstes gewesen. Und dann wird meist hinzugesetzt, dass er ja im Grunde völlig Recht gehabt habe.

Der Festvortrag von Regensburg ist jedenfalls eine der meistgelesenen, meistzitierten und umstrittensten theologischen Vorlesungen seit der Bergpredigt.

Am Dienstag kommender Woche wird Benedikt XVI. in die Türkei reisen, nach "Konstantinopel", wie es ihm kürzlich entschlüpft ist. Eine heikle Visite. Es wird Demonstrationen geben.

Ministerpräsident Erdogan hat sich bereits entschuldigen lassen. Dafür wird Kaiser Manuel II. Palaeologos den Papst bei jedem Auftritt begleiten - wie ein Schatten. Regensburg war ein Einschnitt.

Die Geschichte der Regensburger Rede erzählt einiges über die Zustände in der römischen Kurie, über die Hilflosigkeit der erfolgreichsten globalen Institution gegenüber der Gegenwart.

Die Geschichte hat ihren Ursprung im Sommer vergangenen Jahres, als der "Schülerkreis", ein Zirkel ehemaliger Habilitanden Ratzingers und theologischer Vertrauter, in der päpstlichen Sommerresidenz ein Seminar zum Thema "Islam" abhält, besser gesagt zum Thema: "Grenzen des Dialogs mit dem Islam".

Dort war gesagt worden, dass der Islam keine wirkliche Vorstellung von Laizität habe. Dass es keine zentrale Autorität gebe und der Koran als Gotteswort gelte, nicht als von Gott inspiriertes Wort wie im modernen Christentum. Ein "Dialog mit dem Islam" auf gleicher Augenhöhe sei daher problematisch. Besser sei es, vom "Dialog mit der Kultur des Islam" zu reden.

Ein Jahr später, im Juli 2006, erhält Benedikt XVI. die neue Edition der "Unterredungen mit einem Muslim", herausgegeben von Théodore Adel Khoury, nach Rom geschickt. Offenbar hielt es nach dem Treffen des "Schülerkreises" jemand für hilfreich, diesen Grundlagentext in Erinnerung zu rufen. So landet der Dialog aus dem 14. Jahrhundert auf dem päpstlichen Schreibtisch in Castelgandolfo, wo der Papst in diesem Sommer unter anderem seine Reise nach Bayern vorbereiten will.

"Ein Gelehrter greift immer auf die Bücher zurück, mit denen er gelernt hat. Und 1966 war die Zeit, in der Ratzinger seine Bibliothek bestückt hat. Es überrascht mich nicht, dass er sich an dies Zitat erinnert hat", sagt Ulrich Sander vom Herder-Verlag, bei dem Ratzinger seit 50 Jahren veröffentlicht.

Es hätte andere Zitate gegeben, um einen Vortrag über Vernunft und Glauben einzuleiten. Aber da lag Khourys Buch. Und da war auch die Ratzingersche Lust an der Provokation, sein Widerwille gegen Konsens und Leisetreterei. Ein Dialog wird nicht mit zeremoniellen Umarmungen und ängstlichem Schweigen geführt, sondern mit logos, mit Wort und Vernunft. Benedikt XVI. ist kein Diplomat.

Der Redetext geht diesmal nicht durch den Apparat der Kurie. Erst am Tag vor der Abreise nach München bekommt ihn das Staatssekretariat zugestellt. Man habe dem Chef das Manuskript quasi aus der Hand reißen müssen. Er wollte bis zuletzt daran feilen. Die Rede ist ihm wichtig.

Zu wichtig, um von den Bedenkenträgern des Staatssekretärs Angelo Soldano zensiert zu werden.

Im Vier-Sterne-Hotel Platzl in der Münchner Sparkassenstraße werden am 12. September, einem Dienstagmorgen, die Texte der päpstlichen Ansprachen ausgeteilt. Es ist fünf Uhr früh. Anders als üblich liegt der Festvortrag gedruckt nur in deutscher und italienischer Sprache vor. Erstmals handelt es sich um einen "vorläufigen" Text, wie angemerkt wird.

Victor Simpson ist Bürochef der Associated Press in Rom. Er sagt: "Ich bin seit 30 Jahren mit Päpsten unterwegs. Ich kann eine Rede lesen. Und dass diese hier etwas Besonderes war, sah ich auf den ersten Blick."

Simpson ruft den neuen Pressesprecher des Papstes an, den Jesuitenpater Federico Lombardi. Es ist dessen erste Amtsreise. Der Pater ist gerade mit Benedikt zusammen in der Heiligen Messe. Simpson sagt: "Hören Sie, Father. Das ist eine schwierige Rede. Da brauche ich Anleitung. Können Sie nicht schnell rüberkommen?" - "Ich versuche es", sagt Lombardi.

Bereits die Übersetzer waren über die Mohammed-Passage gestolpert: "Jeder geistigen Funzel in der Kurie wäre klar gewesen, dass so etwas diplomatisch abgesegnet werden muss." Aber die Übersetzer behielten ihre Verwunderung für sich.

Ein anderer der wenigen Eingeweihten war überarbeitet: "Wir bekamen ein ganzes Bündel mit den Reden und Predigten für die Reise. Ich glaube nicht, dass jeder jeden Text bis zu Ende gelesen hat. Ich jedenfalls kam erst am Dienstag dazu."

Und weil auch der Kirchenstaat nicht frei von der Lust an Verschwörungstheorien ist, meint jemand, der unter vier Päpsten in der Kurie gearbeitet hat: "Es gibt einige Leute, die sich unter Johannes Paul II. wichtige Aufgaben im Dialog mit den Muslimen erarbeitet hatten und jetzt draußen vor der Tür stehen. Es ist traurig, so etwas sagen zu müssen, aber die haben ihn in die Falle laufen lassen."

Um halb acht morgens wird der Pressetross nach Regensburg gefahren. Gegen elf erscheint Lombardi im Pressezentrum und trifft die Journalisten von AP, "Repubblica", "New York Times" und "Los Angeles Times". "Da stehen ein paar ziemlich aggressive Sätze gegen die Muslime drin", sagt Marco Politi, Vatikan-Experte der Zeitung "Repubblica". "Ich habe gekämpft mit dem Text, um dahinterzukommen. That's tough stuff", sagt Victor Simpson.

Lombardi ist zu diesem Zeitpunkt bereits von seinem Büro in Rom alarmiert worden: "Das gibt Probleme. Sie müssen mit dem Heiligen Vater reden." Der Pater antwortet, man könne einem Papst nicht in eine Rede hineinreden. Den Journalisten sagt er: "Der Papst will hier gewiss keine Lektion erteilen, wonach der Islam als gewalttätig verstanden werden müsse."

Lombardi spricht geschäftsmäßig, ohne jedes Zeichen von Unruhe. Sein Händedruck ist federleicht.

"Wir hatten die gleiche Situation in Krakau vor dem Auschwitz-Besuch", erinnert sich Marco Politi. "Im ausgeteilten Redetext kam das Wort Shoah nicht vor. Navarro-Valls hat dann wahrscheinlich mit dem Papst gesprochen, und das Wort wurde in letzter Minute noch eingefügt."

Doch Joaquín Navarro-Valls, der über zwanzig Jahre lang die Pressestelle im Vatikan geführt hat, ist soeben in den Ruhestand versetzt worden.

Die Frage ist: Wer sagt "Nein, besser nicht" zu Benedikt XVI.?

Ein leichtes Redigieren, eine legitime Streichung der Wörter "nur Schlechtes und Inhumanes" hätte ausgereicht, den drohenden Sturm zu umsegeln.

Es ist nicht bekannt, ob Federico Lombardi an diesem Mittag mit dem Papst noch gesprochen hat. Beim Thema "Regensburg" ist der freundliche Jesuit zu keiner Stellungnahme mehr bereit.

Unter Papst Wojtyla ist jeder Text von mindestens zwei Personen gegengelesen worden: vom Cheftheologen des Vatikans und von einem Substituten im Staatssekretariat, meist dem Argentinier Leonardo Sandri. Benedikt hat dieses Verfahren abgeschafft. Ein deutscher Universitätsordinarius legt keinem eine Vorlesung vor.

Doch zumindest Erzbischof Paolo Sardi, der für die päpstlichen Texte im Staatssekretariat zuständig ist und sie an die Übersetzer weiterreicht, muss die Rede gekannt haben. Ebenso Ratzingers Privatsekretär, Prälat Georg Gänswein. Offenbar hat es keiner für möglich gehalten, dass ein Zitat aus Byzanz die Fronten des Karikaturenstreits wieder entflammen könnte.

Im Vatikan gibt es keinen "war room", um bei Medienkatastrophen den Schaden zu begrenzen. Es wird ihn auch nach Regensburg nicht geben. Wer laut Konzilsbeschluss unfehlbar ist, braucht keinen Spin-Doctor. Der Katholischen Nachrichtenagentur KNA hatte Lombardi selbst gerade erklärt, das Denken dieses Papstes sei völlig klar - "deshalb braucht er eigentlich keinen persönlichen Sprecher".

Doch unter dem neuen Papst ist PR-Arbeit schwieriger geworden als unter seinem Vorgänger. "Mit Gesten lässt sich einfacher kommunizieren, während Reden in ihrer Vielgestaltigkeit gelesen werden müssen", sagt Navarro-Valls, später. "Wenn ich im Amt geblieben wäre, wäre das alles vielleicht nicht passiert. Es war ein großartiger Text, den einige Agenturen mit einer irreführenden Verpackung übermittelt haben.

Keiner der Anwesenden in der Aula, und darunter waren einige Muslime, hat diese Vorlesung so verstanden, wie sie später dargestellt wurde."

In Regensburg scheint am Dienstag keiner zu ahnen, was bald losbrechen wird. Wenn an einige mitreisende Würdenträger der Redetext ausgeteilt (und von ihnen gelesen) worden ist, so entschließt sich niemand einzugreifen. Jetzt hilft nur beten: Hoffentlich merkt es keiner.

In denkbar bester Gestimmtheit schreitet Benedikt XVI. um 17 Uhr die Treppe zwischen den Rängen der Regensburger Aula hinunter. Er ist zu Hause unter Freunden. Die Aula ist festlich geschmückt, das Publikum gelehrt, Zwischenrufe sind nicht zu erwarten. Alle haben sich von den Stühlen erhoben und applaudieren, gerührt und hochgeehrt. Der Professor Joseph Ratzinger wird eine Vorlesung halten können, vielleicht zum letzten Mal, gewiss zum letzten Mal an seiner alten Universität Regensburg. Er wird noch einmal das Thema seiner Bonner Antrittsvorlesung aufnehmen, den Kreis schließen und die Pole Vernunft und Glauben trennen und miteinander verweben. Sein Leitthema, sein Leben, seine Universität. Joseph Ratzinger hat seinen eigentlichen Garten Eden betreten. Der Papst ist im Paradies.

Benedikt XVI. beginnt seine Ansprachen gern mit dem Konkreten, einer Bibelstelle oder einem aktuellen Bezug, und geht den Dingen dann auf den Grund. Er möchte über sein Leitthema sprechen, vielleicht die Debatte ein wenig vorantreiben in seiner Kirche. Er will keinen Kreuzzug beginnen. Ratzinger ist kein Politiker. Er ist auch kein Fundamentalist. Er ist Fundamentaltheologe.

Der Professor Dr. Papst erinnert sich zunächst an die schöne Zeit der alten Ordinarienuniversität, als die Vorlesungen noch per Hand geschrieben wurden und die Universitas scientiarum gelebter Alltag war, ein "innerer Zusammenhalt im Kosmos der Vernunft". Dann zitiert er das Buch mit den aufgeschnittenen Seiten, das ihm "kürzlich" wieder unter die Augen gekommen sei. Er zitiert Manuel II. Palaeologos, den byzantinischen Kaiser, der kaum einem der zuhörenden Journalisten bis dato bekannt gewesen ist.

... wendet er sich in erstaunlich schroffer, in uns überraschend schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

Gegenüber dem Manuskript hat Ratzinger das "in uns überraschend schroffer Form" eingeschoben. Möglich, dass ihm sein Privatsekretär doch einen Hinweis gegeben hat. Aber das Zitat ist geblieben. Es ist ihm wichtig. Und er ist jetzt zu sehr deutscher Professor, um ein Zitat nicht in ganzer Länge wiederzugeben.

Kardinal Walter Kasper sitzt in der ersten Reihe der Aula. Auch er kennt den Vorlesungstext nicht. Der lege ja nie jemandem etwas vor, wird er später einem Gast sagen. Der sei "scho gscheit", aber alles wissen könne auch ein Papst nicht. Das ist die Haltung des Schwaben. Als Benedikt XVI. von Mohammed spricht, zuckt Kasper innerlich zusammen: Das gibt Ärger, denkt er. Lange nicht mehr hat ein Papst ein zentrales Konzept einer anderen Weltreligion wie den Dschihad öffentlich so direkt in Frage gestellt. Lange nicht mehr hat ein Papst einen derart islamkritischen Satz zitiert, ohne sich klar davon zu distanzieren.

Aber wohl noch nie ist aus dem Mund eines Papstes eine solch klare und fundierte Hymne auf die Vernunft zu hören gewesen. Der Vortrag ist ein Lob der Universität als Stätte des Dialogs. Er sagt:

Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß zu handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.

Noch während Ratzinger spricht, um 17.28 Uhr, sendet die italienische Nachrichtenagentur Ansa eine Kurzmeldung: "Papst: Heiliger Krieg des Islam ist gegen Gott und die Vernunft". Um 17.36 Uhr folgt eine längere Zusammenfassung der "ausgearbeiteten und dichten Rede". Es wird die Palaeologos-Passage zitiert, und es wird auch der Zusammenhang skizziert, die fundamentale Bedeutung des Logos für den Glauben. Allerdings erst im letzten Satz.

Direkt neben Kardinal Kasper sitzt der noch amtierende Staatssekretär Angelo Soldano. Sein Deutsch ist schlecht. "Was war das für ein Zitat da am Anfang?", fragt er Kasper, als der Schlussapplaus vorüber ist. Der Quasi-Regierungschef im Vatikan merkt, dass er von einem der wichtigsten Texte des Papstes keinen Schimmer hatte.

Es ist Soldanos drittletzter Tag im Amt. Er hätte gern noch ein Jahr weitergemacht. Aber Benedikt wollte nicht und ernannte stattdessen einen Vertrauten, Kardinal Tarcisio Bertone, zum Nachfolger.

AP-Bürochef Victor Simpson ist beeindruckt von der Rede. "Er wollte es sagen, und er hat es gesagt. Du kannst keinen Dialog führen, wenn du politisch korrekt bleiben willst. He has taken the heat." Simpson stammt aus New Jersey. Er hat einen Sohn bei einem Palästinenser-Anschlag auf dem Flughafen Rom-Fiumicino verloren. Das war kurz nach Weihnachten 1985. Er weiß, worüber der Papst geredet hat.

Gott hat kein Gefallen am Blut, und nicht vernunftgemäß zu handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung.

Zu einem Kollegen sagt Simpson: "Ich wusste, er ist ein mentsch." "Mentsch", das ist ein großes Lob im Jiddischen. Ein sehr großes. Dann geht Victor Simpson ins Pressezentrum, um die gute Nachricht durchzugeben.

Phil Pullella von der Agentur Reuters beginnt seinen Bericht: "Papst Benedikt lud die Muslime zu einem Dialog der Kulturen unter der Prämisse ein, dass das islamische Verständnis des ,Heiligen Krieges' unvernünftig und gegen die Natur Gottes sei." Marco Politi mailt nach Rom: "Es ist nicht derselbe Gott, von dem wir reden, so raunt Ratzinger."

Die Redaktionen sind schon am Morgen vorgewarnt worden. Sie haben bereits Muslime befragt, was sie von dem Palaeologos-Zitat halten. Die Kenntnis der gesamten Rede wird nicht vorausgesetzt. Damit ist der Ball ins Rollen gebracht.

Alessandra Borghese hat selbst einen Papst im Stammbaum. Ihr Familienname steht meterhoch in die Front des Petersdoms gemeißelt. Vor Jahren schon wurde die Prinzessin wegen ihrer Sympathien "Little Ratzinger" genannt. Sie ist an diesem Dienstag im Regensburger Schloss ihrer Freundin Gloria von Thurn und Taxis.

Borghese kennt den Tross der Vatikanisten: "Wenn man den Presseskandal verstehen will, darf man eines nicht vergessen: Die überwiegende Mehrheit der Vatikanisten hat vor und während des Konklaves bestimmt nicht den Tifoso für einen Papst Ratzinger gemacht." Und manch einer wartet seit Amtsantritt auf die erste falsche Bewegung des teutonischen Bulldozers.

Marco Politi sagt heute: "Die Rede war kein Fehltritt. Sie ist gut geschrieben und gut durchdacht. Das Zitat war für den gemäßigten Islam ein Schlag ins Gesicht. Es steht ja in einer logischen Entwicklung, denn seit seiner Thronbesteigung hat er Bedenken gezeigt gegen die Weise, wie unter Johannes Paul II. der Dialog mit dem Islam geführt wurde. Der Papst träumt nicht wie Wojtyla davon, auf den Berg Sinai zu steigen zum gemeinsamen Gebet der monotheistischen Weltreligionen. Er will im Dialog mit dem Islam Pflöcke einschlagen und sagen: Hier folgt eine Seite nicht dem Weg der Rationalität."

Auch Simpson ist sich sicher, dass der Papst wusste, was er tat. "Er hat nur zwei kleine Änderungen an der gesprochenen Rede vorgenommen. Es muss ihm klar gewesen sein, dass diese Passage Sprengstoff war. Handle with care." Mittwoch bleibt es ruhig. In Deutschland wird die Islam-Passage nur von der "Frankfurter Allgemeinen" und dem "Berliner Tagesspiegel" in ihrer Bedeutung wahrgenommen. Die Deutschen sind mit ihren Gedanken noch ganz in Altötting.

Doch in den italienischen Morgenzeitungen ist der Ton angegeben. Der konservative "Corriere della Sera" entdeckt "nichts, das sich wie eine Widerlegung der Auffassung des Palaeologos anhört, Ratzinger scheint sie sogar im Kern zu teilen".

Die amerikanischen Zeitungen kommen in Europa erst abends heraus. "Seine Worte lassen Deutungen zu, die Muslime in Harnisch bringen könnten", schreibt die "New York Times". Es gibt die Internet-Ausgaben der Zeitungen. Es wird telefoniert, gemailt und kolportiert. BBC World

Service sendet Meldungen in Urdu, Türkisch, Hindi und Persisch.

Auf der Abschluss-Pressekonferenz, am Donnerstag am Flughafen München, wird keine Frage nach der Islam-Passage gestellt. Manuel II. Palaeologos ist wieder in der Vergangenheit verschwunden.

Erst als die Journalisten schon auf dem Weg zur Maschine nach Rom sind, klingeln die Handys: "In der Türkei hat schon der Großmufti protestiert." Benedikt XVI. habe eine "Kreuzfahrermentalität" und eine "feindselige Haltung" an den Tag gelegt. Er habe, wird der Leiter der staatlichen Religionsbehörde, Ali Bardakoglu, später sagen, den Redetext zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gelesen.

Zwei Stunden nach der Landung in Rom-Ciampino laufen Newsticker durch die Sendungen der großen Fernsehanstalten: "Pope infuriates the moslem world" - "Schmähungen des Papstes gegen den Koran lösen Tumulte aus". Noch am Abend verschickt Lombardi eine Richtigstellung, doch es ist längst zu spät.

Théodore Khoury ist gerade unterwegs, als er erfährt, dass sein Name im Zentrum eines beginnenden Religionsstreits steht: "Ein ehemaliger Assistent schrieb mir per E-Mail, dass mein Name vom Papst zitiert worden sei." Und nicht nur vom Papst.

Khourys Zitat wird in den nächsten Stunden im Mittelpunkt eines medialen Tsunamis stehen, der rund um den Globus zu spüren ist. Am Wochenende brennt es überall. In Katar ruft Scheich Jussuf al-Kardawi, der Pastor Fliege von al-Dschasira, einen "Tag des friedlichen Zorns" aus. In Pakistan fordern tausend islamische Geistliche und Gelehrte die Amtsenthebung von Benedikt.

Der stellvertretende Vorsitzende der türkischen Regierungspartei, Salih Kapusuz, erklärt, der Papst werde als ebenso nega-

tive Figur in die Geschichte eingehen wie Hitler und Mussolini: "Er hat eine dunkle Mentalität, die aus der Dunkelheit des Mittelalters kommt."

Ungeniert wird der Festvortrag ausgenutzt, von allen Seiten. In der "Welt am Sonntag" kreuzzügelt ein Leitartikler: "Es geht um den Kampf der Freiheit - vor allem der Gedankenfreiheit - gegen das gefangene, geknechtete, manipulierte Denken. Diesem Kampf der Kulturen kann man nicht ausweichen."

Am Sonntag ist der Luftraum über Castelgandolfo gesperrt. Unter den Pilgern stehen Anti-Terror-Beamte in Zivil. Es regnet wie im Alten Testament. Al-Dschasira sendet live, als der Papst vor dem Angelus-Gebet spricht: "Ich bedauere von Herzen die Reaktionen, die wenige Passagen meiner Vorlesung an der Universität von Regensburg in einigen Ländern ausgelöst haben", beginnt Benedikt. Weil gläubige Muslime die Sätze als verletzend empfunden hätten, müsse er noch einmal betonen, dass sie nichts anderes waren als "Zitate aus einem Text des Mittelalters, die keineswegs meine persönliche Ansicht ausdrücken".

So dicht an einer Entschuldigung ist kaum je ein Papst gewesen. Aber der letzte Schritt, das peccavo, ich entschuldige mich, bleibt aus.

"Das ist kein Zufall gewesen", sagte auch der Tübinger Theologe Hans Küng vorvergangene Woche. Er hält es für ausgeschlossen, dass einem Denker wie seinem alten Fakultätskollegen Ratzinger die Volte gegen den Islam einfach unterlaufen sein könnte: "Er hätte vorher mein Buch lesen sollen." "Er wollte eine intellektuelle Herausforderung, hat aber die internationale Wirkung nicht einkalkuliert", meint Vatikanist Marco Politi.

Für diese These spricht, dass der Papst auch in der überarbeiteten, amtlichen Version der Rede, die im Oktober nachgereicht wird, sich lediglich von der "Polemik" distanziert, der "unannehmbar schroffen Form" des Kaisers, nicht vom Inhalt: Was "den wesentlichen Zusammenhang zwischen Glaube und Vernunft" betreffe, "stimme ich Manuel zu".

Zum Regensburger Medien-GAU kam es durch die Unbeholfenheit des gerade umbesetzten Presseamts im Vatikan. Und durch das Fehlen einer Person im Hofstaat, die im Notfall den Mut hat, auch einen Papst vor Irrtümern zu warnen. In der Kurie wird jetzt auf Kardinal Bertone als Gegenleser gesetzt. Wobei das "Gegen" nicht wörtlich zu nehmen ist. Bertone steht Benedikt näher als sich selbst.

Benedikt XVI. redete von der fundamentalen Bedeutung des Logos. Und unterschätzte zugleich die explosive Kraft des Wortes in der globalen, durchmediatisierten Gesellschaft. "Am Anfang war das Wort" - das steht nicht nur bei Johannes, das ist gleichfalls Grundgesetz des Skandalons. Im Medium der globalen Kommunikation ist "logos" das Zehn-Sekunden-Soundbit und nicht das fußnotengespickte Ganze einer Vorlesung.

Das war der Irrtum.

Der einzige. Denn während die Debatte um Dialog und Mohammed noch wogt, wird in Isfahan ein "Zentrum für christliches Kulturgut" eröffnet. Mit Unterstützung der islamischen Republik Iran und des Vatikans. Und am 15. Oktober veröffentlichen 38 Islam-Gelehrte ihren Brief an "Eure Heiligkeit". Darunter Ajatollah Mohammed Ali Taskhiri aus Iran, der Großmufti von Ägypten und Würdenträger aus Russland, Bosnien, Istanbul und Oman.

Der Brief ist gelehrt und mit mittelalterlichen Verweisen gespickt, als sollte er in Regensburg gelesen werden. Es wird ein anderes Bild des heutigen Islam gezeichnet. "Dschihad", so die Geistlichen, sei nicht notwendigerweise ein Krieg, sondern "Anstrengung auf dem Weg Gottes": "Zivilisten sind keine erlaubten oder legitimen Ziele. Wenn eine Religion Krieg reguliert und Umstände beschreibt, wo er nötig und gerecht ist, macht dies diese Religion nicht kriegerisch, ebenso wenig wie eine Regulierung der Sexualität eine Religion lüstern macht."

Zum ersten Mal haben sich maßgebliche Islam-Gelehrte aus aller Welt inhaltlich mit einer Papst-Rede auseinandergesetzt. Sie haben sogar den Platz der Vernunft im Glauben definiert, als hätten sie bei Prof. Ratzinger studiert: Es gebe "einen Gleichklang zwischen den Wahrheiten der koranischen Offenbarung und den Fragen der menschlichen Intelligenz".

So dass auch ein menschlicher Irrtum bisweilen durchaus einem Zweck dient.


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© DER SPIEGEL 47/2006
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