AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2006

Kulturkampf Der Fehlbare

Mit seiner Regensburger Rede hat Papst Benedikt XVI. fast eine globale Krise ausgelöst. Die Geschichte des Konflikts erzählt viel über die Hilflosigkeit des Vatikans gegenüber der Gegenwart.


Im Herbst 1966 erscheint im Pariser Verlag Editions du Cerf die Doktorarbeit eines libanesischen Immigranten. Das Buch hat den Titel "Manuel II Paléologue, Entretiens avec un Musulman. 7e Controverse", und es gehört zu den Bänden, deren Seiten man früher mit dem Messer aufschneiden musste. Verfasser ist der junge Religionswissenschaftler Théodore Adel Khoury. "Mein Buch ist in Deutschland nie weit verbreitet gewesen", sagt Khoury. "Es ist in französischer und griechischer Sprache geschrieben. Ich weiß nicht, wie er zu dem Band gekommen ist."

Er, der Papst.

Papst Benedikt XVI. in Regensburg (am 12. September): Die umstrittenste theologische Vorlesung seit der Bergpredigt
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Papst Benedikt XVI. in Regensburg (am 12. September): Die umstrittenste theologische Vorlesung seit der Bergpredigt

Vierzig Jahre danach ist Khoury Professor im Ruhestand, sitzt in einem Mietshaus in Laer bei Münster und ist drei, vier Tage lang der Welt bekanntester Islamforscher. Es passiert nicht oft, dass das Oberhaupt der Christenheit einen beim Namen nennt. Noch dazu viermal in einem Festvortrag am 12. September in der Aula der Regensburger Universität. Es ist eine Ehre. Théodore Khoury hätte gern darauf verzichtet.

Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.

Das sagte im Jahr 1391 der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos zu seinem Gesprächspartner, einem persischen Gelehrten. Der Satz fand 1966 Eingang in die Doktorarbeit des Adel Khoury. Und im Jahr 2006 stand das Zitat aus dem Mittelalter plötzlich im Zentrum eines globalen Religionsstreits, des ersten ernsthaften Konflikts im Pontifikat von Benedikt XVI.

Im Westjordanland brannten Kirchen. In Indonesien riefen Demonstranten: "Kreuzigt den Papst." Im Irak wurde eine Papstpuppe angezündet, und in Kaschmir beschlagnahmte die Polizei Tageszeitungen mit dem Khoury-Zitat, um Unruhen zu verhindern. Der Festvortrag sei, so wurde geschrien, ein professoral getarnter Kreuzzugsruf, eine neue Etappe im West-Ost-Konflikt des 21. Jahrhunderts, zwischen Christentum und Islam.

So las es Théodore Khoury in seiner Zeitung in Laer im Münsterland.

In Somalia wurde die italienische Nonne Leonella Sgorbati erschossen. In der marokkanischen Hauptstadt Rabat wurden ein hoher EU-Funktionär aus Italien und seine Frau ermordet, beide praktizierende Katholiken. Die verbreitete Version, es sei ein Raubmord gewesen, wird von der EU-Kolonie in Brüssel als Notlüge verstanden: jetzt nur kein Öl ins Feuer gießen.

Vier Wochen später kam ein Brief der Vatikanpost nach Laer. Théodore Khoury sagt: "Der Heilige Vater hat mir geschrieben. Er habe mit dieser heftigen Reaktion nicht gerechnet." Khoury hat den Koran übersetzt. Er arbeitet seit Jahrzehnten mit Islamgelehrten zusammen. Er versteht immer noch nicht, was da eigentlich geschehen ist. Er weiß nur: "Benedikt hätte auf das Zitat verzichten können. Es wäre besser gewesen."

In der römischen Kurie wird über diese Tage nur noch als l'incidente, den Unfall, gesprochen. Als sei es nur eine Fehlbarkeit des Papstes gewesen. Und dann wird meist hinzugesetzt, dass er ja im Grunde völlig Recht gehabt habe.

Der Festvortrag von Regensburg ist jedenfalls eine der meistgelesenen, meistzitierten und umstrittensten theologischen Vorlesungen seit der Bergpredigt.

Am Dienstag kommender Woche wird Benedikt XVI. in die Türkei reisen, nach "Konstantinopel", wie es ihm kürzlich entschlüpft ist. Eine heikle Visite. Es wird Demonstrationen geben.

Ministerpräsident Erdogan hat sich bereits entschuldigen lassen. Dafür wird Kaiser Manuel II. Palaeologos den Papst bei jedem Auftritt begleiten - wie ein Schatten. Regensburg war ein Einschnitt.

Die Geschichte der Regensburger Rede erzählt einiges über die Zustände in der römischen Kurie, über die Hilflosigkeit der erfolgreichsten globalen Institution gegenüber der Gegenwart.

Die Geschichte hat ihren Ursprung im Sommer vergangenen Jahres, als der "Schülerkreis", ein Zirkel ehemaliger Habilitanden Ratzingers und theologischer Vertrauter, in der päpstlichen Sommerresidenz ein Seminar zum Thema "Islam" abhält, besser gesagt zum Thema: "Grenzen des Dialogs mit dem Islam".

Dort war gesagt worden, dass der Islam keine wirkliche Vorstellung von Laizität habe. Dass es keine zentrale Autorität gebe und der Koran als Gotteswort gelte, nicht als von Gott inspiriertes Wort wie im modernen Christentum. Ein "Dialog mit dem Islam" auf gleicher Augenhöhe sei daher problematisch. Besser sei es, vom "Dialog mit der Kultur des Islam" zu reden.

Ein Jahr später, im Juli 2006, erhält Benedikt XVI. die neue Edition der "Unterredungen mit einem Muslim", herausgegeben von Théodore Adel Khoury, nach Rom geschickt. Offenbar hielt es nach dem Treffen des "Schülerkreises" jemand für hilfreich, diesen Grundlagentext in Erinnerung zu rufen. So landet der Dialog aus dem 14. Jahrhundert auf dem päpstlichen Schreibtisch in Castelgandolfo, wo der Papst in diesem Sommer unter anderem seine Reise nach Bayern vorbereiten will.

"Ein Gelehrter greift immer auf die Bücher zurück, mit denen er gelernt hat. Und 1966 war die Zeit, in der Ratzinger seine Bibliothek bestückt hat. Es überrascht mich nicht, dass er sich an dies Zitat erinnert hat", sagt Ulrich Sander vom Herder-Verlag, bei dem Ratzinger seit 50 Jahren veröffentlicht.

Es hätte andere Zitate gegeben, um einen Vortrag über Vernunft und Glauben einzuleiten. Aber da lag Khourys Buch. Und da war auch die Ratzingersche Lust an der Provokation, sein Widerwille gegen Konsens und Leisetreterei. Ein Dialog wird nicht mit zeremoniellen Umarmungen und ängstlichem Schweigen geführt, sondern mit logos, mit Wort und Vernunft. Benedikt XVI. ist kein Diplomat.

Der Redetext geht diesmal nicht durch den Apparat der Kurie. Erst am Tag vor der Abreise nach München bekommt ihn das Staatssekretariat zugestellt. Man habe dem Chef das Manuskript quasi aus der Hand reißen müssen. Er wollte bis zuletzt daran feilen. Die Rede ist ihm wichtig.

Zu wichtig, um von den Bedenkenträgern des Staatssekretärs Angelo Soldano zensiert zu werden.



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