AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2007

Futurologie "Erleuchtung im Supermarkt"

Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller über lebende Fabriken, die Entgrenzung des Geistes durch Technik und die Verschmelzung von Mensch und Maschine


SPIEGEL: Herr Steinmüller, wie verbringt ein Zukunftsforscher wie Sie die Silvesternacht? Werden Sie eine Prognose erstellen, was auf Sie 2007 persönlich zukommt?

Menschliche Automaten im Film (Szene aus "I, Robot" mit Will Smith 2004): "Die Informationstechnik muss biologischer werden"
DDP

Menschliche Automaten im Film (Szene aus "I, Robot" mit Will Smith 2004): "Die Informationstechnik muss biologischer werden"

Steinmüller: Nein, dazu taugt leider unser Instrumentarium nicht. Aber eigentlich ist es schade, dass große Unternehmen routinemäßig die Beratung von Zukunftsforschern in Anspruch nehmen können, während wir selbst als Privatmenschen weiter darauf angewiesen bleiben, im Nebel zu stochern mit Horoskopen, Bleigießen und Ähnlichem.

SPIEGEL: Kommen wir zur globalen Perspektive: Was ist der wichtigste technologische Trend im 21. Jahrhundert?

Steinmüller: Hirnforschung und Informatik werden immer mehr zusammenwachsen, je besser wir das menschliche Gehirn verstehen. So werden wir vielleicht irgendwann auf technischem Wege Gedanken lesen können. Oder es kommt durch die elektronische Beeinflussung des Gehirns sogar zu einer Entmystifizierung des Religiösen.

SPIEGEL: Ein alter Traum der Aufklärung - aber wie soll das funktionieren?

Steinmüller: Forscher haben beispielsweise herausgefunden, dass Erlebnisse, wie sie bei religiöser Verzückung auftreten, auf ganz bestimmte Hirnzustände zurückzuführen sind - und die lassen sich auch künstlich induzieren. Das wäre doch eine wahrhaft revolutionäre Erkenntnis, dass zur Transzendenz der Körper gehört! Künftig könnten Hirnbeeinflussungsmaschinen zu unserem Alltag gehören, die mit Hilfe magnetischer Felder übersinnliche Erlebnisse hervorrufen - vielleicht gibt es dann im Supermarkt fünf Minuten Erleuchtung für fünf Euro.

SPIEGEL: Wie praktisch, dann ließen sich Weihnachtsshopping und Christmette in einem Aufwasch erledigen.

Steinmüller: So ungefähr. Und Sie verlassen die Erleuchtungskabine als besserer Mensch. Aber im Ernst: Auch wenn das nicht einwandfrei funktionieren sollte, verspricht doch allein schon der Versuch einen wertvollen Erkenntnissprung. Die Religion könnte endlich vom Ballast halbgarer Theorien befreit werden. Vielleicht werden moderne Mystiker sogar auf Entgrenzung des eigenen Geistes durch Technik setzen. Aber für andere wird das natürlich ein verwerflicher Eingriff sein. Ohnehin könnte eine neue Konfliktlinie im 21. Jahrhundert zwischen den Menschenbewahrern und den Menschenverbesserern entstehen.

SPIEGEL: Der Glaube an die künstliche Verbesserung des Gehirns ist ja uralt, aber bislang produzierten die meisten "Mind Machines" nur eines: Scharlatanerie.

Steinmüller: Das wird aber nicht so bleiben. Durch Eingriffe in die Gehirnprozesse wären viele Manipulationen denkbar - jeden Abend vor dem Schlafengehen ein Nahtoderlebnis zum Beispiel. Oder Pillen für Charisma. Stellen Sie sich einmal eine ganze Gesellschaft von Charismatikern vor - schrecklich! Wie bei allen Drogen wird es dafür einen Markt geben, wenn erst die technischen Möglichkeiten bereitstehen. Oder es ist eine mentale Leistungssteigerung durch Elektroden oder Implantate denkbar, Nebenwirkungen eingeschlossen. Am Ende der Hirnmanipulationen könnte sogar stehen, dass wir Herr über unsere eigenen Gefühle werden und diese nach Belieben steuern können - tschüs Freud.

SPIEGEL: Das erinnert an die Cyborg-Phantasien des 20. Jahrhunderts. Aber von einzelnen Experimenten abgesehen, ist die Verschmelzung von Mensch und Maschine nicht allzu weit gediehen.

Steinmüller: Dazu muss die Informationstechnologie erst noch viel biologischer werden. Die heutigen Experimente, Chips mit Nervenzellen zu verdrahten, sind ja noch sehr vorsintflutlich. Aber Mitte des Jahrhunderts könnten wir tatsächlich mit unserem Bewusstsein direkt ins Internet eintauchen und buchstäblich virtuell um die Welt surfen. Was ich aber für vollkommen unrealistisch halte, ist, die Phantasie, das Bewusstsein auf eine Festplatte zu kopieren, um dadurch unsterblich zu werden. Unsere Bewusstseinszustände sind zu sehr geprägt von dem lebenden, organischen Gehirn und würden in einer Festplatte nicht funktionieren. Das fängt mit ganz simplen Dingen an: Eine Platine kennt keinen Schmerz.

SPIEGEL: Und was ist mit der vielbeschworenen Nanotechnik?

Steinmüller: Nanotechnik sehe ich vor allem im Zusammenwachsen mit der Biotechnik - Natur und Industrie würden dadurch ununterscheidbar. Denkbar wäre eine lebende Fabrik, in der Organismen die Stelle von Maschinen einnehmen werden. Bereits heute wird der Stoffwechsel von Mikroben verändert. Dies ist schon der erste Schritt dahin, Mikroorganismen für weitreichende Produktionsabläufe zu konstruieren. Vieles, wofür heute riesige Chemiefabriken gebraucht werden, könnte in sehr viel kleineren Anlagen auf dem Schreibtisch hergestellt werden.

SPIEGEL: Die Fabrik in der eigenen Wohnung?

Steinmüller: Nach dem PC, dem persönlichen Computer, könnte durchaus die PF kommen, die persönliche Fabrik. Und damit ließen sich dann alle möglichen Gegenstände des täglichen Bedarfs produzieren - Schrauben und Nägel, Teller und Tassen oder sogar Computer und Handys, je nachdem, welches Nanopulver vorn reingeschüttet wird. So ähnlich, wie heute das Arbeitszimmer fast schon zur professionellen Druckerei mutiert ist.

SPIEGEL: Auch die Kernenergie war einst mit großen Hoffnungen verknüpft und führte schließlich zur Katastrophe von Tschernobyl. Was könnte bei den persönlichen Biofabriken schiefgehen?

Steinmüller: Was heute bei gentechnisch veränderten Pflanzen befürchtet wird, ist harmlos gegen das, was zukünftige Kunstorganismen an Risiken mit sich bringen. Wahrscheinlich müsste man Killerorganismen einsetzen, um entkommene Mikroben zu zerstören - quasi als globales Immunsystem. Aber die menschheitsvernichtende Katastrophe wird ausbleiben. Ich bin nie ein vollständiger Pessimist; dazu bin ich zu sehr Skeptiker.

SPIEGEL: Seit der industriellen Revolution gab es alle paar Jahrzehnte ein neues Verkehrssystem - von der Eisenbahn über das Auto bis zum Flugzeug. Sehen Sie schon ein neues Transportmittel am Horizont?

Steinmüller: Einige Ingenieure träumen zwar von superschnellen unterirdischen Rohrpostsystemen - bis hin zum Transatlantiktunnel. Aber nichts wird wirklich geplant oder gar gebaut. Haben die Kapitalisten etwa die Lust am Abenteuer verloren? In der Tat ist nirgendwo ein revolutionär neues Verkehrsmittel in Sicht.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Steinmüller: Vielleicht haben wir wirklich eine Grenze erreicht - und zwar aus evolutionspsychologischen Gründen. Über Jahrhunderte hing die Größe der Städte davon ab, welche Verkehrsmittel zur Verfügung standen. Offenbar sind große Städte oft so groß, dass man vom Zentrum bis zur Peripherie innerhalb einer Dreiviertelstunde kommt - erst zu Fuß, dann mit der Kutsche, heute mit Auto oder S-Bahn. Und vielleicht ist dies ein Erbe aus der Steinzeit. Es scheint so, dass der Urmensch sich im Durchschnitt eine Dreiviertelstunde von zu Hause fortbewegte, bis er auf ein jagbares Tier stieß. Möglicherweise tragen wir ein evolutionäres Zeitbudget in uns für Bewegungen im Raum; deshalb mag kaum einer eine längere Anfahrtsstrecke zur Arbeit hinnehmen. Offenbar stoßen die Städte aber inzwischen in ihrer Größe an Grenzen, weshalb keine schnelleren Verkehrsmittel mehr erforderlich sind.

SPIEGEL: Vielleicht handelt es sich aber auch um einen blinden Fleck der Futurologie. Während Ihre Branche in den sechziger Jahren gern von der Besiedelung von Mond und Mars phantasierte, übersah man bahnbrechende Entwicklungen wie das Internet.

Steinmüller: Stopp! In den sechziger Jahren gab es durchaus schon Leute, die so etwas wie das Internet vorhergesagt haben. Nur wurde das nicht ernst genommen. Denn auf dem medialen Marktplatz für Zukunftsvisionen zählt vor allem der Unterhaltungswert: Flugautos, Cybersex, Weltuntergänge. Verglichen damit klang vielleicht die Verschmelzung der Kommunikationstechnik nicht spektakulär genug.

SPIEGEL: Bei Ihren Vorhersagen arbeiten Sie mit sogenannten Wild Cards. Was genau verstehen Sie darunter?

Steinmüller: Es geht um überraschende Wendungen, die eher unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich sind und die den Lauf der Geschichte dramatisch verändern können, wie zum Beispiel der Fall der Mauer 1989. Typische Wild Cards sind etwa: Die kontrollierte Kernfusion klappt doch. Oder: Roboter entwickeln tatsächlich eine Form von Intelligenz.

SPIEGEL: Mit vielen Vorhersagen bewegen Sie sich an der Grenze zu Ihrem zweiten Spezialgebiet - der Science-Fiction.

Steinmüller: Ja, die Visionen aus der SF sind wertvoll, weil sich auch Ingenieure davon inspirieren lassen - im Sinne sich selbst erfüllender Prophezeiungen. Beispielsweise gab es das Westentaschentelefon, mit dem man von jedem Punkt der Erde aus telefonieren kann, schon um 1900 als phantastische Spinnerei in Geschichten. In der Pionierphase neuer Techniken ziehen Erfinder und Autoren oft an einem Strang - etwa bei der Raketentechnik.

SPIEGEL: Welches wäre die unwahrscheinlichste Wild Card in diesem Jahrhundert?

Steinmüller: Der Erstkontakt zu Außerirdischen zum Beispiel. Noch unwahrscheinlicher: Es wird nachgewiesen, dass es Gott doch gibt. Oder es gelingt, den Menschen unsterblich zu machen.

SPIEGEL: Sie haben lange keinen neuen Science-Fiction-Roman mehr veröffentlicht. Wie lautet Ihre Prognose: Wird sich das ändern?

Steinmüller: Stellen Sie sich den Untergang der Vereinigten Staaten vor. Unterlegen im globalen Wettbewerb mit China, lässt das Verbrauchervertrauen nach, die Wirtschaft implodiert, die USA zerfallen in Regionen, ein Bürgerkrieg bricht aus. Und nun müssen die Europäer Friedenstruppen hinschicken - allein schon, um all die Atomwaffen vor US-Terroristen in Sicherheit zu bringen. Dieses Schreckensszenario taugt natürlich nicht für eine seriöse Prognose. Aber umso mehr für einen Roman. Den würde ich gern schreiben.

Das Interview führtenaf Stampf und Hilmar Schmundt



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