AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2006

Somalia Schlacht ums Horn von Afrika

Äthiopien hat die Islamisten aus Mogadischu vertrieben: Droht in Ostafrika eine neue Front im Kampf der Kulturen? Die radikalen Somalier suchen Unterstützung im Nahen Osten, die US-Regierung hilft den Truppen aus Addis Abeba.


Als ob der sintflutartige Regen nicht schon gereicht hätte: Seit Wochen versinken die Flüchtlingslager im Nordosten Kenias in tiefem Matsch, und doch strömten täglich Hunderte Flüchtlinge aus dem Nachbarland Somalia herein.

Antiamerikanische Demonstration in Mogadischu
AP

Antiamerikanische Demonstration in Mogadischu

Seit einigen Tagen sind es Tausende, die kommen: Ausgezehrt und in Lumpen gehüllt, schleppen sie sich über die kenianische Grenze. Sie haben ihre Habseligkeiten in kleinen, zerfetzten Säcken über den knochigen Schultern hängen, an den aus Autoreifen gefertigten Sandalen klumpt der Schlamm.

"Wir rechnen mit bis zu 80 000 neuen Flüchtlingen", sagt Uno-Mitarbeiterin Elzaki Eissa Elzaki, eine Philippinerin, die das zu Beginn der neunziger Jahre gegründete Flüchtlingslager Dadaab leitet - über 140.000 Somalier hausen in ihm. Fassungslos blickt sie auf die Neuankömmlinge, die bettelnd ihre Hände hervorstrecken, und auf die windzerzausten Zelte aus Mülltüten.

Elzaki Eissa Elzaki sieht Alte, die zu schwach sind, den Kampf um die knappen Lebensmittel aufzunehmen, und Kinder, die apathisch auf den Armen ihrer Mütter kauern. "Oh, mein Gott", stöhnt die Frau von der Uno, "wie sollen wir diesen Exodus nur in den Griff bekommen?"

Am Horn von Afrika herrscht wieder einmal ein Krieg, mit ungewissem Ausgang. Mit Panzern und mehreren tausend Soldaten rückte die äthiopische Armee letzten Donnerstag in die somalische Hauptstadt Mogadischu ein, nahm Flughafen und Präsidentenpalast in Besitz. Auf dem Weg dorthin hatten die Interventionstruppen Widerstandsnester der Islamisten bombardiert und Städte wie Belet Huen und Dschauhar eingenommen. Über 1000 somalische Glaubenskrieger sollen getötet worden sein - doch die meisten zogen sich kampflos aus der Hauptstadt zurück.

"Wir haben Mogadischu verlassen, um ein Bombardement durch die äthiopischen Streitkräfte abzuwenden", erklärten Sprecher des "Rats der islamischen Gerichte" und beklagten einen "Völkermord am somalischen Volk". Man werde "den Krieg nun in einen Guerilla-Kampf verwandeln".

In New York hatte tags zuvor der in aller Eile zusammengerufene Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beraten. Doch das Gremium verabschiedete keine Resolution - vor allem Großbritannien und die USA wollten sich nicht einem Appell an die äthiopische Regierung anschließen, sie solle ihre Streitkräfte zurückrufen.

"Somalia droht sich zum Schlachtfeld eines globalen Kriegs zwischen einer islamistischen Internationalen und westlichen Anti-Terror-Kriegern zu entwickeln", befürchtet der Hamburger Somalia-Experte Volker Matthies: "Während die Islamisten reichlich Unterstützung durch Fundamentalisten aus der arabischen Welt erhalten, wird die schwache, vom Westen anerkannte Regierung des Präsidenten Abdullahi Jussuf von Addis Abeba aus gestützt. Damit entwickelt sich Äthiopien zum ostafrikanischen Brückenkopf der Amerikaner in deren Anti-Terror-Kampf."

Es ist ein archaischer Krieg, der nun entlang modernen Fronten geführt wird. Im Sommer 2006 hatten Islamisten die Macht über die Hauptstadt Mogadischu und weite Teile Südsomalias erkämpft. Sie entwaffneten die brutalen Milizen, die das Land am Horn von Afrika 15 Jahre lang ungehindert in Schutt und Asche legen konnten. Sie führten islamische Gerichte ein, verboten Waffen ebenso wie die Volksdroge Kat. Dann schlossen sie Kinos und verboten Musik in der Öffentlichkeit. Sie richteten Ehebrecher hin, peitschten Diebe aus. Gelegentlich wurde jemand füsiliert, der sich verbotenerweise ein Fußballspiel im Fernsehen angeschaut hatte.

Äthiopischer Premier Zenawi- Verbündeter der Amerikaner
AFP

Äthiopischer Premier Zenawi- Verbündeter der Amerikaner

Die bereits 2004 im Nachbarland Kenia gebildete somalische Übergangsregierung unter Abdullahi Jussuf verharrte derweil machtlos in der Provinzstadt Baidoa, rund 250 Kilometer von Mogadischu entfernt. Hilflos musste sie zusehen, wie die frommen Saubermänner Stadt für Stadt erobern konnten.

Trotz ihrer asketischen Strenge erhielten die Islamisten Zulauf von jungen Männern aus allen Landesteilen. In Mogadischu bildeten sie Arbeiterbrigaden, die den Schutt aus den Ruinen wegräumten. Der internationale Flughafen wurde nach einer kleinen Ewigkeit wieder in Betrieb genommen, auch der Hafen - beide Lebensadern hatten bis dahin im Schussfeld der Clan-Milizen gelegen. Auf einmal gelangte auch schweres Kriegsgerät ins Land.

Nun drohte ein wehrhafter Gottesstaat nach Art der afghanischen Taliban in Afrika - und wohl auch eine Heimstatt für Terroristen. Aus dem Jemen schmuggelten mutmaßliche Qaida-Anhänger Waffen und Freiwillige nach Somalia. Das kleine Eritrea, das alles tut, wenn es Äthiopien nur schadet, lieferte nach Uno-Berichten Geld und Waffen - was dessen Präsident Isaias Afwerki allerdings bestreitet.

Seit Anfang der neunziger Jahre in der Stadt am Indischen Ozean zwei amerikanische Kampfhelikopter des Typs "Black Hawk" abgeschossen wurden, genießt Mogadischu unter militanten Islamisten einen Klang wie Donnerhall. Die reguläre Regierung aber hatte weder Geld noch Waffen und sandte von Baidoa aus Hilferufe in alle Welt. Ausgerechnet Äthiopien erhörte die Bitten. Das Land ist nicht nur christlich geprägt, es gilt auch seit je als Erzfeind Somalias. Gleich zweimal hat es Krieg gegen den ungeliebten Nachbarn geführt, um die Region Ogaden zurückzuerobern - einen trostlosen, riesigen Streifen Landes, der seit Jahrhunderten von Somaliern bewohnt wird. Hier wächst nicht viel, doch es gibt große Erdgasvorkommen. Dass die Jussuf-Regierung jetzt vollständig auf die äthiopische Armee angewiesen scheint, ist Propagandamaterial für die Religionskrieger aus Mogadischu.

DER SPIEGEL

In Harar, im Osten Äthiopiens und nahe der somalischen Grenze, beobachtet der Sozialwissenschaftler Lishan Ketema die jüngste Auseinandersetzung zwischen den beiden Nachbarvölkern. Über der Stadt, berühmt als Zentrum islamischen Geisteslebens wie auch als einstiger Wohnsitz des französischen Dichters Arthur Rimbaud, lastet tiefes Schweigen. Die Bewohner verschwinden hastig und wortlos in den Hauseingängen. Weil gerade ein Polizist von Unbekannten ermordet worden ist, werden wahllos Menschen verhaftet. "Es scheint, als sei Krieg zwischen unseren Völkern eine Art Naturzustand", sagt Ketema.

Und immer geht es um den Ogaden, diese Ödnis zwischen den beiden Ländern. Somalia selbst war von den europäischen Kolonialmächten gleich mehrfach zerstückelt worden. Ein Teil gelangte zu Dschibuti, dem einstigen Außenposten des kolonialen Frankreich. Somaliland am Golf von Aden, das sich zu Beginn der neunziger Jahre vom Rest des Landes lossagte, war von den Briten beherrscht worden, in Mogadischu wiederum hatten vor der Unabhängigkeit die Italiener regiert. Der Ogaden wurde Äthiopien zugeschlagen. Seitdem herrscht offene Feindschaft zwischen den Völkern.

Begehrlich blicken die Somalier auf das gestohlene Land. Die Nachbarn schauen argwöhnisch zurück und haben im Osten Äthiopiens den Ausnahmezustand verhängt. Der Ort Jijiga, in dem sich ebenfalls Kriegsflüchtlinge sammeln, ist Sperrgebiet. "Es wimmelt dort von amerikanischen Soldaten", sagt Ketema, "sie laufen wie selbstverständlich in Uniform herum und beraten die äthiopische Armee."

Die ergebnislose Debatte im Sicherheitsrat hat immerhin deutlich gemacht, dass Äthiopiens Premier Meles Zenawi nunmehr auch offiziell der Verbündete der Amerikaner ist. Niemand fürchtet einen Brückenkopf der Islamisten in Ostafrika mehr als die USA, deren Botschaften in Nairobi und Daressalam 1998 wohl von Osama Bin Ladens Terroristen in die Luft gejagt worden sind.

Eine weitere Front im globalen Krieg gegen den Terrorismus würden sich die USA nach ihren Erfahrungen im Irak gern ersparen. Gescheitert waren bereits die Bemühungen ihres Geheimdienstes CIA, die Machtübernahme der Islamisten in Mogadischu zu verhindern. Nur Spott erntete im Frühjahr ein von den Amerikanern unterstütztes Bündnis, das sich großspurig "Koalition gegen den Terror" nannte, aber überwiegend aus kampferprobten und skrupellosen Warlords bestand. Gegen die Islamisten hatten sie keine Chance.

Nach deren Machtübernahme hatte es in Mogadischu zunächst einen kurzen Sommer der Hoffnung gegeben. Für einige Zeit war unklar, ob moderatere Kräfte sich durchsetzen könnten.

"Die Menschen sind optimistisch, viele aus der Diaspora kehren heim, viele betrachten die neuen Machthaber mit großen Hoffnungen", schwärmte damals der somalische Rechts- und Literaturprofessor Abdullahi Mohammed Shirwa. Doch solcher Optimismus schwand schnell.

Panzer der somalischen Übergangsregierung in Dschauhar (am 27. Dezember)
REUTERS

Panzer der somalischen Übergangsregierung in Dschauhar (am 27. Dezember)

"Der Krieg in Somalia war unausweichlich", glaubt der äthiopische Journalist Girma Besha in Addis Abeba, "Äthiopien konnte die Radikalisierung in seinem Nachbarland nicht länger hinnehmen, Somalia hätte sich zur Terrorbasis entwickelt." Aber jetzt fürchtet er auch ums eigene Land.

Denn nun droht erneut ein Krieg mit Eritrea, das auf der Seite von Äthiopiens Feinden steht und nicht zögern wird, die Islamisten aufzurüsten, ja vielleicht sogar eigene Soldaten in den Kampf zu schicken. Äthiopien und Eritrea sind bitterarme Staaten, doch jedes Land unterhält ein Heer von über 180.000 hochgerüsteten Soldaten.

Die Regierung in Addis Abeba sah sich schon jetzt in der Klemme. Hätte sie den Islamisten mehr Zeit gegeben, hätten die in aller Ruhe aufrüsten können. Nun stehen äthiopische Soldaten im Nachbarland, und die Islamisten rufen ihre Verbündeten im Nahen Osten zum "Heiligen Krieg" gegen die Eindringlinge.

Denen könnte damit ein Debakel drohen, wie es den Amerikanern 1992 widerfahren ist, als sie nach Somalia kamen, um eine Hungersnot zu bekämpfen - und gedemütigt abzogen, nachdem die geschändete Leiche eines GI durch die Straßen Mogadischus geschleift worden war.

Im Internet ist heute schon ein ähnliches Foto zu sehen. Es zeigt einen äthiopischen Soldaten, die Hände auf dem Rücken gefesselt und mit durchschnittener Kehle.



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