AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2007

Extrembergsteigen Mama Himalaja

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2. Teil: Lesen Sie hier weiter


Sie ist viel rumgekommen. Vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs reiste sie durch das zerbombte Deutschland, und 1957 brach sie auf zu einer zwei Jahre dauernden Weltreise, die sie auch nach Katmandu führte. Sie war hingerissen von der Stadt, die ihr vorkam "wie eine märchenhafte Fata Morgana, eine Oase der Fruchtbarkeit in einem Meer aus senkrechten Wänden", und sie war hingerissen von der Fremdheit des Landes, "an dem man erkennen kann, was aus der Welt wird". Nach mehr als hundert Jahren Isolation hatte Nepal erst 1950 seine Grenzen für Ausländer wieder geöffnet.

Ein Jahr nach ihrer Rückkehr in die USA wanderte Hawley aus. Sie hatte New York und das tägliche Rattenrennen satt, Katmandu war der größtmögliche Gegensatz. Dort galt ihr Interesse von Anfang an der Geschichte des Bergsteigens, was auch damit zu tun hatte, dass sie sich Geld verdienen musste. Hawley hatte als Korrespondentin bei der Nachrichtenagentur Reuters angeheuert, und es waren vor allem die Expeditionen auf die Achttausender, die Neuigkeiten produzierten. Die Erde hatte noch weiße Flecken, viele davon lagen im Himalaja.

Wie wertvoll die persönlichen Kontakte waren, die Hawley zu den Bergsteigern knüpfte, zeigte sich beispielhaft 1963. Einer amerikanischen Expedition, die auf den Mount Everest wollte, war erstmals die Überschreitung des Berges gelungen, und dies auch noch von der Westseite aus. Es war eine Pioniertat, die ein enormes Medieninteresse erzeugte. Hawley erfuhr die Sensation vor allen anderen Korrespondenten, und der Bericht, den sie in die Redaktion kabelte, landete schließlich auch auf dem Tisch von John F. Kennedy. Fortan bekam sie Reportageaufträge der bekanntesten Magazine, und bald schon galt sie als beste Kennerin einer Region, für die es größtenteils nicht einmal brauchbares Kartenmaterial gab.

In den mehr als 40 Jahren seitdem hat sie dieser Todeszone Konturen gegeben, und natürlich hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. So hat sie sich mit dem englischen Bergsteiger Alan Hinkes angelegt, der sich im Mai vergangenen Jahres als der erste Brite feiern ließ, der alle Achttausender bezwungen hat.

Miss Hawley aber hatte Zweifel. Sie mied die Gartenparty in Katmandu, die die britische Botschaft zu Hinkes' Ehren ausrichtete. Stattdessen erörterte sie in ihrem Frühjahrsbericht 2005 für die "Himalayan Database" eine Expedition von 1990, die Hinkes zum Cho Oyu (8188 Meter) geführt hatte. Ein Teilnehmer hatte ihr gebeichtet, dass Hinkes nur das unter dem Gipfel liegende Plateau erreicht habe.

Hinkes bestreitet, getäuscht zu haben. Es sei neblig gewesen, doch er sei sicher, den Gipfel erreicht zu haben. Aber Hawley bleibt stur. Er solle den Cho Oyu erneut in Angriff nehmen, "und man kann nur hoffen, dass es nicht wieder neblig ist".

Auch der kasachische Kletterer Anatolij Bukrejew, der mit spektakulären Touren auf sich aufmerksam gemacht hatte, ehe er im Dezember 1997 unter einer Lawine an der Annapurna (8091 Meter) verschüttet wurde, bekam ein Problem mit Hawley. Seinen Schilderungen nach einer Expedition auf den Shisha Pangma (8027 Meter) entnahm sie, dass Bukrejew nur einen Nebengipfel erreicht hatte. Anders als Hinkes nahm der Kasache ihre Belehrung gelassen hin. Einem Mitstreiter vertraute er an, Hawley habe ihn angeherrscht. "Ich muss noch mal hin, Elizabeth sagt, ich sei nicht ganz oben gewesen."

In Hawleys Archiv taucht Bukrejew auch als Bergführer einer Expedition auf, die an der größten Tragödie in der Geschichte des Bergsteigens am Everest beteiligt war. Das Drama, bei dem acht Bergsteiger starben, machte auf brutale Art deutlich, wie unvermittelt sich das Hochgebirge in die Hölle verwandelt, wenn Überehrgeiz, Geltungsbedürfnis und Kostendruck die Entscheidungen in dünner Luft beeinflussen.

Bukrejew war für 25.000 Dollar als Bergführer einer US-Expedition angeheuert, die sich Mountain Madness nannte. Sie bestand einschließlich der Sherpas aus 22 Teilnehmern. Scott Fischer, der Expeditionsleiter, traf sich am 28. März 1996 in Katmandu mit Hawley. Am 9. Mai, so sein Plan, wollte die Expedition auf dem Mount Everest stehen, für den 15. Mai war die Rückkehr nach Katmandu vorgesehen.

Drei Tage nach ihrem Interview mit Fischer sprach Hawley in Katmandu mit dem Profi-Bergsteiger Rob Hall, dem Chef der Trekking-Agentur Adventure Consultants aus Christchurch in Neuseeland. Auch Hall wollte mit seiner Expedition, bestehend aus 26 Teilnehmern, auf den Everest, der Gipfeltag war, so hielt Hawley es in ihren Aufzeichnungen fest, einen Tag später vorgesehen als bei Fischers Gruppe.

Elizabeth Hawley hat weder Hall noch Fischer jemals wiedergesehen. Beide Expeditionsleiter kamen beim Abstieg vom Mount Everest ums Leben. Sie waren am Nachmittag des 10. Mai unterhalb des Gipfels in einen Schneesturm geraten.

Einen der ersten Augenzeugenberichte der Katastrophe hörte Hawley eine Woche später von einem Amerikaner namens Jon Krakauer, den sie in seinem Hotel in Thamel traf, dem Touristenviertel Katmandus. Krakauer, ein Journalist aus Seattle, gehörte zu den Überlebenden des Teams von Hall. Er war auf den Everest gestiegen, weil er eine Reportage über die Auswüchse der Kommerzialisierung des Himalaja-Bergsteigens schreiben wollte.

Es wurde ein Buch über den Tod. "Into Thin Air", in eisige Höhen, Krakauers minutiöse Nacherzählung des Dramas, verkaufte sich millionenfach, und die zwei engbeschriebenen Seiten, die Hawley bei dem Gespräch mit Krakauer in ihrer nur schwer zu entziffernden Handschrift notierte, lesen sich wie das Skript zu diesem Bestseller.

Kaum eine andere Akte in Hawleys Archiv ist so umfangreich, doch nur widerwillig spricht die Dame über die Geschichte.

Sie hat es häufig erlebt, dass sich Bergsteiger von ihr verabschiedeten und nicht wiederkamen, sie ist Historikerin, und Historiker, sagt sie, zeigen ihr Mitgefühl nicht.

Die Ereignisse am Mount Everest hatten eine neue, deprimierende Botschaft, auch für Elizabeth Hawley. Zwei kommerzielle Expeditionen waren am selben Tag auf den Gipfel gestrebt, beide befanden sich auf Kollisionskurs, niemand wich zurück, niemand nahm die Gefahren ernst. Es hatte den Anschein, als sei der ganz alltägliche Wahnsinn der westlichen Welt endgültig auch im Hochgebirge des Himalaja angekommen. Was sich damals auf dem Mount Everest abspielte, war so etwas wie die Fortsetzung des Rattenrennens um Macht und Erfolg, dem Elizabeth Hawley eigentlich hatte entfliehen wollen.

In Hawleys Unterlagen zu dem Drama findet sich ein Fax, das sie am 11. Mai 1996 an Adventure Consultants in Christchurch schickte. In Katmandu hatte sie die ersten Gerüchte aufgeschnappt, dass Mitglieder der neuseeländischen Expedition nach dem Abstieg vom Mount Everest vermisst würden, unter ihnen auch der Chef des Unternehmens, Rob Hall.

"Ich kann nur hoffen, dass sie alle überlebt haben", schrieb Hawley, "nicht zu wissen, was passiert, ist noch schlimmer, als Gewissheit darüber zu haben." In dem ihr eigenen Ton fügte sie hinzu: "Dummes Zeug, das Bergsteigen, nicht wahr?"

Das Fax bekam Halls Frau, der es noch am selben Abend gelang, eine telefonische Verbindung zu ihrem Mann herzustellen. Sie hatte das Basislager der Adventure-Consultants-Expedition am Mount Everest angewählt, und Halls Freunde hatten den Anruf zu seinem Funkgerät durchgestellt.

Hall verharrte, zu Tode erschöpft, auf dem Südgipfel auf mehr als 8000 Meter Höhe im Schnee, seit dem Beginn des Sturms waren über 24 Stunden vergangen. Seine Frau war drei Jahre zuvor mit Hall auf dem Mount Everest gewesen, sie machte sich keine Illusionen über seine hoffnungslose Lage.

"Hi, mein Schatz", sagte Hall, "ich hoffe, du liegst warm eingepackt im Bett. Wie geht's dir?"

"Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich an dich denke", antwortete seine Frau. "Du klingst ja viel besser, als ich erwartet habe. Ist dir auch nicht zu kalt, Liebling?"

"Wenn man die Höhe und das ganze Drumherum bedenkt, geht's mir eigentlich verhältnismäßig gut", sagte Hall.

Sie erwiderte: "Ich kann's kaum erwarten, dich ganz gesund zu pflegen, wenn du wieder zu Hause bist. Ich weiß einfach, dass du gerettet wirst. Denk nicht, dass du allein und verlassen bist."

Bevor er das Gespräch beendete, sagte Hall: "Ich liebe dich. Schlaf gut, mein Schatz. Mach dir bitte nicht zu viele Sorgen."

Zwölf Tage später fand man Hall tot in einer Eismulde.

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
Rainer Helmbrecht 31.05.2006
1.
---Zitat von sysop--- Extrembergsteiger, Tiefseetaucher, Freeclimber: Ausgefallene Berufe und Hobbys polarisieren. Ist es bewundernswert oder verrückt, wenn ein Mensch an seine Grenzen geht? ---Zitatende--- Zweierlei stört mich daran. Diese dazugehörigen Unfälle zahlt die Allgemeinheit. Das andere ist, dass man z.B. als Arbeitgeber in den Knast käme, wenn man es seinem Mitarbeiter zumuten würde. Arbeitsunfälle werden mit allen Mitteln verhindert, die Ausrede, dass ein Schalter, oder Schutz zu teuer wäre, gilt nicht. Bei Freihzeitsportarten gibt es keine Grenzen. Wer länger als 4 1/2 Std. Lenkzeit hinter sich hat, macht sich strafbar. Wer ein 100Km Langstreckenrennen durch die Wüste hinter sich bringt, ist ein toller Hecht.
iso11801lan, 31.05.2006
2.
---Zitat von sysop--- Extrembergsteiger, Tiefseetaucher, Freeclimber: Ausgefallene Berufe und Hobbys polarisieren. Ist es bewundernswert oder verrückt, wenn ein Mensch an seine Grenzen geht? ---Zitatende--- Ich denke es ist beides: Bewundernswert und verrückt. Jedenfalls sind diese Sportarten M.E. besser als jedes Fußballspiel. Ferner werden ja mittlerweile die Sportarten auch in Managerseminaren angeboten und durchgeführt. Ich finde es schon faszinierend seine Grenzen auszuloten.
knarfe, 01.06.2006
3.
---Zitat von Rainer Helmbrecht--- Zweierlei stört mich daran. Diese dazugehörigen Unfälle zahlt die Allgemeinheit. ---Zitatende--- Ich glaube nicht daran, daß die Allgemeinheit hier zuzahlt. Die Behandlungen unserer Wohlstandkrankheiten verursacht durch Bewegungsarmut, etc. sind sicher teuer. Zumal die Risiken sehr oft auch noch durch Zusatzversicherungen abgedeckt sind. ---Zitat von Rainer Helmbrecht--- Bei Freihzeitsportarten gibt es keine Grenzen. Wer länger als 4 1/2 Std. Lenkzeit hinter sich hat, macht sich strafbar. Wer ein 100Km Langstreckenrennen durch die Wüste hinter sich bringt, ist ein toller Hecht. ---Zitatende--- Der LKW Fahrer der die Lenkzeit überschreitet bewegt sich im dichten Deutschen Straßenverkehr, da wird er, wenn er unkonzentriert wird, zu einem hohen Risiko. Der Rally Pilot in der Wüste gefährdet in der Regel nur sich selbst und max. noch die Konkurrenz. Deswegen sehe ich darin kein Problem.
CSM, 01.06.2006
4. Körperliche und andere Grenzen
---Zitat von sysop--- Extrembergsteiger, Tiefseetaucher, Freeclimber: Ausgefallene Berufe und Hobbys polarisieren. Ist es bewundernswert oder verrückt, wenn ein Mensch an seine Grenzen geht? ---Zitatende--- Ich denke, es tut jedem gut, einmal pro Woche auch an seine körperlichen Grenzen zu gehen, ohne sie zu überschreiten. Für die Leute, die dabei mit ihrem Leben spielen, kann ich aber wenig Verständnis aufbringen. Aber das ist nicht wichtig. Denn es geht ja letztlich nur ums Ego. Wirklich interessant ist die Überwindung der Ich-Grenze im menschlichen Miteinander. Man nennt es auch Liebe. Das ist bewundernswert und verrückt gleichzeitig. Und an diesem Punkt setzt ja z.B. die Debatte um die Hilfsbereitschaft unter Extrembergsteigern ein. Kann ich mein Ziel, für das ich viel Zeit und Mühe aufgewandt habe, nämlich den Gipfel zu erreichen, aufgeben, um zu versuchen, einen anderen Menschen zu retten?
Inox, 01.06.2006
5. Kein Bedauern
"Dort oben ist jeder nur für sein eigenes Leben verantwortlich - und nicht dafür, andere zu retten" Tja, und die armen Irren(*) von Bergwacht, DLRG oder Sherpas riskieren ihren Ar*** für solche rücksichtslosen Egoisten. Von Krankenkassen und Rententrägern ganz zu schweigen, die diese Kicks Einzelner am Ende bezahlen müssen. In diesem Fall hat nun ein Idiot den Anderen liegen gelassen. Die Gedankenwelt dieser Leute wird sich mir nie erschließen. Tod oder Ruhm, wie auch die deutsche "Bergsteigerlegende" Reinhold Messner leidvoll erfahren musste, etwas anderes gibt es nicht. Offenbar kann es mit dem Verantwortungsbewusstsein ja auch nicht weit her sein, ohne Sauerstoff, ohne ausreichende Handschuhe, mit schweren Behinderungen (beinamputiert, fast blind), was im Gefahrenfall kein Quäntchen Spielraum für Sicherheitsreserven lässt. Ich selbst war früher Sporttaucher. Außenstehende fanden dies schon einen riskanten Sport. Gründliches Prüfen der Ausrüstung, eine Ausbildung, deren theoretischer Gehalt von heutigen Abenteurern wohl nur milde belächelt wird (die mir aber grundlegende Kenntnisse der biologischen und physikalischen Zusammenhänge vermittelte), sowie simple Vorsichtsmaßnahmen ("Tauche nie allein" war die Erste) sorgten dafür, dass die Zahl der Unfälle fast gegen null ging. Und trotzdem brachte Tauchen bei Nacht, unter Eis oder in größere Tiefe noch den gewissen "Kick", der aber durch Zweitgeräte, Sicherheitsleinen und ggf. bereitstehende Rettungstaucher abgesichert war. Eventuell würde man das heute öde finden. Wir waren trotzdem fasziniert. Macht Eure Sache, aber verschont die Gesellschaft mit den Folgen Eures Tuns. Ich jedenfalls hoffe, dass meine Krankenkasse für derlei suizidales Privatvergnügen die Kostenübernahme verweigern würde. Und wer unbedingt die Selbsterfahrung braucht, an seine physischen und psychischen Grenzen gehen zu müssen, kann dies ganz gut beim DRK, Feuerwehr oder THW tun. Der alltägliche Horror auf der Autobahn z.B. könnte da u.U. schon heilsam sein. (*) Muss Ironie/Sarkasmus/Zynismus hier separat gekennzeichnet werden?
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