AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2007

SPIEGEL-Streitgespräch "Das Problem explodiert"

Verständnisvoll zuhören oder knallhart durchgreifen? Der Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch und der Hamburger Strafrechtsprofessor Bernd-Rüdeger Sonnen diskutieren über den richtigen Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen.


DPA

SPIEGEL: Herr Reusch, Herr Sonnen, wann sind Sie das letzte Mal von Jugendlichen verprügelt worden?

Reusch: Das letzte Mal habe ich als Kind Prügel kassiert, aber das war etwas anderes. Früher haben wir Cowboy und Indianer gespielt. Wir wären nie auf die Idee gekommen, uns Killerboys zu nennen und Handys oder Turnschuhe zu rauben. Wir waren harmlos, heute beobachte ich die totale Verrohung.

Sonnen: Jetzt übertreiben Sie aber, Herr Reusch. Gewalt gibt es, seit Kain seinen Bruder Abel erschlagen hat. Jugendkriminalität und Jugendgewalt lassen sich nicht auf null reduzieren. Schlimmer geworden ist es nicht. Ich bin übrigens auch noch nie verprügelt worden - weder in den letzten Jahren noch in meiner Kindheit.

Reusch: Da haben Sie aber Glück gehabt. Gehen Sie doch mal durch Berliner Viertel wie Neukölln. Da gibt es Ecken, in die sich selbst die Polizei nur noch mit mehreren Streifenwagen traut. Ein einzelner Wagen ist dort sofort von einer Menschentraube umgeben. Die Jugendlichen betrachten die Polizei als fremde Besatzungsmacht - wie Iraker in Bagdad die Amerikaner, getreu dem Motto: "Macht euch weg hier, das ist unser Kiez!"

SPIEGEL: Die polizeilichen Kriminalstatistiken verzeichnen heute mehr Gewalttaten von Jugendlichen als früher: Verglichen mit 1993 gibt es jetzt mehr als doppelt so viele tatverdächtige Kinder und Jugendliche. War früher wirklich alles besser?

Reusch: Die Schläger von heute nutzen nicht nur ihre Füße und Fäuste, die greifen ohne Hemmung zum Messer. Da reicht ein schiefer Blick, und die Klinge wird gezückt.

Sonnen: In der Gesamttendenz nimmt die Gewalt zu, da gibt es überhaupt nichts zu beschönigen. Aber die Zahlen steigen auch, weil sich das Anzeigeverhalten verändert hat. Nach einer Prügelei kommt es heute viel eher zu einer Anzeige. Wir schauen nicht mehr weg.

SPIEGEL: Ist die Kriminalstatistik also nur eine optische Täuschung - es gibt mehr Anzeigen, aber gar nicht mehr Taten?

Sonnen: Das darf man vermuten, wenn man sich die Daten anschaut, die wir von den Unfallversicherungen gemeldet bekommen. Dort werden die schweren Fälle registriert, die sich in der Schule ereignen. Demnach sind die Verletzungen seit einigen Jahren nicht mehr so gravierend.

SPIEGEL: Herr Reusch, dann kämpfen Sie also gegen ein immer kleineres Problem.

Reusch: Im Gegenteil. In meiner Abteilung haben wir das Gefühl: Das ist ein Fass ohne Boden. Wenn in Traunstein ein paar Ladendiebstähle weniger begangen werden, nützt mir das in Neukölln-Nord wenig. Wir sehen in der täglichen Arbeit, dass das Problem förmlich explodiert. 2005 haben wir bei der Staatsanwaltschaft in Berlin 613 Täter gezählt, die schon zehn oder mehr Gewalttaten begangen hatten - fast alles sehr junge Menschen. Ein Jahr später gab es von denen schon 772. Und die Täter werden immer jünger.

SPIEGEL: Was für Typen sind das?

Reusch: Der klassische Straßenkriminelle ist jung, männlich und gehört der Unterschicht an. In keinem Land der Erde sind es die jungen Leute der Hautevolee, die massenhaft Gewaltdelikte begehen.

Sonnen: Aber es wird doch auch an Gymnasien geprügelt und abgezogen. Gewalt ist kein unterschichtsspezifisches Phänomen. Im Übrigen haben auch die Jugendlichen aus der Unterschicht ganz bürgerliche Träume. Alle wollen möglichst schnell viel Geld und ein schnelles Auto haben, eine nette Freundin und irgendwann mal Kinder. Sie dürfen auch nicht vergessen: In 95 Prozent der Fälle wächst sich die Jugendkriminalität mit dem Erwachsenwerden einfach aus.

Reusch: Klar, irgendwann wird es auch dem coolsten Schläger peinlich, Handys abzuziehen. Aber in den Problemkiezen ist eine eigene Welt entstanden. Inzwischen bessern schon Kinder mit sechs, sieben Jahren auf kriminelle Weise ihr Taschengeld auf. Die lernen von Kindesbeinen an, dass das Geld auf der Straße nur so rumläuft. Die betrachten jeden, der mit ehrlicher Arbeit sein Geld verdient, als "Opfer".

SPIEGEL: Im Jugendstrafrecht steht der erzieherische Gedanke im Vordergrund. Wie wollen Sie solche Kinder noch erziehen?

Reusch: Wir haben festgestellt, dass die herkömmlichen Methoden unsere Klientel kaum erreichen. Freizeitarbeit, Ermahnungsgespräche, Betreuungsweisung, soziale Trainingskurse, das alles perlt an denen ab. Selbst Verhandlungen vor Gericht lassen sie in gelangweilt-belästigter Attitüde über sich ergehen. Erst wenn sie mal im Knast saßen, bessern sie sich in der Regel.

SPIEGEL: Also sperren wir vorsorglich alle ein?

Reusch: Das wäre vielleicht ein bisschen überzogen. Ich kann nur für mich sprechen, nicht für die Berliner Justizpolitik, aber ich bin dafür: Sobald sich ein Knabe in die falsche Richtung entwickelt, muss er eine Konsequenz verspüren, die ihm weh tut, und Knast tut weh. Wir machen damit gute Erfahrungen. Die, die einmal in Untersuchungshaft gesessen haben, machen nicht mehr den dicken Max. Diese Jungs sind sehr viel vorsichtiger, wenn sie wieder rauskommen.

Sonnen: Um es ganz deutlich zu sagen: Nach dem Gesetz ist das nicht erlaubt. Die Untersuchungshaft hat nur ein einziges Ziel, nämlich die Durchführung einer Hauptverhandlung zu sichern. Das Jugendstrafrecht hat nicht zum Ziel, jemanden aus dem Verkehr zu ziehen.

Reusch: Wir müssen oft genug zähneknirschend zusehen, wie ein Täter noch mehr Menschen überfällt, demütigt, zusammenschlägt, weil uns der Gesetzgeber daran hindert, diese Jungs einzusperren. Wenn es rechtlich irgendwie möglich ist, greifen wir zur U-Haft als Erziehungsmittel. Das ist die pure Verzweiflung und weitverbreitete Praxis in Deutschland.

  • 1. Teil: "Das Problem explodiert"
  • 2. Teil

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