AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2007

Debatte Der deutsche Frühling

Deutschland profitiert davon, weniger deutsch zu sein. Von Roger De Weck.


Hat der deutsche Bürger keinen Grund zum Jammern, wird er unzufrieden. Das Wehklagen ist die besondere deutsche Form des Wohlbehagens. Und das heißt umgekehrt: Wer Deutschland lobt, der stört. Nur den Ausländern ist es zur Not gestattet, die Bundesrepublik zu bewundern, ihnen wird diese Charakterschwäche verziehen. Ein Franzose, der keine Komplimente macht, ist kein Franzose. Wohingegen der Deutsche, der ein Kompliment wagt, bereits als Schleimer gilt. So nehme ich mir die Freiheit des Fremden heraus, Gutes zu sagen. Und dass ich mehr Gallier als Germane bin, nämlich Französischschweizer, mag als mildernder Umstand durchgehen.


Seit 30 Jahren beobachte ich Deutschland - nie war es so entspannt wie heute. Von 1914 bis 1989 durchlebten die Deutschen Extremverhältnisse: zwei Kriege, Hyperinflation und Weimarer Wirren, Hitler und die Schande, Kalter Krieg und Berliner Mauer. Und nach diesen 75 Jahren war die deutsche Einheit zu bewältigen. Doch die Endloskrise geht jetzt zu Ende.

Vieles bleibt im Argen, Deutschland wird nicht zum Paradies. Aber schlecht und recht meistern die Deutschen ihre Wiedervereinigung. Und im Aufschwung entfalten sich Kraft und Kreativität einer Volkswirtschaft, die Angela Merkel vor kurzem noch zum "Sanierungsfall" erklärt hatte. "Ist Deutschland noch zu retten?", fragte 2003 der Ökonom Hans-Werner Sinn. Scharen von Schwarzmalern und Scharfmachern bedienen die hohe Nachfrage nach Pessimismus. Das deutsche Volk jedoch - in seiner Gesamtheit - hat es nie so gut gehabt wie heute.

Und siehe da: Das Land debattiert plötzlich über die Zukunft, beispielsweise die der Familie, statt über seine Vergangenheit. Der Streit der Historiker ist Historie. Der "lange Schatten des Hitler-Regimes" (Eberhard Rathgeb) verschwindet hinter aktuellen Diskussionen. Es schließt sich der Kreis der Nachkriegsgeschichte.

Das erste Kapitel stand im Zeichen des Wiederaufbaus; das Wirtschaftswunderland lebte im Hier und Heute, denn nichts hat mehr Gegenwart als Wunder.

Darauf folgte die Zeit der Zukunftsutopien, hoffnungsfrohe 68er schrieben das zweite Kapitel. Aber schon im "Deutschen Herbst" 1977 klang ihre Zukunftsmusik nur noch falsch. Als am 18. Oktober ein GSG-9-Kommando die Lufthansa-Passagiere in Mogadischu befreite, die RAF-Gründer Selbstmord begingen und ihre Nachfolger den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer töteten, verlor die Jugendbewegung ihre Unschuld und ihre bunte Zukunft.

Fortan (und dank des Anstoßes der 68er) beugten sich die Deutschen über ihre Vergangenheit: Es begann das dritte Kapitel, das drei Jahrzehnte währte. Von der Affäre Filbinger 1978 bis zur Affäre Oettinger/Filbinger 2007 zieht sich der Weg der Vergangenheitsbewältigung - ein viel kritisiertes Wort, das vielleicht doch nicht vermessen war. Wie eine resolute Republik den Trauerredner Günther Oettinger zur Ordnung rief, war souverän. Kein anderes Land hat eine so furchtbare Geschichte. Aber keines hat sie dermaßen aufgearbeitet, dass es an Bewältigung grenzt.

Als Israel nach dem jüngsten Libanon-Krieg die deutsche Marine und deutsche Uniformträger anforderte, war das ein stupender Vertrauensbeweis: eine beispiellose Anerkennung für die Art und Weise, wie sich die Bundesrepublik mit den Nazi-Verbrechen auseinandergesetzt hat. Der Bürger ist sich solcher Erfolge gar nicht bewusst. Aber auf Dauer entspannen sie mehr, als das peinvolle Aufarbeiten die deutsche Gesellschaft einst verspannte.

Im Lauf der Jahrzehnte schlug den Störenfrieden, die gegen das Verdrängen ankämpften, viel Hass entgegen. Doch haben sie dem Land einen patriotischen Dienst erwiesen: Deutschland erntet heute die Frucht solcher Zivilcourage. Japan hingegen wird von seinem unterdrückten Vorleben eingeholt, das Verhältnis zu China und Korea bleibt belastet. Und selbst nach 90 Jahren krankt die Türkei daran, den Völkermord an den Armeniern zu leugnen. Wo die Vergangenheit nicht stören darf, verstört sie desto mehr.

Trotzdem ist es kein schlechtes Zeichen, dass viele Deutsche des Aufarbeitens müde werden, denn nach drei Jahrzehnten ist eigentlich alles gesagt. Das dritte Kapitel ist größtenteils geschrieben, mit seinen eindrucksvollen und skurrilen Seiten: 1979 die Fernsehserie "Holocaust"; 1983 die Farce um die Hitler-Tagebücher; 1985 die Bitburger Waffen-SS-Kontroverse; seit 1986 der Historikerstreit; 1988 der Rücktritt des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger; in den neunziger Jahren die Polemik über Verbrechen der Wehrmacht, das Tauziehen um das Holocaust-Mahnmal und um die Zwangsarbeiter-Stiftung; 1996 dann die Goldhagen-Debatte. Und als Martin Walser 1998 seine umstrittene Friedenspreis-Rede hielt, führten die Deutschen weniger eine Diskussion zur Sache als eine Diskussion über die Diskussion - was darauf deutet, dass sie sich erschöpft hatte. Zuletzt öffnete sich der Raum für das Kino, mit guten oder peinlichen Hitler-Filmen. Und wenn selbst Günter Grass nichts mehr zu verbergen hat, ist die Arbeit getan.

Mit dem Mauerfall begann das Ende der Nachkriegszeit, nun endet dieses Ende. Was wird der nächste Abschnitt deutscher Geschichte bringen? Zurück zur Gegenwart, lautet das Leitmotiv.



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