AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2007

Bildung Inflation der Kuschelnoten

Professoren an deutschen Hochschulen vergeben Top-Zensuren wie am Fließband. Damit schaden sie dem eigenen Ansehen und erschweren Absolventen den Berufseinstieg.

Von und Per Hinrichs


Schon von Berufs wegen ist Sabine Zahnert wählerisch: Rund 5000 Bewerbungen von Hochschulabsolventen landen jedes Jahr auf dem Schreibtisch der Personalmanagerin. Rund 70 handverlesene Kandidaten dürfen später in das Trainee-Programm der Firma Bosch einsteigen, das Zahnert betreut.

Nur noch selten gibt dabei das Uni-Zeugnis den Ausschlag. Sie habe beobachtet, dass "darauf durchgängig sehr gute Noten" vermerkt seien, sagt Zahnert. Mit Spitzenzensuren, so ihre Folgerung, sei es "nicht getan"; die Bewerber müssten auch durch "andere Faktoren punkten".

Das Einser-Examen ist an deutschen Hochschulen zur Massenware geworden. Was Personalchefs schon lange ahnen, hat jetzt der Wissenschaftsrat präzise belegt. Das wichtigste Beratergremium des deutschen Bildungssystems konstatiert einen "inflationären Anstieg des Notenniveaus". Die Skala werde nur "in den wenigsten Fällen voll ausgeschöpft".

Noten in 15 Fächern - klicken Sie hier zu allen Grafiken




So starten angehende Biologen und Physiker mit einer tdurchschnittlichen Uni-Abschlussnote von 1,5 ins Berufsleben; kaum schlechter gestellt sind Mathematiker und Psychologen. Physik-Genie Albert Einstein, von den Prüfern seinerzeit mit "knapp gut" bewertet, wäre damit heute unter den Schlusslichtern seines Fachs.

Durch die Inflation der Kuschelnoten, so warnen die Bildungsexperten, tauge die Gesamtzensur kaum noch als Währung für akademische Leistung - mit negativen Folgen für den Ruf der Fachbereiche, für Absolventen und Arbeitgeber. "Man tut den wirklich guten Studenten keinen Gefallen, wenn man sie in der Masse untergehen lässt", sagt Wedig von Heyden, Generalsekretär des Wissenschaftsrats. Der Rat hatte bereits vor vier Jahren eine größere Bandbreite bei den Zensuren angemahnt, ohne messbaren Erfolg.

Nicht nur zwischen den Fächern, auch zwischen den Unis gibt es große Unterschiede: Anhand der über 200.000 ausgewerteten Prüfungen lässt sich genau nachvollziehen, wo eher lasche und wo eher strenge Maßstäbe gelten. So sind die künftigen Betriebswirtschaftler der TU München im Schnitt mehr als eine halbe Note besser als ihre Kollegen in Regensburg.

In der Kuschelkultur vereinigen sich gleich mehrere unheilvolle Tendenzen des deutschen Hochschulsystems: Viele der allmächtigen Ordinarien halten ihr Fach für zu tiefgründig, um es in Prüfungen einer schnöden Zahlenskala zu unterwerfen. Dazu kommt das Erbe der 68er, denen Noten als Unterdrückungsmittel des Kapitals galten. Mancher akademische Lehrer glaubt noch seinen persönlichen Widerstandsakt gegen ein leistungsversessenes System zu leisten.

So musste das Land Niedersachsen unlängst zwei Soziologen die Prüfungsberechtigung für das Staatsexamen entziehen. Die beiden Professoren der Universität Osnabrück hatten nur vier von über hundert Prüflingen nicht mit der Bestnote 1,0 entlassen. Die, so das Wissenschaftsministerium, "außergewöhnliche" Notenvergabe hatte keine weiteren Folgen: Die Absolventen dürfen ihre Einser behalten, die beiden Profs weiterhin Magisterprüfungen abnehmen.

Wer so lieblos mit Zensuren umspringt, verzichtet auf ein ausgefeiltes Beurteilungsinstrument. Die vielgeschmähte Ziffer drücke "nicht nur Wissen aus", betont der Hohenheimer Notenexperte Benedikt Hell, in ihr seien "ebenso Qualitäten wie Ausdrucksvermögen, kognitive Leistungsfähigkeit, aber auch Persönlichkeitsmerkmale wie Motivation und emotionale Stabilität" abgebildet.

Hell hat den Zusammenhang zwischen Abitur-Durchschnittsnote und späterem Studienerfolg untersucht und festgestellt: Kein anderes Kriterium sagt so zuverlässig voraus, ob jemand sein Studium gut meistert, wie die abschließende Schulzensur. Ebenso enthalte die Examensnote an der Uni eine "Vielzahl an Kompetenzen".

Nur wenige Fächer widerstehen dem Trend zur Schmeichelzensur, darunter Medizin, BWL und Jura. Klar definierte Leistungsstandards im Staatsexamen und ein weitgehend anonymisiertes Verfahren sorgen dafür, dass Prüfer und Geprüfte sich nicht allzu nahe kommen.

Bei den Juristen gehört die besonders strenge Interpretation der Notenskala zum ständischen Selbstbewusstsein: Wer ein Prädikatsexamen schafft, gilt ohne Vorbehalte als Ass und hat beste Aussichten auf eine ordentliche Anstellung.

Biologiestudenten (in München): Einser-Abschluss als Massenware
AP

Biologiestudenten (in München): Einser-Abschluss als Massenware

Eine solche Chance, sich durch Studienleistungen für einen Job zu empfehlen, haben Kommilitonen aus anderen Fächern kaum. Damit schaden die Gleichmacher unter den Professoren letztlich genau jenen, denen sie helfen wollen. Axel Plünnecke, Bildungsökonom beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, argumentiert: "Wenn die Note entwertet wird und stattdessen Praktika, Auslandsaufenthalte und außeruniversitäres Engagement in den Vordergrund treten, werden Kinder aus ärmeren Familien benachteiligt."

Solche Zusatzqualifikationen, sagt Plünnecke, hingen auch "von den finanziellen Möglichkeiten und den Kontakten einer Familie ab". Die Einser-Flut sei deshalb in der Konsequenz diskriminierend und unsozial.

Auch aus Sicht der Wirtschaft sind die Pseudoprädikate ein Ärgernis. Um sich von Bewerbern wirklich ein Bild zu machen, müssen die Unternehmen zu aufwendigen Verfahren wie dem Assessment Center greifen. Der Unterschied zwischen Masse und Exzellenz verschwimme, kritisiert Matthias Afting, Leiter Personal- und Bildungsstrategie bei der Deutschen Bahn AG. "Was auf dem Zeugnis draufsteht, sollte auch drin sein", fordert Afting. Stattdessen würden Arbeitgeber und Absolventen zunächst im Unklaren gelassen.

Um eigene Auswahlschlüssel kämen Unternehmen künftig nicht umhin, prophezeit Afting und verweist auf Erfahrungen aus Großbritannien und den USA. Seit die britischen Universitäten im Jahr 1998 allgemeine Studiengebühren einführten, verzeichnet die akademische Gemeinde eine "grade inflation" - die Zensuren werden immer besser, um die Kundschaft bei Laune zu halten. Gleiches könnte auch Deutschland drohen, wenn ab 2010 der Studentenberg schwindet und die Bildungsanstalten es sich gut überlegen müssen, ob sie zahlende Klienten durch strenge Prüfer vergrätzen wollen.

Mehrere amerikanische Elitehochschulen, darunter Berkeley und Princeton, haben bereits die Notbremse gezogen, um ihren Ruf zu retten: Für die maximal in einem Fach zu vergebenden Spitzenzensuren gibt es jetzt feste Quoten.

Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, fordert, auch hierzulande sollten Studenten wieder "eine realistische Einschätzung ihrer Leistung bekommen". Sie sieht die "Reflexion" über "die Praxis der Notengebung als eine dauernde Verpflichtung".



Forum - Zu viel "sehr gut" an der Uni?
insgesamt 457 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Karendric, 15.05.2007
1.
Ja, an der Uni kann man Noten nicht mehr ernst nehmen - fast jeder bekommt heute ein "sehr gut" - oft von wohlmeinenden Dozenten, die so die Chancen des Absolventen auf dem Arbeitsmarkt verbessern wollen. Einzige Ausnahme sind hier wohl noch die Juristen.
Pnin, 15.05.2007
2.
Das muss Studienfachabhängig sein. Bei Rechtswissenschaften gibt es dieses Problem nicht.
Rover, 15.05.2007
3.
Zitat von KarendricJa, an der Uni kann man Noten nicht mehr ernst nehmen - fast jeder bekommt heute ein "sehr gut" - oft von wohlmeinenden Dozenten, die so die Chancen des Absolventen auf dem Arbeitsmarkt verbessern wollen. Einzige Ausnahme sind hier wohl noch die Juristen.
In den geistes- und Sozialwissenschaften war es zu meiner Zeit (Abschluss 99) sicher so. Wobei das schlicht auch von den Dozenten abhängt. Ich hatte eine Professorin, die auch gleich sagte, sie gäbe prinzipiell nur 1 und 2. Andere gerierten sich als streng und gaben prinzipiell (fast) nur 2 + 3, aber generell waren 1 und 2 das Maß - allerdings eben sehr willkürlich angewandt und ausschließlich abhängig vom jeweiligen Dozenten.
Polarwölfin, 15.05.2007
4. Verkehrte Welt
Als mein Mann Ende der Achtziger Ingenieurwesen studierte, rühmten sich manche Professoren an der Uni mit Durchfallquoten von 100 Prozent. Das war etwas ganz tolles - für die! Für die Studenten sah das natürlich ganz anders aus. Nun soll es gute Noten für Nüsse geben? Wer soll denn davon profitieren? Die Uni? Die Studenten wohl eher nicht, denn die Wahrheit kommt doch raus. Spätestens im Beruf merkt man, ob jemand etwas kann oder nicht.
Tomkick, 15.05.2007
5.
Ich muss das falsche studieren (oder am falschen Ort :) ), hier ist "sehr gut" gegenüber "gut" bzw. "befriediegend" klar in der Minderheit.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 20/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.