AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2007

Debatte Der Dichter und die Brandstifter

Börne-Preisträger Henryk M. Broder über die erneute Kapitulation im Fall Salman Rushdie


Kann das wahr sein? Ist das die Zukunft der Berichterstattung: der inszenierte Kniefall? Auf CNN wird Lord Ahmed, der erste Muslim, der zum Mitglied des britischen Oberhauses ernannt wurde, zu Salman Rushdie befragt, der demnächst zum "Ritter" geschlagen wird. Rushdies Ernennung zum Sir hatte die "religiösen Gefühle" der islamischen Welt verletzt - wieder einmal.

Autor Rushdie: "Absolute Rede- und Meinungsfreiheit"
AP

Autor Rushdie: "Absolute Rede- und Meinungsfreiheit"

Lord Ahmed also: "Ich trete für die absolute Rede- und Meinungsfreiheit ein, aber diese Freiheit muss mit Verantwortung praktiziert werden."

Der Reporter verzog keine Augenbraue. Er fragte nicht nach, wie absolut das "absolut" gemeint war und was von der Meinungsfreiheit übrig bleibt, wenn ein Buch mit einem Mordaufruf beantwortet wird. Zur Erinnerung: Vor 18 Jahren hatte Salman Rushdie mit seinen "Satanischen Versen" einige Mullahs in Iran so sehr erzürnt, dass sie ein Kopfgeld auf ihn ausgelobt hatten.

Was war es im Einzelnen, das Lord Ahmed so wütend machte? "Er hat ein schlechtes Buch geschrieben, es beleidigt nicht nur den Propheten Mohammed, sondern auch Jesus und Maggie Thatcher, und das ist genauso schlimm."

Der CNN-Reporter lächelt. Und nickt. Und schweigt. Man möchte ihm Börnes Satz zurufen, der schrieb: "Im Dienste der Wahrheit genügt es nicht, Geist zu zeigen, man muss auch Mut zeigen." Wenigstens den Mut, einem britischen Lord zu widersprechen.

Zu gern hätte man erfahren, warum Millionen gläubiger Muslime sich über ein Buch aufregen, das die wenigsten von ihnen gelesen haben. Auch ein zärtlicher Hinweis darauf, das Jesus täglich mit Häme und Spott überzogen wird, ohne dass beleidigte Christen "Tod den Ungläubigen!" schreien, wäre nicht verkehrt gewesen.

Protestierende Muslime am 21. Juni in Karatschi, Pakistan
AFP

Protestierende Muslime am 21. Juni in Karatschi, Pakistan

Man hätte auch anmerken können, dass Literaturrezensionen im westlichen Kulturkreis im Normalfall nicht aus Mordaufrufen bestehen und dass es meist die Kritiker sind, die um ihr Leben bangen müssen, seit Goethe mal geschrieben hat: "Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent."

Rushdie, so viel stand nach dem CNN-Interview mit Lord Ahmed fest, war der Provokateur, und die Muslime, die schon vor 18 Jahren wegen der "Satanischen Verse" Amok liefen und heute wieder seinen Kopf verlangen, sind die ewig unschuldigen Opfer, die nichts dafür können, dass sie gelegentlich ausrasten.

Und die Politik? Sie rutscht der Publizistik hinterher. Auf den Knien.

Während in Teheran und Islamabad die britischen Botschafter zur Entgegennahme von Protestnoten "einbestellt" und auf Massendemos in iranischen und pakistanischen Städten britische Flaggen und Puppen von Königin Elizabeth und Salman Rushdie verbrannt wurden, war das offizielle London von Ausmaß und Heftigkeit der Reaktionen "überrascht".

Die britische Regierung ging umgehend auf Deeskalationskurs, und auch der britische High Commissioner vor Ort, Robert Brinkley, versuchte es mit einer Mischung aus Dementi und Anbiederei. Es sei "einfach nicht wahr", erklärte der Vertreter der Krone in Islamabad, dass es sich um "eine Beleidigung des Islam und des Propheten Mohammed" handle. "Der Islam ist heute die zweitgrößte Religion in Großbritannien, für die wir einen großen Respekt empfinden."

Ist es nicht interessant, wie die Welle der Solidarität mit Rushdie inzwischen von einer Welle der Kapitulation überrollt wird? Es zeigt sich, wie recht der große Vorsitzende Mao mit dem Satz hatte: "Bestrafe einen, erziehe hundert." Sogar die "taz" fragt, "ob es denn tatsächlich nötig war, Rushdie den Adelstitel anzubieten (und ob es klug von ihm war, ihn anzunehmen)". Und was müsste künftig alles unterbleiben, um solche Reaktionen zu vermeiden? Der Genuss von Alkohol und der Verzehr von Schweinefleisch? Frauenfußball im Beisein von Männern und Schönheitswettbewerbe mit Bikini-Mädchen? Gemischter Sport- und Schwimmunterricht?

Der "Dialog auf gleicher Augenhöhe", um den sich derzeit alle bemühen, findet unter verkehrten Vorzeichen statt. Das Muster findet man schon bei Max Frisch: Die Brandstifter zündeln, und Biedermann will es nicht wahrhaben.

"Dieser Mann", sagte Lord Ahmed auf CNN über Salman Rushdie, "hat nicht nur überall auf der Welt Gewalt verursacht, seinetwegen sind auch viele Menschen getötet worden. Vergeben und vergessen ist eine Sache, aber einen Mann zu ehren, an dessen Händen Blut klebt, das geht zu weit."

Unter den wenigen, die es wagten, Ursache und Wirkung wieder in das richtige Verhältnis zu bringen, war auch die kanadische Autorin Irshad Manji, eine liberale Muslima. Sie sei auch beleidigt, schrieb sie, "weil es eine Fatwa gibt, die Frauen dazu verurteilt, zu Hause zu bleiben und sich jederzeit zu bedecken", und weil "so viele andere Muslime nicht beleidigt sind", wenn bei Bombenanschlägen Muslime in Stücke gerissen werden. Es sei, "höchste Zeit, die Scheinheiligkeit im Namen des Islam zu verbannen". Denn: "Salman Rushdie ist nicht das Problem. Die Muslime selbst sind es."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 188 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jassu1979, 24.06.2007
1. Der Dichter und die Brandstifter
Ich kann Herrn Broder nur von ganzem Herzen beipflichten! "Die Satanischen Verse" ist ein faszinierender Roman, dessen vermeintliche Blasphemie zudem derart harmlos ausfällt, dass man als aufgeklärter Europäer nur fassungslos über die gewalttätigen Reaktionen der Muslime den Kopf schütteln kann. Kaum vorstellbar, was passieren würde, wenn Christen so mit vermeintlichen "Gotteslästerern" umgehen würden: - Kopfgelder auf die Mitglieder von "Monty Python" für "Das Leben des Brian"? - Morddrohungen gegen die Publizisten von Bulgakovs "Der Meister und Margarita"? - Zensur der "Großinquisitor"-Passage aus Dostojewskis "Die Brüder Karamasov"? - Lebensgefahr für Marianne Frederikson, deren "Maria Magdalena" den Heiland beim Geschlechtsverkehr zeigt?
martinp, 24.06.2007
2. mutige Antwort
Zitat: "Unter den wenigen, die es wagten, Ursache und Wirkung wieder in das richtige Verhältnis zu bringen, war auch die kanadische Autorin Irshad Manji, eine liberale Muslima. Sie sei auch beleidigt, schrieb sie, "weil es eine Fatwa gibt, die Frauen dazu verurteilt, zu Hause zu bleiben und sich jederzeit zu bedecken", und weil "so viele andere Muslime nicht beleidigt sind", wenn bei Bombenanschlägen Muslime in Stücke gerissen werden. Es sei, "höchste Zeit, die Scheinheiligkeit im Namen des Islam zu verbannen". Denn: "Salman Rushdie ist nicht das Problem. Die Muslime selbst sind es." mutige Antwort - und sinnvoll wenn sich Muslime in die Diskussion einmischen. mp
Otto Normalbürger 24.06.2007
3. Warum lassen wir uns einschüchtern von Moslems
Es ist unerträglich, wie wir uns einschüchtern lassen von der Politik die Moslems gegen Nicht-Moslems in Deutschland und in der Welt betreiben im Großen wie im Kleinen: 1. Im Falle von Salman Rushdi: Der Mob fordert den Tod Salman Rushdies - der Westen lächelt und schweigt. 2. In Köln bez. des Neubaus einer Moschee 3. Im Libanon bez. der demokratischen Entwicklung eines Landes 4. Im Gaza Streifen 5. Der IRAN verarschr den Westen bis zum Tag des Bomben Wurfs oder der Erpressung mit einer A-Bombe Moslems sind das Monster, ich habe Angst, ist das Fazit, das meine kleiner Sohn mit 10 Jahren kürzlich gezogen hat.
jojocw, 24.06.2007
4. schwacher Westen
Es gibt nur wenige Autoren, die es noch wagen, das zu sagen, was die meisten Menschen im Westen denken. Die Politiker und auch Publizisten kuschen überall. Siehe den Artikel, aber auch dei Inhaftierung eines Jungen in der Türkei, die tausendfache Beleidigung, Kränkung und Verfolgung von Christen in islamischen Ländern, nicht zuletzt aber auch das Nachgeben von Merkel gegen Polen. Alles passt in das gleiche Schema: der Westen hat keinen Charakter, er gibt überall nur nach. (Polen ist natürlich auch ein westliches Land, aber eben lange Zeit nicht der westlichen Einflussphäre zugehörig. Und das Geieere um Putin setzt dem allem noch die Krone auf. Wie lange kann das noch so weitergehen?
kein Ideologe 24.06.2007
5. richtig, Broder
Broder, Gückwunsch zum Börne-Preis, hal leider mal wieder recht. Ich muß zugeben, ich habe mich diesmal auch nicht mehr aufgeregt, der erste Gedanke war "war das nötig?". Da fängt das Verwechseln von Ursache und Wirkung schon an. Alles Unfug. Die Schreihälse hätten bei jedem beliebigen anderen Anlaß die gleiche Folklore aufgeführt. Danke fürs Geraderücken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 26/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.