AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2007

Zeitgeschichte Nur zufällig überlebt

Waren prominente Politiker, Künstler und Intellektuelle NSDAP-Mitglieder, ohne es zu wissen? Wie weit ging die Verstrickung der letzten Jahrgänge im Zweiten Weltkrieg? Ein Porträt der Flakhelfer-Generation, von Dieter Wellershoff


Das mehr als 60 Jahre nach dem Kriegsende aufgeflammte Interesse an dem Nachweis von Parteimitgliedschaften namhafter Personen des Kulturlebens, die inzwischen um die 80 Jahre alt sind, hat sich zu dem Generalverdacht ausgeweitet, allen Angehörigen der letzten zur Wehrmacht eingezogenen Jahrgänge lasse sich eine enge Beziehung zum NS-Regime nachweisen. Angesichts der totalen organisatorischen und ideologischen Einbindung aller Menschen in die Kriegsdiktatur des "Dritten Reiches" mag das ein verständlicher Verdacht sein.

Hitlerjugend (bei einer Probe für den Reichsparteitag 1938 in Nürnberg): Idealisierung des Militärs
DPA

Hitlerjugend (bei einer Probe für den Reichsparteitag 1938 in Nürnberg): Idealisierung des Militärs

Vielleicht ist es aber auch nur ein journalistisches Sommertheater, das einen fragwürdigen Reiz daraus bezieht, die letzten noch greifbaren Vertreter der im Krieg aufgewachsenen Jugend, die sich wegen ihrer kulturellen Leistungen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft einen Namen gemacht haben, mit dem beschämenden Odium des Mitläufertums vom Platz zu verweisen. Angeblich unterschriebene Bewerbungen auf Mitgliedschaft in der NSDAP oder auch Namenslisten von Mitgliedern dienen dabei als Rote Karte.

Dem steht gegenüber, dass in den letzten Kriegsjahren, als die heute Verdächtigen das Alter für die Aufnahme in die Partei erreichten, die Zahl der Anträge zurückgegangen war. Weil das nicht zu Unrecht als ein alarmierendes Zeichen wahrgenommen wurde, hat man das Antragsalter um ein Jahr vorverlegt. Und manche Parteiinstanzen sollen in vorauseilendem Gehorsam auch Anträge und Mitgliederlisten gefälscht haben.

Wenn ich jetzt korrigierend auf dieses manipulierte Bild antworte, tue ich das nicht in der Absicht, mich und meine Generation zu verteidigen. Es wäre ja auch ein Unterfangen, das nichts an der Tatsache änderte, dass wir alle mindestens mittelbar, also über längere Handlungsketten, oder unmittelbar in das Geschehen des Krieges verstrickt worden sind.

Über die Unterschiede der Verstrickung entschied in der Regel der Zufall. Viele der 1925 geborenen Rekruten meiner Division, die 1943 in Holland infanteristisch ausgebildet und von dort nach Italien verlegt wurden, gerieten in dem Toskana-Städtchen Civitella in einen Partisanenüberfall und richteten in einer panikartigen Strafaktion ein Massaker unter der Bevölkerung an. Zufällig war ich nicht dabei, da ich zu den 200 Rekruten meines Jahrgangs zählte, die für das in Berlin stationierte "Begleitregiment" der Division ausgewählt und von dort Ende Juli 1944 an die ostpreußisch-litauische Front transportiert wurden.

Nach verlustreichen Abwehrkämpfen - Feuergefechten am Tag und Stoßtruppunternehmungen in der Nacht - musste Anfang Oktober der stark dezimierte Mannschaftsbestand des Regiments durch Rekruten des nächsten Jahrgangs aufgefüllt werden. Viele von ihnen starben schon wenige Tage danach bei einem vergeblichen Angriff im Feuer der russischen Artillerie. Ich wurde damals verwundet und verbrachte, dank eines bei der Notoperation im Bein vergessenen Drainageschlauchs, den letzten Kriegswinter als "nicht verwendungsfähig" eingestuft, im Lazarett, bis eines Tages der Fremdkörper aus der immer noch nicht geschlossenen Wunde herauseiterte und ich zum letzten Akt des Krieges April 1945 an die Oderfront geschickt wurde. Mitten im Chaos der allgemeinen Flucht kam ich zufällig an ein Fahrrad und gelangte damit bis zu den Amerikanern. Sterben musste ich nun nicht mehr. Das war alles, was ich wusste.

Wenn man sich einen Überblick verschaffen will über die prägenden Erfahrungen und Wandlungen im Lebenslauf der heute über 80-Jährigen, dann geschieht das wohl am besten, indem man von diesem Nullpunkt des historischen Stillstandes zurück- und vorausblickt. Bei den 1925 Geborenen, also meinem Jahrgang, stößt man dabei auf das Zusammentreffen zweier prägender Erfahrungen - den Beginn der Pubertät und den Anfang des Krieges.

Bekanntlich ist die Pubertät die Entwicklungsphase, in der sich der Heranwachsende aus der engen symbiotischen Bindung an seine Eltern löst und sich im erweiterten Blick auf die Welt ein eigenes Ich-Ideal erschafft, mit dem er sich identifizieren kann.

In der Nachkriegszeit sind das seit Jahrzehnten die bejubelten Stars der Popmusik oder des Sports. Für uns waren es damals die Kriegshelden in ihren Jagdflugzeugen, U-Booten, Sturmgeschützen, und überhaupt alle Soldaten, die bereit waren, ihr Leben zu riskieren für das "Heilig Vaterland", wie es in oft gesungenen Versen von Rudolf Alexander Schröder hieß, die, wie auch berühmte Gedichte von Friedrich Hölderlin, den Tod fürs Vaterland als höchste Idealität verklärten.

In der Vorahnung, dass dies einmal auch von uns verlangt werden würde, jagten mir diese Worte einen Schauer über den Rücken. Als mein Freund Franz und ich als Vertreter des Gymnasiums an der Beerdigung unseres Klassenlehrers teilnahmen, der als Reserveoffizier im Frankreichfeldzug gefallen war, beeindruckte uns das militärische Zeremoniell mit der über dem Grab gesenkten Fahne, dem Trommelwirbel und den Salutschüssen so stark, dass Franz anschließend zu mir sagte - aber ich hätte es auch sagen können: "Hoffentlich dauert der Krieg so lang, dass wir auch noch Soldat werden." Der Wunsch ist für ihn mit tödlicher Konsequenz in Erfüllung gegangen. Er wurde in den letzten Kriegstagen durch den Helm in den Kopf geschossen.

Die Verklärung der Soldaten und der in den ersten Kriegsjahren wie in einem nationalen Allmachtstraum immer siegreichen Wehrmacht hatte eine deutliche Entwertung des zivilen Lebens zur Folge. Die normalen bürgerlichen Existenzen hatten in unseren Augen nichts Begeisterndes, Vorbildhaftes, sondern erschienen uns langweilig und banal. Das war im Grunde schon so gewesen, als wir noch Indianerbücher lasen. Doch das war eine untergegangene, nur noch imaginäre Welt. Und nun aber war mit dem Krieg eine neue, phantastische Realität aufgetaucht, die die alltägliche Welt der Schule und der bürgerlichen Berufe noch gründlicher in Frage stellte.

Zwar war es nur ein Scherz, aber es spiegelte die Wertordnung, dass bei der Einkleidung der Rekruten die noch nicht Eingekleideten als "Zivilunken" bezeichnet wurden.

Meine Verachtung und auch die mancher Altersgenossen galt jedoch den braunen "Bonzen und Heimatkriegern", die als vom Wehrdienst freigestellte Parteifunktionäre die braune Pseudouniform trugen. Sie wurden auch als "Goldfasane" bezeichnet, was "überflüssiges Ziergeflügel" bedeutete und als popanzhafte Erscheinungsform galt. Dazu wollte man nicht gehören. Um keinen weiteren Schritt in diese Richtung zu tun, ließ ich mich nicht in die Hitler-Jugend übernehmen, von der man anschließend mehr oder minder automatisch in die Partei aufgenommen wurde. Stattdessen zog ich es vor, Jungvolkführer zu werden, was spielerischer und jugendbewegter und jedenfalls weniger spießig war.

Während in den letzten Kriegsjahren die Anträge auf Aufnahme in die Partei zurückgingen, meldeten sich weiterhin ganze Schulklassen freiwillig zur Wehrmacht. Das hatte allerdings auch praktische Gründe. Man konnte einen Wunsch äußern, zu welcher Waffengattung man wollte, und es gab begrenzte Möglichkeiten, dass er berücksichtigt wurde. So habe ich mich auf den Rat meines Vaters zur Division Hermann Göring gemeldet, einer Panzerdivision, die zur Luftwaffe gehörte und sich zum großen Teil aus den Schülern von Forstschulen rekrutierte, wo ich zum Panzergrenadier ausgebildet wurde. Da Göring und Himmler gegenseitig ihre persönlichen Machtbereiche respektierten, galt die Division HG als Alternative zur Waffen-SS, die mich als Jungvolkführer massiv umworben hatte. Ob das ein großer, geringer oder kein Unterschied war, hing in den letzten Kriegsjahren wohl vor allem von den Situationen ab, in die man hineingeriet.



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