AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2007

BND trifft Taliban: Geheimtermin in Zürich

Von und Holger Stark

Die Frage, ob man mit den Taliban verhandeln sollte, ist in der Großen Koalition heftig umstritten. Dabei hat sich der BND bereits 2005 zu Gesprächen mit den Islamisten getroffen.

Die beiden Afghanen, die mit Swiss Air aus Karachi eintrafen, wurden auf dem Züricher Flughafen bereits erwartet. Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) empfingen die Männer am Flugsteig und chauffierten sie mit einer abgedunkelten Limousine ins fünf Autominuten entfernte Hilton Airport Hotel. Die beiden Muslime waren in Zürich willkommen, aber die Vorstellung, dass zwei Afghanen mit langen grünen Gewändern und mächtigen Turbanen offen über das Trottoir einer der teuersten Adressen der Schweiz spazieren, erschien dem BND der Chuzpe doch zu viel. Die seltsamen Gäste mussten den Dienstboteneingang nehmen, diskret und unerkannt. Im sechsten Stock des Hotels hatte der Nachrichtendienst eine Suite reservieren lassen, mit Schlaf- und Konferenzräumen - natürlich unter falschem Namen.

Taliban-Rekruten in Afghanistan: Konspiratives Treffen in der Nobelsuite
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Taliban-Rekruten in Afghanistan: Konspiratives Treffen in der Nobelsuite

Die Identität der Besucher vom Hindukusch ist bis heute ein wohlbehütetes Geheimnis. Denn bei den Männern, die im Juli 2005 in Zürich eintrafen, handelte es sich um Abgesandte der Taliban - jener Organisation, die mit al-Qaida liiert ist, die in Afghanistan Bomben gegen die Amerikaner legt und manchmal auch gegen die Deutschen: Am Mittwoch vergangener Woche starben drei deutsche Polizisten durch eine in 80 Zentimeter Tiefe am Straßenrand vergrabene Panzermine. Die Taliban bekannten sich zu dem Anschlag. Noch ist aber unklar, ob das Attentat den Deutschen galt oder einer Kolonne amerikanischer Soldaten, die in Sichtweite auf derselben Straße unterwegs war.

Die Frage, ob die Bundesregierung den Dialog mit einer Gruppe aufnehmen darf, die von den Vereinten Nationen als Terrororganisation eingestuft wird, zählt derzeit zu den heikelsten außenpolitischen Themen. Die offizielle Linie der Bundesregierung ist eindeutig: Sie lautet, prinzipiell keinen Kontakt zu Terroristen zu pflegen. Darauf pocht vor allem die Union.

Als Thomas Steg, stellvertretender Regierungssprecher und Sozialdemokrat, vergangene Woche eine vorsichtige Anmerkung fallenließ, es müsse nun darum gehen, "dass sich moderate, vernünftige, am Wiederaufbau und an der Aussöhnung interessierte Taliban" zum Friedensprozess bekennen, intervenierte die Union prompt.

Solche Vorschläge, warnte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz (CDU), könnten "die moralische Grundlage für das deutsche und internationale Engagement in Afghanistan unterminieren". Außer Steg und SPD-Chef Kurt Beck kenne er "niemanden, der je einen 'vernünftigen Taliban' getroffen hätte", spottete Karl-Theodor zu Guttenberg, Außenpolitiker der CSU. Ähnlich harsch hatte die Union bereits im April reagiert, als Beck die Beteiligung "moderater Taliban" an einer neuen Friedenskonferenz erwogen hatte.

Die SPD beruft sich dagegen auf Studien wie jene der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die vorsichtige Hoffnung wecken, von der amorphen, wenig zentralisierten Taliban-Struktur Teile abspalten zu können. Im Zentrum haben die Afghanistan-Experten der SWP einen harten Kern von ideologisch-religiös geschulten Mudschahidin-Führern um Taliban-Chef Mullah Omar ausgemacht.

Um diesen Kern herum gruppiert sich ein zweiter Kreis, der aus indoktrinierten Religionsschülern pakistanischer Koranschulen sowie ausländischen Sympathisanten besteht. An der Peripherie, im dritten Kreis, befinden sich Kämpfer von Paschtunenstämmen und anderen Gruppen, die oftmals nur für Lohn und Brot die Waffe in die Hand nehmen, aber bereit sind, gegen die US-Truppen zu kämpfen. Aus dem weiteren Umkreis einer solchen Truppe stammen wohl auch jene Gangster, die vor fünf Wochen den deutschen Ingenieur Rudolf B. entführten und seither versuchen, Lösegeld zu erpressen.

Zumindest solche "lokalen, nichtideologisierten Träger des Aufstandes", heißt es in der SWP-Studie, könne man in den Wiederaufbauprozess einbeziehen. Irgendwann, glaubt SWP-Chef Volker Perthes, werde man angesichts der Lage "nicht daran vorbeikommen, mit Teilen der Taliban zu verhandeln". Gestützt wird er dabei von hochrangigen deutschen Militärs, von denen einer die Lage besonders nüchtern betrachtet: "Wenn man auf eine Party geht, muss man halt mit den Bräuten tanzen, die da sind."

Die Erfahrungen des BND aus jenen Geheimgesprächen, die es offiziell gar nicht geben darf und die dennoch im Juli 2005 in Zürich stattfanden, sind dabei höchst lehrreich. Den Kontakt hatte, noch unter dem damaligen Präsidenten August Hanning, die für operative Aufklärung zuständige Abteilung 1 in Pullach über einen Mittelsmann in Afghanistan hergestellt. Avisiert waren zwei Taliban aus dem "mittleren Management", wie es beim Geheimdienst heißt: ein hünenhafter, impulsiver Mann mit dem Spitznamen der "Befehlshaber", der schon an der Seite von Mullah Omar gegen die Russen gekämpft haben soll. Er wurde begleitet von einem jüngeren, zurückhaltenderen Afghanen, der als Berater auftrat. Beide gehören angeblich dem Umfeld der Quetta-Shura an, des Führungsrats der Taliban.

Weil dem "Befehlshaber" nach einem Gefecht in den Bergen das Bein unterhalb des rechten Knies amputiert worden war, legendierten die Geheimen das Treffen entsprechend. Er habe sein Bein bei einem Verkehrsunfall verloren, gab der "Befehlshaber" bei Ausstellung des Visums an. Er und sein Begleiter seien nun auf dem "Weg in eine Spezialklinik". Die Orthopädieabteilung des Züricher Universitätskrankenhauses Balgrist gilt als führend auf dem Gebiet von Prothesen.

Der BND ist wohl die einzige deutsche Behörde, die sich in einer derart heiklen Grauzone bewegen kann. Der Auslandsgeheimdienst hat schon mit der Hisbollah verhandelt und den Roten Khmer. Er scheut den Kontakt zu Mördern und Schurkenstaaten nicht, wenn es hilfreich scheint. Das Geheimtreffen, das mit dem Kanzleramt abgestimmt war, fand aus gutem Grund auf neutralem Boden in der Schweiz statt. Es sollte nicht danach aussehen, dass die Regierung offiziell verhandelt - es ging darum, die Taliban besser kennenzulernen, ohne sie hoffähig zu machen.

Die Agenten hatten sich Mühe gegeben, den Gästen vom Hindukusch den Aufenthalt

möglichst komfortabel zu gestalten. Kein Zimmerservice störte die Gespräche. Mittag- und Abendessen ließ die Hotelleitung auf die Suite bringen - nur von Männern, um die Afghanen nicht in ihrem Ehrgefühl zu verletzen. Alkohol hatten die Hoteliers aus der Minibar entfernt, stattdessen gab es Tee, Wasser und Cola. Drei Tage dauerten die Gespräche, unterbrochen von Gebetspausen.

Der BND hatte vor allem ein Ziel: Er wollte wissen, ob die Taliban bereit seien, sich aus der Umarmung von al-Qaida zu lösen. Einen Keil zwischen die beiden Gruppen zu treiben gilt aus westlicher Sicht als eine der Voraussetzungen für einen nachhaltigen Erfolg bei der Operation Enduring Freedom am Hindukusch. Im Gegenzug, lockten die Deutschen, sei die Bundesregierung bereit, sich stärker am Wiederaufbau des Landes zu beteiligen - beim Bau von Krankenhäusern, Straßen oder Moscheen, jenem zivilgesellschaftlichen Engagement eben, das in der deutschen Politik unumstritten ist.

Die Taliban verlangten eine politische Anerkennung, wie sie einst die PLO Jassir Arafats erfahren hat. "Wir wollen nicht als Terroristen gelten, wir wollen als politische Kraft behandelt werden", soll der "Befehlshaber" mit lauter Stimme gefordert haben. "Dann trennt euch von al-Qaida", habe daraufhin der BND-Mann geantwortet, der die dreiköpfige deutsche Delegation leitete. In einem mehrstufigen Prozess, offerierte der BND-Mann, werde die Bundesregierung erst zivile Hilfe anbieten, dann regelmäßige Gespräche. Danach könne man über eine Anerkennung als politische Partei sprechen.

Anders als die öffentliche Debatte in Deutschland vermuten lässt, ist der BND dabei keineswegs einen deutschen Sonderweg gegangen - im Gegenteil.

Im September 2006 etwa schlossen die Briten in der südafghanischen Stadt Musa Qala einen international hoch umstrittenen Burgfrieden mit den Rebellen: Die britischen Soldaten versprachen, sich aus Musa Qala zurückzuziehen, im Gegenzug versicherten die Taliban, dem Ort fernzubleiben und der afghanischen Regierung Zugang zu gewähren. Vermittelt hatten das Abkommen örtliche Stammesälteste.

Selbst die Amerikaner, die offiziell jede Berührung mit den Taliban außerhalb des Schlachtfelds verweigern, haben mehrmals dezent über Vermittler geprüft, wie gesprächsbereit die Aufständischen sind. Mit den US-Nachrichtendiensten hatte der BND die Geheimgespräche abgestimmt, auch europäische Länder wie die Franzosen waren eingeweiht. "Eine Zeitlang", sagt ein deutscher Regierungsbeamter, "haben viele westliche Länder mit den Taliban gesprochen."

Für Hamid Karzai, den afghanischen Präsidenten, ist es ohnehin zur Überlebensstrategie geworden, die Tür zu den Islamisten offenzuhalten. 2005, zeitgleich mit den Gesprächen des BND, setzte Karzai eine Kommission ein, die Verhandlungen mit den Taliban vorbereiten sollte. In diesem Mai votierte das Oberhaus des afghanischen Parlaments für direkte Gespräche mit einheimischen Kämpfern. "Afghanische Taliban sind immer willkommen, sie gehören zu diesem Land", sagte Karzai. Über die "Greueltaten" von Männern wie Mullah Omar müsse jedoch "das Volk entscheiden". Anfang dieses Jahres gab Karzai zu, es habe "über eine längere Zeit Treffen von Taliban-Repräsentanten mit Vertretern der afghanischen Regierung" gegeben, er selbst habe persönlich an den Gesprächen teilgenommen.

Dass aus den diskreten Kontakten, die der BND geknüpft hatte, keine offiziellen Verhandlungen erwuchsen, liegt aus deutscher Sicht an der Weigerung der Aufständischen, sich von al-Qaida zu distanzieren. Ziviler Wiederaufbau, interpretierten die Agenten die verhaltene Reaktion während der Runden, sei den Taliban nicht wirklich wichtig. Acht bis zehn Wochen lang währten die Treffen in jenem Sommer der Geheimdiplomatie, gut ein halbes Dutzend Mal flog der Nachrichtendienst verschiedene Gesprächspartner aus Afghanistan nach Europa, mal getarnt als Verwandtenbesuch, mal als medizinischen Notfall wie beim "Befehlshaber" und dessen Begleiter.

Am Ende der drei Tage von Zürich fuhren die beiden Afghanen tatsächlich ins Universitätsklinikum von Balgrist. Auf Englisch erklärten sie der zuständigen Ärztin ihr Anliegen und zeigten die längst verheilte Wunde. Der Ärztin schüttelte der "Befehlshaber" sogar die Hand, wenn auch widerwillig, und versprach wiederzukommen.

Dazu kam es allerdings nicht mehr: Weil die Delegation vom Hindukusch nicht nachweisen konnte, im Namen Mullah Omars und der Taliban-Shura zu verhandeln, beendete der BND das delikate Projekt. In Afghanistan selbst sollen der "Befehlshaber" und sein Berater wegen des Misserfolgs von der Taliban-Führung kritisiert worden sein. Seitdem hat es keine Gespräche mehr gegeben.

Die Geheimen sehen sich bestätigt durch den zunehmend aggressiven Kurs der Islamisten, die seit 2005 ihre Strategie gewechselt haben. Ähnlich wie al-Qaida im Irak meiden die Taliban verlustreiche Feldschlachten gegen einen technisch weit überlegenen Gegner und setzen stattdessen auf unauffällig am Straßenrand vergrabene Sprengsätze sowie Selbstmordattentäter. Auch geraten inzwischen auch zivile Helfer zunehmend ins Fadenkreuz - wie jene 19 von einst 23 Südkoreanern, die seit gut vier Wochen in der Hand der Taliban sind. Ob erneute Gespräche derzeit eine Chance hätten, wird beim BND deshalb bezweifelt - zumindest nicht mit denselben Gesprächspartnern.

Denn im Spätsommer 2005, als die Gespräche bereits beendet waren, stellten die Pullacher fest, dass der Name des "Befehlshabers" und der seines Begleiters auf einer schwarzen Liste der US-Behörden standen. Die Männer zählten zu den 200 meistgesuchten Terroristen in Afghanistan.

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