AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/1996

Schülermörder: "Er blickte verschlagen"

Gerhard Mauz zu dem Blutbad in der Primary School in Dunblane, Schottland

Es war ein Alptraum. Zuerst die Meldung. Und dann die Bilder.

Sie zeigten keine Leichen. Sie zeigten nicht die Walstatt, die Halle der Schule, in der die Schüsse fielen. Kein Blut auf dem Bildschirm.

Aber man sah die Menschen, die zur Schule rennen, die Menschen, die ein Kind in der Schule haben; die Menschen, die nicht wissen, ob dieses Kind noch lebt.

Man sah Menschen, die gehört haben, daß etwas Entsetzliches in der Schule geschehen ist; die gehört haben, daß Kinder getötet oder schwer verletzt worden sind. Sie rennen um das Leben ihrer Kinder.

Die Mutter, ein Kleinkind in dem Buggy vor sich, die um ihr älteres Kind zur Schule jagt. Ihr Gesicht, einen Augenblick nur, ihr Gesicht.

Dunblane, das "Tor zum schottischen Hochland", mit seiner gotischen Kathedrale und einer Brücke aus dem 16. Jahrhundert, die den fischreichen Fluß Allan Water überquert, ist heute eine Pendlerstadt. Seine Einwohnerzahl hat sich in den vergangenen 20 Jahren auf knapp über 7000 fast verdoppelt.

Immer mehr Menschen sind aus Glasgow und Edinburgh zugezogen, um die 50 Kilometer entfernt und über Autobahnen von Dunblane aus erreichbar. Und wer pendelt, ist nicht aufs Auto angewiesen. Vom Morgengrauen bis in die Nacht verkehren stündlich Züge. Die Bahnverbindung gibt es seit 1845.

Viele entschieden sich für die idyllische Kleinstadt, weil sie für ihre Kinder abseits der Großstädte eine gute und sichere Schule suchten.

Die Menschen in Dunblane sind mittelständisch wohlhabend. Sie haben die alten Häuser aus grauem Granit renoviert oder neue Häuser gebaut, die ins Bild des Städtchens passen. Fast 80 Prozent der Häuser gehören ihren Bewohnern. Zu 902 Familien gehören Mutter, Vater und zwei Kinder. In 41 Familien steht nur ein Elternteil dem Haushalt vor. Es gibt kaum Arbeitslose in Dunblane.

Dunblane ist die vielleicht sauberste Stadt in Schottland. An den Spazierwegen am Allan Water drohen Schilder Hundehaltern: "100 Pfund Strafe für nicht weggeräumten Kot." Großeltern und Eltern wollen nicht in Haufen treten, wenn sie mit ihren Kleinen am Fluß die Enten füttern.

Eine Bedrohung dieser Idylle war kaum vorstellbar. An einigen Straßen am Stadtrand warnen Schilder: "This is a neighbourhood watch area." Aber das demonstriert eher die nachbarschaftliche Verbundenheit als Angst. Seit einem Gefecht zwischen Truppen König Georgs I. und aufständischen Schotten 1715 war in Dunblane kein Schuß auf Menschen abgefeuert worden.

Die Schüsse, die am Mittwoch vergangener Woche gegen 10.30 Uhr aus vier Waffen fielen, haben 15 fünf Jahre alte Kinder, ein sechsjähriges Kind und die Lehrerin der Kinder getötet. Zwölf Kinder und eine Lehrerin wurden schwer verletzt, einige sollen noch in Lebensgefahr sein.

Thomas Hamilton, 43, ist über Dunblane wie eine Naturkatastrophe gekommen. Unvorhersehbar, aus friedlichem Himmel brach das Unglück herein. Ein Deich, hinter dem man seit undenklichen Zeiten in Frieden lebte, zerriß in Sekunden. Und ohne Vorwarnung strömte alles überflutend die Welt herein.

Man wußte schon, wie es in ihr zuging, aber das war draußen. Davon las man, davon hörte man, das sah man auf dem Bildschirm. Doch das war eine Welt, vor der man in Dunblane geschützt war. Man lebte in einem Hort, in einer Zuflucht.

Unvorhersehbar, ohne Vorwarnung? Das darf nicht sein. Denn dann wäre man ja jederzeit tödlichen Angriffen ausgeliefert. Nein, es muß etwas versäumt worden sein. Es ist unerträglich, daß es Katastrophen gibt, denen man ohnmächtig gegenübersteht, die nicht durch Vorsorge verhindert werden können.

Die Verzweiflung sucht nach Wegen, um das Unglück zu verarbeiten. In Dunblane und in Stirling, acht Kilometer entfernt, dort wuchs Hamilton auf, heißt es, er sei immer ein Ungeheuer gewesen:

"Er blickte verschlagen" - "Er lauerte hinter der Hecke seines Hauses" - "Er trug ständig einen Anorak, und selbst wenn die Sonne schien, hatte er eine Kapuze auf" - "Er hat seinen Vater aus dem Haus geekelt" - "An den Wänden seines Wohnzimmers hingen pornographische Bilder" - "Er hatte stechende Augen und einen fischfeuchten Händedruck".

Doch Hamilton ging regelmäßig in die Kirche. Über Jahre führte er ein Geschäft mit Waren für Heimwerker. Und auch nachdem er aus dem Verband der Pfadfinder ausgeschlossen worden war, vertrauten ihm Eltern ihre Kinder an, von 1974 bis in die Gegenwart. Auf Handzetteln warb er für Sport- und Wandergruppen. In Schottland braucht man keine Lizenz, um Jugendvereine zu leiten.

Natürlich gab es über Hamiltons Neigung zu Knaben Gerüchte. Weshalb fotografierte er so gern Jungen? Die Andeutungen über seinen Ausschluß von den Pfadfindern und spätere Anzeigen lassen vermuten, daß er Knaben mißbrauchte. Doch die Akten über ihn, soweit man sie kennt, enthalten nichts, weshalb man ihn für gemeingefährlich halten mußte.

Ein Junge verletzte sich bei einer Campingtour mit einer Axt und wurde angeblich nicht sachkundig versorgt. Hamilton untersagte Kindern, die Heimweh hatten, ihren Eltern zu schreiben. Statt, wie versprochen, in eine Jugendherberge zu gehen, übernachtete er bei einem Ausflug mit acht Jungen in seinem gelben Kleinbus.

Er fühlte sich zu Kindern hingezogen, weil er mit Erwachsenen Kontaktschwierigkeiten hatte. Seine Zuwendung zu Jungen war fraglos zunehmend pädophil getönt. Doch als ein Kinderverführer und -verderber war er nicht aufgefallen.

So unterschrieben denn auch 70 Eltern eine Protestresolution, nachdem die Kreisverwaltung Hamiltons "Rovers"-Klub die Benutzung von öffentlichen Räumen in der Stadt untersagt hatte. Der Fall kam vor den Ombudsmann, der Hamilton recht gab. Er durfte mit seinen Rovers weiter in Dunblane zusammenkommen - auch in der Schulhalle, in der er am vergangenen Mittwoch schoß.

Es ist irreführend, Hamilton einen Amokläufer zu nennen. Für deren Taten läßt sich wenigstens der Anlaß, der Auslöser erkennen. Im April 1986 erschoß der damalige Chef der Zürcher Baupolizei vier höhere Mitarbeiter der Stadtverwaltung und verletzte einen fünften lebensgefährlich. Er war den Anforderungen seines Amtes nicht gewachsen. Die Beamten, auf die er schoß, hatten Kritik an ihm geübt. Eine Scheidung und finanzielle Probleme kamen hinzu.

Auch der Amokmörder, der von einem Turm herab oder vor einem Restaurant oder in einem Supermarkt blindlings auf ihm unbekannte Menschen schießt, läßt noch Einblicke zu, die seinen Weg in die Vereinsamung, in das Bedürfnis, einmal einer zu sein, den alle kennen, nachvollziehbar macht.

Die Menschen, die in Schulen eindringen und auf Kinder und ihrer Lehrer schießen, bleiben ein Rätsel. Warum sie ihre Attentate begingen, hat sich noch nie aufklären lassen. Weder der Anlaß, der den Angriff auslöste, noch das Motiv für gerade diese Tat ließen sich erkennen. Auch war es nicht möglich, über die seelische Störung, die Fehlentwicklung, an deren Ende die Tat stand, Erkenntnisse zu gewinnen.

Vermutungen, etwa die, der Täter habe in den Kindern die Gemeinschaft an ihrer verletzlichsten Stelle treffen oder sich an ihnen für seine eigene, unglückliche Kindheit und Jugend rächen wollen - sind Mutmaßungen. Warum ein Mensch sein Unglück mörderisch auf Kinder ablädt, wissen wir nicht. Es gibt kein Bild von diesem Menschen. Diese Menschen töten sich am Ende ihrer Tat selbst. Man kann nicht mehr mit ihnen sprechen. Auch Thomas Hamilton hat sich zuletzt erschossen.

Am 17. Januar 1989 drang in Stockton (Kalifornien) Patrick West, 24, in eine Grundschule ein, erschoß 5 Kinder und verwundete 30, bevor er sich selbst erschoß. Warum er das tat, hat sich nicht aufklären lassen. Zwischen der Schule und ihm bestand keine Beziehung.

Am 20. Mai 1988 erschoß nördlich von Chicago eine Frau, Laurie Wassermann, 31, in einer Grundschule einen achtjährigen Jungen und verletzte fünf weitere Kinder schwer. Sie tötete sich selbst. Auch zwischen ihr und der Schule ließ sich kein Zusammenhang finden.

Von dem Täter wie der Täterin war nicht mehr zu ermitteln als der Umstand, daß sie seelische Probleme hatten, aus denen sich jedoch weder für den Täter noch die Täterin ergab, warum sie gerade auf Kinder geschossen hatten.

Der schmale Grat, auf dem die Versuche scheitern, Schulkinder vor mörderischen Überfällen zu schützen, ist in der Bundesrepublik am sichtbarsten geworden.

Am 11. Juni 1964 drang Walter Seifert, 42, in eine Schule in Köln-Volkhoven ein. Er war mit einem selbstgefertigten Flammenwerfer und einer Lanze bewaffnet. Ihm fielen sieben Schülerinnen, ein Schüler und zwei Lehrerinnen zum Opfer. 21 Kinder erlitten Brandverletzungen, die sie für ihr Leben zeichneten. Seifert soll geschrien haben: "Hitler der Zweite kommt."

Seifert hatte seit Jahren mit den Behörden gestritten. Er litt an Tuberkulose und meinte, diese werde nicht sachgerecht beurteilt. Er hatte mit Rache gedroht. Doch das ist nicht völlig ungewöhnlich im Schriftverkehr des Bürgers mit den Ämtern. Auch Nachbarn hatten Schwierigkeiten mit Seifert. Er hatte im Keller eine Art Folterkammer gebaut, so munkelte man. Das Ergebnis eines Gutachtens war, er sei ein "psychisch abwegiger Mensch" und sogar ein "schizophrener Paranoiker".

Doch zu dem Schluß, er sei "gemeingefährlich", kam man nicht. Gewiß, Seifert störe, er sei lästig. Aber damit müsse die Gesellschaft fertig werden, sie habe das hinzunehmen, sie müsse das ertragen.

Seifert floh vom Tatort, die Tür zur Schule hatte er mit einem Holzkeil von außen blockiert, alle sollten verbrennen. Er wurde verfolgt, nach zwei Warnschüssen am Oberschenkel getroffen, er brach zusammen. Doch er hatte schon auf dem Schulhof ein Pflanzenschutzmittel geschluckt, er lag bereits im Sterben.

Es ist für die überlebenden Opfer Seiferts geschehen, was nur möglich war. Die Stadt und ein Kuratorium haben sich ihrer angenommen. Aus zwei Fonds von 313 000 und 1,1 Millionen Mark wurde geholfen, vor allem, um den Kindern später die Gründung einer Existenz zu ermöglichen. Nur rund 350 Mark an Bank- und Verwaltungskosten fielen beim Kuratorium an. Alle anderen Kosten bezahlten die Mitglieder aus eigener Tasche.

Rache? Aber warum an Kindern, an den Kindern einer Schule, mit der Seifert nichts zu tun hatte. Wie immer: da ein Detail, dort ein anderes. Seiferts Frau war drei Jahre zuvor gestorben. Er hatte sich völlig in sich zurückgezogen. Gelegentlich machte er Ausfälle aus seiner Isolation mit wütenden Briefen an Behörden. Er ist bei seiner Großmutter aufgewachsen, erfuhr man. Seine Mutter hat er, wenn er ihr begegnete, lange für seine ältere Schwester gehalten. Aber das erklärt nichts.

Hätte man erkennen können, erkennen müssen, daß er gefährlich war?

Wie heute in Schottland, versuchte man nach Volkhoven in Nordrhein-Westfalen etwas aufzudecken, was versäumt worden war. Ein "Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten" wurde unter Berufung auf die Tat Seiferts, das "Paradebeispiel", diskutiert. Es scheiterte. Auf einer Ärztetagung wurde vorgerechnet, daß man, würde das Gesetz auf die ganze Bundesrepublik ausgedehnt, "im Maximalfall" etwa sieben Millionen Menschen als geistig oder seelisch Defekte unter Staatsaufsicht stellen müsse.

Doch eine ganz andere Antwort auf die Tat von Volkhoven, eine schreckliche Antwort, denn sie handelt von dem schmalen Grat der Ohnmacht gegenüber Menschen, die ihr Elend auf Kinder laden, war längst gegeben worden. Man hatte sie nur nicht gehört, weil es nichts geben soll, was unvorhersehbar ist.

Am Morgen des 16. Juni 1964, am fünften Tag nach Köln-Volkhoven, fiel in der Praxis eines angesehenen Anwalts in Krefeld der Assessor Dr. Imre Müller auf. Der Anwalt, dessen Wort etwas galt, rief die Polizei an. Sein Mitarbeiter Müller sei offensichtlich "geisteskrank", er habe "die Angestellten geschlagen" und sei endlich unter Mitnahme von Akten "auf die Straße geflüchtet". Es ist belanglos, was tatsächlich geschehen war. Müller wird eilends festgenommen.

Er wird vom Amtsarzt in das psychiatrische Krankenhaus Süchteln eingewiesen. Die Schnelldiagnose enthält all das - was im Fall des Walter Seifert nicht zu einer Zwangseinweisung geführt hat: "Schizophrenie mit schwerstem Erregungszustand", "irre Blicke", "Verfolgungswahn" und "Gemeingefährlichkeit".

Müller empfindet mit Recht seine Zwangseinweisung als unzulässig, er verhält sich nicht "ruhig und geordnet". Zwei Pfleger des Nachtdienstes, der eine 17 Jahre alt, verabreichen ihm zwei Spritzen, zu denen sie bevollmächtigt worden sind. Nach der zweiten war Müller querschnittsgelähmt für den Rest seines Lebens.

Er hat vom Bett aus gekämpft. Im Jahr 1967 erreichte er, daß das Verwaltungsgericht Düsseldorf die Stadt Krefeld verurteilte, die amtsärztlichen Behauptungen zu widerrufen, die der Hauptanlaß zur Zwangseinweisung gewesen waren. Müller ist übrigens als Querschnittsgelähmter keineswegs sofort entlassen worden. Daß ihm das Rückgrat bei der Verabreichung der Spritzen gebrochen worden war, bestritt die Klinik. Sie sah nichts dergleichen auf der Röntgenaufnahme. Man tippte sogar auf Tollwut, nachdem man am rechten Bein des Gelähmten einen Hundebiß ausgemacht hatte. Nur war der Hund gesund.

Erst im Oktober 1968 machte der SPIEGEL darauf aufmerksam, daß die unverantwortliche Zwangseinweisung Müllers vor dem Hintergrund der Tat von Walter Seifert fünf Tage zuvor gesehen werden muß; daß ein Amtsarzt unmittelbar nach Köln-Volkhoven bereit gewesen ist, schon auf einen fernen, vagen Verdacht hin so zu handeln, wie im Fall Seifert nicht gehandelt worden war.

Und es war darauf aufmerksam zu machen, daß auch die Empfindlichkeit, etwa die des angesehenen Anwalts, für die Verhaltensweisen von Mitmenschen, für Absonderlichkeiten, die sonst nicht alarmiert hätten, in den Tagen nach Volkhoven aufs äußerste angespannt war.

1970 ist Imre Müller dann endlich entschädigt worden, hat eine - für jene Jahre hohe - Abfindung von 150 000 Mark erhalten und die Krankenkosten, die nicht von der Kasse gezahlt wurden. Es wurde auch eine Rente von 1700 Mark im Monat ausgesetzt. Von der hat der Gelähmte nicht mehr viel gehabt. Er starb bald.

Die Rücksicht auf einen scheinbar nur schwierigen Menschen, einen Sonderling halt, hatte das Attentat von Volkhoven zur Folge. Im frischen Schatten der getöteten Kinder und Lehrerinnen, der für ihr Leben gezeichneten Überlebenden, wurde der Versuch, Gemeingefährlichkeit schon nach einem oberflächlichen, groben Blick anzunehmen, zum Schicksal Imre Müllers.

Es gibt für die Angehörigen der Opfer und der Überlebenden nicht den Trost, der vielen von ihnen wichtiger ist als die Rache - den Trost, daß ihr Leid zu Erkenntnissen führt, die anderen ein solches Schicksal ersparen.

Nach Volkhoven hat man diskutiert, ob der freie Verkauf der Chemikalien, mit denen Seifert seine Pflanzenspritze gefüllt und in einen Flammenwerfer verwandelt hatte, unterbunden werden soll. Doch es gab und gibt nichts, was einem derartigen Greuel vorbeugt.

Am 3. Juni 1983 erlebte die Bundesrepublik das Elend von Volkhoven ein zweites Mal. Mit zwei Pistolen bewaffnet drang der 34 Jahre alte, seit 1971 als Asylberechtigter anerkannte Tschechoslowake Karel Charva in eine Schule in Eppstein-Vockenhausen im Taunus ein. Er erschoß drei Kinder, einen Lehrer, einen Polizeibeamten und sich selbst. Es hat sich nicht klären lassen, warum es zu dieser Tat kam. Der Täter stand in keiner Beziehung zu der Schule.

Auch hier ist diskutiert worden, was zum Schutz der Kinder, was vorbeugend geschehen kann. Ein schwer überwindlicher Wall von einem Zaun um das Schulgelände? Monitore vor jedem Eingang? Die Eltern waren bereit, sie zu zahlen.

Es gibt nichts, was vorbeugt, was sichert. Es gibt nichts, was abschreckt, was größere Sicherheit garantiert.

Die Eltern, Geschwister und Mitschüler in Dunblane sind dem Schmerz ausgeliefert, den andere vor ihnen draußen in der Welt auf sich nehmen mußten und nochimmer tragen.

Hamilton hatte an die Königin geschrieben und sich beschwert darüber, wie man ihm in Dunblane mitspiele. Doch erst kurz vor der Tat hat er geschrieben. Daß er noch keine Antwort hatte, kann seine Tat nicht ausgelöst haben.

Auch in Schottland wird die Frage "Warum?" nie beantwortet werden. Es wird keine, wenigstens ein wenig tröstende Lehre gewonnen werden können. Es gibt Katastrophen, die nicht vorhersehbar sind. Denen man ohnmächtig gegenübersteht.

Großbritannien ist nicht nur in Dunblane getroffen worden. Im Dezember vergangenen Jahres wurde in London ein Lehrer getötet. Der Schulleiter Lawrence hatte sich zwischen Jugendliche geworfen, weil er Schülern zu Hilfe kommen wollte, die so angegriffen wurden von Mitschülern, daß Gefahr für Leib und Leben bestand. Lawrence wurde erstochen. Eine neue Dimension.

Achtung, Bewunderung dem getöteten Schulleiter. Und denen, die mit ihren Schülern starben: In Köln-Volkhoven starben von Lanzenstichen zerfetzt die Lehrerinnen Ursula Kuhr und Gertrud Bollenrath. Sie hatten sich vor ihre Kinder gestellt. In Eppstein starb der Lehrer Hans-Peter Schmidt, der aus der Nebenklasse zu Hilfe eilte. In Schottland starb die Lehrerin Gwen Mayor, ihre von Kugeln durchsiebte Leiche lag über toten Kindern.

In Eppstein überlebte, schwer verletzt, von acht Schüssen getroffen, der Lehrer Franz-Adolf Gehlhaar, 1937 in Königsberg geboren. Er hat nicht in den Schuldienst zurückkehren können. Ihm ist das Große Bundesverdienstkreuz verliehen worden. Er hatte sich Charva entgegengestellt: "Schießen Sie nicht auf Kinder!"

Schießt, wenn ihr schießen müßt. Aber nicht auf Kinder.

Eine Protestresolution von 70 Eltern zugunsten Tom Hamiltons

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