AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2007

Titel "Der letzte Akt der Rebellion"

Der Selbstmord von RAF-Gefangenen in Stuttgart-Stammheim und die Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer markierten im Oktober 1977 den Höhepunkt des Terrorismus im Deutschen Herbst. Starke Indizien weisen nun darauf hin, dass die Häftlinge während der Schleyer-Entführung umfassend abgehört wurden.

Von Helmar Büchel und Stefan Aust


Sie waren konsequent. Als sie gescheitert

waren, nahmen sie sich das Leben.

So wie es in Bertolt Brechts

Lehrstück "Die Maßnahme" zu lesen ist:

"Furchtbar ist es, zu töten, aber nicht andere

nur, auch uns töten wir, wenn es Not

tut, da doch nur mit Gewalt diese tötende

Welt zu verändern ist, wie jeder Lebende

weiß." Bei Gudrun Ensslin wurde dieses

Buch in der Zelle gefunden, diese Passage

unterstrichen. In Kassibern hatten die RAFGefangenen

Brechts Lehrstück immer wieder

zitiert, verglichen ihr Vorgehen mit der

mörderischen Entschlossenheit russischer

Revolutionäre, Jahrzehnte vor ihnen.

"Klar, ein ekelhafter Gedanke - aber

welche Niedrigkeit begingest du nicht, um

die Niedrigkeit abzuschaffen ...", schrieb

Ulrike Meinhof in einem Kassiber an

Gudrun Ensslin, als sie - mit Brecht - den

Mordanschlag palästinensischer Terroristen

auf die israelische Olympiamannschaft 1972

in München zu rechtfertigen versuchte:

"Der Akt der Befreiung im Akt der Vernichtung."

Am 8. Mai 1976 erhängte sich Ulrike

Meinhof in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim

mit einem Handtuch, das sie in Streifen

gerissen hatte. Einen Abschiedsbrief

hinterließ sie nicht, aber Monate zuvor hatte

sie an den Rand eines Zellenzirkulars geschrieben:

"Selbstmord ist der letzte Akt

der Rebellion."

Knapp eineinhalb Jahre später, am 18.

Oktober 1977, nahmen sich auch die übrigen

Führungsfiguren der "Roten Armee

Fraktion" das Leben.

Andreas Baader erschoss sich mit einer

Pistole vom Typ FEG, Kaliber 7,65. Er hatte

sie im Genick angesetzt und mit dem

Daumen abgedrückt.

Gudrun Ensslin erhängte sich mit einem

Lautsprecherkabel am Fenstergitter ihrer

Zelle.

Irmgard Möller, ebenfalls RAF-Mitglied,

nahm ein Besteckmesser aus Anstaltsbeständen,

schob ihren Pullover hoch und

stach sich viermal in die Brust. Die Stiche

trafen den Herzbeutel, verletzten ihn aber

nicht. Möller überlebte als Einzige.

Jan-Carl Raspe hielt sich eine 9-Millimeter-

Pistole der Marke Heckler und Koch

ie waren konsequent. Als sie gescheitert

waren, nahmen sie sich das Leben.

So wie es in Bertolt Brechts

Lehrstück "Die Maßnahme" zu lesen ist:

"Furchtbar ist es, zu töten, aber nicht andere

nur, auch uns töten wir, wenn es Not

tut, da doch nur mit Gewalt diese tötende

Welt zu verändern ist, wie jeder Lebende

weiß." Bei Gudrun Ensslin wurde dieses

Buch in der Zelle gefunden, diese Passage

unterstrichen. In Kassibern hatten die RAFGefangenen

Brechts Lehrstück immer wieder

zitiert, verglichen ihr Vorgehen mit der

mörderischen Entschlossenheit russischer

Revolutionäre, Jahrzehnte vor ihnen.

"Klar, ein ekelhafter Gedanke - aber

welche Niedrigkeit begingest du nicht, um

die Niedrigkeit abzuschaffen ...", schrieb

Ulrike Meinhof in einem Kassiber an

Gudrun Ensslin, als sie - mit Brecht - den

Mordanschlag palästinensischer Terroristen

auf die israelische Olympiamannschaft 1972

in München zu rechtfertigen versuchte:

"Der Akt der Befreiung im Akt der Vernichtung."

Am 8. Mai 1976 erhängte sich Ulrike

Meinhof in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim

mit einem Handtuch, das sie in Streifen

gerissen hatte. Einen Abschiedsbrief

hinterließ sie nicht, aber Monate zuvor hatte

sie an den Rand eines Zellenzirkulars geschrieben:

"Selbstmord ist der letzte Akt

der Rebellion."

Knapp eineinhalb Jahre später, am 18.

Oktober 1977, nahmen sich auch die übrigen

Führungsfiguren der "Roten Armee

Fraktion" das Leben.

Andreas Baader erschoss sich mit einer

Pistole vom Typ FEG, Kaliber 7,65. Er hatte

sie im Genick angesetzt und mit dem

Daumen abgedrückt.

Gudrun Ensslin erhängte sich mit einem

Lautsprecherkabel am Fenstergitter ihrer

Zelle.

Irmgard Möller, ebenfalls RAF-Mitglied,

nahm ein Besteckmesser aus Anstaltsbeständen,

schob ihren Pullover hoch und

stach sich viermal in die Brust. Die Stiche

trafen den Herzbeutel, verletzten ihn aber

nicht. Möller überlebte als Einzige.

Jan-Carl Raspe hielt sich eine 9-Millimeter-

Pistole der Marke Heckler und Koch an die rechte Schläfe und feuerte. Als man

ihn am Morgen fand, lebte er noch. Er

starb im Krankenhaus.

Nach Raspes Abtransport wurde um

8.07 Uhr die Tür zu Baaders Zelle geöffnet.

Von innen lehnte eine Schaumstoffmatratze

gegen den Rahmen. Ein Sanitäter schob

die Matratze zur Seite und betrat die Zelle.

Die Fenster waren verhängt, es war so

dunkel, dass er zunächst kaum etwas erkennen

konnte. Baader lag auf dem Zellenboden,

ausgestreckt, den Kopf in einer

Blutlache. Der Mund stand offen, die Augen

waren starr nach oben gerichtet.

Der Sanitäter versuchte, den Puls zu

fühlen, aber Baader war schon tot. Seine

Hand war kalt. Links von ihm lag eine Pistole.

"Guck, da haben wir die Bescherung,

da liegt die andere Pistole", sagte laut

Ermittlungsergebnissen einer der Justizbeamten.

Eine merkwürdige Formulierung. Hatte

man schon vor dem Selbstmord in Stammheim

gewusst, dass Pistolen in der Anstalt

waren? Die späteren Ereignisse lassen eine

solche Annahme nicht vollkommen abwegig

erscheinen.

Es war das Finale eines blutigen Jahres:

Deutschland im Herbst 1977. Terroristen

hatten den Arbeitgeberpräsidenten Hanns

Martin Schleyer und das Passagierflugzeug

"Landshut" entführt, um inhaftierte Gesinnungsgenossen

freizupressen. Der Staat

blieb hart, die Spezialeinheit GSG 9 der

Polizei befreite die Passagiere der Lufthansa-

Maschine. Daraufhin brachten sich

Baader, Ensslin und Raspe um. Schleyer

wurde ermordet.

Die Bundesanwaltschaft konnte nicht ermitteln,

wer Schleyer erschoss. Der ehemalige

RAF-Mann Peter-Jürgen Boock sagte

jetzt gegenüber dem SPIEGEL, Rolf

Heißler und Stefan Wisniewski hätten

Schleyer in einen Wald unweit der belgisch-

französischen Grenze gebracht. Dort

habe Heißler Schleyer erschossen.

Der damalige Bundeskanzler Helmut

Schmidt sagt heute: "Wir sahen uns unauflöslich

verstrickt in diese grauenhaften

Ereignisse. Das ist eine Situation, in der

keine Entscheidung ausschließlich richtig

ist. Es ist wie in der griechischen Tragödie.

Sie sind verstrickt und können sich aus der

Schuld nicht befreien."

Viel ist über den "Deutschen Herbst"

geschrieben und gefilmt worden. Die Geschichte

der RAF, ihr Kulminationspunkt

im Herbst 1977, hat sich tief in die kollektive

Erinnerung der Westdeutschen eingegraben,

so wie der 11. September 2001 bei

den Amerikanern, als Selbstmordattentäter

entführte Flugzeuge in das World Trade

Center lenkten. Es war das erste Mal seit

Pearl Harbor, dass die USA auf eigenem

Territorium quasi militärisch angegriffen

wurden. Es war ein Angriff in Amerika auf

Amerika. Die Aktionen der RAF sind der

einzige Angriff auf den Staat Bundesrepublik

Deutschland. Ein Angriff aus dem

Land heraus, von den Kindern derer, die es

nach dem Krieg wieder aufgebaut hatten.

Es war eine frontale Attacke auf das moralische

und sicherheitspolitische Selbstbewusstsein

des Landes. Deshalb ist der

Deutsche Herbst immer noch präsent,

30 Jahre danach. Und deshalb werden auch

heute noch neue Informationen aus dieser

Zeit der Konfrontation - und der Bewährung

- des bundesdeutschen Rechtsstaats

mit Argusaugen betrachtet.

Unklar ist vieles geblieben, was sich in

den Wochen der Schleyer-Entführung

abgespielt hat. Vor allem eine Frage ist bis

heute nicht abschließend geklärt: Was

geschah in der Todesnacht von Stammheim?

Wie ging der Staat um mit Terroristen,

die für Bomben und Morde verantwortlich waren und sich den Regeln einer

Strafjustiz und der Ordnung einer Haftanstalt

verweigerten, die zahlreiche Kontakte

nach außen hatten, umgeben waren von

einem Umfeld von Sympathisanten; die

alles daransetzen, befreit zu werden, um

ihren terroristischen Krieg wieder aufzunehmen?

Bis heute sehen sich die damals Verantwortlichen

und die jetzigen Behördenchefs

sowie die zuständigen Ministerien nicht in

der Lage, viele Rätsel zu lösen. Es wird

gemauert und geleugnet. Dabei ist ganz

besonders die Frage, ob in der Haftanstalt

Stuttgart-Stammheim auch zur Zeit der

Schleyer-Entführung abgehört worden ist

oder nicht, noch immer von erheblicher

Bedeutung.

Falls die Gespräche zwischen Baader,

Ensslin und Raspe abgehört worden sind,

- was findet sich auf den möglichen Tonbändern

der Todesnacht? Ist die Verabredung

zum Selbstmord belauscht worden?

Was taten die Abhörer? Oder lief nur ein

Tonband mit? Was geschah mit den Aufnahmen?

Warum unterliegen Dokumente zum Thema RAF und Stammheim immer

noch der Geheimhaltung?

Es gibt viele Anhaltspunkte dafür, dass

die Todesnacht von Stammheim quasi unter

staatlicher Aufsicht stand. Die Landesregierung

Baden-Württemberg musste im

Frühjahr 1977 einräumen, dass Beamte des

Landeskriminalamts phasenweise die Häftlinge

in Stammheim abgehört hatten. Es

ist schwer vorstellbar, dass sie ausgerechnet

in den Wochen, in denen es für Hanns

Martin Schleyer um Leben und Tod ging,

ihre Wanzen nicht nutzten.

Man kann davon ausgehen, dass die Gefangenen

zwei Leitungssysteme im Hochsicherheitstrakt

verwendeten, um während

der Kontaktsperre miteinander zu kommunizieren.

Konnte dies wirklich den Beamten

in Stammheim entgangen sein?

Ein leitender Kriminalbeamter aus der

Abteilung 8, dem Staatsschutz des Landeskriminalamts

Baden-Württemberg, der

damals direkt mit Stammheim zu tun

hatte und nicht genannt werden möchte,

sagte dem SPIEGEL: "Das ist ja nun ein

ganz heißes Stück, eine ganz heiße Kiste.

Die Probleme und Schwierigkeiten, die es

damals gegeben hat in der besagten Nacht,

das waren schon ein paar größere Dinge.

Die hab ich eigentlich noch nirgendwo

richtig gelesen. Und da hab ich immer

gedacht, irgendwann kommt mal einer

dahinter."

Bis zu dieser Nacht, der Nacht von

Stammheim, hatte die RAF sieben Jahre

lang eine blutige Spur durch die Bundesrepublik

gelegt. Am 14. Mai 1970 begann

das Drama, das den jungen Staat in die

tiefste innenpolitische Krise seiner Geschichte

stürzte.

Der Gefangene Andreas Baader, der zusammen

mit seiner Gefährtin Gudrun

Ensslin und Gesinnungsgenossen zwei

Frankfurter Kaufhäuser in Brand gesetzt

hatte, wurde ins Berliner Institut für Soziale

Fragen geführt. Dort sollte er auf die

Journalistin Ulrike Meinhof treffen, mit der

er angeblich ein Buch über "Randständige

Jugendliche" schreiben wollte.

Als die beiden, bewacht von Justizbeamten,

scheinbar ihren Recherchen nachgingen,

stürzte eine Gruppe Vermummter

in das Institut und eröffnete das Feuer. Der

62-jährige Institutsangestellte Georg Linke

erlitt einen lebensgefährlichen Lebersteckschuss.

Andreas Baader, Ulrike Meinhof

und die Befreier sprangen durch ein

Fenster in den Garten und entkamen. Es

war der Sprung in die Illegalität.

Nach einem Trainingsaufenthalt in einem

Militärlager der palästinensischen

Guerilla-Truppe Fatah kehrte die Gruppe

nach Berlin zurück und überfiel zwei Banken

gleichzeitig, um das Startkapital für

den Untergrundkampf zu beschaffen.

Groß und gründlich, das war die Devise

der Leute um Baader, Ensslin, die ehemalige

"Konkret"-Journalistin Ulrike Meinhof

und den Rechtsanwalt Horst Mahler, die sich bald den ambitionierten Namen

"Rote Armee Fraktion" gaben.

"Die RAF war eine Gruppe aus dem

Mittelstand", beschreibt Astrid Proll, von

Beginn an dabei, die selbsternannten

Stadtguerilleros, "wir meinten das alle sehr

ernst. Wir machten die Sachen eben

deutsch. Wir machten alles einhunderfünfzigprozentig.

Es musste alles sehr gute

Qualität haben. Alles genau ausgecheckt.

Die besten und schnellsten Autos, die

Wohnungen entsprechend ausstaffiert und

so weiter."

Im Mai 1972 starteten sie eine Serie von

Bombenanschlägen. 4 US-Soldaten wurden

getötet, 74 Menschen verletzt. In den

darauffolgenden Wochen wurde nahezu

die gesamte Gründergruppe der RAF festgenommen.

Sie hielt die Republik über sieben Jahre

in Atem: zwei Jahre im Untergrund und

danach fünf Jahre im Gefängnis.

Die Idee zur "Stadtguerilla" war aus der

Solidarität vieler Studenten der sechziger

Jahre mit den Befreiungsbewegungen der

Dritten Welt entstanden, den Kubanischen

Guerilleros unter Fidel Castro und Ché

Guevara, den Tupamaros in Uruguay und

vor allem dem Vietcong.

Der Krieg der Amerikaner in Vietnam

wurde für viele damals zum medialen

Schlüsselerlebnis, aus dem sie den moralischen Imperativ ableiteten, selbst etwas

zu tun.

In einer Fernsehsendung sagte Ulrike

Meinhof, bevor sie in den Untergrund abtauchte:

"In dem Augenblick, wo es ihnen

mit der Solidarität mit dem vietnamesischen

Volk ernst wird, wo es ihnen darum

geht, die amerikanischen Positionen überall

so zu schwächen, dass das vietnamesische

Volk davon einen Vorteil hat, dann

sehe ich nicht mehr den Unterschied zwischen

dem Polizeiterror, den wir in Berlin

schon erlebt haben, und zwischen dem SATerror

der dreißiger Jahre."

So wurde die Bundesrepublik in manchen

Augen zum faschistischen Nachfolgestaat

Nazi-Deutschlands. Da lag es

nahe, den Widerstand, den die Elterngeneration

versäumt hatte, nachzuholen. Je

mehr der Staat provoziert wurde, je härter

die Polizei durchgriff, umso mehr er, betrachtet

durch die Sehschlitze des revolutionären

Panzerwagens, zum Polizeistaat

mutierte, desto leichter fiel die Rechtfertigung

für jede Art von Terror. Die Kriegssituation,

die man beschwor, musste selbst

geschaffen werden. Und tatsächlich kam

der Staat der "Roten Armee Fraktion" in

vielerlei Hinsicht entgegen.

Vor allem ein Ort wurde zum Synonym

für die RAF: Stammheim. Dort, im 7. Stock

der Vollzugsanstalt, saßen die Gründer der RAF im Gruppenvollzug: Andreas Baader,

Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-

Carl Raspe. Ihnen sollte gemeinsam der

Prozess gemacht werden. Dafür hatten die

Justizbehörden direkt neben die modernste

Haftanstalt Europas einen eigenen Gerichtssaal

gebaut, die sogenannte Mehrzweckhalle.

Stammheim wurde so etwas

wie die Hauptstadt der RAF. Und der Ort,

an dem alles endete.

Im April 1974 wurde Ulrike Meinhof, die

zuvor fast acht Monate in der Haftanstalt

Köln-Ossendorf in einem "Toten Trakt" allein

in einer Zelle gesessen hatte, nach

Stammheim gebracht. Gudrun Ensslin folgte

ihr. Eigens für die beiden Frauen wurde

der 7. Stock der Haftanstalt ausgebaut. Sie

durften gemeinsam den täglichen Hofgang

auf der überdachten Terrasse machen und

sich am Tage bis zu vier Stunden in einer

Zelle zusammen einschließen lassen. Solche

Hafterleichterungen waren mit mehreren

erbitterten Hungerstreiks durchgesetzt

worden. Die Justizbehörden wollten

auf keinen Fall die für Anfang 1975 angesetzte

Hauptverhandlung gegen "Baader

u. a." platzen lassen.

Am 9. November 1974, nach fast zwei

Monaten Nahrungsverweigerung, war das

Gruppenmitglied Holger Meins gestorben.

Hungerstreik war die Waffe, die von den

Gefangenen aus der RAF immer wieder

eingesetzt wurde, gegen sich selbst und

damit gegen die Justizbehörden.

Ensslin und Baader haben die Hungerstreiks

über ein ausgeklügeltes Info-System

gesteuert. "Ich denke, wir werden den Hungerstreik diesmal nicht abbrechen",

schrieb Andreas Baader aus der Haftanstalt

Schwalmstadt, "das heißt, es werden

Typen dabei kaputtgehen."

Während die unverzichtbaren "RAF-Kader"

Baader und Meinhof zwischendurch

heimlich aßen, wurde Meins dazu auserkoren,

sich zu Tode zu hungern. Anfang

November 1974 forderte Ensslin in einem

Kassiber Holger Meins auf, mit dem Gewicht

weiter herunterzugehen, und erklärte

ihm: "Du bestimmst, wann Du stirbst,

Freiheit oder Tod."

Meins gehorchte und schrieb in einem

letzten Brief an einen Mitgefangenen, der

zuvor den Hungerstreik abgebrochen hatte:

"Entweder Schwein oder Mensch, ent-weder Überleben um jeden Preis oder

Kampf bis zum Tod ... Es stirbt allerdings

ein jeder. Frage ist nur, wie und wie Du gelebt

hast ... kämpfend gegen die Schweine

als Mensch für die Befreiung des Menschen:

Revolutionär, den Tod verachtend.

Das ist für mich: dem Volke dienen -

RAF."

So trug die über die Gefängnisse der Republik

verteilte Gemeinschaft der RAFMitglieder

von Anfang bis zum Ende Züge

einer politischen Psycho-Sekte.

Nach fast zwei Monaten Hungerstreik

war Holger Meins bis zum Skelett abgemagert.

Bei 183 Zentimeter Körpergröße

wog er 39 Kilogramm, als er am 9. November

1974 starb. Vor allem während der verschiedenen

Hungerstreiks hatten sich die Gefangenen

über das Info-System erbitterte Fehden

geliefert. Besonders zwischen Ensslin

und Meinhof entwickelte sich blanker

Hass, der bei Ulrike Meinhof zeitweise in

geradezu masochistische Selbstquälerei

umschlug.

Ensslin schrieb an Meinhof: "Du machst

den Bullen die Tür auf, das Messer im

Rücken der RAF bist Du, weil Du nicht

lernst ..."

Meinhofs Antwort: "Das Wesentliche,

mein gestörtes Verhältnis zu euch und besonders

zu Andreas, käme daher, dass

ich nicht von der revolutionären Gewalt

durchdrungen sei, war einfach 'ne schamlose Phrase, bezogen auf das, was hier bei

mir Sache ist:

Meine Sozialisation zum Faschist, durch

Sadismus und Religion, die mich eingeholt

hat, weil ich mein Verhältnis dazu, d. h. zur

herrschenden Klasse, mal ihr Schoßkind

gewesen zu sein, nie vollständig aufgelöst,

restlos in mir abgetötet habe ...

Die Scheiße in meinem Wahn ... sich

zur RAF verhalten, wie ich mich zur herrschenden

Klasse verhalten habe: Arschkriecher;

d. h. Euch behandeln wie Bullen,

das heißt einfach: Selbst längst 'n Bulle

sein, in den psychischen Mechanismen von

Herrschaft und Unterwerfung, Angst und

Klammern an die Vorschrift. Eine scheinheilige

Sau aus der herrschenden Klasse,

das ist einfach die Selbsterkenntnis. Alles

nur ,als ob' ..."

Baader antwortete: "Hör endlich auf,

dich zu quälen und zu kriechen ... Du hast

den falschen Schluss aus der Kritik gezogen.

Du sollst dich nicht zu einem kriechenden

Köter regredieren ..."

Andreas Baader war unumstritten der

Chef der Gruppe, draußen wie drinnen.

Nur Ensslin war ihm psychisch gewachsen,

bewunderte ihn aber hemmungslos. "Der

Rivale, der absolute Feind, Staatsfeind: das

kollektive Bewusstsein, die Moral der Erniedrigten

und Beleidigten, des Metropolenproletariats

- das ist Andreas", schrieb

sie hingebungsvoll an die Genossen in den

Gefängnissen, "an Andreas, über das, was

er ist, konnten wir uns bestimmen, weil er das alte (erpressbar, korrupt usw.) nicht

mehr war, sondern das neue: klar, stark,

unversöhnlich, entschlossen ... weil er sich

über die Ziele bestimmt."

Baader allerdings griff auch Ensslin an,

wenn er an die Frauen im Hochsicherheitstrakt

von Stammheim schrieb. Hauptziel

seiner "Kritik" war aber immer wieder Ulrike

Meinhof: "Ihr seid wirklich die Pest,

die Zofen ... Und was da ringt, ist natürlich

das Schwein."

Ende 1974 wurden auch Baader und Raspe

nach Stammheim verlegt. Gemeinsam

bereiteten sich die vier auf den Prozess

vor, der im Mai 1975 beginnen sollte. Am

5. Februar beendete die Gruppe den Hungerstreik,

nachdem die Illegalen draußen

sie dazu aufgefordert hatten: "Wir bitten

euch, den Streik jetzt abzubrechen, obwohl

seine Forderung, die Aufhebung der

Isolation, nicht durchgesetzt werden konnte.

Versteht das als Befehl. Wir nehmen

euch diese Waffe, weil der Kampf um die

Gefangenen jetzt ... mit unseren Waffen

entschieden wird."

Welche Waffen gemeint waren, zeigte

sich am 24. April 1975 in Stockholm. Ein

sechsköpfiges RAF-Kommando "Ulrike

Meinhof" drang in die Botschaft der Bundesrepublik

ein und brachte ein Dutzend

Menschen in seine Gewalt. Bundeskanzler

Helmut Schmidt lehnte die Forderung der

Besetzer ab, 26 "politische Gefangene"

freizulassen. Die Terroristen erschossen

zwei Diplomaten. Als der von ihnen mitgebrachte Sprengstoff aus bis heute ungeklärten

Gründen detonierte, kam ein Kommandomitglied

zu Tode. Ein weiteres starb

kurz darauf in der Krankenabteilung in

Stammheim. Der verzweifelte Versuch, die

RAF-Führung noch vor Beginn der Hauptverhandlung

zu befreien, war gescheitert.

Im Schatten dieser bislang brutalsten

RAF-Aktion begann am 21. Mai 1975

der Prozess gegen den harten Kern der

"Roten Armee Fraktion". Die Mehrzweckhalle

war so gesichert, dass sie allerhöchstens

einem Angriff mit schwerer Artillerie

nicht standgehalten hätte. Reiterstaffeln

patrouillierten, im Eingangsbereich standen

Maschinengewehre bereit, der Luftraum

war weiträumig gesperrt.

Die Gerichtsfestung von Stammheim

schien den Gefangenen die adäquate Bühne

für einen politischen Prozess zu sein.

Hier wollten sie mit Hilfe ihrer Anwälte

die Motive ihres Kampfes erläutern, hier

wollten sie dem Gericht, der Bundesanwaltschaft

und der spätkapitalistischen

Gesellschaft ein revolutionäres "j'accuse"

entgegenschleudern, wollten die Haftbedingungen,

die angebliche Isolationsfolter,

anprangern.

Der Vorsitzende Richter Theodor Prinzing

und die Bundesanwaltschaft wollten

einen normalen Strafprozess führen. Und

mit dem Versuch, den Gefangenen die

Darlegung ihrer Motive zu verwehren,

machten Gericht und Anklage aus dem

Stammheimer Verfahren erst den politi-schen Prozess, den die Angeklagten haben

wollten.

Andreas Baader sagte: "Die RAF ist

nicht justitiabel." Es zeigte sich, dass ein

Strafverfahren mit Angeklagten, die sich

juristischen Regeln entziehen wollen, nur

schwer zu führen ist. So wurden im Vorfeld

des Prozesses Gesetze geändert, Verteidiger

wurden ausgeschlossen, Zwangsverteidiger

beigeordnet.

Nach endlosem Vorgeplänkel wollte der

Vorsitzende Prinzing am 26. Prozesstag mit

der Vernehmung zur Person beginnen. Die

Angeklagten weigerten sich mitzuspielen.

"Ich will gehen", sagte Ulrike Meinhof.

"Sie haben die Pflicht, als Angeklagte

hierzubleiben."

"Ich lass mich doch nicht zwingen, du

Arschloch!"

"Frau Meinhof, ich stelle fest, dass Sie

mich eben mit Arschloch, mit ,du Arschloch'

angesprochen haben."

"Nimmst du das vielleicht mal zur

Kenntnis ..."

Nach geheimer Beratung mit seinen Kollegen

erklärte Prinzing: "Die Angeklagte

wird für den heutigen Verhandlungstag

ausgeschlossen, weil sie den Vorsitzenden

,du Arschloch' genannt hat."

Es gab viele solcher Szenen, und sie trugen

erbitterte und zugleich kabarettistische

Züge. Zuweilen spielten die Wahlverteidiger

mit. "Heil Prinzing!", rief Raspes Verteidiger

Rupert von Plottnitz dem Vorsitzenden

Richter zu. Später war er grüner

Justizminister in Hessen.

Otto Schily, Wahlverteidiger von Gudrun

Ensslin, stellte Vergleiche zwischen einem

möglichen Bombenanschlag auf das

Reichssicherheitshauptamt der SS und den

Attentaten der RAF auf US-Einrichtungen

in Deutschland an:

"Das sind die gleichen Bilder: das jüdische

Kind im Ghetto, das mit erhobenen

Händen auf SS-Leute zugeht, und die vietnamesischen

Kinder, die schreiend, napalmverbrannt

dem Fotografen entgegenlaufen

nach den Flächenbombardements.

Und um diese Frage geht die Beweisaufnahme:

ob man solche Mordaktionen dulden

oder verschweigen durfte oder ob es

gerechtfertigt war, gegen die Mechanismen

und gegen die Apparatur, mit der solche

Mordaktionen durchgeführt wurden, vorzugehen." Das Gericht erklärte lakonisch: "Der

Vietnam-Krieg ist nicht Gegenstand dieses

Verfahrens."

Bereits am zweiten Prozesstag, dem

5. Juni 1975, hatte Andreas Baader sich

beim Vorsitzenden darüber beschwert,

dass Gespräche der Angeklagten mit ihren

Verteidigern abgehört worden seien:

"Durch Abhörgeräte in den Besuchszellen

für Verteidigerbesuche, von denen wir seit

Sommer '73 wissen." Baaders Bemerkungen

führten in der Öffentlichkeit zu Kopfschütteln.

Man konnte sich nicht vorstellen,

dass Behörden der Bundesrepublik

Deutschland mit Hilfe von Wanzen und

Tonbandgeräten in das streng geschützte

Vertrauensverhältnis zwischen Verteidigern

und Angeklagten eingreifen würden.

Die Bemerkung wurde eher als Ausdruck

des paranoiden Wahns der Baader-Meinhof-

Gruppe betrachtet. Tatsächlich hatte

Baader so unrecht nicht.

Zu Weihnachten 1974 hatte der Präsident

des Bundeskriminalamtes, Horst Herold,

eigenhändig einen Entwurf für die

"Bekämpfung anarchistischer Gewaltkriminalität"

getippt und an das Bundesinnenministerium

geschickt. Es ging um

"Offensivmaßnahmen gegen die Ebene der

Zellen" und "gegen die Ebene der Verteidiger Federführend sollte dabei das Landeskriminalamt

(LKA) Baden-Württemberg

sein.

In dem "VS-Vertraulich, amtlich geheim

halten" klassifizierten Dokument, das bisher

unbekannt war, heißt es in einem langen

Maßnahmenkatalog: "Lauschmitteleinsatz

zur polizeilichen Gefahrenabwehr

- bei Gesprächen von RAF-Gefangenen

untereinander" sowie "Schaffung der Befugnis,

Gespräche zwischen verdächtigen

Verteidigern und RAF-Gefangenen zu

überwachen".

Der Plan blieb keinesfalls Theorie, wie

der ehemalige BKA-Präsident heute vorgibt.

Herold sagt, das sei lediglich seine

"Wunschvorstellung" gewesen, versehen

mit einem Beschlussvorschlag an die Innenministerkonferenz.

Aus dem Protokoll

der 6. Sitzung des Bundestagsinnenausschusses

vom 8. März 1977, als über den

Abhörfall Traube (SPIEGEL 11/1977) debattiert

wurde, geht hervor, dass Herolds

Wünsche, wenigstens was das Abhören

anbetrifft, nicht ungehört blieben.

Bundesinnenminister Werner Maihofer

sagte damals im Innenausschuss: "Es gibt

sogar noch aus dem Jahre 1976 eine gemeinsame

Vorlage, die damals zwischen

Justiz und Innenministerium erörtert worden

ist, etwa was die Lauschoperationen in

Strafanstalten anlangt. Das war ja damals

mit der Verteidigerüberwachung ein Riesenproblem.

Diese Vorlage kommt zu dem

Ergebnis: Auf keinen Fall einen solchen

Einsatz bei der Verteidigerüberwachung,

auch nicht in solchen Terroristenfällen weil das ja noch einmal eine zusätzliche

Kollision mit diesem Kernbestand unserer

Rechtsstaatlichkeit bedeutet."

Beim Abhören von Verteidigergesprächen

wollte man sich also zurückhalten.

Für das Abhören von Strafgefangenen aber

gab es freie Bahn.

Tatsächlich wurde bereits zwei Monate,

nachdem Herold seinen Vorschlag

gemacht hatte, in Stammheim die erste

Abhörmaßnahme vorbereitet. Am 27.

Februar 1975 rief der Präsident des

baden-württembergischen Landesamtes

für Verfassungsschutz, Dieter Wagner,

beim Bundesamt für Verfassungsschutz in

Köln an.

Er ließ sich mit dem Leiter der Abteilung

4, Albrecht Rausch, verbinden. Wagner erklärte

dem Chef der Spionagebekämpfung,

er benötige technische Hilfe. In Stammheim

sollten Abhörmikrofone installiert

werden.

Ohne seinen Chef, den Präsidenten des

Bundesamtes für Verfassungsschutz, Günther

Nollau, zu informieren, sagte Rausch zu. Am 1., 2. und 3. März 1975 bauten zwei

Techniker in fünf Stammheimer Zellen

Wanzen ein.

Fast zwei Monate später, am 1. Mai 1975,

rückten noch einmal die Techniker des

Bundesamtes für Verfassungsschutz an und

leisteten weitere "Hilfstätigkeit" für die

baden-württembergischen Kollegen.

Eine gute Woche später, am 9. Mai 1975,

meldete sich das "Referat Staatsschutz"

des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg

beim "Verbindungsreferenten"

des Bundesnachrichtendienstes (BND) in

Stuttgart.

Ohne ihm nähere Einzelheiten mitzuteilen,

wurde der BND-Mann um "technische

Beratung" gebeten. Der Verbindungsreferent

unterrichtete seine Zentrale

in Pullach bei München. Daraufhin wurde

am 12. Mai ein Techniker des BND zum

Landeskriminalamt nach Stuttgart geschickt.

Dort erfuhr er zunächst nur, dass

man "ein Gespräch über technische Beratung"

wünsche.

"Wenn ich beraten soll, dann muss ich

auch wissen, was das konkret ist", sagte

der Abhörspezialist, "sonst kann ich keinen Rat geben." Daraufhin wurde der

Geheimdienstmann nach Stammheim in

die Vollzugsanstalt gebracht. Man zeigte

ihm das von den Kölner Kollegen installierte

Abhörsystem und fragte ihn, ob

die Anlage möglicherweise "verändert

oder verbessert" werden könne. "Unter

den gegebenen Umständen nicht", sagte

der BND-Mann und fuhr zurück nach

Pullach.

Drei Tage später, am 15. Mai 1975,

meldete sich das LKA wieder in Pullach

beim Bundesnachrichtendienst. Es war der

Chef der Abteilung 8, Staatsschutz, der

zum BND fuhr. Hans Kollischon heute

zum SPIEGEL: "Das sag ich Ihnen ganz offen:

Da war ich in Pullach, um das zu besprechen,

damit wir die Hilfe noch bekommen."

Diesmal ging es um mehr als "technische

Beratung". Die Techniker des Nachrichtendienstes

sollten eine Abhöranlage

in Stammheim installieren. Die BND-Spitze

gab zu bedenken, dass eine solche Operation

vorher mit dem Bundeskanzleramt

abzustimmen sei. Dort war Staatssekretär

Manfred Schüler für die Koordination der Geheimdienste zuständig und hatte die

Aufsicht über den BND.

Am folgenden Tag, dem 16. Mai, versuchte

Ministerialdirektor Kurt Rebmann

vom Stuttgarter Justizministerium, den

Präsidenten des BND, Gerhard Wessel, ans

Telefon zu bekommen. Wessel war nicht

da, sein Vertreter ebenfalls nicht. Rebmann

ließ sich mit dem Abteilungsleiter Herbert

Rieck verbinden und schilderte in groben

Zügen sein Anliegen. Einzelheiten wollte

er am Telefon "aus naheliegenden Gründen"

nicht sagen. Rieck verwies Rebmann

an das Bundeskanzleramt. Rebmann, im baden-württembergischen

Justizministerium für den Komplex Stammheim

zuständig und später Generalbundesanwalt,

rief den zuständigen Gruppenleiter

im Kanzleramt, Ministerialdirigent

Franz Schlichter, an und beschwerte sich

über die bürokratische Schwerfälligkeit des

BND. Die Sache sei sehr dringend, und

die Leute aus Pullach könnten die gewünschte

technische Hilfe wohl am besten

leisten.

Schlichter fragte, ob die geplante Abhörmaßnahme

rechtlich geprüft sei. Kurt

Rebmann bestätigte dies. Das Stuttgarter

Innen- und das Justizministerium seien

der Auffassung, die Sache sei "rechtlich

einwandfrei" und liege im Übrigen

"in der völligen Verantwortung des

Landes".

Schlichter, der Rebmann als "sehr qualifizierten

Juristen" kannte, gab sich damit

zufrieden und erstattete seinem Chef,

dem Staatssekretär Schüler, Bericht. Ein

paar Tage später gab Schüler dem BNDPräsidenten

Wessel grünes Licht.

Kurz darauf reisten die Techniker aus

Pullach nach Stammheim und installierten Abhöranlagen in "zwei nicht belegten

Zellen".

Damit waren jetzt insgesamt sieben Zellen

in Stammheim "verwanzt": fünf durch

die Techniker des Bundesamtes für Verfassungsschutz,

zwei durch Techniker des

Bundesnachrichtendienstes.

Nach offizieller Version wurde an zehn

Tagen abgehört, letztmals am 9. Mai

1975. Die Gespräche seien auf Band aufgenommen

und sofort wieder gelöscht

worden.

Lediglich von einem Gespräch zwischen

dem Rechtsanwalt Klaus Croissant und

Ulrike Meinhof am 29. April 1975 gebe es

eine Tonbandabschrift. Bekannt ist ein

kleiner Auszug des Gesprächs, aus dem

Zusammenhang gerissen und damit vieldeutig:

Dr. Croissant: "Ich habe wieder ein Interview."

(Es folgen einige unverständliche

Worte und Lachen.) "Das muss natürlich

raus, dann geht's mir wieder besser,

das seh ich noch. Verstehst?" (Es folgen

einige unverständliche Worte.) "Wir haben

den Pop Shop oder weiß der Teufel was mit

Franz S. Und einen Typ." (Der Rest des

Satzes ist unverständlich.) "Und er hat gesagt,

es muss aber auch ziehn. Es könnte ja

auch ein Kind sein, das die Terroristen nehmen.

Ein Kind, ja. Dann ist die Entscheidung

genauso schwierig für die Regierung.

Es kann ja auch ein Kind sein, vom Spielplatz.

Das war mir dann zu viel, da hab ich

mal geschrien." (Der letzte Halbsatz ist undeutlich.)

Meinhof: "Aber, ich will grad sagen."

Dr. Croissant: "Aber das ist wohl zu

blöd mit Terror."

Meinhof: "Das ist zu blöd. Das ist doch

ganz einfach. Wenn also wirklich wer ein

Kind, uns auszulösen, ich bitte dich, dann

sollte man es tun."

Dr. Croissant: "Ahhh."

Das Originalband dieses angeblichen

Gesprächs zwischen Meinhof und Croissant

wurde niemals vorgelegt; angeblich

war es gelöscht worden. Nur dieses "Transkript"

kam zu den Akten. Es bleibt deshalb

offen, ob die beiden sich tatsächlich so

geäußert hatten.

Auch ansonsten wurden die Gefangenen

im siebten Stock gut überwacht.

Während des täglichen Umschlusses der

vier Häftlinge saß jeweils ein Justizbeamter

am entgegengesetzten Ende des Korridors

auf einem Stuhl und beobachtete sie.

Nach jeweils einer Stunde wurde er abgelöst.

Anschließend musste er einen Bericht

schreiben über das, was er gesehen

und gehört hatte.

Bei der Freistunde auf der vergitterten

und überdachten Terrasse über dem siebten

Stock führten jeweils zwei Beamte und eine

Beamtin Aufsicht. Nachts saß ein Beamter

im Dienstzimmer am Eingang zum Zellentrakt.

Auf einem Monitor konnte er den

von Fernsehkameras überwachten Korridor

und die Türen der Zellen beobachten. Zuweilen wurde der Zusammenschluss

der Gefangenen auf dem Korridor vor den

Zellen vom Wachpersonal protokolliert, so

am 8. Oktober 1975:

"13.30 bis 14.00 Uhr Baader schimpfte

auf die Anwälte Plottnitz und Riedel, dann

unterhalten sie sich über Prozess und Haftbedingungen.

Baader sagte: ,Warum ändert das

Schwein dann nicht die Haftbedingungen.'

Ansonsten wurden Fragen auf Zettel geschrieben

oder so leise gesprochen, dass

man es nicht verstehen kann.

14.00 bis 14.30 Uhr: Gespräch wurde

sehr leise geführt. Der Name Croissant

ist öfter gefallen. Nichts Konkretes zu verstehen.

Baader: ,Miesterfeld, pass auf du

Schwein, ich mag keine Denunzianten ...'

15.00 bis 15.30 Uhr: Als ich Oberwachtmeister

Koutny ablöste, sagte Baader zu Meinhof und Ensslin: ,Der da ist es, der hat

eine besondere Aufgabe ...'

Zwischenfrage von Ensslin: ,Wie heißt

der denn?' Baader: ,Der ist bestimmt von

Bonn eingesetzt.'

Meinhof sagte etwas Unverständliches.

Baader: ,Diese Bullen, dieser kleinkarierte

Miesterfeld, die vollgefressenen Knastsäcke.'

Darauf die Meinhof: ,Ja, ja, die sind

total verknastet.' Die sonstige Unterhaltung

war kaum verständlich. Es fielen des

öfteren Worte wie Kuba, CIA, Unterdrücker

usw."

Dem Wachpersonal entging nicht, dass

Ulrike Meinhof von ihren Mitgefangenen

immer mehr drangsaliert wurde. So sah

der Anstaltspfarrer Hans Peter Rieder "die

manchmal im Rudel sitzen. Ich habe mitbekommen,

wie Baader 'fette Sau' oder irgendeinen

anderen unflätigen Ausdruck

benutzt hat zur Frau Meinhof. Ich habe

dieses Bild vor mir, wie sie wie ein Schaf

wegtrottet. Aufsteht, den Kopf senkt und in

ihre Zelle verschwindet."

Selbst der stellvertretende Anstaltsleiter

Ulrich Schreitmüller war "darüber erschüttert",

welcher Wandel bei Ulrike

Meinhof festzustellen war. "Total vernachlässigt,

sie war richtig äußerlich ein gebrochener

Mensch."

Es war ein Psychodrama, das sich in

Stammheim abspielte, vor allem zu Lasten

von Meinhof. Am 41. Prozesstag, dem 28.

Oktober 1975, machte sie im Gerichtssaal

deutlich, wie weit sie sich von der Gruppe

entfernt hatte. Die Tonbandaufnahmen

von diesem und weiteren Prozesstagen

sind bei den SPIEGEL-Recherchen für eine

ARD-Dokumentation jetzt gefunden worden.

Meinhof: "Wie kann ein isolierter Gefangener

den Justizbehörden zu erkennen

geben, angenommen, dass er es wollte, dass

er sein Verhalten geändert hat? Wie? Wie

kann er das in einer Situation, in der bereits

jede, absolut jede Lebensäußerung unterbunden

ist? Dem Gefangenen in der Isolation

bleibt, um zu signalisieren, dass sich

sein Verhalten geändert hat, überhaupt nur eine Möglichkeit, und das ist der Verrat.

Eine andere Möglichkeit, sein Verhalten zu

ändern, hat der isolierte Gefangene nicht.

Das heißt, es gibt in der Isolation exakt

zwei Möglichkeiten: Entweder ..."

Der Vorsitzende unterbrach sie: "Frau

Meinhof, es ist kein Zusammenhang

mehr zum Ablehnungsantrag zu sehen."

Ulrike Meinhof fuhr fort: "Entweder

Sie bringen einen Gefangenen zum

Schweigen ..."

Wieder unterbrach sie der Richter.

"... das heißt, man stirbt daran, oder Sie

bringen einen zum Reden. Und das ist das

Geständnis und der Verrat. Das ist Folter,

exakt Folter, durch Isolation, definiert an

diesem Zweck, Geständnisse zu erpressen,

den Gefangenen einzuschüchtern, um ihn

zu bestrafen und um ihn zu verwirren."

Prinzing entzog Ulrike Meinhof das

Wort. Offenbar hatte er nicht bemerkt, wie

weit sich Meinhof damit von der Gruppe

entfernt hatte. In der RAF waren Zweifel

gleichbedeutend mit Verrat. Schon die

Überlegung, auszusteigen, zählte so viel

wie der Ausstieg selbst. Am 4. Mai 1976 erklärte Gudrun Ensslin

öffentlich das Ende der Gemeinsamkeit mit

Ulrike Meinhof. Sie distanzierte sich vom

Anschlag auf das Hamburger Springer-

Haus im Mai 1972, für den Ulrike Meinhof

verantwortlich war. 34 Arbeiter und Angestellte

waren dabei verletzt worden.

Auch von diesem Auftritt Ensslins vor Gericht

ist das Tonband erhalten:

"Insofern wir in der RAF seit '70 organisiert

waren, in ihr gekämpft haben und

am Prozess der Konzeption ihrer Politik

und Struktur beteiligt waren ... sind wir sicher

auch verantwortlich für Aktionen von

Kommandos - z. B. gegen das Springer-

Hochhaus, von denen wir nichts wussten,

deren Konzeption wir nicht zustimmen und

die wir in ihrem Ablauf abgelehnt haben."

Vier Tage später war Ulrike Meinhof tot.

Am 8. Mai 1976, dem Jahrestag des

Kriegsendes, riss sie ein blau-weißes Anstaltshandtuch

in Streifen, knotete daraus

einen Strick und erhängte sich.

Der Prozess ging dennoch weiter.

Die Justizbehörden boten an, die durch

Meinhofs Tod gerissene Lücke im Hochsicherheitstrakt aufzufüllen. Durch wen,

überließ man den Gefangenen. Eine verhängnisvolle

Entscheidung, denn die RAFFührung

forderte Brigitte Mohnhaupt an,

um sie zur neuen Chefin der illegalen

Gruppen draußen aufzubauen. Mohnhaupt

hatte nämlich nur noch acht Monate

abzusitzen.

Anfang Dezember 1976 durchsuchten

Polizeibeamte die Wohnung Elisabeth von

Dycks, die mit Volker Speitel und anderen

als Hilfskraft im Büro des Anwalts

Klaus Croissant arbeitete. Die Beamten

fanden Fotos, aufgenommen im Hochsicherheitstrakt

Stammheim. Auf einigen

Aufnahmen waren die engmaschigen Fenstergitter

zu sehen, auf anderen die Gefangenen

selbst.

Diese Bilder sollten in einem von RAFUnterstützern

und einem schwedischen

Verlag geplanten Buch erscheinen. Die

Auswahl behielten sich die Stammheimer

vor. Anwälte schmuggelten deshalb Abzüge

ins Gefängnis.

Wo Fotos waren, so kombinierten die

Kriminalbeamten richtig, musste es auch

eine Kamera geben. Am Tag darauf wurden

die Zellen von Baader, Ensslin, Raspe,

Ingrid Schubert und Mohnhaupt durchsucht,

ohne Ergebnis. Auf die Fotos angesprochen,

sagte Schubert, sie habe die Ka-



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