Von Christian Wüst
Nein, eine behördliche Warnung vor Gesundheits- und Umweltschäden durch das Automobil wird es nicht geben auf der IAA. Auch keinen Ausschluss bestimmter Modelle. Alle dürfen sie kommen zur 62. Internationalen Automobil-Ausstellung nach Frankfurt am Main, die am Donnerstag eröffnet wird.
Zu besichtigen sind Fahrzeugtypen wie der paramilitärische Geländewagen Hummer, dem sein Produzent eine "unbändige Nützlichkeit" zuschreibt. Das Flaggschiff des VW-Konzerns wird ebenfalls nicht fehlen, ein Bugatti mit 1000 PS, der einen Liter Superbenzin pro Kilometer verfeuert, wenn es hart auf hart kommt.
Was wäre auch eine Autoschau ohne die Rekordwagen der Spurt- und Schluckfreude? Ein Zirkus ohne Akrobaten?
Allerdings sollen die Kraftmeier nicht Hauptdarsteller sein in diesem Jahr. Die Rolle ist vergeben, und zwar nicht an ein Fahrzeug, sondern an ein Gas. Es ist geruchlos, unsichtbar und ungiftig. Menschen und Tiere atmen es aus, es blubbert im Sprudelwasser – und es entsteht bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe. Es gilt als Hauptursache für die Erwärmung des Weltklimas, und in dieser Funktion produziert es vor allem eines: Angst.
Die 62. IAA wird die Messe des Kohlendioxids sein beziehungsweise der organisierten Vermeidung desselben. Eine "Leitmesse der nachhaltigen Mobilität" kündigt Matthias Wissmann an, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), der die Schau ausrichtet.
Viel sparsamer kann es werden, das Automobil, und das womöglich viel schneller als bisher gedacht. Mit einer Fülle neuer Techniken dokumentiert die Branche auf der Frankfurter Messe ihre Neuorientierung: Diesel-Hybride gelten plötzlich als wirtschaftliche Option und weisen den Weg zum Drei-Liter-Auto der Golf-Klasse; eine Mischform aus Benzin- und Dieselmotor kann den Wirkungsgrad des Kolbenantriebs nochmals deutlich steigern; und auch dem Elektroauto wird eine große Zukunft vorhergesagt.
Schon Anfang Juli hatte der Verband alle Aussteller angeschrieben. Er bat sie mitzuteilen, welche ihrer Produkte "Neuigkeitswert haben und einen besonderen Beitrag für mehr Umweltschutz und Sicherheit beim Auto leisten". Diese wolle der VDA "in einem Flyer zusammenfassen und den Besuchern an den Messeeingängen zur Verfügung stellen".
Der Umfang eines üblichen Flugblatts wird wohl nicht reichen. Nahezu jeder Autokonzern beteuert lautstark irgendeine Form von Öko-Engagement. Unweigerlich weckt die Autowerbung der vergangenen Wochen beim Betrachter den Verdacht, die Kfz-Branche habe sich über Nacht in eine Interessengemeinschaft ökophiler Weltretter verwandelt.
Dass bei der Wettfahrt ins Grüne auch manche Peinlichkeitsgrenze überschritten wird, bleibt nicht aus: Ferrari preist den 550 PS starken Leichtbau-Sportwagen Millechili als Sparmobil. Porsche verweist auf die Genügsamkeit des Hybrid-Geländewagens Cayenne, dessen Normverbrauch kaum unter neun Liter zu drücken sein wird. "Deutschlands Luft soll sauberer werden", fordert die Toyota-Werbung und zeigt einen Frosch mit Atemschutzmaske. So einfach ist das also: Nur tüchtig Toyota fahren, dann wird die Luft im Lande wieder klar.
Nun waren weder Toyota noch sonst ein Autohersteller jemals damit befasst, irgendwo die Luft zu reinigen. Seit seinem Sensationserfolg mit sparsamen Hybrid-Autos steht der Fernostkonzern gleichwohl im Ruf des Öko-Weltmeisters und wurde darob sogar von der Grünen-Politikerin Renate Künast als Automarke erster Wahl gepriesen – ein Exempel denkwürdiger Kurzsichtigkeit.
Denn im Schnitt verbrauchen die aktuellen Toyota-Produkte immer noch mehr Sprit als etwa die von Volkswagen. Die Klimaprotektoren des Polit-Betriebs sollten von den meisten Fahrzeugen dieser Marke dringend abraten – und am besten gleich ganz vom Automobil. Denn wer es wirklich ernst meint mit Ressourcen- oder Klimaschutz, der fährt nicht Auto, sondern Bahn. Pro Zugpassagier wird etwa der Energiegehalt von zwei Liter Sprit auf 100 Kilometer verbraucht, und das aus der Kraftquelle Strom, die viel schneller den Wandel zur regenerativen Erzeugung vollziehen wird als der flüssige Kraftstoff. Dieses Rennen gewinnt das Auto wahrscheinlich nie.
Der Messebesucher wird also gut beraten sein, sich von den grünen Sirenen der PS-Zunft nicht ins Öko-Bockshorn jagen zu lassen. Über hundert Jahre Geschichte hat das Auto als Schädling bestens überstanden, und der Versuch, nun auch Sportund Geländewagen grünzubeten, wird daran wenig ändern.
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