AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2007

Automobile: Wettfahrt ins Grüne

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Im Zeichen der Klimadebatte feiern sich die Autokonzerne auf der IAA als Meister der Spartechnik. Deutschlands Schlüsselindustrie orientiert sich um: Der aufwendige Dieselhybrid gilt plötzlich nicht mehr als zu teuer, dem Elektroauto werden wieder Chancen eingeräumt.

Nein, eine behördliche Warnung vor Gesundheits- und Umweltschäden durch das Automobil wird es nicht geben auf der IAA. Auch keinen Ausschluss bestimmter Modelle. Alle dürfen sie kommen zur 62. Internationalen Automobil-Ausstellung nach Frankfurt am Main, die am Donnerstag eröffnet wird.

Zu besichtigen sind Fahrzeugtypen wie der paramilitärische Geländewagen Hummer, dem sein Produzent eine "unbändige Nützlichkeit" zuschreibt. Das Flaggschiff des VW-Konzerns wird ebenfalls nicht fehlen, ein Bugatti mit 1000 PS, der einen Liter Superbenzin pro Kilometer verfeuert, wenn es hart auf hart kommt.

Was wäre auch eine Autoschau ohne die Rekordwagen der Spurt- und Schluckfreude? Ein Zirkus ohne Akrobaten?

Allerdings sollen die Kraftmeier nicht Hauptdarsteller sein in diesem Jahr. Die Rolle ist vergeben, und zwar nicht an ein Fahrzeug, sondern an ein Gas. Es ist geruchlos, unsichtbar und ungiftig. Menschen und Tiere atmen es aus, es blubbert im Sprudelwasser – und es entsteht bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe. Es gilt als Hauptursache für die Erwärmung des Weltklimas, und in dieser Funktion produziert es vor allem eines: Angst.

Die 62. IAA wird die Messe des Kohlendioxids sein beziehungsweise der organisierten Vermeidung desselben. Eine "Leitmesse der nachhaltigen Mobilität" kündigt Matthias Wissmann an, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), der die Schau ausrichtet.

Viel sparsamer kann es werden, das Automobil, und das womöglich viel schneller als bisher gedacht. Mit einer Fülle neuer Techniken dokumentiert die Branche auf der Frankfurter Messe ihre Neuorientierung: Diesel-Hybride gelten plötzlich als wirtschaftliche Option und weisen den Weg zum Drei-Liter-Auto der Golf-Klasse; eine Mischform aus Benzin- und Dieselmotor kann den Wirkungsgrad des Kolbenantriebs nochmals deutlich steigern; und auch dem Elektroauto wird eine große Zukunft vorhergesagt.

Schon Anfang Juli hatte der Verband alle Aussteller angeschrieben. Er bat sie mitzuteilen, welche ihrer Produkte "Neuigkeitswert haben und einen besonderen Beitrag für mehr Umweltschutz und Sicherheit beim Auto leisten". Diese wolle der VDA "in einem Flyer zusammenfassen und den Besuchern an den Messeeingängen zur Verfügung stellen".

Der Umfang eines üblichen Flugblatts wird wohl nicht reichen. Nahezu jeder Autokonzern beteuert lautstark irgendeine Form von Öko-Engagement. Unweigerlich weckt die Autowerbung der vergangenen Wochen beim Betrachter den Verdacht, die Kfz-Branche habe sich über Nacht in eine Interessengemeinschaft ökophiler Weltretter verwandelt.

Dass bei der Wettfahrt ins Grüne auch manche Peinlichkeitsgrenze überschritten wird, bleibt nicht aus: Ferrari preist den 550 PS starken Leichtbau-Sportwagen Millechili als Sparmobil. Porsche verweist auf die Genügsamkeit des Hybrid-Geländewagens Cayenne, dessen Normverbrauch kaum unter neun Liter zu drücken sein wird. "Deutschlands Luft soll sauberer werden", fordert die Toyota-Werbung und zeigt einen Frosch mit Atemschutzmaske. So einfach ist das also: Nur tüchtig Toyota fahren, dann wird die Luft im Lande wieder klar.

Nun waren weder Toyota noch sonst ein Autohersteller jemals damit befasst, irgendwo die Luft zu reinigen. Seit seinem Sensationserfolg mit sparsamen Hybrid-Autos steht der Fernostkonzern gleichwohl im Ruf des Öko-Weltmeisters und wurde darob sogar von der Grünen-Politikerin Renate Künast als Automarke erster Wahl gepriesen – ein Exempel denkwürdiger Kurzsichtigkeit.

Denn im Schnitt verbrauchen die aktuellen Toyota-Produkte immer noch mehr Sprit als etwa die von Volkswagen. Die Klimaprotektoren des Polit-Betriebs sollten von den meisten Fahrzeugen dieser Marke dringend abraten – und am besten gleich ganz vom Automobil. Denn wer es wirklich ernst meint mit Ressourcen- oder Klimaschutz, der fährt nicht Auto, sondern Bahn. Pro Zugpassagier wird etwa der Energiegehalt von zwei Liter Sprit auf 100 Kilometer verbraucht, und das aus der Kraftquelle Strom, die viel schneller den Wandel zur regenerativen Erzeugung vollziehen wird als der flüssige Kraftstoff. Dieses Rennen gewinnt das Auto wahrscheinlich nie.

Der Messebesucher wird also gut beraten sein, sich von den grünen Sirenen der PS-Zunft nicht ins Öko-Bockshorn jagen zu lassen. Über hundert Jahre Geschichte hat das Auto als Schädling bestens überstanden, und der Versuch, nun auch Sportund Geländewagen grünzubeten, wird daran wenig ändern.

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Forum - Klimawandel - denken Sie um beim Autokauf?
insgesamt 3156 Beiträge
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1.
DELAN 06.02.2007
Da melden sich sicherlich gleich ganz viele, die so ein Auto sofort kaufen würde. Es gab solche Autos schon - und zwar aus Deutschland! Aber kaum jemand hat sie gekauft: Der Lupo 3L und der Audi A2, der ebenfalls nur 3l verbrauchte, sind eingestellt worden. Der Audi Q7, ein spritfressender Dinosaurier, verkauft sich wie warme Semmeln. Was wir brauchen, sind nicht andere Autokäufer, sondern ist eine grundlegende Wende in der Energiepolitik. Weg vom Öl, heißt für mich die Devise und da sehe ich kein Land in Sicht. Gruß DELAN
2.
langsamer 06.02.2007
Wer ein "sparsames" Auto kauft, um zu sparen, begeht gleich den ersten Irrtum: die Energiemenge, welche bei der Herstellung eines Autos aufgewendet werden muss, ist viel höher als jene, die dieses Auto jemals bis zu seiner Verschrottung in Form von Kraftstoff verbrauchen wird.
3.
Klo 06.02.2007
Zitat von langsamerWer ein "sparsames" Auto kauft, um zu sparen, begeht gleich den ersten Irrtum: die Energiemenge, welche bei der Herstellung eines Autos aufgewendet werden muss, ist viel höher als jene, die dieses Auto jemals bis zu seiner Verschrottung in Form von Kraftstoff verbrauchen wird.
Das schreit ja geradezu nach Belegen. Was bitte macht die Herstellung eines Lupo oder Golf zum Energiefresser? Und wieso ist die Herstellung eines 3 Tonnen schweren Maybach da besser? Fragen über Fragen.
4.
Dr.Strangelove 06.02.2007
Ich erinnere mich noch an meine Suche nach Elektroautos, in die ich in der regel nicht einmal einen Einkauf für 2 Personen bekomme und deren Batterien im Winter nur noch die Hälfte der Energie speichern, weil es für diese weder eine Isolation, noch eine Aufwärmung gibt. Zu sShluss fand ich noch ein experimentelles Fahrzeug mit einer gut isolierten Batterie, die bei 300Grad Celsius Betrieb gefahren wird und im Winter die volle Leistung abgibt. Nur gibt es kein Fahrzeug mit einer solchen Batterie am Markt. Die meisten Bastler haben nicht das Kapital um etwas vernünfitges zu industrialisieren und die Konzerne sind mit sich selbst beschäftigt. Schade eigentlich.
5. Umdenken auch von oben
Zeichenkunde 06.02.2007
Der Tesla Roadster kostet 100000 ist ein Elektroauto und - ausverkauft. Einfache Logik: Wenn umweltfreundliche Autos nicht aussehen wie Seifenkisten und Alltagstauglich sind (in diesem fall die Reichweite) werden sie auch gekauft. Mein nächstes Wunschauto wäre dann der Loremo. Zweite einfache Logik: wenn der Gesetzgeber beschließt wird auch gehandelt. Siehe Kalifornien: Gesetz da Elektroautos da. Gesetz weg - Autos weg. (Who killed the electrical car) So einfach wäre das!
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