AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2007

Sexualität Und Gott schuf das dritte Geschlecht

Von Andrea Brandt und

3. Teil: Im Kreißsaal fragt man: Was ist denn?" Und dann herrscht Totenstille.


Eine Frage der Machbarkeit: So wurde die Geschlechtszuweisung ab den sechziger Jahren betrachtet. Tonangebend dabei war der amerikanische Forscher John Money, der die Meinung vertrat, mit der richtigen Erziehung könne ein Kind in jeder Geschlechterrolle glücklich werden. Vorausgesetzt, es wisse nichts über seine eigentliche Bestimmung.

Money irrte, er irrte tödlich. Sein Vorzeigepatient, ein nach einem Unfall zum Mädchen operierter Junge, brachte sich später um. Moneys These vom absolut anerziehbaren Geschlecht ist längst von der neueren Forschung überholt.

Dass dieser These so lange gern gefolgt wurde im Umgang mit Intersexuellen, liegt sicherlich auch an der Geheimhaltung, die Money empfahl. Weil man dieses Andere damit ins Verborgene abschieben konnte. Weil man nach außen so tun konnte, als wäre alles eindeutig und normal.

Aber das ist es nicht immer. Ein bis zwei intersexuelle Kinder werden jeden Tag in Deutschland geboren.

Manchmal gibt es keine Eindeutigkeit. Kann man damit leben?

Wenn im Kreißsaal die Frage gestellt wird: "Was ist es denn?" Und dann nichts ist als Totenstille.

Das ist ein "Geburtstrauma" für die Eltern, "eine Katastrophe, ein psychischer Ausnahmezustand". Knut Werner-Rosen sagt das, Psychotherapeut in Berlin. Wird dort am Virchow-Klinikum ein Kind mit unklaren Geschlechtsmerkmalen geboren, so wird er automatisch kontaktiert.

So hat er dann zu tun mit einer Mutter, einem Vater im Schockzustand und findet, das Entscheidende, das er ihnen zu bieten habe, sei: Zeit.

Er lässt sie "ihr Horrorszenario ausbreiten". Lässt sie reden und ihre Konflikte austragen und irgendwann "wird das Pendel zur Ruhe kommen", wird sich feststellen lassen, wie sie dieses Kind sehen - Junge oder Mädchen. Dann wird man sehen, sagt Werner-Rosen, "was muss man medizinisch wirklich machen?"

Muss man überhaupt? Lasst uns intakt, fordert Christiane Völling, fordern Elisabeth Müller und die XY-Frauen.

Also alle lassen, wie sie sind? Die vergrößerte Klitoris zum Beispiel bestehen lassen, obwohl man das Kind als Mädchen großziehen will?

Die Rollenzuschreibungen sind weicher geworden, die Vorstellungen darüber, was geschlechtstypisch ist, nicht mehr so starr. Das Land wird von einer Kanzlerin in Hosen regiert. Auf der Bühne steht Tokio Hotel, stehen Jungs mit Mädchengesichtern und werden bewundert dafür. Rollenspiele sind Teil der postmodernen Welt der Möglichkeiten, scharfe Sanktionen folgen nicht mehr, macht man von diesen Möglichkeiten Gebrauch.

Aber es irritiert noch immer, nicht zu wissen, wen man vor sich hat, Mann oder Frau. Es sei nicht ratsam und vielleicht auch gar nicht möglich, glaubt Werner-Rosen, der Psychotherapeut, ein Kind weder als Junge noch als Mädchen zu erziehen. Das heißt nicht, sagt er, "dass jedes Kind operiert werden muss". Aber es muss wissen, auf welches Klo es im Kindergarten gehen soll. Und braucht seine Eltern als soziales System, und die müssten es erst mal fertigbringen, ein Kind ohne Geschlechtszuschreibungen zu erziehen.

Die Eltern müssen es annehmen können, sagt auch die Kinder- und Jugendärztin Ute Thyen, eine der treibenden Kräfte der Lübecker Netzwerk-Studie.

Die Eltern wickeln ihr Kind, viermal am Tag. Sie sehen, was los ist, und müssen damit leben können. Und ein Kind, das körperlich so offensichtlich anders sei, befürchten die Eltern, werde es nun mal schwer haben, sagt Thyen, "sollen sie es denn zum Testfall machen? Die Gesellschaft ist nicht so weit, aber mein Kind geht schon mal voraus?"

Sie glaubt, dass die Eltern sehr wesentlich seien für die Identitätsfindung eines Kindes. Dass also nicht nur "nature" zählt, das Angeborene, sondern auch "nurture", eben das, was ein Kind umgibt.

Eltern wollen es richtig machen, meistens jedenfalls. Aber es kann gut sein, dass das Kind sie später dafür hasst.

Was dürfen, was müssen Eltern für ihre Kinder entscheiden?

Im Konfliktfall steht soziale Geborgenheit in der Familie gegen körperliche Unversehrtheit des Kindes.

Es stellt sich die Frage, ob Kindeswohl mit dem Elternwohl immer im Einklang stehe. Die XY-Frauen beim Italiener in Hamburg finden, dass das nicht so sei. Und dass es das Kindeswohl sein müsse, das zählt.

Ende Oktober haben sie sich zu einem Informationstag in die Hamburger Innenstadt gewagt. Sie haben Leuten erklärt, dass sie keine Transvestiten sind, die sich einfach nur in der Kleidung des anderen Geschlechts wohlfühlen. Und keine Transsexuellen - deren Körper ist eindeutig, und sie wollen ihn ändern. Bei den XY-Frauen ist das Gegenteil der Fall.

Viele Ärzte reden neuerdings nicht mehr von "Intersexualität", sondern von einer "Störung der Geschlechtsentwicklung", das mögen sie nicht. Sie wollen keine Gestörten sein.

Die Gesellschaft müsse offener werden, finden sie, offener dafür, was unter einem Mann oder einer Frau zu verstehen sei. Und dass es Menschen gebe, die nicht Mann oder Frau sind. Und die trotzdem Partner finden können, manche lieben Frauen, die Mehrzahl, wie Elisabeth Müller, einen Mann.

Es muss Wörter geben, damit man sie benennen kann, damit sie sagen können, dass es sie gibt. "Zwitter", darüber diskutieren sie jetzt, wobei das nicht alle mögen. Aber da wissen die Leute wenigstens gleich, worum es geht.

Elisabeth Müller sagt, und sie lacht wieder tief, sie habe in der Kirche schon mal dieses Wort eingeführt, das die Leute so seltsam finden. Sie habe einen Gottesdienst an der Orgel begleitet und den Pastor gebeten, sie beim Dank nicht "Frau" zu nennen, und so sagte er dann: "Vielen Dank an Hermaphrodit Elisabeth Müller."

Warum operieren Ärzte, auch wenn es gesundheitlich nicht nötig ist? Kann es sein, dass Ärzte manchmal das Uneindeutige nicht ertragen können?

Die Sexualwissenschaftlerin Hertha Richter-Appelt weiß sehr wohl, dass viele Ärzte "die Probleme dieser Menschen nicht wirklich erkannt haben", sie weiß: Die Hälfte ihrer Befragten wurde ohne ordentliche Aufklärung operiert.

Und die Göttinger Medizinethikerin Claudia Wiesemann kennt "eine ganze Reihe von Fällen", in denen Patienten "schwere Traumatisierungen durch den unprofessionellen, verheimlichenden und verdeckenden Umgang von Ärzten" erlitten hätten. "Es wäre gut, wenn die Medizin sich heute zu den Fehlern bekennen würde, die sie im Umgang mit intersexuellen Menschen gemacht hat", sagt sie.

Die Medizin hat sich immerhin weiterentwickelt. Wenn einem Kind heute die Klitoris gekürzt wird, dann nicht mehr an der Spitze, wodurch es die Empfindungsfähigkeit verliert. Und neuerdings werden XY-Frauen nicht mehr automatisch die männlichen Keimdrüsen entfernt, weil die ja schließlich Hormone produzieren, die der Körper braucht.

Neuerdings, auch auf Druck der Selbsthilfegruppen, sitzen Mediziner diverser Fakultäten an Ethik-Leitlinien, die vorsehen, nicht lebensnotwendige Operationen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, wenn der Mensch selbst entscheiden kann, ob er sie wirklich will.

Allerdings wird auch Erwachsenen manchmal die Wahrheit verschwiegen. Die Klägerin Christiane Völling war eine junge Erwachsene, als sie operiert wurde, und tatsächlich informiert, sagt sie, wurde sie nie.

Sie war 17 und hatte die Worte des Hausarztes im Kopf: Jahrmarktsensation. Dass sie ein paarmal versuchte, sich selbst zu verstümmeln, mit dem Küchenmesser das Genitale abzuschneiden, wie sie später den Hamburger Forschern zu Protokoll gab - davon nahm offenbar niemand Notiz. Sie sackte in der Schule ab, fiel durchs Abitur, floh aus der Kleinstadt und landete in Düsseldorf, wo sie eine Ausbildung zur Krankenpflegerin begann. Auf Vermittlung der älteren Schwester ("Ohne sie hätte ich mich damals umgebracht") stellte sie sich 1976 bei Kölner Spezialisten vor. Sie habe wissen wollen, ob "noch etwas aus mir zu machen ist", sagt sie heute.



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