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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2007

Sexualität: Und Gott schuf das dritte Geschlecht

Von Andrea Brandt und Barbara Supp

Als Kinder waren sie teils Mann, teils Frau und wurden stillschweigend zu Mann oder Frau operiert. Nun streiten Intersexuelle vor Gericht: Sie wollen über ihr Geschlecht selbst bestimmen. Manche wollen Zwitter sein.

Sie sitzt im Friseurstuhl und schaut in den Spiegel und sagt: "Der Mann da, das bin nicht ich." Sie versinkt fast in diesem Stuhl, krallt die sorgfältig gefeilten Nägel in die Armlehnen, sie mag diesen Kopf nicht sehen. Diesen Kopf mit Stirnglatze und grauem Haarkranz. Ihren Kopf.

Ein Schock sei dieser Anblick, jedes Mal, sagt die Gestalt. Ein Schock, alle sieben Wochen, wenn sie in dieses teure Düsseldorfer Friseurstudio kommt, weil sie ein neues Haarteil braucht. Und diesen Mann sieht, zu dem sie gemacht worden ist.

Christiane Völling, 48, 1,56 klein, 55 Kilo leicht, kantiges Gesicht, hat ziemlich lange gebraucht, um herauszufinden, wer sie ist. Bei ihrer Geburt in der Kleinstadt Kalkar am Niederrhein hielt die Hebamme sie für einen Jungen, weil sie zwischen den Beinen des Babys etwas sah, das sie als Penis missverstand. So wuchs Christiane auf als Junge, und erst mit 17, bei einer Blinddarmoperation, fiel auf, dass etwas nicht stimmte mit dem vermeintlich männlichen Kind.

Was nicht stimmte, erfuhr sie offenbar nicht.

Nicht mit 17, als man bei ihr weibliche Chromosomen nachwies. Nicht mit 18, als man ihr die Gebärmutter und die Eierstöcke nahm, und auch nicht, als man ihr Hormone verschrieb und die Stimme tief wurde und als dann die Haare ausfielen, Jahre später. Bis zum vergangenen Jahr wusste sie es nicht: Sie ist intersexuell, zwischen den Geschlechtern, eingesperrt in einem vermännlichten Körper, und fühlt sich als Frau.

Sie hat ein "falsches Leben" geführt, so steht es in ihrer Klage auf Schmerzensgeld, mit der sie am 12. Dezember vor dem Kölner Landgericht ihren Operateur zur Rechenschaft ziehen will - ein Präzedenzfall, er könnte die Klagen anderer nach sich ziehen.

Denn es gibt sie, diese anderen. Auf 80.000 bis 100.000 wird die Zahl der in Deutschland lebenden Intersexuellen geschätzt; so viele, dass vermutlich jeder, ohne es zu wissen, schon einmal einem begegnet ist.

Es gibt Menschen wie Christiane Völling, die im Pass noch Thomas heißt, die mit einem weiblichen XX-Chromosomensatz, mit Uterus und Eierstöcken geboren werden - aber männliche Hormone bewirken eine Vermännlichung des Genitales.

Es gibt, andererseits, Menschen mit männlichen XY-Chromosomen, die wie Frauen aussehen; manche sehr weiblich sogar, langbeinig, modelhaft schön, nur dass sich in ihrem Inneren männliche Keimdrüsen finden, nicht Eierstöcke und Uterus. Eine Vielzahl von Varianten gibt es, darunter eine Gruppe, die bis zum Alter von elf, zwölf Jahren Mädchen sind und dann zu Männern werden - der Roman "Middlesex" von Jeffrey Eugenides hat so eine Ausnahmebiografie medizinisch korrekt erzählt.

Menschen sind das, die mit ihrem Körper und ihrem Leben die alte Frage auf neue Weise stellen: Was ist ein Mann? Was ist eine Frau? Und wer bestimmt das, wenn es Zweifel gibt?

Früher wurde solchen Patienten vom Arzt mitgeteilt: Sie sind ein Sonderfall. So etwas wie Sie gibt es praktisch nie.

Dass das nicht stimmt, diese Erkenntnis beginnt sich nun in der Medizin zu verbreiten. Jetzt betreibt das "Netzwerk Intersexualität" in Lübeck ein Drei-Millionen-Forschungsprojekt zu diesem Thema, die Auswertung soll 2008 fertig sein. Und am Hamburger Institut für Sexualforschung läuft eine teilweise schon ausgewertete Studie, in der intersexuelle Menschen Auskunft geben über Körper und Psyche, Behandlungserfahrungen und Behandlungszufriedenheit.

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