AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2007

Comedy Witz mit Barth

Der frühere Urlauberanimateur Mario Barth ist mit Klischeegags über Männer und Frauen zum erfolgreichsten Live-Entertainer des Landes geworden. Niemand ist derart präsent im Fernsehen, auf größten Bühnen und in den Charts. Warum nur?

Von Henryk M. Broder


Sowohl die Haager Landkriegsordnung von 1899 als auch die Genfer Konvention von 1949 verbieten es, Gefangene zu quälen und zu demütigen. Zivilisten sollen geschont, unnötige Opfer vermieden werden.

Freilich enthalten weder Landkriegsordnung noch Genfer Konvention Bestimmungen darüber, wie mit Menschen verfahren werden soll, die sich freiwillig gefangen nehmen lassen, um gequält und gedemütigt zu werden. Diesem Umstand verdankt der deutsche "Comedian" Mario Barth seine erstaunliche Karriere.

Seit Anfang 2006 ist er mit seiner zweiten Bühnenshow und einer 52-köpfigen Crew unterwegs, um die Botschaft "Männer sind primitiv, aber glücklich!" überall im Lande zu verkünden. In Bayreuths Oberfrankenhalle wie in der Arena von Trier oder der Ostseehalle in Kiel.

Barths Vorstellungen sind mittlerweile Monate im Voraus ausverkauft. Selbst für den laut Eigen-PR "grandiosen Abschluss seiner Tour" am 12. Juli im Berliner Olympiastadion vor 70.000 Zuschauern gibt es keine Karten mehr. Er hat das Stadion einfach mal angemietet. Und er wird es vollbekommen - in jeder Hinsicht randvoll. Der Mann ist ein omnipräsentes Phänomen, dessen Erfolg mittlerweile fast jeden medialen Kanal verstopft.

Seine aktuelle CD war vier Wochen auf Platz eins der Albumcharts und verkaufte sich bislang über 100.000-mal. Sein absurdes Wörterbuch "Deutsch - Frau, Frau - Deutsch"? 1,5 Millionen Mal verkauft. Die jüngste DVD? Fand rund 200.000 Fans.

Am Freitagabend dieser Woche startet RTL seine neue Show "Mario Barth präsentiert". Es soll "eine Mischung aus Comedy, Show und Talk" werden, sagt der Sender. Eine Talkshow-Comedy also. Oder ein Comedy-Showtalk? Es ist völlig egal. Das Programm heißt Barth.

So weit hat es jedenfalls noch kein Vertreter deutscher "Kleinkunst" gebracht. Der ehemalige Messdiener hat sie hinter sich gelassen - die eher stillen Branchengrößen wie Helge Schneider, aber auch fleischgewordene Hawaiihemden wie Jürgen von der Lippe.

Barth ist kommerziell erfolgreicher als die meisten seiner Kollegen, er hat Preise abgeräumt, Gold- und Platin-Schallplatten bekommen. Barth selbst erklärt das damit, dass über das Verhältnis von Männern und Frauen schon vieles, aber bei weitem nicht alles gesagt wurde: "Der Comedian findet im Zusammenleben zwischen Mann und Frau immer wieder neue Situationen und Absurditäten, die er dem Zuschauer in seiner unnachahmlichen Art vor Augen führt."

Dazu gehören beispielsweise so sensationell neue Einsichten wie die, dass Frauen immer zu zweit aufs Klo gehen. Oder dass sie einen Hammer von einem Schraubenschlüssel nicht unterscheiden können und Hunderte Kilometer fahren, um bei einem "Fabrikverkauf" eine Handtasche zu kaufen. Was sie außerdem gut können, ist: vor dem Fernseher einschlafen und stundenlang telefonieren. Sagt Barth.

Männer dagegen gehen ungern spazieren, wollen "beim Fressen" ihre Ruhe haben und schätzen den Umgang mit ihren Freunden mehr als die Gesellschaft ihrer Frauen. Am liebsten würden sie den ganzen Tag saufen, pöbeln und furzen. Wie gesagt: Das ist die ganze Barth-Philosophie in der Barth-Welt.

All das führt er den Zuschauern so plastisch vor, dass sie sich ununterbrochen auf die Schenkel schlagen und Lachtränen aus den Augen wischen müssen. Denn seine Fans folgen den gleichen Klischees wie seine Witze.

Die männlichen Barth-Freunde tragen Vokuhila und Goldkettchen, die Frauen kurze Röcke und T-Shirts mit dem Aufdruck "Willst Du mit mir gehen?" Wenn er dann vor einigen tausend solcher Fans auf der Bühne steht, findet er es bemerkenswert, "dass so viele gekommen sind, um zu erleben, wie es bei mir zu Hause abläuft".

Denn er redet vor allem über sich und seine namenlose Freundin, die natürlich nicht einparken kann, ihn aber dazu zwingt, im Sitzen zu pinkeln.

Barth, sagen die Kritiker, komme bei seinen Verehrern so gut an, weil er sich fröhlich zu dem bekennt, was sie sind: extrem einfach gestrickt. Seine Geschichten haben keinen Witz. Sie haben lediglich Wiedererkennungswert, wenn er etwa erzählt, wie Frauen sich stundenlang "bettfertig" machen, derweil die Männer nur die Schuhe ausziehen, bevor sie volltrunken einschlafen.

Das kommt an, das schafft ein Gefühl kollektiver Erleichterung. "Wir sind asi, aber wir fühlen uns wohl dabei." Die zwanglose Mischung aus anal und fäkal trägt entscheidend zum Wohlbefinden des Publikums bei.

Nun ist in Deutschland schon oft der kulturelle Super-GAU ausgerufen worden, seit man hierzulande zwischen E- und U-Kultur unterscheidet. Beim "Blauen Bock" mit Heinz Schenk, bei der "Hitparade" mit Dieter Thomas Heck, beim Volksmusik-Wahnsinn von De Randfichten, bei "Big Brother" und bei "Deutschland sucht den Superstar".

Doch gemessen an Barth ist sogar "Hausmeister Krause" ein Repräsentant der Hochkultur und ein würdiger Anwärter auf einen Grimme-Preis. Barth ist quasi ein Kollateralschaden der Demokratie.

Denn dort, wo alle anderen aufhören, fängt Barth erst an. Er ist der Zeremonienmeister des Prekariats, auch wenn bei seinen Auftritten in der ersten Reihe manchmal Promis der B-Klasse sitzen, die sich vor lauter Vergnügen weglachen.

Gewiss, jeder Kabarettist, Komiker oder, wie man heute sagt, Comedian lebt von dem Material, mit dem ihn seine Umwelt versorgt. Einige agierten so subtil wie Hanns Dieter Hüsch, andere so direkt wie Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer. Und auch Barth schöpft aus dem Vollen des Alltags, nur dass er dabei bis zur Hüfte in der Kanalisation steht und seine Arme wie Paddel benutzt.

Die weniger schlechten seiner Geschichten kennt man aus den Büttenreden rheinischer Karnevalisten. Er dynamisiert sie, indem er sich ständig bewegt, von einer Seite der Bühne zur anderen läuft. Sein Requisit ist dabei das Mikrofon, an dem er sich festhält wie ein Betrunkener an einer Straßenlaterne.

Bedenkt man, wie Unterhaltung im deutschen Nachkriegsfernsehen einmal angefangen hat - mit Leuten wie Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff, mit den Hesselbachs und Ekel Alfred -, und vergleicht man diese Anfänge mit dem, was heute als Unterhaltung angeboten wird, dann wird man nicht nur wehmütig, man fragt sich auch, ob die "Demokratisierung" dem Medium wirklich gutgetan hat. Ob es nicht doch besser wäre, wenn nicht jeder Tor eine Chance als Moderator bekäme und nicht jede zweite Klofrau, die durch Sanifair wegrationalisiert wurde, ins Comedy-Fach gewechselt wäre.

Dennoch bleibt der Aufstieg von Mario Barth zum Superstar ein Mysterium. Die perfekte Vermarktungsmaschine, die hinter ihm mittlerweile brummt, kann die offenkundig bestehende Nachfrage ja nur bedienen oder allenfalls befeuern, aber nicht selbst schaffen.

Und auch mit dem Zusammenspiel von Ballermann, Pisa und Hartz IV allein lässt sich nicht alles erklären. Eher schon mit der suggestiven Macht des Fernsehens. Obwohl: Dann müsste es sogar Jürgen Drews schon weiter gebracht haben als nur zum "König von Mallorca".

Wenn das, was Mario Barth macht, Unterhaltung ist, müsste ein Trabi das erfolgreichste Auto aller Zeiten sein. Und jeder Kuhfladen könnte darauf bestehen, zukünftig mit Pizza Margarita angeredet zu werden.

Barth selbst hat für seine Beliebtheit eine sehr einfache Erklärung. Sie ist so einfach wie die meisten seiner Nummern. "Ich find mich natürlich total sexy", hat er einer Boulevardzeitung verraten. "Manchmal wache ich nachts auf und denke: Mensch Barth, du bist echt ein toller Typ. Dann krieg ich kein Auge mehr zu."

Manchmal fängt ein Alptraum erst nach dem Aufwachen an.



Forum - Mario Barth - Meister der Klischeegags?
insgesamt 1048 Beiträge
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Seite 1
DoubleU, 26.11.2007
1.
Teilweise wirklich witzig, aber so schlicht und redundant, daß es sicher für weniger seichte Gemüter nicht abendfüllend ist.
Kauderwelsch 26.11.2007
2.
Ich bin peinlich berührt und bekomme regelrecht Angst, wenn ich so viele Leute über so flache Witze lachen sehe. Absolut unterirdisch.
Stephantastisch, 26.11.2007
3.
Zitat von sysopSuperstar des Schenkelklopfens: Der frühere Urlauberanimateur Mario Barth ist mit Klischeegags über Männer und Frauen zum erfolgreichsten Live-Entertainer des Landes geworden. Wie gefällt Ihnen Mario Barth?
Zum Wegschalten. Ich kann mit dieser Art Humor jedenfalls nix anfangen.
Beratungssepp, 26.11.2007
4.
Über Mario Barth lachen die Leute, die nicht erst nachdenken wollen, ob und warum sie jetzt lachen sollten oder müssen. Und es lachen die, denen es egal ist, was die Leute denken, die erst einmal darüber nachdenken müssen, ob sie darüber lachen dürfen. Insbesondere, wenn deren Ehefrauen darüber miteintscheiden. Deshalb lache ich :-)
matthias schwalbe, 26.11.2007
5.
Zitat von KauderwelschIch bin peinlich berührt und bekomme regelrecht Angst, wenn ich so viele Leute über so flache Witze lachen sehe. Absolut unterirdisch.
Es soll ja Leute geben,die wenn sie lachen wollen,in den Keller gehen.
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