AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2008

Bildung: Diebstahl der Kindheit

Von Matthias Bartsch, Andrea Brandt, und

Überstürzt und schlecht vorbereitet haben viele Bundesländer die Schulzeit zum Abitur auf zwölf Jahre verkürzt. Eltern, Lehrer und Schüler müssen die Fehler jetzt ausbaden.

Für einen Elfjährigen hat Leon Meister schon eine recht klare Vorstellung davon, wie sein Leben besser nicht aussehen sollte: "Wenn sich die Gedanken Tag und Nacht nur noch ums Pauken und um den Stundenplan drehen", sagt der aufgeweckte Junge aus Taunusstein, "dann ist irgendwann jede Freude weg."

Leider ist das genau die Art Leben, der sich der Schüler in der fünften Klasse seit knapp einem halben Jahr ausgesetzt sieht. Nach den Sommerferien kam er mit Neugierde, Vorfreude, einem Zeugnis voller Einsen und Zweien sowie einer klaren Gymnasialempfehlung seiner Lehrer von der Grundschule auf das Taunusstein-Gymnasium bei Wiesbaden - und ist seitdem "nicht mehr wiederzuerkennen", sagt seine Mutter Katja Meister. Zuerst klagte Leon über Kopfschmerzen und Schlafprobleme, dann plagten ihn Alpträume über Lehrer, die ihn mal im Klassenraum einsperrten, mal von der Schule schmeißen wollten. Und schließlich hagelte es bei Klassenarbeiten Fünfer und Sechser.

Den Grund für den steilen Absturz sehen Mutter und Sohn nicht in der Schule, nicht bei den Lehrern, sondern in einer Reform, mit der die Kultusminister das durch Pisa-Tests international in Verruf geratene deutsche Schulsystem im Eiltempo wieder nach vorn katapultieren wollten. Weil deutsche Abiturienten und Universitätsabsolventen beim Start ins Berufsleben meist älter sind als anderswo, sollen sie den Schulabschluss künftig ein Jahr früher machen - wie es etwa in den ostdeutschen Ländern Sachsen und Thüringen schon lange üblich ist.

14 der 16 Bundesländer haben die Standardausbildungszeit bis zum Abitur mittlerweile auf zwölf Schuljahre gekappt - Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz wollen vom nächsten Schuljahr an nachziehen. Nach der meist vierjährigen Grundschule soll den Gymnasiasten der Lehrstoff zur Hochschulreife nicht mehr in neun, sondern in nur noch acht Jahren eingetrichtert werden - ohne auf Unterrichtsinhalte zu verzichten, wie etwa Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) noch in ihrer Zeit als baden-württembergische Kultusministerin versprach.

Doch der bildungspolitische Großversuch, im Politikerjargon "G8" genannt, hat in weiten Teilen der Republik genervte bis wütende Eltern, Lehrer und Schüler hinterlassen. Denn die Kultusminister haben es weitgehend versäumt, die ohnehin schon überfüllten Lehrpläne kräftig zu entrümpeln oder wenigstens die Oberstufe, also die letzten drei Jahre vor dem Abitur, in die Schulzeitverkürzung einzubeziehen. Stattdessen schrumpften sie einfach per Gesetz die einst sechsjährige Unter- und Mittelstufe der Gymnasien auf fünf Jahre zusammen. Der gleiche Stoff, der bisher in den Schuljahren fünf bis zehn vermittelt wurde, muss jetzt schon bis zum Ende der Neunten gelernt sein.

Die Folge: Von der fünften Klasse an gibt es nun deutlich mehr Stunden - und mehr Nachmittagsunterricht. Auf bis zu 36 Wochenstunden schwillt etwa der Unterricht in Bayern an, bis zu 35 sind es in Hessen oder Baden-Württemberg. Inklusive Hausaufgaben und Klassenarbeitsvorbereitungen hätten die Kinder inzwischen "eine 45- bis 50-Stundenwoche" zu absolvieren, hat eine baden-württembergische Elterninitiative kürzlich ausgerechnet - "mehr als jeder Tarifvertrag in Deutschland zulässt". Den Schülern würden durch den G-8-Stress "wichtige Jahre ihrer Kindheit und Jugend gestohlen".

Auch in Bayern berichten Eltern- und Lehrerverbände von völlig überforderten Kindern, die keine Zeit mehr für Sport oder Spiel hätten. Bei einer Umfrage der Landes-Eltern-Vereinigung an 114 Gymnasien gaben 75 Prozent der Eltern an, das Lernpensum ihrer Kinder belaste den Familienalltag immens. In Hamburg ergab eine Stichprobe an zwei Gymnasien, dass 40 Prozent der Siebt- und Achtklässler unter Stresssymptomen wie Bauchschmerzen, Ess- oder Schlafstörungen litten. Und im Saarland, das zu den ersten westdeutschen G-8-Ländern gehörte, schlagen jetzt die Kinderärzte Alarm: Die Arbeitsbelastung, der die Schüler unter anderem durch das Turbo-Abitur ausgesetzt seien, habe "längst Erwachsenen-Niveau erreicht", beklagt Klaus Kühn vom saarländischen Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: Deren Praxen würden "zur Reparaturwerkstatt einer krankmachenden Schule".

Mehr als zehn Stunden am Tag, sagt der elfjährige Leon, müsse er im Schnitt für die Schule aufwenden, inklusive Hausaufgaben und Vokabellernen. Und im nächsten Schuljahr werde es sicher mehr - denn dann kommt die zweite Fremdsprache hinzu. Das Angebot, in der Theater AG, dem Aushängeschild des Taunusstein-Gymnasiums, mitzuwirken, musste er kürzlich ablehnen: "Ich schaff das sonst einfach nicht."

Gerade für die Jüngsten hat die Reform mitunter groteske Folgen. Weil für die Fächervielfalt an langen Schultagen auch große Mengen Bücher und Unterrichtsmaterial mitgeschleppt werden müssen, ziehen etwa baden-württembergische Fünftklässler auf dem Weg zum Klassenraum gelegentlich schon dicke Rollkoffer hinter sich her, berichten entsetzte Eltern. "Die kann man oft kaum noch heben", sagt auch die elfjährige Dana aus der sechsten Klasse des Taunusstein-Gymnasiums mit Blick auf ihre Schultasche. Bis zu neun Kilo haben sie und ihre Zwillingsschwester Sirka jeweils schon auf dem Rücken in die Schule gewuchtet - etwa wenn neben den Büchern auch noch die Sportsachen, eine Wasserflasche und ein Mittagsimbiss im Ranzen Platz finden mussten.

Ellen Nieswiodek, die Mutter der Zwillinge, macht sich Sorgen um ihre Töchter: "Wir müssen jetzt jeden Tag zusammen lernen, oft genug bis acht Uhr abends", sagt sie: "Sogar an den Wochenenden dreht sich alles nur noch ums Thema Schule." Zeit für Treffen mit Freundinnen hätten sie vielleicht noch einmal alle zwei Wochen, erzählen die Schwestern. Ihre beiden älteren Brüder konnten das Abitur noch nach 13 Jahren absolvieren. "Da war das alles viel entspannter und kindgerechter", urteilt Nieswiodek. Der Druck in Unter- und Mittelstufe dürfte künftig auch manchen abhalten, anschließend ein Auslandsjahr als Austauschschüler zu wagen.

Heillos überfordert scheinen angesichts der verschärften Bedingungen vor allem jene Schüler, deren Eltern voll berufstätig sind - und denen die Zeit fehlt, ihren Kindern bei den oft überzogen anspruchsvollen Hausaufgaben zu helfen. "Einer berufstätigen Mutter kann man nur empfehlen", resümiert eine Betroffene aus Niedersachsen ihre Erfahrungen bitter, "das Kind nicht auf ein Gymnasium zu geben."

Im Fall der Familie Nieswiodek legte der Englischlehrer der Mutter kürzlich nahe, zusätzlich noch einen professionellen Nachhilfelehrer für eine ihrer Zwillingstöchter zu engagieren. "Wir denken darüber nach, obwohl es noch mal 130 oder 150 Euro im Monat kostet", sagt Ellen Nieswiodek: "Ich möchte nur wissen, was Familien machen, die dafür kein Geld mehr haben."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Gymnasiumsstress - Diebstahl der Kindheit?
insgesamt 2952 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Klo, 15.01.2008
Zitat von sysop40-Stunden-Woche? Viele Gymnasiasten wären schon über 50 Stunden froh. Überstürzt und miserabel vorbereitet haben die meisten Bundesländer die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre verkürzt. Stiehlt die Schule den Schülern die Kindheit?
Die überstürzte und unvorbereitete Einführung des G8 ohne Entrümpelung der Lehrpläne ist das größte Desaster der Nachkriegs-Bildungspolitik.
2.
PaulNeu, 15.01.2008
Wieso schaffen es andere Länder, die Schüler mit 18 zur Hochschulreife zu bringen und nach weiteren 4 bis 5 Jahren zum Hochschulabschluss? Warum dauert die Ausbildung in D so unendlich lange?
3. Sparen Sparen Sparen
NilsBoedeker 15.01.2008
Hi es muß halt gespart werden... idealerweise an Kindern und der Ausbildung... gestern, heute, morgen... Das Abitur in 12 Jahre ist nix anderes... Es ist naiv zu glaube das sich Sparmaßnahmen in dem Bereich nicht irgendwann übel rächen werden bzw. sieht man ja schon die "Erfolge" der Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre/Jahrzehnte
4.
qsecofr 15.01.2008
Ich denke den wird nichts gestohlen! In Sachsen und Thüringen geht es doch auch! In der DDR hat es auch funktioniert, das man sein ABI nach 12 Jahren hatte. Dieses jammern ist schon etwas ätzend. Ronald Leipzig
5.
Anima, 15.01.2008
Ich kann dies nur bestätigen. Meine Tochter geht in die 6. Klasse Gymnasium. Seit dem sie auf dem Gymnasium ist, geht es ihr nicht besonders gut. Offensichtlich leidet sie unter dem Stress und ist öfters krank. Dies ist meiner Meinung nach noch ein Meilenstein der Politiker in einem kinderfeindlichem Land. Anstatt sich wirklich ein Beispiel an den Lehrmethoden der PISA-Siege, z.B. Finnland, zu nehmen, wird geflickschustert was das Zeug hält. Leider bestätigt sich auch hier: es gibt in diesem Land keine Lobby für die Kinder.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Abi - und dann?
RSS

© DER SPIEGEL 3/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -778-
Fotostrecke
Abitur-Überflieger: Die Besten der Besten

Social Networks