AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2008

Werte Pure Provokation

Sind die Brücken zwischen dem Westen und der islamischen Welt zerbrochen? Hat der Kampf der Kulturen begonnen? Eine neue Studie versucht auszuloten, wie virulent der Konflikt wirklich ist.

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Die Front rückt näher, der Geschützlärm wird lauter - vorige Woche erreichte der Zusammenprall der Kulturen die österreichische Provinz.

In Unterpremstätten bei Graz zog Susanne Winter, promovierte Juristin, Zahnarzthelferin und Bürgermeisterkandidatin der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) ins Feld. Der Islam, sagte sie, gehöre "dorthin zurückgeworfen, wo er hergekommen ist: hinters Mittelmeer"; der steirischen Landeshauptstadt drohe ein "islamischer Einwanderungs-Tsunami". Der Prophet Mohammed sei "im heutigen System ein Kinderschänder", den Koran habe er "im Rahmen epileptischer Anfälle geschrieben".

Bange Frage im beschaulichen Österreich: Was tut jetzt die Gegenseite?

Sie tat jedenfalls nicht, was nach dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh 2004, nach dem Karikaturenstreit im Frühjahr und der Papstrede im Herbst 2006 zu befürchten stand. Wohl tauchte im Internet ein dubioses Drohvideo auf, wohl berichteten türkische Zeitungen von "hässlichen Aggressionen" gegen den Propheten, doch es gab keine Massenproteste, keine brennenden Botschaften, keine Toten. Österreichs Muslime verurteilten die "ungeheuerlichen" Worte der Provinzpolitikerin, kündigten gleichzeitig aber eine "Charme-Offensive" und einen Tag der offenen Moschee an.

Haben die Besonnenen tatsächlich noch eine Chance? Gibt es ihn doch, den "Dialog der Kulturen"? Oder haben sich in den Jahren seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zwei so feste Weltbilder gefügt, dass sich weitere Diskussionen eigentlich erübrigen?

Das Weltwirtschaftsforum in der Schweiz stellt diese Woche eine Studie zum Verhältnis zwischen dem Islam und dem Westen vor, die bislang ausführlichste ihrer Art. Zusammengestellt hat sie John DeGioia, Präsident der Georgetown-Universität in Washington. Unter den Mitarbeitern sind so illustre Autoren wie Prinzessin Lolowah, Tochter des einstigen saudi-arabischen Königs Faisal, Israels Außenministerin Zipi Livni und Norwegens Kronprinz Haakon. Das Meinungsforschungsinstitut Gallup befragte Muslime wie Nichtmuslime in 21 Ländern; Analysten des Schweizer Instituts Media Tenor untersuchten, wie Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender in 24 Ländern über die eigene Kultur und "das Andere" berichteten.

Das Ergebnis ist reich an Fakten und Überraschungen, auch wenn die Hauptthese durchaus abzusehen war: Der Graben zwischen dem Islam und dem Westen sei tief, schreibt Klaus Schwab, Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums, der Optimismus gering. Auf einem kompliziert errechneten Index von insgesamt 100 erreichbaren Punkten liegt der Durchschnittswert aller untersuchten Länder derzeit bei 37.

Nur in zwei Staaten fanden sich keine Mehrheiten für die Behauptung, es gehe bergab im Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen: Es sind, und damit beginnen die Überraschungen, Bangladesch und Pakistan.

Bangladesch demonstriert schon im Grundsatz, was die Studie an zahlreichen Beispielen belegt - dass nämlich Wahrnehmung und Wirklichkeit zweierlei sind: 62 Prozent der Bevölkerung eines der ärmsten Länder der Welt sind mit ihrem Lebensstandard zufrieden; im ungleich reicheren Rumänien sind es 37.

Ein ähnlich unerwartetes Ergebnis, wenn es um die Angst vor dem Miteinander der Kulturen geht. Klare Mehrheiten in allen untersuchten europäischen Staaten empfinden eine "verstärkte Interaktion zwischen dem Westen und der islamischen Welt" als Bedrohung: 79 Prozent in Dänemark, 68 in Spanien, 67 in Italien und den Niederlanden. Die Vermutung, Israelis und Amerikaner müssten sich mindestens ebenso bedroht fühlen, ist so naheliegend wie falsch: 70 Prozent der Amerikaner und 56 Prozent der Israelis finden mehr Interaktion gut - ebenso wie umgekehrt Mehrheiten in Ägypten, den Palästinensergebieten, der Türkei und Iran.

Woher die besondere Berührungsangst der Europäer? Die Autoren der Studie führen das wachsende Unbehagen an der Zuwanderung aus islamischen Ländern an, die Wahrnehmung, der Islam bedrohe Europas kulturelle Identität. Belege dafür gingen kürzlich auch beim SPIEGEL ein, der zu Weihnachten eine Titelgeschichte über den Koran druckte: Leserbriefschreiber berichteten, sie fühlten sich "vom Islam überrollt und erdrückt", Europa werde "gezielt islamisiert"; die Religion der Muslime "nerve", Leser des Korans liefen "als ein Rudel Schwachköpfe, Bombenleger, Kinderschänder und Steinzeitproleten durch die Gegend". Ausruf eines Lesers aus Berlin: "Gott schütze uns vor dem Islam."

Vielfach klagen vor allem Muslime, der Westen respektiere die islamische Welt nicht. Diesen Eindruck bestätigen in der Studie des Weltwirtschaftsforums Mehrheiten in Palästina (84 Prozent) und Ägypten (80 Prozent) - deutlich ausgeprägter übrigens als in Iran. Selbst Europäer und Amerikaner wollen das nicht leugnen.

Wie aber verhält es sich mit dem Respekt der Muslime gegenüber dem Westen? Hier geht der Befund auseinander: Die Muslime, mit Ausnahme der Türken, finden, sie achteten die westliche Welt durchaus, diese aber teilt diesen Eindruck überhaupt nicht. 82 Prozent der Amerikaner, breite europäische Mehrheiten und auch 73 Prozent der Israelis fühlen sich von den Muslimen missachtet. Erklärungen der Studie für die widersprüchliche Wahrnehmung: Der Westen deute das in den vergangenen Jahren dramatisch gesunkene Ansehen amerikanischer Außenpolitik als Ablehnung des westlichen Wertekanons insgesamt. 71 Prozent der Saudi-Araber verbinden das Wort "rücksichtslos" mit den USA, aber nur 3 Prozent mit Frankreich. Außerdem forderten Muslime von ihren Regierungen zwar selbst die Umsetzung westlicher Konzepte wie Meinungs- und Pressefreiheit, interpretierten sie gelegentlich allerdings anders - wie vor allem der Karikaturenstreit im Frühjahr 2006 gezeigt habe.

Wenn Realitäten und Wahrnehmungen so weit auseinanderklaffen - wer trägt dann wohl die Schuld? Die Wahrnehmungsvermittler, die Medien also? Eine zentrale Erkenntnis der Studie lautet: "Medien aus islamischen Ländern berichten negativer über Individuen und Gruppen, die dem Christentum, dem Judentum oder nichtislamischen Ländern angehören." Zwar gilt das auch umgekehrt, allerdings in geringerem Ausmaß.

Deutlich wird dieses Ungleichgewicht bei Artikeln über politische Organisationen wie die libanesische Hisbollah und Persönlichkeiten wie Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad oder den ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair: Berichte über die Hisbollah aus der islamischen Welt waren zu 6,8 Prozent negativ, die aus dem Westen zu 22 Prozent. Ahmadinedschad wurde von heimischen Medien derart in den Himmel gehoben, dass er das positivste Image aller politischen Führer überhaupt einstrich. Am anderen Ende der Skala steht Tony Blair, den nicht nur die einseitigen iranischen Medien herunterschrieben, sondern die heimischen britischen Blätter obendrein. Insgesamt wird sein Image dadurch noch schlechter als das von Osama Bin Laden.

Am ausführlichsten wurde über US-Präsident George W. Bush berichtet, relativ neutral waren dabei die westlichen Medien (11,9 Prozent negative Statements), deutlich negativer die Medien aus Ländern mit muslimischen Mehrheiten (27 Prozent). Dennoch hält die Studie auch für das Weiße Haus eine Überraschung bereit. Das einzige Land, in dem noch ausgewogener über Bush berichtet wurde als in den USA, ist Saudi-Arabien - ein Ergebnis, an das sich allerdings eine kritische Beobachtung knüpfen ließe: Die Studie geht nicht auf die staatliche Gängelung vieler Medien im Nahen Osten ein.

Schon die breiten Trends im akuten Verhältnis zwischen dem Westen und dem Islam steckten eben voller Widersprüche, schließt die Studie bescheiden - noch viel weniger lasse sich voraussagen, wie einzelne Ereignisse sich auf das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen auswirkten.

Und die nächste Probe aufs Exempel steht bevor: Diese Woche will der niederländische Parlamentarier und Islamkritiker Geert Wilders ein zehnminütiges filmisches Pamphlet gegen den Islam veröffentlichen - eine Religion, so Wilders, die sich "auch in einigen tausend Jahren" nicht modernisiert haben wird.

Kaum länger war auch der Film, den der Regisseur Theo van Gogh im Jahr 2004 drehte. "Submission" hieß er, zu sehen waren Koranverse auf nackter Haut. Van Gogh wurde wenig später von einem radikalen Islamisten auf offener Straße ermordet; die Ausschreitungen danach zeigten, wie leicht entflammbar im Kulturkampfklima selbst traditionelle europäische Einwanderungsgesellschaften sind.

Auch diesmal bereiten sich Polizei, Politik und Geheimdienste auf den Ausnahmezustand vor. Sicherheitskräfte halten die emotionale Sprengkraft des Zehnminüters für größer als die der dänischen Mohammed-Karikaturen. Als "pure Provokation" bewertet Bernhard Welten, Polizeichef von Amsterdam, den Film. "Es ist nicht meine Absicht, dass es zu Unruhen kommt", so Wilders, Chef einer Splitterpartei namens PVV, "aber einige dieser Typen sind eben schnell beleidigt."



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