AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2008

Tiere Werben, tricksen, täuschen

Über die Bedeutung des Vogelgesangs ist bislang wenig bekannt. Das will nun ein britischer Seifenmillionär ändern: Er schuf die ambitionierteste Vogelstimmensammlung der Welt.

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Mark Constantine hört Stimmen. Sie erzählen von Liebe und Hass, von Gier und Angst, von Schönheit und Leidenschaft. Er steht an der Uferpromenade der südenglischen Küstenstadt Poole, seine weißen Haare von Sturmböen zerzaust. Er lächelt entspannt, als lausche er einem Konzert.

Er braucht keinen iPod, um Musik zu hören. Ständig weiß er sich umgeben von Zwitschern und Trällern, Schnattern und Flöten, Schnarren und Schnalzen. "Hören Sie die Stare drüben auf dem Dach? Das sind ihre Schwarmrufe, damit halten sie Kontakt untereinander."

Ein eiskalter Schauer geht nieder, aber Constantine scheint es nicht zu bemerken, denn er ist ganz Ohr. "Und da am Strand: Twit-twit-twit, das Pfeifen eines Steinwälzers. Das ist eindeutig ein Fluchtruf, der ist wohl gerade aufgeschreckt worden."

So geht das ständig. Für Constantine gleicht jedes Wäldchen, jeder Park, jede Straße einer Freiluftphilharmonie. Der große, kräftige Mittfünfziger mit dem breiten Grinsen und der ansteckenden Begeisterung ist einer der ambitioniertesten Vogelbeobachter, oder genauer: Vogelbelauscher. Aber er ist kein Profiforscher, sondern ein steinreicher Kosmetikfabrikant.

Wo andere Ornithologen zum Feldstecher greifen, spitzt Constantine eher die Ohren. "Ich kann Vögel sogar dann beobachten, wenn sie unsichtbar sind: in der Dunkelheit oder in einem dichten Gestrüpp", sagt er. "Wer Vogelstimmen kennt, hat so etwas wie einen Röntgenblick."

Für Ungeübte mag all das Zwitschern ähnlich klingen. Aber wer sich einmal eingehört hat, stellt fest, dass fast jeder Vogel über ein großes Lautrepertoire verfügt: "Sie können oft heraushören, wie alt ein Tier ist, woher es stammt, ob es Männchen oder Weibchen ist und ob es balzt, droht oder einfach ein bisschen übt", schwärmt Constantine. Möglicherweise sei der Gesang sogar eine treibende Kraft hinter der Entstehung neuer Arten.

Constantine hat nie studiert, er hat sich alles selbst erarbeitet, und immer wenn er Fragen hatte, löcherte er führende Ornithologen in aller Welt. "Ich bin ein Wissenschaftler-Groupie", sagt er.

Unlängst hat der Außenseiter sein erstes Buch veröffentlicht, geschrieben in der Ichform, gedruckt im Selbstverlag. Mit allerlei Anekdoten versucht er darin, Amateure für die Ornithologie zu gewinnen: für die Rufe von Vögeln wie Schwarzmilan und Flussseeschwalbe, Teichhuhn und Halsbandschnäpper. Sogar die Fachwelt ist begeistert, sein Werk hat bereits mehrere Preise eingeheimst.

Mittlerweile gehört Constantine zu den bekannteren Namen in der Welt der Bioakustik. Sein Projekt "The Sound Approach" beschäftigt anerkannte Vogelkundler aus Irland, Finnland und den Niederlanden und verfügt mit über 36.000 Tonaufnahmen über eines der ambitioniertesten Vogelstimmenarchive der Welt ( www.soundapproach.co.uk).

Vor allem aber horcht die Fachwelt auf, weil Constantine beste Qualität bietet. Das Archiv dokumentiert exakt Ort, Zeit und wo möglich auch Alter und Geschlecht der Tiere sowie die Hintergrundgeräusche, denn oft halten Vögel Zwiesprache mit ihrer Umwelt. Eine derartige Fülle an Hi-Fi-Aufnahmen, die nicht uralt und verrauscht und von vielen Forschern unter unterschiedlichsten Bedingungen zusammengesammelt sind, sondern alle nach denselben modernen Maßgaben erstellt wurden - das hat es bislang so nicht gegeben.

Vogelforscher Constantine: Jagd nach seltenen Stimmen
The Sound Approach

Vogelforscher Constantine: Jagd nach seltenen Stimmen

Auf der Jagd nach seltenen Vogelstimmen bereist Constantine die entlegensten Flecken der Erde, schlottert nächtelang in Schneestürmen, robbt durch Wüsten, watet durch amerikanische Sümpfe. Die Kosten dieser Unternehmungen? "Einige hunderttausend Euro, ich verzichte lieber drauf, das genau zusammenzuaddieren, damit ich keinen Ärger mit meiner Frau bekomme", sagt Constantine.

Den Morgen hat er mit Kindern einer Grundschule verbracht, denen er von der Schönheit des Vogelgesangs vorschwärmte. Doch kaum einer an Bord wusste, womit der lustige Vogelonkel sein kostspieliges Hobby finanziert. Seine Firma befindet sich in einem verwinkelten, denkmalgeschützten Häuschen mit der harrypotteresken Hausnummer 29 1/2. Schon auf der Straße schwängert ein nasenbetäubender Duft die Luft, Aromen von Rosen, Orangen, Minze und von tausend Düften Arabiens. Constantine ist Mitgründer und Leiter der multinationalen Kosmetikfirma Lush, die weltweit über 400 Geschäfte betreibt, 17 davon allein in Deutschland.

  • 1. Teil: Werben, tricksen, täuschen
  • 2. Teil


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