AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2008

Verbrechen Die Schwarze Witwe

Mehr als 20 Jahre lang hat die Polizei ohnmächtig zugesehen, wie eine Frau im niedersächsischen Bodenfelde alten Männern ein spätes Glück versprach - und deren Geld nahm. Nun steht sie vor Gericht: Ein mutmaßlicher Komplize hat gestanden, in dieser Zeit vier der Greise getötet zu haben.

Von und


Die Dame am anderen Ende der Leitung sitzt im Gefängnis von Hildesheim und redet und redet - einen Sturzbach aus Sätzen, die Stimme am Telefon empört, verbittert, leidend. Was da alles über sie in den Zeitungen stehe, wirklich schlimm. Selbst der Carsten falle über sie her, ihr eigener Sohn, aber der habe ihr ja früher sogar auf den Kopf gerotzt, das müsse man sich mal vorstellen. Und dann der Siggi, der Mann, der ihr jahrzehntelang in Haus und Garten zur Hand ging, was der jetzt alles bei der Polizei über sie zusammenspinne. Vier Morde, zu denen sie ihn angestiftet haben soll. Sie! Den Siggi! Vier Morde! Alles falsch! Alles gelogen! Na hören Sie mal ...

Vor allem aber redet Lydia L., 68, so schnell, als müsse sie nicht lange nachdenken, weil sie ja die Wahrheit sagt, nur die Wahrheit. Und so ist die Frau, die sie nun nach der männermordenden Spinne "Schwarze Witwe" nennen, jetzt auch im Gespräch mit dem SPIEGEL, was sie immer schon war: sehr überzeugend.

Wie überzeugend, wird sich Mitte Februar herausstellen. Dann soll vor dem Landgericht Göttingen der Prozess gegen sie und ihren mutmaßlichen Komplizen, Sigmund "Siggi" S., 53, anlaufen, beide aus dem niedersächsischen Flecken Bodenfelde. Vor der 6. großen Strafkammer muss sich zeigen, ob Siggi S. von 1994 bis 2000 vier Möchtegernlebensgefährten der Frau in deren Auftrag getötet hat - das ist seine Version. Oder ob er die Männer aus Eifersucht umbrachte und sie davon nichts ahnte, wie Lydia L. behauptet.

Die Ermittler glauben Siggi S. "Das ganze Geld, der ganze Scheiß hat sie verrückt gemacht", hat er in einer Vernehmung über Lydia L. gesagt, und wenn es so war, dann wird der Fall ein Stück deutsche Kriminalgeschichte schreiben: Kripo und Staatsanwalt gehen davon aus, dass Lydia L. ständig alte, am besten einsame Männer suchte, um sie auszunehmen. Und das in einer Zahl - mehr als ein Dutzend - und über einen Zeitraum - mehr als 20 Jahre -, wie es die Republik noch nicht erlebt hat.

Es geht damit in Göttingen um "Arsen und Spitzenhäubchen" in der deutschen Provinz. Aber abgesehen von der üblichen Suche nach den Beweisen und Beweggründen wirft der Fall noch eine andere Frage auf: Wie konnte es sein, dass es seit zwei Jahrzehnten immer wieder Verdächtigungen gegen Lydia L. gab, ja sogar Anzeigen und Ermittlungsverfahren, ohne dass die Polizei sie aus dem Verkehr ziehen konnte? Stattdessen reihte sie, wenn man den Fahndern glauben darf, Opfer an Opfer - jeder Fall schon eine Geschichte für sich. Und alle Geschichten zusammen die unglaubliche Geschichte eines Lebens jenseits von Moral und Gewissen.

Montag, der 27. August 2007: Es ist der Tag, an dem das alles endet, auf der Polizeiwache in Bodenfelde. Ein Raum, 15 Quadratmeter groß, an den Wänden speckige Raufaser, ein Kalender, noch von 2005, und in der Mitte Jürgen U., der Dorfpolizist, der einzige Beamte hier. Siggi S. kommt an diesem Morgen pünktlich; er ist bestellt, für zehn Uhr, er soll eine Aussage machen, als Zeuge, für Lydia L.

So was kommt schon mal vor, denn Lydia L. zankt sich ständig mit den Nachbarn. Die sind angeblich zu laut, oder sie sollen über die Grundstücksgrenze gebaut haben, und weil es eine Hecke gibt, gibt es natürlich auch Streit um die Hecke. Aber am heftigsten streitet sich Lydia L. mit ihrem Sohn Carsten. Sie will das Sorgerecht für dessen Tochter, ihre Lieblingsenkelin, sie kämpft darum schon seit Jahren, mit allen Mitteln, durch alle Instanzen.

Dort hatte Lydia L. sogar behauptet, der zeitweise drogensüchtige Carsten habe vor Jahren seine Freundin umgebracht. Und deshalb muss die Polizei nun ermitteln, auch wenn wahrscheinlich doch nichts dabei herauskommt; "völliger Quatsch", sagt der Sohn.

So gesehen ist die Aussage von Siggi S. also nichts Besonderes; eines aber ist an diesem Morgen anders: Früher musste der Polizist nach so einer Vorladung erst mal zehn Minuten lüften, so selten wusch sich der Siggi. Diesmal kommt er ordentlich geföhnt herein, und die Haare sind nicht das Einzige, was er in seinem Leben nun wieder ins Reine bringen will. "Wenn ich hier fertig bin, klicken die Handschellen", sagt er unvermittelt.

Stundenlang erzählt er, an diesem Tag, in den nächsten Wochen, immer wieder, immer mehr, so eifrig wie ein Schüler, der sich eine Eins für eine gute Nacherzählung verdienen will. Es ist sein Schlussstrich unter eine Beziehung zu Lydia L., eine Beziehung, die nie in die Nähe eines Bettes geriet, aber für ihn wohl trotzdem alles bedeutete: eine Art Familienanschluss, etwas, das er schon in seiner Kindheit verloren hatte, als Heimkind, als Schwererziehbarer.

"Ich bin das schwarze Schaf meiner Familie", sagte Siggi S. in einer der Vernehmungen. Die Mutter war bei der Geburt schon 44, nach vier Kindern war das fünfte nicht mehr eingeplant. Er fliegt von der Volksschule, weil er ständig schwänzt, kommt auf die Sonderschule, aber "da war es noch bekloppter". Als er zwölf ist, hat endlich jede Schule genug von ihm, und auch die Familie: Er muss ins Heim, wechselt von einem ins nächste, schlägt sich später als Hilfsarbeiter durch.

1987 strandet er schließlich in einem Mehrfamilienhaus in Uslar, neun Kilometer von Bodenfelde entfernt. Und in einer der anderen Wohnungen lebt eine Frau, die er bis zu jenem 27. August 2007 nicht mehr verlassen wird: Lydia L.

Auch sie hat zu diesem Zeitpunkt schon reichlich Erfahrung im Verlassen und Verlassenwerden. Kriegsflüchtling aus dem oberschlesischen Orzesche, 1961 die erste Hochzeit, 1964 die erste Scheidung, 1971 der nächste Ehemann, Hermann S. Einige Jahre arbeitet sie als Altenpflegerin im nordrhein-westfälischen Scherfede.



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