AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2008

Unternehmenskultur "Eine Sache des Wollens"

Frauen sind selten im Top-Management. Microsoft Deutschland zeigt, wie man Gleichberechtigung systematisch organisiert.

Von Michaela Schießl


Ein wenig nervös war Isabel Vogel durchaus, als sie bei Microsoft in Unterschleißheim zum Vorstellungsgespräch erschien. Du hast nichts zu verlieren, sprach sie sich selbst Mut zu. Schon eingeladen zu werden, ist ein Sieg, sagte sie sich, denn sie wusste: Bei den meisten anderen Firmen hätte ihre Bewerbung trotz brillanter Zeugnisse keine Chance gehabt. Ihr Makel: Isabel Vogel, 41, ist Mutter dreier Kleinkinder.

Die Zwillinge waren damals gerade mal zwei, das dritte Kind dreieinhalb Jahre alt. Trotzdem wollte die Marketingassistentin 30 Stunden pro Woche arbeiten. Ein Unding, fanden Bekannte. "Kein Problem", fand der Mann von Microsoft. "Ich vertraue Ihnen, das schaffen Sie", sagte er und stellte sie ein.

Zwei Jahre ist das nun her, und Isabel Vogel hat es geschafft. Mehr noch: Aus ihrer Teilzeitstelle im Marketing ist ein Fulltime-Job geworden. Keinen Tag fiel sie aus - auch dank des familienfreundlichen Umfelds, das die Firma bietet. Jungen Kolleginnen dient sie seither als strahlendes Vorbild - und ihrem Arbeitgeber als Beweis, dass seine Personalstrategie aufgeht. Die lautet: Frauen, an die Arbeit! "Wenn es uns jetzt nicht gelingt, Frauen zu gewinnen, stehen wir spätestens in fünf Jahren vor massiven Problemen", beschreibt der deutsche Microsoft-Geschäftsführer Achim Berg die Herausforderung des Bevölkerungsschwundes.

Weitaus wichtiger jedoch als der Fachkräftemangel sind die überraschenden Erkenntnisse mehrerer Studien vom vergangenen Jahr. Deren übereinstimmendes Ergebnis lautet: Firmen, in denen Mitarbeiterinnen führende Positionen einnehmen, erwirtschaften mehr Gewinn.

Drei Frauen im Vorstand steigern die Erträge

Die US-Frauenorganisation Catalyst untersuchte die 500 größten Aktiengesellschaften Amerikas und kam zum gleichen Schluss wie die vergleichsweise unverdächtige Unternehmensberatung McKinsey: Gemischte Führungsgremien sind sowohl ökonomisch als auch von der Unternehmenskultur her signifikant erfolgreicher. Die Firmen mit den meisten Frauen im Vorstand erzielten im Vergleich zu solchen ohne Frauen eine bis zu 53 Prozent höhere Eigenkapitalrendite.

Wo sich mindestens drei Frauen im Vorstand finden, steigen die Erträge nachweislich. Drei allerdings müssen es sein, um die dominierende Kultur in einer Gruppe zu beeinflussen. Die klassische Einzelkämpferin, so viel steht fest, kann nichts verändern. Entweder sie passt sich dem männlichen Verhaltenskodex an - oder sie scheitert.

"Vielfalt ist extrem wichtig, sagt Microsoft-Mann Berg, "Vielfalt schafft Qualität." Anfang 2007 wechselte der ehemalige T-Com-Vorstand in die deutsche Geschäftsführung von Microsoft - und fand bereits drei Direktorinnen vor. Zwei weitere hat er selbst berufen, nun sitzen 5 Frauen im 13-köpfigen Leitungsgremium - eine Ausnahme in der deutschen Wirtschaft.

"Jedes Mal, wenn ich das anderen Managern erzähle, wird eine halbe Stunde lang über nichts anderes mehr gesprochen", amüsiert sich Berg. Verrät der 43-Jährige dann noch, dass alle fünf Top-Managerinnen erziehende Mütter sind, bringt er damit so manches Weltbild ins Wanken.

Denn nur eine einzige Frau arbeitet derzeit im Vorstand eines Dax-Unternehmens, Bettina von Oesterreich vom Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate. Ansonsten: Nadelstreifen, wohin man schaut.

Enorme Entlohnungslücke

In den Top 50 börsennotierten Unternehmen Europas halten Frauen nur elf Prozent aller Sitze in den Führungsgremien, so EU-Statistiker von Eurostat. Deutsche Aufsichtsräte sind gerade mal zu zehn Prozent weiblich besetzt - und auch das nur dank der Arbeitnehmerseite.

Obendrein existiert eine enorme Entlohnungslücke. Pro Arbeitsstunde erhalten Frauen hierzulande durchschnittlich 22 Prozent weniger Geld. So ist die Lage, sechs Jahre nachdem die Bundesregierung mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft vereinbarte, die Chancengleichheit zu fördern.

Mittlerweile ist zwar klar, dass man die Frauen braucht. Doch sie zu gewinnen, wird immer schwieriger. "Das familiäre Umfeld ist für Frauen das Killerkriterium. Wenn das nicht stimmt, kriegen wir sie nicht", sagt Microsoft-Personalchefin Brigitte Hirl-Höfer, die im Kampf um die besten Talente alles unternimmt, um das gewünschte Ambiente zu schaffen: Microsoft organisiert Kita-Plätze und finanziert sie mit, betreibt eine Eltern- und Babysitterbörse und zahlt die Vermittlungsgebühr für alle möglichen Familienservices, von der Kinder- bis zur Elternbetreuung.

Aus der Babypause zurückkehrenden Müttern werden Joblösungen maßgeschneidert. Mit dem Ergebnis, dass die meisten nur sechs bis zwölf Monate zu Hause bleiben. Alle nur denkbaren Teilzeitmodelle sind zudem im Angebot, Jobsharing und sogar virtuelle Teams, die per Internet kooperieren.

Wer von zu Hause aus arbeiten möchte, bekommt ohnehin die technische Ausrüstung gestellt. Während ihrer Elternzeit bleiben Mitarbeiter in allen Verteilern und so im Bilde.

Doch alle diese Maßnahmen funktionieren nur unter einer Voraussetzung, erklärt Hirl-Höfer: "Die Kultur der flexiblen Arbeitszeiten muss stark akzeptiert sein."



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