AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2008

Bundeswehr Eilig in Deckung

Die Marine ist im Krieg. Allerdings mit sich selbst. Rammstöße und Selbstbeschuss sorgen für Schrott bei den eigenen Schiffen.

Von Alexander Szandar


Die Luft war klar, die Sicht war gut, da gab der Kommandant des Schnellboots "Frettchen" den Befehl für ein schneidiges Manöver. In voller Fahrt ließ er am Heck einer Fregatte vorbeikreuzen. Gejohle an Bord, dann der Ausruf: "Pass auf!"

Zu spät. Leider hatte die Besatzung ein weiteres Boot der Deutschen Marine übersehen und rauschte hinein. Die Reparatur kostet Millionen. Der Kommandant wurde abgelöst.

Das Video von dem Unfall, der sich Ende April vor der libanesischen Küste ereignete, macht gerade Karriere bei YouTube ("German Navy Boats crashing"). Mehr als 42 000 Betrachter haben sich bereits ein paar Sekunden Schadenfreude gegönnt.

Inzwischen könnte die Deutsche Marine eine kleine Serie mit ihren Missgeschicken bestreiten. Langsam stellt sich die Frage, was eigentlich mit den deutschen Seelords los ist. "Völlig blaue Jungs?", höhnte schon die Rostocker "Ostsee-Zeitung", die sonst freundlich mit der Marine umgeht.

Betrunken oder nicht, für die Seestreitkräfte sind die vielen Unfälle enorm peinlich - und teuer. "Leider hatten wir einige Havarien, die in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregten", klagt Vizeadmiral Wolfgang Nolting, der Marineinspekteur.

Der letzte größere Unfall ereignete sich am 13. Dezember und wird von den Seestreitkräften gern beschwiegen. Diesmal traf es ausgerechnet ein neues Renommierschiff, die Korvette "Braunschweig", 89 Meter lang und gut 13 Meter breit. Bei einem Ausweichmanöver knallte sie mit dem Heck in die steinerne Böschung des Nord-Ostsee-Kanals. Ein Antriebspropeller war Schrott.

Damit ging ein miserables Jahr der Deutschen Marine zu Ende. Angefangen hatte es im Februar, als der Minensucher "Grömitz" vor der norwegischen Küste auf einen Felsen lief. Ein "Navigationsfehler" im Schneetreiben war die Ursache dafür, dass das Boot in der Nähe der Stadt Bergen mehrere Tage auf dem Trockenen lag: "Grömitz on the Rocks" lautete dazu der Soldatenspott.

Kaum war der nächste Ärger über den Rammstoß vom "Frettchen" im Mittelmeer Ende April verebbt, krachte es im Ärmelkanal: Am 2. Mai verpasste sich die Fregatte "Lübeck" einen Schuss in den Bug. Ein 76-Millimeter-Geschoss donnerte neben dem Ankerspill ins Vorschiff, als Soldaten eine Ladehemmung der Bordkanone beseitigen wollten.

Schon im August wummerte es abermals - nun an der Kieler Förde. Beim Einbau eines "Leichtgeschützes" auf dem Minenjäger "Bad Rappenau" fegten unversehens fünf 27-Millimeter-Geschosse aus der Kanone. Mitarbeiter des Kieler Marinearsenals suchten eilig Deckung.

Niemand wurde verletzt. Doch stellt sich die Frage, ob die Seestreitkräfte, des langen Friedens überdrüssig, nach einem Gegner gesucht und endlich einen gefunden haben: sich selbst.

Es gelte, das "Verantwortungsbewusstsein wach zu halten", ermahnte Vizeadmiral Nolting seine Offiziere, auch die "Sicherheitsausbildung", erklärte der Marinechef mit besorgtem Blick auf die Schießunfälle, müsse man "ständig verbessern".

Immerhin bescherte die "Braunschweig"-Havarie den Teilnehmern von Hafenrundfahrten in Hamburg ein seltenes Spektakel. In den Docks von Blohm+Voss lagen nach den Weihnachtsfeiertagen gleich zwei Korvetten: Werftarbeiter schraubten einen intakten Antriebspropeller der "Oldenburg" ab - und montierten ihn flink an die lädierte "Braunschweig".

Die Marine hatte es eilig mit der Reparatur. Sie möchte das neue Schiff, das formal noch der Werft gehört, endlich offiziell in Betrieb nehmen, möglichst bis März.

Längst ist die "Braunschweig"-Klasse in Verzug. Ursprünglich wollte Verteidigungsminister Franz Josef Jung das erste von fünf Schiffen 2006 in Dienst stellen. Wegen diverser Mängel hatte Marineinspekteur Nolting die Feier mehrmals vertagt.

Mal ging eine Antriebswelle der "Braunschweig" kaputt, mal zickte die Elektronik. Durchs Unterdeck waberte Abgasmief der beiden 10 000 PS starken Dieselmotoren und erregte Übelkeit bei der Besatzung. So manövrierfähig wie von den Werften versprochen, ist das rund 300 Millionen Euro teure Schiff auch nicht.

Ein Bugstrahlruder, mit dem sich ein Schiff quer zur Fahrtrichtung verschieben lässt, gehört bei Kreuzfahrtdampfern und Frachtern zur Standardausrüstung. Es hätte der "Braunschweig" die Havarie im Kanal wahrscheinlich erspart. Aus Kostengründen hatte das Wehrressort allerdings darauf verzichtet.

Nun soll das Bugstrahlruder nachgerüstet werden, allerdings zu Lasten der Werft. Dafür akzeptiert die Marineführung, dass die Korvetten die vorgesehene Spitzengeschwindigkeit von gut 26 Knoten (48 km/h) nicht erreichen.

Auch eine andere Konsequenz hat die Marine aus der Malaise gezogen. Sie begrub die Pläne, insgesamt 15 Exemplare dieses Baumusters zu beschaffen. Anstelle der "Braunschweig"-Klasse verlangt Vizeadmiral Nolting nun "Korvetten eines neuen Typs".

Vielleicht wäre ihm auch mit Seeleuten eines neuen Typs geholfen.



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